Mein Hund schnaufte und bellte, sprang vor, und kehrte mit ängstlicher Geberde zurück; ich vermuthete, eine bedeutende Wunde müsse ihn quälen, aber plötzlich setzte er über entwurzelte Stämme, einige Laute noch, und im Nu war er im Forste verschwunden. Ich stand wie vom Blitze getroffen; noch nie verließ er mich, auch nicht eines Wildes wegen, das er itzt halb ängstlich, halb begierig zu verfolgen schien. Ich konnte und wollte nicht allein weiter wandern, und doch war die Zurückkehr des Entlaufenen zweifelhaft. Ich setzte mich auf den Stamm und sah gerade gegenüber etwas Weisses am Grase liegen; bei näherer Besichtigung erkannte ich den Hintertheil einer jungen Ziege. »Hier müsse ein Wolf sein Mahl gefeiert haben,« folgerte ich, »und wer weiß, ob Duna den Räuber nicht bannte?« Durch das ofte Beriechen von Wolfsfellen hatte ich ihm den natürlichen Scheu vor diesen Unholden benommen, und somit übte er seine Jagdlust. Ich schoß ihm einige Signale; er kam endlich zurück, ob als Sieger -- weiß ich nicht; doch eine Wunde, welche er bei diesem Scharmützel davon getragen, ist heute noch unbehaart zu erkennen.
Nach geraumer Strecke bog sich der Weg durch einen Verhau von Stämmen und Zweigen. In dem Holzschlage hatte sich ein Bächelchen gedämmt, und bildete dadurch grundlosen Sumpf. Ich suchte aufwärts einen seichteren Platz, um leichter durchzukommen, und bemerkte im Mondenlichte ein Holzhacker-Hüttchen, welches zwar ohne Thür, aber für mich Ermüdeten sehr willkommen war. Duna wurde an den Eingang gekuppelt, mein Degen ober dem Haupte in die Dachbreter gestossen, und so warf ich mich mit dem wohlgeladenen Gewehre auf das aus Moos und Laub reich bereitete Lager.
Trotz Vorsatz hätte ich beinahe den halben Vormittag verschlafen; aber ein Bauer, vorüberwandernd, reitzte die Wachsamkeit meines Hundes, sein Bellen trieb mich zur Hütte hinaus, und eh ich noch das Thier besänftigte, war der schnellfüssige Bursche schon entflohen. Sechs Uhr -- ich fühlte mich herrlich gestärkt! Die Morgenkälte drang sich zwar empfindlicher als gewöhnlich auf, aber der Füsse schnelleres Streben war bald die Besiegerinn dieser unschädlichen Empfindung. In dem Grase, das von des Himmels wohlthuenden Morgenthränen perlte, spielten lichtgrüner die Fußstapfen meines Vorläufers; ich erkannte an der Ausdehnung derselben die Sprünge, oder überhaupt beflügelte Eile des Vorbenannten. Was mag den Armen so angetrieben haben, daß er dieses herrliche Naturtheater so schweißtreibend flieht? Angst gewiß nicht! denn da hätte er nicht auf gerader Strecke stundenweit fortgestrebt, sondern beiderseits im dichten Holze genug Gelegenheit zu seiner Sicherung gefunden. Vielleicht daß es die Folge erklärt.
Nun kam ich auf ein kleines Wiesen-Oval; ringsherum standen Lärchenbäume; mehr durch herabhangendes Moos als Jahre entstellt, schienen sie den Thränenweiden zu gleichen, an Höhe aber den Hauptmasten der Kriegsschiffe. Selten gelingt es dem freundlichen Goldgesicht, niederzublicken durch die versponnenen Arme dieser Riesen, auf deren elastischen Boden. Auf der von einem Bächlein durchrieselten Wiese, haben Wanderer oder Schöpfung, Steine zum Ausruhen gehäuft; man könnte sie für Ueberreste ansehen von dem ehemalig hier gefeierten Gottesdienste abergläubischer Druden, wozu das unheimische Dunkel, die melancholische Gegend und todte Stille das Ihrige beiträgt. Dichter in der schwarzen Wildniß zur Rechten, sah ich das Skelet einer ehemaligen Hütte. Etwas Baumrinde der Bedachung, und die erübrigten Querbalken, könnten sich nun nimmermehr den Dank des Pilgers bei Unwetter erwerben.
Als ich meinen Durst mit dem guten Wasser befriedigt hatte, kam ein Bursche ausser Athem mir nachgelaufen. Er fragte ob ich nicht Einen ihm ähnlichen jüngst gesehen? Bejahend zeigte ich die Grasspuren. »Nun da könne er ihn wohl noch errennen, obgleich jener sein Wort nicht hielt, und beim
Er. No des zombrochne Kaischl, wo i z’ dir kema bin, hoaßt so; s’ is oaml a Rauba beim Stroafen vo Joagern zomgschoissen worn.
Fort eilte er, als wenn ihm die Sohlen brennten, um nach vier Stunden den ermatteten Körper mit Tanz zu vergnügen, und nebenbei als Leckerbissen ein Stück Bocksfleisch zu geniessen -- unglaublich! und doch wahr!
Warum aber mag sich hier einst ein Räuber aufgehalten haben, wo keine Menschen -- und keine Schätze sind? Wahrscheinlich ein unglücklicher Raubschütze, der, um nicht zu verhungern, sich in diese Wildniß bannte, bis ihn ein Schuß davon erlöste.
Noch das harte Loos mißhandelter Geschöpfe erwägend, kam ich auf eine offene Berghöhe. Erhaben biethen sich daselbst die Gränzpunkte des Alpenthales: der hohe Filzberg, wilde Kopf, die _Gerlos_-Spitzen etc. Wald, Felsen, Wiesen, Klippen, Schneespitzen und Gießbäche sind eng in schönster Unordnung durch einander geworfen, um den Eindruck zu höhen, die Erinnerung daran reitzender zu erhalten. Am Abhange einer Wiese links stehen 13 Sennhütten, wie ein Dörfchen vertraulich gereiht. Dieß ist
die wilde Gerlos --
beinahe die reichste Alpenanpflanzung, gegenwärtig aber ihrer Bewohner entblößt, welche in wärmerer Tiefe den Spätsommer zubringen.
Auf hölzerner Tafel, an einem Baume befestigt, erkennt man des Tirolers Neigung; »Tanzen und Trinken« wie ihn das gut entworfene Bild zeigt, mit der Unterschrift: »Weg ins Zillerthal.«
Zwei Sennhütten auf der Anhöhe zur Rechten, waren noch bewohnt; ich genoß darin mein Frühstück an vortrefflicher Milch, jedoch das Brot war für mich ungenießbar, aber staunenswerth! Es bestand aus gar nichts andern als Hafer- und Gerstenkleie, in welche zum Zusammenkneten etwas Türkenweizmehl gemischt wurde; Häckerling schien entweder geflissentlich oder aus Nachlässigkeit darin zu seyn. Dieses Brot hatte eine längliche Wurstform, und da es bereits sehr hart war, schlug der Alpler mit dem Beile einige Stücke ab, um sie für mich in der Milch aufweichen zu lassen. Ich verbat mir dankbarst diese Güte, und frug, ob dieses das gewöhnliche Brot für die Bewohner sey?
Er. Jo mir soans schu gwohnt, dir moags epping z’ schper schmeka.
Ich konnte von schmecken gar nichts sagen, frug aber, warum sie denn das Brot nicht aus Mehl bereiteten?
Er. S’Mehl is hoalt ollas z’gluik, und wernd draus d’Knödl gmoacht, wochsa duit jo ollas z’wengi.
»So muß denn dieser schöne Landstrich gerade der ärmste seyn?« Ich glaube die meisten Gebirgsgegenden des Erbkaiserthums besucht zu haben, und fand wohl in den Karpathen Erdäpfelbrote, aber Kleien- und Häckerling-Gebäck für Menschen! war mir das Neueste. Nun leitet der Weg abwärts über Steingerölle, das die Bergbäche nach Gußregen zwischen den Gebüschen zurücklassen, und wo sich zu solcher Zeit gewiß kein Wanderer durchwagen kann. Im Thale schwindet das Nadelholz, Weiden und Erlen tauschen mit selben und verengen den Pfad; die Gerlos schäumt unten, erbost, daß man sie nicht sieht; wo aber der Weg höher strebt zum Gürtel der Berge, das Thal sich geduldig ergibt der rasenden Fluth: fühlt der Felsen-sprengende Bach seine gewohnte Schnelle plötzlich gehemmt durch menschlichen Willen. Eine Klause ists, ganz von Holz, aber kräftig gedacht und erbaut, welche zwingt die zerstörende Gerlos, Nutzen zu bringen, mit Hinabtragen zerstückelter Wälder. Wild streiten die Gewaltigen mit einander, daß man begierig hinabeilt, den Sieger zu loben. Diese kaiserliche Holzklause, erst unlängst erneuert, mißt 114 Schritte, sie ist die größte und schönste, welche ich je gesehen; die Festigkeit muß dem Aeusseren gleichen, sonst würde im nächsten Frühjahre der sich dabei bildende See, das herrliche Werk und Kapital verschlingen.
Bewundernswerth fand ich die übergrossen Forellen, welche in Schwemmwässern eine Seltenheit, nicht nur zahlreich die Klausenkanäle umschwammen, sondern im kristallenen Elemente ohne alle Scheu die hineingeworfenen Brotkörnchen augenblicklich naschten. Letzteres mag die Folge des vernachlässigten Fischfanges seyn, weil die Umwohner gewohnt sind, lieber bei Milch und Brot die hier häufigeren Fasttage zu verkümmern, als mit geringer Mühe durch wohlschmeckende Fische den Gaumen zu kitzeln. Die Schönheiten dieses Thales bis Zell, bleiben mir ewig unvergeßlich; aus einer Situation in die andere fühlte ich mich versetzt. Mit dem Steigen und Sinken des Weges, mit der Faunen und Dryaden schnellem Wechsel, und mit des Plutus und Neptuns ernstern Stellen, harmonirt das Gemüth des reisenden Fremdlings. Die 37 Häuschen des
Dorfes Gerlos
ruhen einzeln zerstreut auf einem kleinen Thalabhange, welchen rings herum Kleefelder und Wiesen mit 100 Kaischen begränzen. Diese kleinen Vorrathskammern balanzieren wie Mücken auf den verschieden gefärbten Spitzhöhen; zu mancher müßte man ohne Eisen auf allen Vieren emporkriechen; ich glaube, daß alljährig einige dieser Unbeachteten durch Wind oder Schneelavinen hinabspazieren.
In dem untröstlichen Wirthshause war ausser schlechtem Biere, starkem Branntweine und miserablem Kleienbrote, wovon ich ein Stück zur Schau nach Innsbruck mitnahm, nichts zu bekommen. Drei Viertheile der Dorfsbewohner jubelten zu Zell, dafür schienen die Zurückgebliebenen einen Bußtag zu feiern. Ausser dem Dorfe wird der Weg am Bache freier, jedoch sieht man daran, so wie an den Gränzwiesen, die schädlichen Spuren der alljährigen Ueberschwemmung, welcher nicht durch gehörige Dämme vorgebeugt wird. Ueber grosse Steine mußte ich die Gerlos überschreiten, die Brücke hatte das letzte Hochwasser mitgenommen, und man ist vermuthlich so klug, zu warten, bis sie wieder zurückkommt.
Der Weg windet sich in einen ehrbaren Nadelwald hinauf, mit jedem Schritte steigt der pittoreske Werth der Wanderung. Treppelwege führen über abstürzende Wasserfälle und gähnende Abgründe; in schwindelnder Tiefe wirbelt sich die schneller wachsende Gerlos in den Stuben des Flußgottes; abgespühlte Bäume tanzen darin den üppigen Walzer, und erweitern die Grösse des Wellenraumes. Zwischen den Waldlücken sieht man hie und da auf kahlem Wiesenstreife eine dürftige Hütte, mit Kindern reicher als mit Nahrung ausgestattet, vor der wohlhabenden Welt versteckt; nahe dabei trösten steile Fleckchen Hafergrund, ein Rübenfeld, und bei Glücklicheren -- Erdäpfel! die Gesammtzahl vor gänzlichem Erhungern. Diese Gegend ist für den Meisterpinsel eines Salvator Rosa würdig; wäre aber Ovids Exil hieher angewiesen worden, er hätte sicher den Muth auch zum Schreiben verloren! und doch ertragen diese Bewohner auf eine bewunderungswürdige Weise, Unwetter und Schicksal.
Liebe Gewohnheit mit deiner holden Schwester -- Zufriedenheit! wo sollte man euch finden, wenn ihr nicht im Bereiche der Armen euren Wohnsitz behauptet? längst hat euch die Mode und Habsucht aus Städten verbannt!
Wolfsbesuche.
Links entkletterten kaum merklichen Gangsteigen, zwei weinende Dirnen. Mir waren die Thränen im Gebirge bei aller Noth fremd geworden. Auf mein Befragens um die Ursache ihres Kummers, erwiderten sie schluchzend: eben habe der unersättliche Wolf ihre schönste Kalbin auf dem Fierst-Joche erwürgt; sie hätten vor mehreren Tagen schon abtreiben sollen, und weil übergenug Futter war, zögerten sie; nun würde der Schadenersatz und Zorn der Herrin gleich fürchterlich seyn. -- So gibt es doch nirgends ein Eldorado auf Erden! Wo Menschen nicht feindselig gegen einander nagen, benützen Raubthiere ihr grimmig Gebiß.