Storieta
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Guten Abend Jörg, lachte es an sein eines Ohr, als er apollenähnlich, kraftschenklig durch raketenhaft erleuchteten Spiegelraum mit seitlichen Flüster- und Zeugungsecken schritt, nun das gertenschlanke Mädchen eng an den Neger gedrückt sah. Komm Jörg, schau zu, wie Du gemacht wirst, roch es betrunken, wie nun Schwarz und Weiß in kleines diwangeschmücktes Gemach torkelten, und das Weib sich seufzend an den muskelharten Lenden des Mohrenathleten rieb, so ein Mysterium abkeuchte. Auch die Porzellanteller, die Zinnkrüge waren sehr schön.

Siehst Du, Jörg, das ist es. Schwarz traf ins Weiß. Darum ist auch Dein andres Ohr schwarz. Das weiße ist dumm wie der Acker Europa, hört nichts. Das schwarze hingegen hört alles: Vergangnes und Zukünftiges, bis sich der Kreis schließt. Es hört so genau, daß es weiß. Und vernimms: es gibt keine Gerade, was grad deucht, ist Stück vom Kreis. Darum ewiges Symbol die Schlange, deren Kopf den Schwanz beißt, so sich frißt. Aber laß die Filosofie, Jörg, die ist nur ein Käsezuber. Im besten Fall. Denn sonst fehlt auch der Käse.

Als sie akterschöpft halb schläfrig lag, hüpfte der Nigger hinaus, tanzte im elektrischen Lichtgewog vor bezechten Ministern, griechischen und tschechischen Dirnen wilden Tanz, daß alle im Halbkreis ineinanderverbogen den Urwald brüllen hörten. Staunen goß über Fallobus herab: der Neger, der hier nackt trampelte, daß ihm Schweiß bächefloß. Das war Parföm für die schnuppernden Nasen der geilen Huren. Und sie griffen sich selbst. Denn die Minister hatten ihre Klemmer verloren. Fallobus wuchtete Beine durch Luft, trat klitschend aufs Parkett, ließ Muskel, Geschlecht zucken, war und verhieß: Stärke, Zeugung, Koloß, Kraft zur höchsten Potenz. Und wieder brüllte Urwald.

Drinnen lag die Begattete und schlief fast glücklich.

Urwaldtanz und Urwaldsang umwob die ersten werdenden Zellen Jörgs. Auch blökte der Kriegsminister wie ein Schaf. Ein Schampanjerglas klirrte und löste seine Scherben in Wohlgefallen über einen fraulichen Unterleib aus, der entblößt herrlich gurrte. Damit nur nichts passiert, schrie der Kriegsminister. Dann lassen sie halt ihre Kanone los.

Auf einen Flaschenrund leuchteten imaginäre Haare zwischen Fleisch herab Warum grüßen denn nur die Pferde so devot? Und man hörte einen Bach rieseln.

Der Nigger grinste bleckend Zähne.

Nun schaute Jörg zu, wie er in Finsternis Zelle an Zelle setzte: So ward. Überbald im siebenten Monat zerbrach sie das gläserne Gefäß und die Bäurin stieß Frau mit Keim hinaus. Nun kam durch die Nacht der rotschlitzige Sklavenaufseher und striemte mutterndes Weib, bis sich ihr Blut mit dem Salz ihrer Tränen vermischte. So ward endlich der Maure gerührt und barg über die Blasse den Mantel. Immerhin freute der Heide sich bald über die dreizehn Füchse, die sich gülden in seiner Hand drehten, als der Portugiese doldige Frau wegschleppte.

Dann saß er dabei und hauchte der Mutter wärmend auf die Scham, als er auf einer andalusischen Barke im Hafen Lissabons zur Welt sich schrie. Drei Matrosen, wütend, weil aus heißem Kartenspiel gerissen, stießen herbei, sahen kreischendes Weib, das sich in Blut suhlte. Man griff Jörg, dann die Mutter, die schon Augen geschlossen, steif gekrampft so erkaltete. Schnell warf einer die Tote über die Reeling. Der große Steuermann setzte Jörg die Bulle an, ersoff ihm erstes Geschrei im Branntwein.

Die zwei Andern lachten endlos über die Scheckigkeit der Ohren des Neugebornen: das eine weiß, das andre schwarz.

Dann tobte Straße um ihn. Spielzeug war Kot. Labung Prügel. Steuermanns Haus schnapste Budike. Pflegvater selbst war auf See. Seine ihm unangetraute Frau Hafenhure. Auch Zwischenhändlerin für feine Leute mit seltenen Genüssen. Alles ist bei Coma zu haben, war Parole und Schild. Doch am meisten pflog Coma am eignen Körper edles Handwerk. Litt gern orkane Passion. Sie, gar massiv schnellte sich besonders an massive Männer. Oft sah Jörg zwischen zerschlagnen Fenstern wundersame Vorgänge, die Wärme überprickelten. Einmal frug wissenwollender Knabe qualles Weib: warum liegen immer die fremden Männer in Deiner Stube? und fühlte schon den Schlag, der sein Gesicht benetzte. Da frug er nicht mehr. Spielte weiter mit Kot und den andren stinkenden Kindern der Gosse, sah einmal, und sah einmal betroffen auf, als elegantes Gig von vornehmer sehr schlanker Dame gezügelt, knapp vor mittagsöder Budike hielt, energisch den Rappen bremste, vom Sitz mit leichter Lassobewegung sprang, dabei ein kleines Weiß unter flutendem Rock sehen ließ, doch nur für den Schwung eines Moments, schon stand, beschattet durch livreeierten Diener vor dreckbeschmiertem Jörg, dem mauloffnem Jungen mit Gerte gering über Backe fuhr und tönte: Ich brauche einen jungen Athleten. Die Coma handelt doch damit. Führ mich zu ihr! -- Jörg faßte durchaus nicht, schrie aber kreischend: die Königin! die Königin! rannte damit weg. Ziehmutter Coma indes trat vor die Tür, glänzte in Verneigerei, offerierte drinnen ihre Ware: starke Burschen, die sie teils selbst schon erprobt. Drei Goldstücke erlechzte Coma für angepriesnen Mann, auf den die Wahl der Dame fiel. Für ein halbes gab sie noch ihren Jörg darauf. Dann scholl Stimme durch das Gerümpel, scharf: Jörg! -- Halb scheu, halb dummfrech angeschlichen ward Jörg geheißen, der Dame zu folgen. Der starke Mann kommt abends um acht, betonte Coma. Mit der Königin soll ich gehen? stürmte Jörg. Schaf! es ist Rahel, die Tochter des erzreichen Börsianers. Sie bezahlt mir gut für Männer, die etwas treffen, setzte sie noch klein für sich hinzu.

Nun war Zeit umrahmt von Mayonnäs, kandierten Früchten gebackenen Hühnern. Körper entlaust schwoll in guter Wäsche. Spiegel warf Bild eines vornehmen Knaben. Jörg hielt Rahels Haus für Traumland künftigen Paradieses. Wenn nicht gerade schon jetzt Paradies, so doch immerhin Paradiesbett. Wonne wars ihm, täglich gegen Abend zusammen mit Rahel zu baden. Sie spielte mit ihm, doch wußte er noch nicht, was es bedeute. Nur leicht dämmerte ihm erste Geografie: Halbkugel, Gebirg, Bucht, Schlucht, Waldung, See und wieder Bucht mit äquatorialer Wärme. Bei Nacht lag er Wache vor Tür ihres Gemachs, wenn ein Mann über die Schwelle in Schwüle getreten. Rahel liebte Abwechslung. Aber viele rochen nach Fusel. Alle aber waren Hünen. Erste Zeit blieb Jörg in Entwicklung zurück, deshalb wollte ihn Rahel zum Eunuchen bestimmen. Dann aber schoß er hoch. Bekam Muskelansätze. Brannte schon immer mit ihr zu baden. Schon des Morgens genoß er davon im Geiste. Es überkroch ihn etwas wie Wohlgefühl. Rahel leitete langsam über. Und da entsann er sich dunkel, in der Budike Ähnliches belauscht zu haben. Und er lernte gut: war Stier an Wucht, doch geschmeidig, ausdauernd. Da trat Rahel badentstiegen nackt zu Nacktheit sprechend, nochmals den Jüngling Jörg kritisch überprüfend arabeskenhaften Ausspruch: es wäre mir leid, soviel Talent und Kraft zu beschneiden. Nein, Du paßt nicht zum Eunuchen, Du bist Künstler Deines leibbeseligenden, ach, ganz wunderbaren Instruments, das Du wie einen Meißel gebrauchst, sicher, straff, bestimmt. Wenn Du schon kein Bildhauer wirst, so gewiß ein Frauentröster. Du bist Goliath, mein Goliath!

Da trat Jörg ungemein fest auf, daß der Lüster erschrocken von Decke niederbrach. Man hörte aber keinen Zerlärm, denn er, Jörg, schrie wie Urwald.

Auf einer Lustfahrt schwand Lissabon, portugiesische Küste im Hintergrund, böende Winde trieben über Deck, dann waren Elemente heimtückisch ruhig, bis es blies und nächtens die edle Privatbarkasse in Gottergebenheit kenterte, Rahel mit Anhang vergluckste im Gewog, Jörg allein schlug mit Kraft das Wasser, wild, nun beharrlich lange, einen Tag hindurch, den zweiten und spuckte sich abends an Land mit Hafenlärm: Genua.

Fremd umklang ihn Sprache, sein portugiesisch Geschrei blieb unverstanden. Doch Athletengestalt gefiel: ein Mann kurzstirnig, berußt, dang ihn als Baggerer. Mit Genossen im Schlamm von Hafenrinnen stehend, schleimte er genuesische Laute nach, bald. Rammte die Pflöcke, platzte so im Gestemm schier vor Kraft, Entzücken und Wasserzusammenlauf auf zuschauende Schiffsdirnen, auch Kapitänsfrauen abwälzend. Bekanntes profezeihtes Glück längst seliger Rahel stülpte sich um seine Lenden. Die Herzogin Giova sah Jörg von weitem, brach in Sehnsucht aus, ging pralle Mannesmuskelkraft, Geschlecht sich stets erotisch vermengt vor Augen verlangend heim, schickte noch nachts ergebne Sbirren zum Hafenarm, wo sie vormittags den Starken geschaut, ließ Jörg aufgreifen. Noch vor der Gleiche lag er gefesselt zu ihren Füßen im sinnlichen, seltner Gerüche durchdufteten Gemach und beugte Haupt in Erwartung des Todes. Sie faßte jedoch geübt, vor Gier kaum lächeln könnend, riß ihm die Kittel vom Leib. Ward verrückt vom Geruch seines Schweißes, verschnob sich schier, lechzte, trank, biß. In kleinem Zimmer hielt sie ihn tagsüber versteckt. Einmal schmeckten ihm ihr Leib, ihre Lüste nicht mehr, sprang auf, schlug klirrend durchs Fenster, fiel weh aufs Kreuz, schon auf, über Parkmauer im Schwung, landeinwärts lief. Früchte von Bäumen gerissen, ihm Nahrung. Durch Staub, der weißlich durch alle Winde goß, an Klostereien vorbei, Sbirren ausweichend, die scharlachrot bemützt auf Heeresstraßen nach ihm suchten, endlich bei Sonnensunk er laute breitdurchstraßte Stadt betrat. Einer Höklerin warf er ins einfältige Gesicht Frage nach Namen dieses Orts: Milano. -- Gebrechlicher Mann frug plötzlich, kaum neben ihm, mit hartem Italisch. Jörg schlug ein, ging mit Messer Sebaldo, ranzte sich hin, schlief morgenzu, erwacht stand als Holzschnitzer auf. Staunte noch über plötzliches Spaltel in der Hand, das ungefüg Ritzen ins Holz querte. Schaute auf, traf Sebaldos Blick, erinnerte sich, daß er gestern auf Straße wegmüde von jenem Gütigen aufgegriffen, versprochen hatte, Gottesschnitzerei zu lernen. Der Messer war, so kramte er aus Rederei zusammen, nicht Mailänder sondern war aus Deutschland ins Welsche zugewandert. Jörg lernte schnell, zeigte Geschick, ja sogar Gefühl, fing auch etliche deutsche Brocken auf, sang, war zufrieden. Zumal ihm noch junges Weib des Messers Feierabend mit Busen und andrem vergnügte. Nach Jahresablauf sauste unerhoffte Freude über schwächlichen Messer Sebaldo hinweg: seine Frau warf einen kräftigen Knaben ans Licht. Da dem Gesell mütterliches Weib nicht behagte, auch er nicht Ähnlichkeitstheorien in bezug auf Neugebornen für später abwarten wollte, nahm er Abschied, ging seines Wegs, ein Stück Hammelkeule als letzten, gar nicht so sentimentalen Liebesgruß im Felleisen.

Alpenzu er schritt.

Am St. Gotthard warf er seine beschmutzten Füße in das Kloster, sagte, er sei vom Himmel gefallen, früher Abt in Rom gewesen, jetzt hierher gekommen, um klösterliche Küche zu inspizieren. Die Brüder schlugen die Mönchskutten über ihre Scham und freuten sich sehr. Haha, dada, allelujah. Zu beten vergaß man. In großer Küche rastete Jörg. O das schön geputzte Messinggeschirr, die prachtvollen »Weck«gläser! Nahm Kienholz von der Butte beim Herd, griff Rundmesser, schnitzte schnell, sehr schnell ein Kruzifix. Da fielen die Mönche nieder, kredenzten Wein, gelobten ob des Wunders sich nunmehr zu kasteien mit Kastanien, aus ihren Bäuchen, Faßbäuchen leere Schläuche zu machen. Denn ein Abt ist vom Himmel gefallen. Mit einem Topf, gefüllt von Quark. Jörg aß, aß, aß. Blieb. Aß. Doch da ihm die Küchenmägde durch die Dauer der Klosterjahre, noch mehr aber durch die guten Brüder schon zu arg verbraucht, die einzige junge, kürzlich erst aufgenommen, er in einer Nacht gesprengt, daß sie sich in Blut vergaß, machte er sich auf, hielt sich zwanzig Hühner und fünfzig Falernerflaschen in seinen Ranzen, nahm einen bedeutenden Kranz von zweihundert Pasteten um den Hals, ging aus dem Kloster, von den Mönchen Hosianna über Kopf und Rücken nachberufen und von den Mägden schmerzlich bedauert, besser gesagt betrauert.

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