Storieta
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So sprach Lucius gelinde mit Amaryllis, der sehr jungen Kurtisane mit den Goldaugen und dem goldenen Haar; und ihr Barkschiff gleitet dazu auf dem blauen Kanal hin, und die Seerosen rauschen.

Von den schlafenden Bäumen wacht unbewegt das Spiegelbild auf der Oberfläche des tiefen Wassers. Das Ufer wartet prunkend auf mit seinen wollüstigen Landhäusern, seinen Pomeranzenhainen und seiner großen Stille. Zwischen dem grünen Gezweig leuchtet zuweilen der gelb gewordene Marmor einer Gottfigur auf, und das unveränderliche Verhalten dieser manchen Götter scheint wie eine Geringschätzung der veränderlichen, schillernden Reden der leichtblütigen Orientalin und ihres skeptischen Freunds. Weit, weit und in der Wärme blaßrosenfarben verfließend ist es nur die Linie der Berge, der Hort der Einsiedlerischen und der wilden Tiere, die ein wenig diesen Himmelstraum verstört. Und nun ist man schon dem Gestade sehr nah, an dem die Stadt wollüstig hingelagert ist, von den Lippen der Wellen und der Winde geschmeichelt, die Stadt, die die Arme über das Meer ausstreckt und das ganze All herbeizurufen scheint, herbei ans Duft ausströmende und fieberhaft durchwühlte Bett, der Agonie einer Welt zu Hilfe und zu der Geburt neuer Jahrhunderte.

Mit einer müden, überdrüßigen Grazie ruht sich Amaryllis auf weißen Seidenpolstern aus. Der schwere Mantel aus Blattsilber -- als ob er verwundend eindränge auf den nachgebenden Mädchenleib. Die runden blaugeäderten Arme liegen wie eine Krone um das Gesicht der Jungfrau, das die Jünglinge auspeitscht. Und so geht das leise Lied ihrer Stimme:

»Lach immer, Lucius, lach zu. Wenn ein Sterblicher meine Langeweile zerstreuen kann, bist du's, von dem ich's hoffe. Du hast geliebt, Lucius, man erzählt, daß du geweint hast vor Betten, die dich verschmähten oder die zu kalt waren. Heut, überdrüssig, lachst du über die Frau. Begreif' doch, daß mich dies ewige Geseufze der Männer zur Verzweiflung bringt. Ich bin jung und schön und langweile mich, ja, Lucius. Die Zärtlichkeiten dieses Atys, die Mysterien der Isis und wie groß Serapis sei, befriedigen meine Sehnsüchte nicht; was will mir Aphrodite? Ich bin es, die die Liebe erregt; ich weiß um ihre Leiden, und daß sie einen tot machen, denn Liebesgirren wird zur Gewohnheit. Ich bin eine Syrierin, die Tochter einer Freigelassenen, die eine Seherin war; du bist ein Römer, fast ein Hellene, du weißt dich lustig zu machen, Lucius, aber trösten wär ein Süßeres, Köstlicheres.«

Der Römer lehnte an einem Schaft des purpurnen und schwarzen Baldachins und spielte mit den Goldquasten seiner gelbseidenen Tunika. Die Eleganz seiner Bewegungen erzählte, daß er ein Lebemann war, gewöhnt, es zu sein, und müde, es zu sein. Er meidet gern die ernsten Worte, die bald geschmacklos klingen.

»Du, Amaryllis. Laß mich, bitte, ein wenig erstaunt sein, daß so ein kleines Herz soviel leiden mag, und was sich hinter so einer schmalen Stirn Merkwürdiges aufhält. Du hast junge reiche Liebhaber, hast Philosophen, ja, hast sogar Affen, die dich allzusamm' aufheitern können. Und da sehnst du Götter herbei und Dinge, die nicht einmal Namen haben!«

Die bläuliche Seide ihres Obergewandes ließ den jungen Weibleib, in Brokat starrend, durchscheinen. Die schlanken Finger spielten mit der gelblichen Kristallkapsel, darin ihre Mutter dereinst Beschwörungsgebete verschloß. Nichts war hörbar als das Wasser unter der Barke; und von Zeit zu Zeit schoß ein Fisch auf, daß sein Leib ein silberner Blitz war. Aber das zermarterte Herz des Kindes war traurig.

»In welches Theater, zu welcher Wundertäterin oder in was für einen Tempel geht unsere Amaryllis heute? Ich möchte sie doch gerne führen, wohin sie es treibt, ehe ich selber ins Serapeum gehe.«

»Du bist von der Athene eingeladen?« fragte die Junge und erhob sich, und ihre Stimme klang aufgeweckter. »Athene! Sie weiß die Dinge, so sagt man, und die Götter beschützen sie. Einmal, mitten unter Blumen und jungen verliebten Leuten war ich, da hab' ich sie gesehen, auf einem Turme vom Serapeum, sie war verzückt und ganz in Weiß. Meine Freunde jauchzten ihr zu, aber ich war gar nicht eifersüchtig, weil sie doch eine keusche Gottheit ist. Und dann kamen von jenen Menschen dazu, die ein Kreuz anbeten und alle Gewißheit besitzen, und pfiffen sie aus. Über ihr erblaßte der Mond, hoch über aller Roheit. Aber jene andern wurden in Licht von der aufgehenden Sonne getaucht, wie in Blut, in Siegerblut, und ich muß denken, das sei eine Vorbedeutung. Sag, wie macht die sich denn die Seelen dienstbar? Ist sie schöner als ich, sag'? Vielleicht könnte sie mich heilen.«

»Immerfort träumst du doch, Amaryllis. Deine Träume verderben dir die Freude am Leben. Lächle lieber, du meine liebe Lydierin, und zu deinem Munde werden die einen kommen und an deinem Kuß zerbrechen, die andern kommen und ihre letzten Täuschungen loswerden. Raub' du die Stunde aus, die gegenwärtig ist, leb' an den Liebesbränden der Jüngsten und an den Freundschaftsfeuern derer, die wollustmüde geworden sind -- und laß die Jungfrau vom Serapeum sich von Vergangenem nähren!«

Und er beugte sich und hielt die Hand der Amaryllis in seinen Händen. Aber Amaryllis fing an zu weinen:

»Bei unseren Lüsten, die dir noch gegenwärtig sind, bei deiner Liebe, die du zu meinen kleinen Grübchen empfandest, bei dem Haß, mit dem du die Christen hassest, die mich nicht mögen, bei meinem Weinen, das mich wieder häßlich machen wird, Lucius -- Lucius, bring mich zu der Athene!«

Der junge Mann hielt sie mit seinen Armen auf und kniete vor ihr:

»Du bist dazu ausersehen,« sagte er, »daß du einen gesunden und schönen Leib trägst. Wer möchte den öffnen und die Gedanken in ihn einlassen, die doch alles entstellen!«

Indes, da sie nicht aufhörte zu jammern, und der froheste Tag durch Tränen einer Frau zu einem betrüblichen werden mag:

»Nun, gut, Amaryllis. Lächle und gib mir die Hand, daß wir zur Athene gehen und daß ich dich weise, wie eine junge Schülerin.«

Da hob das Kind den Kopf auf. Es erstrahlte das feine Gesicht, und ganz schnell richteten die Hände im Haar. Die Ruderstangen hielten an, und die Barke stieß leicht ans Ufer, wo eine Menge Volks promenierte.

»Ins Serapeum!« sagte sie groß.

In einer Sänfte und im Schatten der Säulengänge kamen sie langsam vorwärts, unter den Parfüms all der möglichen Stämme dieses durch allerlei seltsamste Prostitutionen des Weibes und junger Männer gesteigerten Orients. An einer Straßenecke, plötzlich, stürzte ihnen dann ein Pöbel mit Heulen entgegen, lauter wilde Gestalten und von etwas sehr begeistert. Christen warens, die so daherstürzten und die Juden erschlagen wollten. Die Kurtisane erzittert; duckt ihr feines Gesicht an die Draperien; und unter dem rieselnden Goldhaar will es ein wenig lächeln und sucht die Augen des Lucius. Da schrie einer aus der Flut, die sich daherwälzte, einer, der alles mit seinem Wuchs überragte und der sie alle aufreizte, schrie:

»Das Weib der Gastmähler wird mit Weinen in den Tempel laufen! Der Gott ist gekommen, mit seinem Kuß von den Küssen des Menschen zu erlösen!«

Und dann verschwand das alles, ein paar gekrümmte Straßen hin, Metzeleien entgegen.

Mit der dreifachen Krone seiner zerfallenden Galerien und den hundert halbversunkenen Stufen seiner Treppe unterwarf sich das Serapeum sichtbarlich all den Glanz, all die Unzucht und all die Schwärmerei der Stadt. Auf seinen Mauern, die aus den Fugen gleiten wollten, nisteten wilde Kapernsträuche und blühten. Aber es war -- wie das Grab Hellas. Angefüllt mit den Bildern alten Ruhms und mit einer Bibliothek von mehr als siebenmalhunderttausend Bänden. Diese kostbaren Reliquien dankten ihr Leben dem frommen Eifer einer erhabenen Jungfrau, jener Athene . . . . gleich wie unser Heut-Empfinden, das sich verfolgt sieht, zum elfenbeinernen Turm flüchtet . . . .

Athene waltete über die Satzungen und über die Lehren wie über ein Erbe und war allwöchentlich der Mittelpunkt des Kreises der Hellenen. Und hielt in den Herzen, die aus der Zeit und aus der Heimat verbannt waren, wach, daß Denken eine Würde sei und Erinnerung eine Tat. Und sie wurde sogar geliebt von denen, die sie nicht begreifen konnten.

In dem großen Saal, der mit Mosaik ausgelegt war und strahlte, und der mit soviel Menschendenken und -geist prunkte, erschien Athene wie eine Herrscherin, von Römern, von Griechen und von vielen schweren Greisen umringt, ja auch von einigen Mondänen, die Gefallen fanden bei schönen Diskursen und an mutigen Sprüchen. Und Athenens Augen und Athenens Gesten hatten Harmonie und Frieden.

Lucius folgte ihr, wie Amaryllis, unruhvoll und reizvoll zugleich, eintrat.

»Schön bist du, Amaryllis. Und doch steht es dir an, daß du eine von den Unserigen seiest. Du sollst erfahren, was Griechenland war, was seine Portiken unter dem blauen Himmel und was seine immergrünen Olivenhaine waren, daß alles Götteratem lind bewegte, Heiterkeit die Leiber und die gesunden Seelen badete; und dein schnelles Blut wird leicht den Zusammenklang von Wunsch und Sein hören lernen. Plotinus, dem die Götter ihr Herz eröffneten, pflegte zu sagen: Wo die Liebe ging, da stellt sich der Verstand ein. Amaryllis, du, die in der Kypris Wohnung hatte, nimm deinen Platz unter uns wie eine Schwester, die es verdient, daß wir auf sie hören.«

»Du Athene«, sagte ein Jüngling, »du magst die Liebe willkommen heißen?«

Aber sie hielts nicht der Müh' für wert, auf solch flehentlichen Vorwurf zu hören, und bedeutete lieber, daß sie aufgehört habe zu sprechen.

Stand einer auf, ein Redner; und brachte gar betrübliche Nachricht vor, wie jene Christensekte mit ihrer aufdringlichen Lehre sich ausbreite, sprach von dem Schaden jener weichlichen Religion, und wie die ehrwürdigsten Traditionen dabei zu Fall kommen mußten. Und er beschwor das unheilkündende Bild jener Ebene herauf, darin ein Kaiser und ein Philosoph inmitten einer großen und bestürzten Menge den Tod erlitt. Julianus! deinen Ruhm sang er, du Fahler, Gemeuchelter, du Opfer der neuen Lehre! du warst aus diesem Alexandrien hervorgegangen und trugst das Kleid des Weisen unter dem Purpur des Triumphators und trugst ein letztes Lächeln, wenn alle Männer so wie Weiber klagten -- und was auch zu den Stufen deines Thrones flehte und drohte, dir waren die hohen Worte und die stolzen Gedanken eigen, die nimmer knien und dienen . . . .

Und da schrie alles Beifall zu solcher Glorie jenes gekrönten Bruders. Und als der Alte, an der Größe des Gegenstandes seiner Rede wachsend, in altehrwürdigen und glorreichen Sätzen die grüßte, die angesichts der Barbaren den Tod leiden um den Frieden der Welt, und die noch Edleren, die für die Macht des Geistes und um die Denk- und Grabmale zu kämpfen wissen, da sprangen alle auf, die Frauen wie die Männer, die Jünglinge mit dem siedenden Blut und die mit des Alters Frieren sprangen alle auf und lobpriesen den Redner und den Namen Julianus, und waren ganz eines Mundes darin, daß jetzt der Tag der berühmten Rede des Perikles neu gekommen sei.

Aber der Redner war alt und wußte sich selber keine Grenze. So entstanden gesonderte Unterhaltungen.

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