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Die Frau von dreißig Jahren
Language: de5,371 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: DE Prosa·Novels·French Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #26261.
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Der Roman „Die Frau von dreißig Jahren“ ist ein realistisches Werk von Honoré de Balzac, das im Kontext seiner „Menschlichen Komödie“ steht. Der Einstieg führt den Leser in das Paris des Jahres 1813, an einem sonnigen Apriltag, wo ein Vater mit seiner jungen Tochter Julie durch die belebte Rue de Rivoli zur Tuilerie geht. Balzac schildert detailreich die Szenerie – die Kutsche, das grüne Ripskleid, die neugierigen Blicke der Passanten – und verknüpft sie mit historischen Hinweisen auf Napoleons bevorstehenden Feldzug. Die Erzählung beginnt damit, dass die beiden Figuren in der Menschenmenge einer kaiserlichen Parade fast den Zugang zum Palast verpasst, was sofort Spannung und ein Bild der gesellschaftlichen Atmosphäre erzeugt.
Balzacs Sprache ist präzise und doch von einer reichen, fast poetischen Bildhaftigkeit geprägt, die das Alltägliche mit einer feinen psychologischen Analyse verbindet. Der Stil spiegelt das frühe 19. Jahrhundert wider, in dem realistische Beobachtungen mit romantischen Elementen verschmelzen. Leser, die an detaillierten Sozialporträts, historisch eingefärbten Settings und einer tiefen Charakterzeichnung – besonders von Frauen – Gefallen finden, werden an Balzacs scharfsinnigem Blick auf die menschlichen Leidenschaften und gesellschaftlichen Zwänge Gefallen. Wer das Paris der Restauration und die feinen Nuancen der damaligen Moral erforschen möchte, wird in diesem Roman eine lohnende Lektüre entdecken.
The opening · free to read
»Wenn man die trocknen, widerlichen Register liest, welche die Geschichte genannt werden, so bemerkt man, daß die Schriftsteller aller Länder und Zeiten vergessen haben, uns die Geschichte der Sitten zu liefern. Diese Lücke will ich, soweit es in meinen Kräften steht, ausfüllen. Ich will das Inventar der Leidenschaften, Tugenden und Laster der Gesellschaft aufstellen, durch das Zusammendrängen der gleichartigen Charaktere Typen geben und mit Mühe und eiserner Ausdauer über das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts das Buch schreiben, das uns Rom, Athen, Tyrus, Memphis, Persien und Indien leider nicht hinterlassen haben.« Mit diesen Worten leitet er den großen Romanzyklus ein, dem er den Gesamttitel »Menschliche Komödie« gab. Als Sittenschilderer und Kulturhistoriker der genannten Zeitepoche mußte er natürlich zu einem pessimistischen und ausgeprägt materialistischen Ergebnis kommen. Wir sehen daher in seinen Werken fast durchweg den Hunger nach Reichtum als die treibende Kraft wirken. Die Losung der modernen Welt ist nicht die Liebe, sondern das Gold. Der Glaube an den Mammon, die Zuversicht auf die Macht der Millionen sind der einzige Idealismus der Balzacschen Helden, und ohne Zweifel hat der Dichter selbst diesem Glaubensbekenntnis gehuldigt, so furchtbar und unerbittlich auch dieser Durst nach Gold sich uns in seinen Werken darstellt.
Seinen Ausgang nahm Balzac jedoch von der Romantik, und selbst das vorliegende Werk, das neben die modernsten Seelenschilderungen gestellt werden kann, steht mit einem Fuß auf dem Boden der Romantik. Die phantastische Liebe des Engländers zu der Heldin hat allen Duft des »blauen Blümleins« an sich, so realistisch nachher auch das Ende ist. Das mysteriöse Erscheinen des politischen Mörders und Seeräubers im vorletzten Teil ist Romantik reinsten Wassers, und das Kapitel auf dem Korsarenschiff selbst erinnert sogar an Eugen Sue oder an Dumas. Dennoch kann man gerade dem fast übersinnlichen Lord Grenville, der jahrelang einer idealen Liebe treu bleibt, die Lebenswahrheit nicht absprechen. Dieser sonderbare Schwärmer ist mit bewundernswerter Konsequenz gezeichnet, und trotz allen romantischen Anhauchs eine überaus interessante Gestalt. Der Gegenstand seiner Liebe, die Heldin des Romans, ist eine köstliche Probe für Balzacs Seelenmalerei und vor allem für Balzacs Art, Frauen zu schildern. Er unterscheidet sich in dieser Art, zarte, reine Frauen zu zeichnen, höchst vorteilhaft von einer großen Zahl französischer Schriftsteller, die das Weib als Ausbund von Sinnlichkeit, Leichtsinn und Unbeständigkeit darzustellen pflegen. Mit dieser >Frau von dreißig Jahren< entdeckte er gewissermaßen den Frauentypus für alle seine Romane und eroberte sich damit gleichzeitig die dauernde Gunst der weiblichen Lesewelt; auch dem deutschen Leser wird er durch seine Auffassung der weiblichen Seele zum sympathischsten der französischen Sittenschilderer der neueren Literatur.
Honoré de Balzac wurde am 20. Mai 1799 in Tours geboren, erhielt seine Erziehung auf dem Gymnasium zu Vendôme und in Paris, wurde dann Schreiber bei einem Notar und versuchte schon ziemlich früh, sich ganz auf eigene Füße zu stellen. Von Geburt zum Adel gehörend, fehlten ihm doch die Mittel dieser Gesellschaftsklasse, und er sah sich zu harter Arbeit gezwungen. Zuerst machte er sich allerlei kaufmännische Unternehmungen, buchhändlerische Pläne, Spekulationen in Bergwerken und Bodenkultur, viele große Ideen, auf die er stolz war und die sich doch nicht durchführen ließen -- das war das Programm der ersten Zeit, das mit einem großen Fiasko endigte und ihn zu einem ständigen Klienten des Gerichtsvollziehers machte. Dann legte er sich auf die Schriftstellerei, doch zuerst auch ohne Erfolg. Mit dem Erscheinen des »Chouan« im Jahre 1829 wurde er ein berühmter Mann, und von nun an schrieb er mit großem Fleiß und wachsendem Glück (einmal dreißig Bände in drei Jahren). Während seines arbeitsreichen Lebens verfaßte er neunzig Romane und Novellen, die zusammen 120 Bände bilden. Aber zu Reichtum brachte er es dennoch wohl nicht; denn obwohl er viel Geld durch seine Werke verdiente, gab er auch mit ebensolcher Leichtigkeit Riesensummen aus, der Luxus war ihm zum Leben unentbehrlich. Seltsamerweise hatte er dabei die Angewohnheit, sich während der Arbeit in ein härenes Gewand zu kleiden, das durch einen Strick um den Leib zusammengehalten wurde. Im Leben war er Freund des Aufwandes und der Genüsse, in der Arbeit tat er den Mantel der Aszese an. Das war bei ihm nicht so ganz äußerlich, wie es auf den ersten Blick erscheint; denn in seinen Werken ist er über allen Tand der Welt erhaben und kritisiert scharf und vernichtend alle Leerheit des Lebens, alle Albernheiten des Menschengeschlechts, alle Nichtigkeit der Gesellschaft. Die größte Zeit seines Lebens brachte er in Paris zu -- seine Gattin, eine Frau von Hanska und geborene Gräfin Eveline Rzewuska holte er sich aus Rußland -- doch schon im Jahre seiner Verheiratung (1850) starb er. Als seine Hauptwerke gelten: »Physiologie der Ehe«, »Der Chouan«, »Der Chagrin«, »Die Frau von dreißig Jahren«, »Die Lilie im Tal«, »Die Erforschung des Absoluten«, »Cäsar Birotteau«, »Eugenie Grandet«, »Vater Goriot«, »Ein Junggesellenheim« und sein letzter Roman »Die armen Verwandten«. Sein Theaterstück »Mercadet« erscheint noch heute hin und wieder auf der Bühne. +W. H.+
1. Kapitel.
Erste Fehler.
Es war in den ersten Tagen des Monats April 1813, da verhieß der Morgen eines Sonntags einen jener schönen Tage, an denen der Pariser zum erstenmal im Jahre keinen Schmutz auf dem Pflaster und keine Wolken am Himmel sieht. Kurz vor der Mittagsstunde lenkte eine stattliche, mit zwei flinken Pferden bespannte Kalesche aus der Rue Castiglione in die Rue de Rivoli ein und reihte sich dann, Halt machend, an mehrere Equipagen an, die sich an dem vor kurzem erst geöffneten Gitter mitten auf der Terrasse des Feuillants aufgestellt hatten.
Dieses vornehme Gefährt wurde von einem anscheinend sorgenvollen, ja kränklichen Herrn gelenkt. Sein gelblicher Schädel wies nur noch wenig schon ergrautes Haar auf, was ihn vor der Zeit alt erscheinen ließ. Dem Reitknecht, der hinter dem Wagen hergeritten war, warf er die Zügel zu, dann stieg er ab, um einem jungen Mädchen, dessen Anmut und Schönheit sogleich den auf der Terrasse umherschlendernden Müßiggängern auffiel, beim Aussteigen zu helfen.
Die kleine Person ließ sich gern um die Taille fassen, als sie auf den Rand des Wagens getreten war, und schlang die Arme um den Hals ihres Führers, der sie auf die Treppe niedersetzte und dabei nicht einmal den Besatz ihres grünen Ripskleides zerdrückte. Ein Liebhaber hätte sich nicht so sehr in acht genommen. Der Unbekannte mußte der Vater dieses Kindes sein, das, ohne sich bei ihm zu bedanken, seinen Arm nahm und ihn stürmisch in den Garten hineinzog.
Der alte Vater bemerkte die bewundernden Blicke einiger jungen Leute, und der Ausdruck von Trauer, der auf seinem Gesicht lag, verschwand auf einen Augenblick. Er hat schon lange das Alter erreicht, an dem die Männer auf die trügerischen Genüsse verzichten müssen, die die Eitelkeit gewährt, aber er lächelte noch.
»Die Leute halten dich für meine Frau,« flüsterte er der jungen Person ins Ohr, richtete sich stolz auf und schritt mit einer Langsamkeit einher, die sie zur Verzweiflung brachte.
Er schien sich viel auf seine Tochter einzubilden, und er freute sich wahrscheinlich weit mehr als sie an den Seitenblicken, die die Neugierigen auf die kleinen Füße in Schuhen von flohbraunem Prünell, auf die in dem ausgeschnittenen Kleide vorteilhaft hervortretende, köstliche Taille und auf den frischen, von einer gestickten Krause nicht ganz bedeckten Nacken warfen. Beim Gehen flog auf einen Augenblick das Kleid des jungen Mädchens ein wenig auf und ließ über den Stiefelchen ein von durchbrochenem Seidenstrumpf fein umschlossenes Bein sehen.
Mancher Spaziergänger überholte daher auch das Paar, um das jugendliche Gesicht zu bewundern und noch einmal anzuschauen. Lange Locken braunen Haars umgaben es. Die Hautfarbe mit ihrem Weiß und Rosa erglühte nicht nur unter dem Abglanz rosafarbnen Satins, mit dem ein eleganter Hut abgefüttert war, sondern auch von dem ungeduldigen Verlangen, das in allen Zügen dieser niedlichen Person zitterte. Süßer Mutwille belebte die schönen, schwarzen Augen, die mandelförmig geschnitten, von schön gebogenen Brauen überwölbt, von langen Wimpern besetzt waren und sanft, feucht und rein in die Welt schauten. Leben und Jugend schütteten ihre Schätze auf diesem mutwilligen Gesicht aus und auf einer Büste, die anmutig blieb, obwohl man damals den Gürtel unmittelbar unter dem Busen trug.
Ohne auf die Huldigungen zu achten, betrachtete das junge Mädchen in banger Erwartung das Schloß der Tuilerien, das ohne Zweifel das Ziel war, auf das sie so ungestüm zuschritt. Es war dreiviertel zwölf. So morgendlich die Stunde auch war, so kamen doch mehrere Frauen, die sich alle in Toilette hatten zeigen wollen, vom Schlosse zurück, nicht ohne sich verdrießlich umzusehen, als bedauerten sie es, zu spät gekommen zu sein und dadurch ein erwünschtes Schauspiel versäumt zu haben. In ihrer Mißlaune ließen diese enttäuschten Schönen sich wohl auch einige Worte entschlüpfen, die die hübsche Unbekannte flüchtig erhaschte, was ihre Unruhe seltsam steigerte. Der Greis achtete mehr mit neugierigem, als spöttischem Blick auf die Zeichen der Ungeduld und Furcht, die sich auf dem reizenden Gesicht seiner Gefährtin abspielten -- er tat dies mit so großer Besorgtheit, daß man wohl annehmen durfte, er hätte noch einen gewissen väterlichen Hintergedanken dabei.
Dieser Sonntag war der 13. April des Jahres 1813. Am übernächsten Tage brach Napoleon zu dem unglücklichen Feldzug auf, währenddessen er nacheinander Bessières und Duroc verlieren, die denkwürdigen Schlachten bei Lützen und Bautzen gewinnen, sich von Österreich, Sachsen, Bayern, ja von Bernadotte verraten sehen und in der furchtbaren Schlacht bei Leipzig um die Entscheidung kämpfen sollte. Die großartige, vom Kaiser befehligte Parade sollte das letzte der militärischen Schaustücke sein, die so lange Zeit die Bewunderung der Pariser und Ausländer erregt hatten. Die alte Garde sollte ein letztes Mal die geschickten Manöver vorführen, deren Pomp und Schneidigkeit bisweilen selbst diesen Riesen in Erstaunen setzten, der sich nun zu seinem Zweikampf mit Europa rüstete.
Ein gewisses Gefühl der Trauer führte eine glänzende, neugierige Menschenmenge zu den Tuilerien hinaus. Jeder schien in die Zukunft zu schauen und hatte vielleicht das Vorgefühl, daß man auf die Phantasie angewiesen sein würde, wenn man dieses Bild in seiner Pracht noch einmal vor Augen haben wollte -- daß bald die Zeiten kommen würden, wo -- wie es heute schon der Fall ist -- diese Heldentage Frankreichs fast der Fabel anzugehören scheinen.
»Laß uns doch schneller gehen, Vater,« sagte das junge Mädchen mit schalkhafter Miene und zog den Greis mit sich fort. »Ich höre schon den Tambour.«
»Das sind die Truppen -- sie ziehen in die Tuilerien ein,« antwortete er.
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