
Public-domain ebook
Dithyramben
by Yvan Goll
Language: de201 downloads on Project Gutenberg
Subjects
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #46899.

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by Yvan Goll
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The opening · free to read
Für einen Groschen öffnet sich euch das Paradies. Hier ist das einzige Paradies der Welt: Chemnitzerstraße 136. Am Eingang die goldenen Lettern leuchten es laut.
An die Kassa! Die Dame hat echte Brillantringe. Jedem schenkt sie ihr purpurnes Lächeln, dir, verschwitzter Dienstmann, und auch dir, hölzerner Soldat! Jedem will sie blonde Geliebte sein: für einen Groschen!
Die Welt sei euer. Der Portier im roten Frack ist euer Sklave. Kein anderes Gefühl hat der Kaiser, wenn er in sein Schloß tritt.
Hier allein gibt es die glücklichen Menschen. Für einen Groschen, o Brüder, könnt ihr glückliche Menschen sehn.
Da fächeln sich Damen über sonnige Parks hinweg. Straßen, himmlische Spiralen, entheben die Passanten der Erde. Und vor Tribünen fahren in überirdischen Galawagen die Präsidenten ferner Republiken auf.
Ihr Dumpfen, seht: ihr sollt angelisch werden! Hier im Kino seid ihr jenseits der Erde. Gut und Bös des Lebens sind ja nichts als ein Reflex wie Schwarz und Weiß auf dieser Leinwand. Nichts ist! Alles ist!
Ich schenke euch die Schöpfung Gottes: das Paradies, ohne Schlange und Apfel. Fluch dem Skeptischen, der lächelnd an die Leinwand klopft und sagt: Das ist ein weißes Tuch! Fluch diesem Lügner: denn das ist das Leben, das reellste Leben!
Das ist das Leben: wo Urwälder noch und Niagarafälle rauschen. Wo auf heißem Rennplatz ein Jockei sich den Hals bricht. Wo Mörder im Frack zu Engeln werden.
Das ist das Leben: Weinend sitzt ihr bei hungernden Witwen. In unendlichem Mitleid beugt ihr euch über den Bankier, der stehlen mußte, der armselige Mensch!
O Schöpfung Gottes! O paradiesisches Orchester! Die Geigen schluchzen Liebe. Flöten schaukeln wie Libellen über dem Teich des Cellos.
Und ich: seht in mir den letzten Apostel! Seht, wie ich kämpfe und leide und an euch sterbe. Ich muß für einen Groschen meine ganze Seele hergeben.
Ich muß euch den Kosmos herrollen. Ich muß euch alle Leidenschaften aufwühlen. Ich hin der Souffleur Gottes.
Hätte ich einen Groschen, wie selig wär ich! Nur einen Groschen! Kassandra sitzt an der Kassa und wird euch lächeln. Schenkt ihr einen Groschen!
Aus Bakunin stand er auf. Aus zerkrampften Nächten. Aus den notwendigen Examen. Aus Zweifel und Spott. Aus tiefstem Schrei nach Gott.
Seine Augen zwei schwarze Löcher in die graue Maske des Alltags. Auf seinen Lippen schwebte wie ein Falter sein Herz.
Aber an jenem Tage war er überall, der Freund, der Bruder, der Mensch. Aus allen Pensionen trat so ein Student. In allen Versammlungen sprach so ein Fanatiker.
Er schleuderte den brennenden Spitzbart ums Kinn. Er schlug mit der hageren Faust die Schlangen der Zeit nieder.
Und um ihn die blassen Arbeiter der Vereine. Um ihn die stillen Jüdinnen. Um ihn die aufkeimenden Knaben des nächsten Jahrhunderts.
Hoch wuchsen seine goldenen Säulen am Eingang der Städte. Die Julis wälzten sich in den Mohnäckern naher Revolte. Die Menschenengel schwebten aus den Mansarden herab.
Mütter taumelten mit ihren Söhnen hinterher. Auf Denkmälern stand er und zerballte die Zeit. Im Volk war er und schrie nach Gerechtigkeit.
Überall in der Welt war so ein aufgepeitschter Student. Überall öffneten sich die Schleusen des Himmels.
Ihr Mitmenschen! So seid ihr alle gekommen, durch die abendgehöhlten Straßen, durch die Tunnels der Stadt: Ihr Gedrückten, ihr Flüchtigen aus der Zwielichtwohnung, aus haßgefüllter Kaserne und dumpfem Schlafloch! Euch alle, meine Brüder, hat mein weher Ruf durchdrungen! Oh ihr mußtet waten durch das grelle Gold des Boulevards. Ihr wurdet vom gelben Gezisch der Kinos angespieen. Es war so weit, so weit bis auf diesen offenen Abendplatz. Und nun?
Hier steh ich, der ich euch rief. Da steh ich auf hölzerner Estrade und habe nichts in den Händen als den großen Himmel, nichts in den Augen als den Glauben an euch, und nichts zu verschenken als ein Wort, ein einziges, schallendes, tiefes Wort. Erwartetet ihr mehr? Glaubtet ihr mich bereit, euch das Giftmittelchen Haß einzuimpfen? Ein Advokat würde euch mit grandioser Geste an seine Brust drücken? Oder ich sei ein Metzgerjunge, der je nach Bedarf ein Kilo oder ein Viertelpfund Befriedigung an jeden verteilt, ein bißchen Klassenkampf, ein paar Phrasen vom Kapitalismus und von Lohntarifen?
Meine Mitmenschen, wie habt ihr euch geirrt! Ich rief euch alle und habe doch nichts im Munde als ein einziges Wort, das wie eine blutige Sense über meine Lippen streift. Schaut mich nicht so an: Ich bin kein Prophet. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein einsamer, nackter Mensch wie jeder von euch. Stürzt mir nicht zu Füßen! Schluchzet nicht! Jeder von euch könnte dasselbe tun und auf diese Tribüne steigen und könnte die Menschheit befreien helfen. Er brauchte nur wie ich sein aufgeblutetes Herz zeigen und das eine Wort aussprechen.
Das eine Wort, das ihr ja alle wißt! Das Wort, das mehr Geist enthält als die Literatur des gesamten neunzehnten Jahrhunderts, das mehr Revolte ist als alle Appells und Proklamationen eurer bisherigen Führer, ein Wort, das sich um die runde Erde wölbt wie der nächtliche Himmel, dunkel und so voller goldener Möglichkeiten doch. Ein Wort!
Ihr alle kennt es so gut, auch wenn ihr es immerzu verschweigt. Ihr fahrenden Zigeuner, die den bunten Wagen hinter der Schießbude stehen ließet. Du, zynischer Apache. Du Nachtasylenschläfer. Sträfling, dem die Nummer der Zelle noch immer weiß auf schwarz vor den Augen flimmert. Dienstmädchen, das in seiner Schwangerschaft nachher am Kanal ein dichtes Weidengestrüpp aufsuchen wird. Durchgefallener Student, der trotz Mythologie und Philosophie an diesem einen Wort, weil's unausgesprochen blieb, scheitern mußte.
Ich könnte übrigens dies Wort wie ein Zauberer auf dem Markt aus der Tasche ziehen und vorgaukeln lassen. Ich könnte es euch hinwerfen, wie ehedem der Ritter seine goldene Börse unter das Fußvolk. Aber es ist nicht einmal nötig, es auszusprechen. Es gilt nur, davon zu wissen, bewußt zu sein, daß ein jeder es in sich trägt, wie der Chirurg behauptet, daß ihr alle ein Herz in euch tragt.
Schon brodeln eure dumpfen Stimmen. Schon bewegen sich eure schweren Füße. Eure Hände sind gezackt. Ich fühle, ich fühle, ihr habt mich verstanden! Wie könnte es anders sein? Ihr alle seid ja selbst schon einmal an diesem Wort gestorben. Ihr sahet Verwundete beschämt ihre Eingeweide mit den Händen verbergen. Sahet Familienväter sich toll über grünende Jünglinge stürzen. Und den Toten saht ihr ins verglaste Auge, und das Wort stand erstarrt auf ihrem schwarzen Mund.
Ich brauche es euch nicht zu sagen. Ich habe in euer Antlitz gesehen. Ich habe euer Herz geprüft an diesem goldenen Abend. Ich weiß, ihr seid bei mir, wie ich bei euch bin. Ich weiß, schon ist das Wort kein Wort mehr, schon ist es Tat, Sinn und Erleichterung: schon ist es die Menschenliebe selbst!
Ich aber hab euch nicht befreien dürfen! Ich war der Wahre nicht, den ihr brauchtet! Ich hatte Gott bezwungen, aber nicht die Menschen!
Ich hatte Gottes Lächeln bekämpft. Das wallende Gewand vor Abendhorizonten zurückgeschlagen. Mitternachtssonne blühte aus blauen Sternwäldern auf.
Doch warum hab ich nicht die Menschen so bekämpft! Das graue Profil steinerner Avenuen mit heißen Fackeln erleuchtet Dem Arbeiter aus haariger Brust das Herz herausgerissen! Das starre Frackhemd des gecken Tänzers zerrissen!
Warum bin ich nicht in die Dörfer gegangen, wo Bauern wie schwarze Schatten an der Erde kleben. Warum bin ich nicht hingegangen, ihnen zu rufen: -- Es ist draußen Abend! Kommt, wir wollen uns in die Augen sehn!
Warum hab ich die Knaben nicht aus den Waisenhäusern gerettet, zwei zu zwei an der Hand, alle im gleichen runden weißen Kragen, und bin mit ihnen auf den Hügeln gekniet: -- Dort oben sind die Sterne: Küßt euch!
Was bin ich nicht in die Kontore gekommen, wo Knirschen des Telephons, Zorn zugeschlagener Türen mich empfing. Ich hätte die Tippfräuleins auf die Straße geführt und geschrien: -- In den Potsdamer Platz mündet die Milchstraße! Oh, steigt mit mir in diesen Omnibus: Wir fahren zum Himmel!
Ich war der Starke nicht, den ihr brauchtet. Ich flüchtete trotzig in die Einsamkeit Gottes. Ich spielte mit roten Vögeln. Behängte mich mit redenden Steinen. Ich bin's nicht wert, heute euren zerklüfteten Leichnam zu küssen.
Ich bin's nicht wert, heute noch von Liebe zu singen. Ihr hasset mich, weil ich nicht mit euch hasse. Ihr wehrt mich ab wie den steigenden Schatten der Sühne. Ihr Sterbenden, ihr laßt mich nicht in eure Schuld einziehn!
Schwält noch gelber Schnaps in euren Mündern, giert noch Dirnenblut in euren Augen: Hinter euch sind Schmerz und Qual und Not!
Hinter euch zerschlagen liegt das Haus der Nächte. Höllen des Asphalts sind eingestürzt. Alle Winter glitschrig aufgetaut.
Eure Fuselgassen sind gesäubert. Die mystischen Fabriken frieren nackt. Der Schlote steinerne Arme schleifen schlapp.
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