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Briefe eines Soldaten: Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat
Language: de338 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: DE Prosa·Biographies·History - European
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #39276.
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Vorwort.
Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete, in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen, die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?
In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume, seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.
Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten, so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum letzten Male zu betrachten:
»Und sterben sollte nun die Welt Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.«
Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist, die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist. Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche, Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, -- bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des Weltalls.
Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?
Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl, den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!« Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke »auf das Ewige« stets zu richten wußte.
Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois, Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart, sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen ihren Erscheinungen.
»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,« -- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren »Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun, wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind, Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten, deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge offenbart.
Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten, in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle wieder fließt?
Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes sich hier ausspricht?
Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt, über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet. Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer, dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen, in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.
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