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Die Gebete der Demut
Language: de261 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: DE Lyrik·Poetry·French Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #40231.

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The opening · free to read
Hernieder, steige hernieder in die Einfalt, die Gott will! Ich habe den Wespen zugesehen, die im Sand ihr Nest gebaut. Tu so wie sie, gebrechlich krankes Herz: sei still, Schaffe dein Tagwerk, das Gott deinen Händen anvertraut. Ich war voll Hoffart, die mein Leben falsch gemacht. Anders als alle andern meinte ich zu sein: Jetzt weiß ich, o mein Gott, daß nie ich anderes vollbracht Als jene Worte niederschreiben, die die Menschen sich erfanden, Seitdem zuerst im Paradies Adam und Eva aufgestanden Unter den Früchten, die im Lichte unermeßlich blühten. Und anders bin ich nicht als wie der ärmste Stein. Sieh hin, das Gras steht ruhig, und der Apfelbaum senkt schwer Bebürdet sich zur Erde, zitternd und in liebendem Verlangen -- O nimm von meiner Seele, da so vieles Leiden über mich ergangen, Die falsche Schöpferhoffart, die noch immer in ihr liegt. Nichts weiß ich ja. Nichts bin ich. Und nichts will ich mehr Als bloß zuweilen sehen, wie ein Nest im Wind sich wiegt Auf einer rötlichen Pappel oder einen Bettler über helle Straßen hinken, Mühselig, an den Füßen Risse, die im Staube blutig blinken. Mein Gott, nimm von mir diese Hoffart, die mein Leben giftig macht. Gib, daß ich jenen Widdern ähnlich sei auf ihrer Weide, Die immer gleich, aus Herbstes Schwermut, demutsvoll gebückt, Zur Frühlingsfeier wandeln, die mit Grün den Anger schmückt, Gib, daß im Schreiben meine Hoffart sich bescheide: Daß endlich, endlich ich bekenne, daß mein Herz den Widerhall Nur tönt der ganzen Welt, und daß mein sanfter Vater mir Geduldig nur die Kinderregeln beigebracht. Der Ruhm ist eitel, Herr, und Geist und Schaffen leerer Schall -- Du einzig hast sie ganz und gibst sie an die Menschen fort, Die aber schwatzen immer bloß dasselbe Wort Gleich einem Bienenschwarme, der durch sommerdunkle Zweige zieht. Gib, daß, wenn heute früh ich mich vom Pult erhebe, Ich jenen gleiche, die an diesem schönen Sonntag zu dir gehn Und in der armen weißen Kirche, vor dich hingekniet, Demütig lauter ihre Einfalt und Unwissenheit gestehn.
GEBET, MIT DEN ESELN INS HIMMELREICH EINZUGEHN
Wenn einst zu dir, mein Gott, der Ruf zu gehn mich heißt, Dann gib, daß feiertäglich rings das Land im Sommerstaube gleißt. Ich will nur so, wie ich getan hinieden, Einen Weg mir wählen und für mich in Frieden Ins Himmelreich hinwandeln, wo am hellen Tag die Sterne stehn. Ich greife meinen Stock und auf der großen Straße will ich fürbaß gehn Und zu den Eseln, meinen Freunden, sprech ich dies: »Hier, das ist Francis Jammes: der geht ins Paradies, Ins Land des lieben Gottes, wo es keine Hölle gibt, Kommt mit mir, sanfte Freunde, die ihr so die Himmelsbläue liebt, Arme geliebte Tiere, die mit einem kurzen Schlagen Des Ohrs die Fliegen und die Prügel und die Bienen von sich jagen.«
Dann will inmitten dieser Tiere ich mich vor dir zeigen, Die ich so liebe, weil den Kopf so sänftiglich sie neigen Und ihre kleinen Füße aneinanderstemmen, wenn sie stille stehn, Recht voller Sanftmut, daß es rührend ist, sie anzusehn. So tret ich vor dich hin in dieser tausend Ohren Zug, Gefolgt von solchen, denen einst der Korb um ihre Lenden schlug, Und denen, die im Joch der Gauklerkarren gingen, Und vor geputzten Wagen, die voll Flittergold und Federn hingen, Und solchen, über deren Leib verbeulte Kannen schwankten, Und trächtigen Eselinnen schwer wie Schläuche, die zerbrochnen Schrittes wankten, Und denen, über deren Bein man kleine Hosen streift, Die Fliegen abzuwehren, deren Schwarm vom Blute trunken sie umschweift Und ihrem Leib die blauen, sickernd offnen Male läßt --
Laß mich, mein Gott, mit diesen Eseln zu dir schreiten, Gib, daß einträchtiglich die Engel uns geleiten Zu den umbuschten Bächen, wo im Winde zitternd Kirschen hangen, So glatt und hell wie Haut auf jungen Mädchenwangen, Und gib, daß ich in jenem Seelenreiche, Zu deinen Wassern hingebeugt, den Eseln gleiche, Die alle sanfte, arme Demut ihres Gangs auf Erden Im lautern Quell der ewigen Liebe spiegeln werden.
GEBET, UM GOTT EINFÄLTIGE WORTE ANZUBIETEN
Gleich jenem Bilderschnitzer, den ich heute Morgen sah, besorgt und still Im klaren Lichte sich auf seine Arbeit bücken, Heilige schnitzend für die Kanzel seines Dorfes: also will In meine Seele ich die frommen Bilder drücken. Er rief zu seiner armen Schnitzbank mich heran, Sein hölzern Werk zu sehn, und lange stand ich so davor Und sah den Löwenkopf zu Füßen von Sankt Markus und den Aar Zu Füßen von Johannes und Sankt Lukas in den Händen Ein offnes Buch, darin die heiligen Regeln ständen. Des Bildners Linke hatte übern Meißel sich gestreckt, Die Rechte, aufgehoben, hielt noch zaudernd einen Hammer ausgestreckt. Draußen auf Schieferdächern tanzte Mittagsluft in blauen Lichtern, Von welkenden Basilien stieg ein frommer Weihrauchduft empor Zu all den plumpen Heiligen mit den eckigen Gesichtern.
Mein Gott, so schöne heilige Arbeit haben meine Hände nicht bestellt. Du wolltest nicht, o Gott, daß ich zu dieser Welt In armer Stube käme, nah dem Fenster, wo zur Nacht Die Kerze tanzend vor den grünen Scheiben wacht. Und wo vom frühen Morgen an die hellen Hobel gehn. Mein Gott, wie gerne hätt' ich meine Heiligenbilder dir gebracht. Und all die zarten Kinder, die am Heimweg von der Schule sie gesehn, Ständen vor meinen weisen Königen entzückt, Die Gold und Weihrauch spendeten und Elfenbein. Und neben den drei Königen aus Morgenland Schnitt ich ins Holz so wie aus Weihrauch eine Wolke ein, Und hätte rings mein Bild mit Lilienkelchen ausgeschmückt, Demütig schön wie Trinkgefäße, die ich in der Armen Stuben fand.
Mein Gott, da immer noch mein Herz sich quält und fragt, Ob es in rechter Demut sich dir nahe, Nimm diese schlicht einfältigen Worte von mir an Statt eines Kanzelstuhls, darin die reine Magd Von früh bis spät Fürsprach mir hätt' getan.
Mein Gott, erhalte seinen Eltern dieses zarte Kind, Wie du wohl auch ein Kraut erhältst im bösen Wind. Was macht es dir denn aus -- da doch die Mutter weint und fleht --, Wenn es sogleich noch nicht zu dir hinübergeht Als wie nach einem Spruch, der nicht zu ändern war? Schenkst du ihm jetzt das Leben, wird es nächstes Jahr Dir Rosen streun am sonnigen Fronleichnamstag! Doch bist du ja allgütig. Und du bist es nicht, Der Todesbläue ausgießt auf ein rosiges Gesicht, Es wäre denn, du wolltest Heimatlosen eine Wohnstatt geben, Wo bei den Müttern immerfort die Söhne leben. Doch warum hier? Ach, da die Stunde schlägt, Gedenke, Herr, vor diesem Kind, das sich zum Sterben legt, Daß um die Mutter immer dir zu weilen ward gegeben.
MEIN NIEDRER FREUND . . .
Mein niedrer Freund, mein treuer Hund, nun littest du den Tod, Vor dem du oft so wie vor einer bösen Wespe dich versteckt, Die dich bis untern Tisch, wo du dich bargst, bedroht. Dein Kopf, in dieser kurzen Trauerstunde, hat sich zu mir aufgereckt.
Alltäglicher Gefährte, Wesen benedeiter Art, Du, den der Hunger stillt, sobald dein Herr ihn teilt, Der mit Tobias und mit Raphael hinausgeeilt, Da sie zusammen sich aufmachten auf die Pilgerfahrt.
Getreuer Knecht: du sollst mir hohes Beispiel sein. Du, der an mir so wie an seinem Gott ein Heiliger hing. All deine dunkle Klugheit, die wir nie begriffen, ging Lebendig nun in einen fröhlich unschuldsvollen Himmel ein.
Soll mir dereinst, mein Gott, die Gnade werden, Dich anzuschaun von Angesicht zu Angesicht am jüngsten Tag, Gib, daß ein armer Hund ins Angesicht dem schauen mag, Der immer schon sein Gott ihm war auf Erden.
Die Häuser, spitzgegiebelt, scheinen sich zu neigen, Als wollten sie fallen. Masten vieler Schiffe, die dem Grau des Himmels sich vermischen, Lehnen vornüber wie Gestrüpp von dürren Zweigen Inmitten von grünem Laub, von Rot und rostigem Braun, Von Kohlen, Widderfellen und gesalznen Fischen.
Robinson Crusoe hat einst durch Amsterdam den Weg genommen (So glaub ich wenigstens), da er von seiner grünen Schattigen Insel, wo die frischen Kokosnüsse blühten, heimgekommen. Wie schlug das Herz ihm, da er plötzlich vor sich nah Die mächtigen Türen mit den schweren Bronzeklöppeln sah! . . .
Schaute er voll Neugier in die Halbgeschosse, wo in Reihen Die Schreiber sitzen, in ihr Rechnungsbuch versenkt? Kam ihn die Sehnsucht an, zu weinen, da er an den Papageien Dachte, den er so liebte, und den schweren Sonnenschirm, Der auf der traurigen und gnadenreichen Insel oft ihm Schutz geschenkt?
Ach, deine Wege, Herr, so rief er aus, sind wunderbar! Da all die Kisten mit den Tulpenmustern auf den Gassen Sich vor ihm stauten. Doch sein Herz vom Glück der Wiederkehr beschwert, Dachte der Ziege, die im Weinberg seiner Insel er allein zurückgelassen, Und die vielleicht nun schon gestorben war.
Dies alles fiel mir ein vor den ungeheuren Frachten im Hafen, Und ich sah im Geist die alten Juden, die an schwere Eisenwagen Mit knochigen Fingern rühren, über denen grüne Ringe glänzen. O sieh! Amsterdam will unter weißen Wimpern von Schnee entschlafen In den Geruch von Nebel und von bitterer Kohle eingeschlagen.
Die gewölbten weißen Buden, wo zur Nacht die Lampe glimmt, Und aus denen man den Ruf und das Pfeifen der schweren Frauen vernimmt, Hingen gestern im Abend wie Früchte, wie große Kürbisschalen. Man sah Plakate blau und rot und grün im Licht aufstrahlen. Von gezuckertem Bier ein scharf prickelnder Duft Lag mir auf der Zunge und war mir ins Gesicht gestiegen.
Und in den Judenvierteln, die rings voller Abfälle liegen, Stand der Geruch von kalten rohen Fischen. Auf dem klitschigen Pflaster lagen Orangenschalen umhergezerrt.
Ein aufgedunsener Kopf hielt weite Augen aufgesperrt. Ein Arm, der Reden hielt, schwang Zwiebeln in der Luft.
Rebekka, du verkauftest an den schmalen Tischen Schwitzendes Zuckerzeug, armselig hergerichtet . . .
Der Himmel strömte wie ein unsichtbares Meer Wolken von Wellen in die starrenden Kanäle. Stille lag auf der Handelsstadt und stieg, ein unsichtbarer Rauch, Feierlich von den starken hohen Dächern her Und Indien trat beim Anblick dieser Häuserreihn vor meine Seele.
Oh, und ich träumte, daß ich so ein Handelsherr einst war, Von denen, die aus Amsterdam in jenen Tagen Gen China segelten und vor ihrem Gehn Die Hut des Hauses einem treuen Diener aufgetragen. Ganz so wie Robinson hätt ich vor dem Notar Die Vollmachtschrift umständlich mit der Unterschrift versehn.
Meine strenge Rechtlichkeit hätt' meinen Reichtum aufgebaut. Mein Handel hätte geblüht so wie im Mondenschein Ein Lichtstrahl, der am Schnabel meines runden Schiffes säße. Die großen Herren von Bombay gingen bei mir aus und ein Und hätten mit heißem Blick auf mein kräftig schönes Weib geschaut.
Ein Mohr mit goldnen Ringen, vom Mogul entsandt, Käme zu handeln, lächelnd unter seinem Sonnenschirm! Bei seinen wilden Geschichten hätte meiner schlanken Ältesten Herz gebebt, Und zum Abschied hätte er ihr ein Gewand Geschenkt, rubinenfarben, von Sklavenhänden gewebt.
Die Bilder meiner Lieben hätt' ich dann nachher Bei einem armen geschickten Maler bestellt: Mein Weib, mit hellen rosigen Wangen, schön und schwer, Die Söhne, deren starke Jugend alle Welt Entzückte und der Töchter Anmut, mannigfalt und rein.
Und also wär' ich heute, statt ich selbst zu sein, Ein andrer und auf meinen Reisen im Vorübergehn Hätt ich mir wohl das altehrwürdige Haus besehn, Und meine Seele hätte träumend gebebt Vor den schlichten Worten: Hier hat Francis Jammes gelebt.
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