Public-domain ebook
Woyzeck
Language: de2,623 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: Opera·DE Drama·Plays/Films/Dramas
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #5322.
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Der Text ist ein fragmentarisches Drama, das die Figuren des Hauptmanns, des einfachen Soldaten Woyzeck und seiner Umgebung in ein bedrückendes Gespräch über Zeit, Moral und das tägliche Überleben verstrickt. Schon zu Beginn drängt der Hauptmann den jungen Woyzeck, „langsam“ zu gehen, während er über die „ungeheure Zeit“ sinnt, die ihm noch bevorsteht. Das Gespräch springt von philosophischen Reflexionen über die Ewigkeit zu spöttischen Bemerkungen über Geld, Tugend und das Leben der Unterschicht. In kurzen, abgehackten Zeilen wechseln sich ernste, fast schon verzweifelte Monologe mit lauter, fast grotesken Dialogen ab, die das soziale Gefüge von Soldaten, Ärzten und einfachen Bürgern skizzieren, ohne über das eigentliche Geschehen hinauszuspielen.
Der Stil ist typisch für Georg Büchners frühes 19. Jahrhundert‑Drama: eine rohe, fast stakkatoartige Sprache, die zwischen Alltagssprache und philosophischer Verwirrung pendelt. Die Sprache ist von langen, verschachtelten Sätzen und wiederholten rhetorischen Fragen geprägt, was das innere Chaos der Figuren widerspiegelt. Leser*innen, die an psychologischer Dramatik, an kritischen Darstellungen von Militärhierarchien und an der Darstellung von geistiger Belastung in einer historisch geprägten Gesellschaft interessiert sind, werden an diesem Werk Gefallen finden. Es spricht besonders jene an, die sich für die dunklen Seiten menschlicher Existenz und für die literarische Vorgeschichte des modernen Dramas begeistern.
The opening · free to read
[Hauptmann auf dem Stuhl, Woyzeck rasiert ihn.]
HAUPTMANN: Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern! Er macht mir ganz schwindlig. Was soll ich dann mit den 10 Minuten anfangen, die Er heut zu frueh fertig wird? Woyzeck, bedenk Er, Er hat noch seine schoenen dreissig Jahr zu leben, dreissig Jahr! Macht dreihundertsechzig Monate! und Tage! Stunden! Minuten! Was will Er denn mit der ungeheuren Zeit all anfangen? Teil Er sich ein, Woyzeck!
WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN: Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. Beschaeftigung, Woyzeck, Beschaeftigung! Ewig: das ist ewig, das ist ewig - das siehst du ein; nur ist es aber wieder nicht ewig, und das ist ein Augenblick, ja ein Augenblick - Woyzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, dass sich die Welt in einem Tag herumdreht. Was 'n Zeitverschwendung! Wo soll das hinaus? Woyzeck, ich kann kein Muehlrad mehr sehen, oder ich werd melancholisch.
WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN: Woyzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat. - Red er doch was Woyzeck! Was ist heut fuer Wetter?
WOYZECK: Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm: Wind!
HAUPTMANN: Ich spuer's schon. 's ist so was Geschwindes draussen: so ein Wind macht mir den Effekt wie eine Maus. - [Pfiffig:] Ich glaub', wir haben so was aus Sued-Nord?
WOYZECK: Jawohl, Herr Hauptmann.
HAUPTMANN: Ha, ha ha! Sued-Nord! Ha, ha, ha! Oh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm! - [Geruehrt:] Woyzeck, Er ist ein guter Mensch --aber-- [Mit Wuerde:] Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche, wie unser hocherwuerdiger Herr Garnisionsprediger sagt - ohne den Segen der Kirche, es ist ist nicht von mir.
WOYZECK: Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drueber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.
HAUPTMANN: Was sagt Er da? Was ist das fuer eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz konfus mit seiner Antwort. Wenn ich sag': Er, so mein' ich Ihn, Ihn -
WOYZECK: Wir arme Leut - Sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat - Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub', wenn wir in Himmel kaemen, so muessten wir donnern helfen.
HAUPTMANN: Woyzeck, Er hat keine Tugend! Er ist kein tugendhafter Mensch! Fleisch und Blut? Wenn ich am Fenster lieg', wenn's geregnet hat, und den weissen Struempfen nachseh', wie sie ueber die Gassen springen - verdammt, Woyzeck, da kommt mir die Liebe! Ich hab' auch Fleisch und Blut. Aber, Woyzeck, die Tugend! Die Tugend! Wie sollte ich dann die Zeit rumbringen? Ich sag' mir immer: du bist ein tugendhafter Mensch - [geruehrt:] -, ein guter Mensch, ein guter Mensch.
WOYZECK: Ja, Herr Hauptmann, die Tugend - ich hab's noch nit so aus. Sehn Sie: wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr waer und haett' ein' Hut und eine Uhr und eine Anglaise und koennt' vornehm rede, ich wollt' schon tugendhaft sein. Es muss was Schoenes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl!
HAUPTMANN: Gut, Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zuviel, das zehrt; du siehst immer so verhetzt aus. - Der Diskurs hat mich ganz angegriffen. Geh jetzt, und renn nicht so; langsam, huebsch langsam die Strasse hinunter!
WOYZECK: Ja, Andres, der Platz ist verflucht. Siehst Du den lichten Streif da ueber das Gras hin, wo die Schwaemme so nachwachsen? Da rollt abends der Kopf. Es hob ihn einmal einer auf, er meint', es waer ein Igel: drei Tag und drei Naecht, er lag auf den Hobelspaenen. - [Leise:] Andres, das waren die Freimaurer! Ich hab's, die Freimaurer!
WOYZECK: Es geht hinter mir, unter mir. - [Stampft auf den Boden:] Hohl, hoerst Du? Alles hohl da unten! Die Freimaurer!
ANDRES: Ich fuercht' mich.
WOYZECK: 's ist so kurios still. Man moecht' den Atem halten. - Andres!
ANDRES: Was?
WOYZECK: Red was! - [Starrt in die Gegend.] - Andres, wie hell! Ueber der Stadt is alles Glut! Ein Feuer faehrt um den Himmel und ein Getoes herunter wie Posaunen. Wie's heraufzieht! - Fort! Sieh nicht hinter dich! - [Reisst ihn ins Gebuesch.]
ANDRES [nach einer Pause]: Woyzeck, hoerst du's noch?
WOYZECK: Still, alles still, als waer' die Welt tot.
ANDRES: Hoerst du? Sie trommeln drin. Wir muessen fort!
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