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Frühes Panorama und Vorgeschichte

Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster Panewnik durch einen damals reichen, grünen Laubwald zurückwanderte und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhöhe, ein gutes Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und einigen noch weiter westlich und östlich gelegenen Industriegemeinden, aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren. Und dort lebten wir also. Mußte man also jetzt dorthin zurücklaufen? Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, daß ich das als Kind gefragt habe. Für mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen­ und Zinkhütten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der und mit der man lebte. Ja, es gab dort oft so einen Geruch und Geschmack nach Rauch, er war würzig, man kannte ihn. Aber die Natur reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld, teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rüben, teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.

Dann weiter im Süden begann der Wald, das waren die Ausläufer der großen Wälder des Fürstentums Pleß, die etwa dreißig Kilometer bis Pleß sich ausstreckten. Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen. Da war nicht nur eine Gartenwirtschaft, sondern auch eine große Kohlengrube, die eigentlich in einer sehr großen Lichtung im Wald lag. Weiter südlich lag dann in den Plesser Wäldern der Paprozaner See. Dort gab es nicht nur das Jagdschlößchen Promnitz. Da war auch einmal ein "Eisenhammer". Man konnte die Überreste noch sehen. Es wurde viel Holz und Holzkohle dafür gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhüttung zu den Kohlenflözen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das oberschlesische Industrierevier. Es entstand aus alten Dorfgemeinden die Kette von Industrieortschaften. Vor allem an den Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander über. Dazwischen waren größere und alte Städte wie Beuthen und die viel jüngere, erst im 19. Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz. Die Orte hatten eine oder mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten Eisenhütten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und ­hütten.

Das war ein früher Eindruck meiner Kindheit. Wir lebten in Kattowitz, ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft. Das waren etwa eineinhalbstündige Wagenreisen, später nach 1918 nur noch halbstündige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers, etwa fünfzehn Kilometer. Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders russig und rauchig.

Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien zeigen kaum Spuren von den großen Konflikten späterer Jahre und wie man von Heute darauf zurückblickt. Ich war 1908 in Kattowitz geboren. Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkämpfe der Weimarer Republik und des unabhängigen Polens und dann die Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.

Über den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden. Die Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch sprechenden Oberschlesiern durchscheinen ließ, und durchsetzt war mit manchen heimischen polnischen Kraftausdrücken. Es war eine recht hart klingende, aber eine gemütliche Sprache. Bei uns zu Hause, in der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die Kraftausdrücke und der Akzent waren verpönt, aber das oberschlesische Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit. Auch das Polnisch hörte man. In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen, aber polnisch hörte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern und Bäuerinnen der Umgebung, die man bei den täglichen Spaziergängen

traf, oder wenn man auf den Markt mitging.

Aber mir fehlte als Kind das Gefühl für eine starke Spannung zwischen deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, daß diese Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war. Es ist richtig, Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und Zeitungen, Wahlkämpfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.

Wenn man über die Jahrhunderte zurückblickt, dann war Schlesien, und besonders Oberschlesien so stark und häufig ein Gebiet der Übergänge, mit wechselnden Siedlungseinflüssen und politischen Oberhoheiten. Die Bevölkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die Zeichen davon. Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in Oberschlesien gesprochen wurde. Es hatte ja lange getrennt vom polnischen Hauptland und zeitweise unter böhmischen (tschechischen) und deutschen Einflüssen gelebt, die zu dieser Dialektbildung beigetragen hatten. Die Südostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag, war so ganz besonders ein Grenzland. Wenn man an klaren Tagen nach Süden sah, oder gar südlich auf dem Wege nach Pleß fuhr, dann sah man die Gebirgskette der Beskiden, des nördlichen Teils der Karpaten, das war in Österreich. Es war das östereichische Schlesien, das der preußische König Friedrich der Große am Ende seiner Schlesischen Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen mußte. Wenn man auf einem größeren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt, wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen deutsch mit einem österreichischen Akzent. Sie waren in österreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es preussische. Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze. Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo das deutsche, österreichische und russische Kaiserreich zusammenstießen. Für uns als Kinder war diese Idee natürlich faszinierend. Aber die russische Grenze lief noch näher bei Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natürlich die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des russichen Zaren stand.

Mein Großvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz. In Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere sächsische Textilindustrielle niedergelassen. Mein Großvater und Vater hatten die Bauten ausgeführt, und waren mit der Familie Dietel befreundet. Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen. Ihr Wagen mir Pferden wurde bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz zum Einkaufen kam. Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus Rußland kam. Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und Fremde aus der Welt meiner Kindheit und früheren Jugend. Es waren Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien", so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der preußischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer Jugend erschien. Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu werfen. Bereits für die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen Historikern.

Schriftliche Überlieferung beginnt spät, aber archäologische Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der Frühgeschichte des östlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit vor der Völkerwanderung. Vor den Kelten und nachwandernden Germanen weiß man heute über die vorherige Bevölkerung und ihre Kulturen, sieht früheste Einflüsse über das Donaugebiet von Süden(1), mit eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien. Nach polnischen Auffassungen (2) waren Träger dieser frühen Kulturen bereits indogermanische, nämlich slawische Stämme, so die bekannte Lausitzer Kultur, und die später erscheinenden Kelten und Germanen nur durchwandernde Völker, die vorübergehende Herrschaft über bestehende Urbevölkerung ausübten, ähnlich wie man es von Awaren oder Hunnen weiß. Andere bleiben bei früherer Auffassung, daß slawische Stämme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerückt sind.

Als frühe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr ein Großmährisches Reich, bald überholt vom Böhmischen Reich der Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen Bistümern her zum römischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in die abendländische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht, von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.

Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter dem Piasten Mieszko I. entwickelt. Unter dem Einfluß sowohl von Böhmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, überragte es bald das ältere Böhmen und eroberte Schlesien, das für Jahrhunderte nun Gebiet wechselnder Einflüsse und oft erneuerten Streits zwischen Böhmen und Polen bleibt.

Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtümer. Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und im südlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit wechselte und fiel schließlich durch Vertrag 1335 an die böhmische Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.

Die Mongoleneinfälle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum Benefit für ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und deutschen Kräften aufgehalten worden, aber große Verwüstungen blieben. Vielleicht waren diese Anlaß für verstärkte Siedlung von Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Klöstern, bestehend aus bäuerlicher und städtischer Siedlung, beide unter aus deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch über Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde. Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert, hinterließ unterschiedliche Spuren in der Bevölkerung, das Bild verändert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende Umgebung. Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwägerung schlesischer Piastenherzöge mit deutschen Fürstenfamilien könnten mit ein Antrieb gewesen sein für die Entscheidung schlesischer Piasten für böhmische statt polnischer Oberhoheit. Man muß aber wohl vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer Entscheidungen. Schlesien blieb nun bei der böhmischen Krone für 400 Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen, ungarischen und dann polnisch­jagiellonischen Interregnen zwischen Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles 1526 ererbten.

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