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[_Wilhelm und Marie._] Die Revolution war vollendet und die Decrete der Convention allenthalben mit Unterwerfung aufgenommen worden. London, seit fünfzig ereignißvollen Jahren treu der Sache der bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, erklärte zuerst den neuen Herrschern seine Ergebenheit. Nachdem der erste Wappenherold unter den Fenstern von Whitehall den neuen Herrscher ausgerufen, ritt er mit feierlichem Gepränge den Strand entlang bis Temple Bar. Ihm folgten die Scepterträger der beiden Häuser, die beiden Sprecher Halifax und Powle und ein langer Zug von Equipagen mit Cavalieren und Gentlemen. Die Magistratsbeamten der City hielten ihre Thore geöffnet und schlossen sich der Prozession an. Vier Regimenter Miliz bildeten durch Ludgate Hill, um die St. Paulskirche herum und Cheapside entlang Spalier. Die Straßen, die Fenster und selbst die Dächer waren mit Zuschauern gefüllt. Alle Glocken von der Westminsterabtei bis zum Tower ließen ihr fröhliches Geläute ertönen. Vor der Börse wurde die Proclamation unter dem Jubel der versammelten Bürger bei Trompetenschall zum zweiten Male verlesen.

Am Abend war jedes Fenster von Whitechapel bis Picadilly erleuchtet. Die Prunkgemächer des Palastes waren geöffnet und mit einer glänzenden Versammlung von Höflingen gefüllt, welche gekommen waren, dem Könige und der Königin die Hand zu küssen. Es waren die Whigs, die sich, von Glück und Siegesfreude strahlend, hier versammelt hatten. Einigen unter ihnen konnte man es wohl verzeihen, wenn sich ein Gefühl befriedigter Rache in ihre Freude mischte. Die am schwersten Gekränkte aber von Allen, welche die schlimmen Zeiten überlebt hatten, fehlte. Lady Russel war, während ihre Freunde sich in den Gallerien von Whitehall drängten, zu Haus geblieben, um an Den zu denken, der, wenn er noch gelebt hätte, bei der Feier dieses hochwichtigen Tages eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben würde. Ihre Tochter jedoch, welche einige Monate zuvor die Gemahlin des Lord Cavendish geworden, ließ sich durch dessen Mutter, die Gräfin von Devonshire, dem Königspaare vorstellen. Es existirt noch ein Brief, in welchem die junge Dame den Jubel der Bevölkerung, den Lichterglanz in den Straßen, das Gedränge in dem Empfangszimmer, die Schönheit Mariens und den Ausdruck, der die strengen Züge Wilhelm's veredelte und milderte, mit großer Lebendigkeit schildert. Die interessanteste Stelle darin ist die, wo die Verwaiste die wehmüthige Freude gesteht, mit der sie die verspätete Bestrafung des Mörders ihres Vaters mit ansah.[1]

[Anmerkung 1: Brief von Lady Cavendish an Sylvia. Lady Cavendish hatte, wie die meisten jungen Damen jener Generation, beständig die Romane der Scudery im Kopfe. Sie selbst ist Dorinda, ihre Correspondentin, in der man ihre Cousine Johanna Allington vermuthete, ist Sylvia; Wilhelm ist Armanzor und Maria ist Phenixana. +London Gazette, Febr. 14. 1688/89; Narcissus Luttrell's Diary+. Luttrell's Tagebuch, das ich sehr oft citiren werde, befindet sich in der Bibliothek des Allerseelen-Collegiums, dessen Vorsteher ich zu großem Danke verpflichtet bin für die Bereitwilligkeit, mit der er mir die Benutzung dieses werthvollen Manuscripts gestattete.]

[_Festlichkeiten durch ganz England._] Dem Beispiele London's folgten auch die Provinzialstädte. Drei Wochen lang waren die Spalten der Journale mit Berichten über die Festlichkeiten gefüllt, durch die sich die öffentliche Freude kund gab: Cavalcaden von Gentlemen und Freisassen, Prozessionen von Sheriffs und Bailiffs im scharlachnen Amtskleide, Umzüge eifriger Protestanten mit orangefarbenen Fahnen und Bändern, Geschützsalven, Freudenfeuer, Illuminationen, Musikfeste, Bälle, Gastmähler, Rinnen und Röhren in denen Ale und Claret flossen.[2]

[Anmerkung 2: Siehe die +London Gazette+ vom Februar und März 1688/89. und N. Luttrell's Tagebuch.]

[_Festlichkeiten in Holland._] Noch herzlicher war die Freude unter den Holländern, als sie erfuhren, daß der erste Beamte ihrer Republik auf einen Thron erhoben worden. Wilhelm hatte am Tage seines Regierungsantritts an die Generalstaaten geschrieben, daß die Veränderung in seiner Stellung die Liebe zu seinem Vaterlande nicht geschmälert und daß seine neue Würde ihn hoffentlich in den Stand setzen werde, seine älteren Pflichten wirksamer zu erfüllen als je. Die olicharchische Partei, welche den Lehren Calvin's und dem Hause Oranien stets feindlich gesinnt gewesen, murmelte zwar leise, Sr. Majestät müsse das Statthalteramt niederlegen. Aber all' dieses Gemurmel wurde von dem Zujauchzen eines Volks übertäubt, das stolz war auf das Genie und das Glück seines großen Landsmannes. Es ward ein Tag zu Dankesbezeigungen bestimmt, und in allen Städten der sieben Provinzen äußerte sich die allgemeine Freude in Festlichkeiten, deren Kosten hauptsächlich durch freiwillige Gaben bestritten wurden. Alle Klassen nahmen Theil daran; der ärmste Tagelöhner konnte sich betheiligen, indem er einen Triumphbogen errichten half oder Reisig zu einem Freudenfeuer trug. Selbst die ruinirten Hugenotten konnten durch ihre Geschicklichkeit und ihre Erfindungsgabe mitwirken. Eine Kunst, die sie mit sich in die Verbannung genommen, war die Feuerwerkerei, und so erleuchteten sie jetzt zu Ehren des siegreichen Vorkämpfers ihres Glaubens die Kanäle von Amsterdam durch prachtvolle Feuerwerke.[3]

Dem flüchtigen Beobachter konnte es scheinen, als hätte Wilhelm damals einer der beneidenswerthesten Menschen sein müssen; in der That aber war er einer der sorgenvollsten und unglücklichsten. Er wußte wohl, daß die Schwierigkeiten seiner Aufgabe erst begannen. Schon war die so glänzend angebrochene Morgenröthe seines Glücks umwölkt und viele Anzeichen verkündeten einen dunklen, stürmischen Tag.

[Anmerkung 3: Wagenaar, 61. Er führt die Protokolle der Generalstaaten vom 2. März 1689 an. +London Gazette, April 11. 1689+; +Monthly Mercury, April 1689+.]

[_Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee._] Man machte die Bemerkung, daß zwei wichtige Stände wenig oder keinen Theil an den Festlichkeiten nähmen, durch welche in ganz England die Einsetzung der neuen Regierung gefeiert wurde. Nur sehr selten sah man einen Priester oder einen Soldaten unter den Leuten, die sich um die Marktsäulen versammelten, wo der König und die Königin ausgerufen wurden. Der Berufsstolz der Geistlichkeit und des Heeres war tief verletzt worden. Die Lehre vom Nichtwiderstande war den anglikanischen Geistlichen theuer gewesen; sie war ihr unterscheidendes Kennzeichen, sie war ihr Lieblingsthema. Wenn wir nach dem auf uns gekommenen Theile ihrer öffentlichen Vorträge urtheilen dürfen, so hatten sie über die Pflicht des passiven Gehorsams mindestens eben so oft und eifrig gepredigt, wie über die Dreieinigkeit und die Sühne.[4] Ihre Anhänglichkeit an ihren politischen Glauben war zwar hart geprüft und auf eine kurze Zeit erschüttert worden; aber mit Jakob's Tyrannei waren auch die bittern Gefühle verschwunden, welche diese Tyrannei in ihnen geweckt hatte. Der Pfarrer eines Kirchspiels war natürlich nicht geneigt, sich einer Sache anzuschließen, die ein thatsächlicher Triumph über die Grundsätze war, die seine Gemeinde ihn an jedem Jahrestage des Märtyrertodes[5] und der Restauration hatte verkündigen hören.

Auch die Soldaten waren mißvergnügt. Sie haßten zwar den Papismus und hatten den verbannten König nicht geliebt; aber sie fühlten nur zu wohl, daß sie in dem kurzen Feldzuge, der das Schicksal ihres Vaterlandes entschieden, eine ruhmlose Rolle gespielt hatten. Vierzig schöne Regimenter, eine reguläre Armee, wie noch nie zuvor eine unter dem Banner England's gefochten, hatten sich über Hals und Kopf vor einem Eindringling zurückgezogen und sich ihm dann ohne Schwertstreich unterworfen. Diese große Streitmacht war bei der jüngsten Veränderung von gar keinem Einflusse gewesen; sie hatte eben so wenig etwas gethan, Wilhelm abzuwehren, als ihn ins Land zu bringen. Die Bauern, welche mit Heugabeln bewaffnet und auf Karrengäulen reitend, im Gefolge Lovelace's oder Delamere's umhergezogen waren, hatten einen größeren Theil an der Revolution genommen als jene glänzenden Haustruppen, deren Federhüte, geflickte Röcke und curbettirende Schlachtrosse die Londoner so oft in Hyde Park bewundert. Die Verstimmung der Armee wurde noch vermehrt durch die Spötteleien der Fremden, welche weder durch Befehle noch durch Strafen völlig unterdrückt werden konnten.[6] An verschiedenen Orten äußerte sich der Unmuth, den man bei einer tapferen und von Ehrgefühl beseelten Gemeinschaft von Männern unter solchen Umständen wohl erwarten darf, in beruhigender Weise. Ein in Cirencester liegendes Bataillon löschte die Freudenfeuer aus, ließ den König Jakob hoch leben und trank auf den Untergang seiner Tochter und seines Neffen. Die Garnison von Plymouth störte die Festlichkeiten in der Grafschaft Cornwall, es kam zu Schlägereien, und ein Mann wurde dabei getödtet.[7]

[Anmerkung 4: »Ich kann mit Bestimmtheit behaupten,« sagt ein Schriftsteller, der in der Westminsterschule erzogen war, »daß auf eine Predigt über die Buße, den Glauben und die Erneuerung des heiligen Geistes, die ich hörte, drei von der andern Art kamen, und es ist schwer zu sagen, ob Jesus Christus oder König Karl I. öfter erwähnt und gepriesen wurde.« -- +Bisset's Modern Fanatick, 1710+.]

[Anmerkung 5: Karl's I. -- D. Übersetzer.]

[Anmerkung 6: +Gazette de Paris+, 26. Jan. (5. Febr.) 1689; +Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89+.]

[Anmerkung 7: +Grey's Debates+, Howe's Rede vom 26. Febr. 1688/89; Boscawen's Rede vom 1. März; +Narcissus Luttrell's Diary+, 23--27. Febr.]

[_Reaction der öffentlichen Meinung._] Die Mißstimmung der Geistlichkeit und der Armee konnte auch den Unaufmerksamsten nicht entgehen, denn beide Stände zeichneten sich von den übrigen Klassen durch in die Augen fallende Eigenthümlichkeiten in der Kleidung aus. »Die Schwarzröcke und die Rothröcke,« sagte ein heftiger Whig im Hause der Gemeinen, »sind der Fluch der Nation.«[8] Die Unzufriedenheit beschränkte sich jedoch nicht auf die Schwarzröcke und Rothröcke. Die Begeisterung, mit welcher Leute aller Stände Wilhelm zu Weihnachten in London bewillkommnet, hatte noch vor Ende Februar bedeutend nachgelassen. Der neue König selbst hatte, in dem Augenblicke als sein Ruhm und sein Glück den höchsten Punkt erreicht, die kommende Reaction vorhergesagt. Diese Reaction hätte allerdings auch ein minder scharfsichtiger Beobachter der menschlichen Dinge voraussehen können, denn sie muß hauptsächlich einem Gesetz zugeschrieben werden, das eben so feststeht wie die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten und den Wechsel der Passatwinde regeln. Es liegt in der Natur des Menschen, gegenwärtige Übel zu hoch, und gegenwärtiges Gute zu niedrig anzuschlagen, sich nach dem was er nicht hat zu sehnen, und mit dem was er hat unzufrieden zu sein. Dieser Hang, wie er sich bei dem Individuum zeigt, ist oft von lachenden und von weinenden Philosophen besprochen worden. Er war ein Lieblingsthema Horaz' und Pascal's, Voltaire's und Johnson's. Seinem Einflusse auf das Schicksal großer Gemeinschaften können die meisten Revolutionen und Gegenrevolutionen, von denen die Geschichte erzählt, zugeschrieben werden. Hundert Generationen sind seit der ersten großen nationalen Emancipation, von welcher Nachricht auf uns gekommen ist, vorübergegangen. In dem ältesten der Bücher lesen wir, daß ein Volk, unter einem grausamen Joche in den Staub gebeugt, von strengen Zuchtmeistern zur Arbeit gepeitscht, ohne nur Stroh zu einem Lager zu erhalten, und doch gezwungen die tägliche Anzahl Bausteine zu liefern, des Lebens müde ward und einen zum Himmel schreienden Jammerruf ertönen ließ. Die Sklaven wurden wunderbar befreit, und im Augenblicke ihrer Befreiung stimmten sie eine Dankes- und Siegeshymne an; doch schon nach wenig Stunden begannen sie ihre Sklaverei zurückzuwünschen und gegen den Anführer zu murren, der sie von dem leckeren Tische des Hauses der Knechtschaft hinweggelockt in die öde Wüste, die sie noch von dem Lande trennte, wo Milch und Honig fließen sollten. Seitdem ist die Geschichte jedes großen Befreiers eine Wiederholung der Geschichte Moses gewesen. Auf Freudenbezeigungen wie die am Ufer des rothen Meeres ist jederzeit, bis auf den heutigen Tag, sehr bald ein Murren wie das an den Wassern der Zwietracht gefolgt.[9] Die gerechteste und heilsamste Revolution muß viele Leiden hervorbringen. Die gerechteste und heilsamste Revolution kann nicht all' das Gute schaffen, das Leute von mangelhafter Bildung und sanguinischem Temperament von ihr erwarteten. Selbst der Weiseste vermag nicht, so lange sie noch neu ist, die Übel, die sie hervorgerufen, gegen die Übel, die sie beseitigt, mit vollkommener Genauigkeit abzuwägen. Denn die Übel, die sie hervorgerufen, werden gefühlt, die Übel aber, die sie beseitigt, werden nicht mehr gefühlt.

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