In seiner Introduction zu dem Huth-_Merlin_[8] schreibt Gaston Paris auf S. XLIX: "Le troisième conte du même genre nous montre Ivain et Gauvain, partis ensemble de la cour d'Arthur, et auxquels s'est adjoint le Morhout d'Irlande, engagés dans une triple aventure: chascun d'eux emmène une des trois demoiselles qu'ils ont rencontrées près d'une fontaine dans la forêt, et ils doivent se retrouver au bout d'un an. La fin de cette histoire n'est pas dans notre manuscrit, qui s'arrête presque aussitôt; mais on la connaît par la traduction anglaise dont nous parlerons tout à l'heure, et nous en donnons le résumé en note.[9] Elle est aussi aventureuse que l'autre, [c'est-à-dire la triple aventure de Gauvain, Tor et Pellinor H. O.S.] mais peut-être un peu plus intéressante. Il est possible quelle ait formé un conte à part, annexé par notre auteur à son oeuvre." Die Abenteuer Gawains, Ywains und Le Morholts mit den drei Jungfrauen, die ich hier, mit einigen anderen unzertrennlich damit verknüpften, deren Held Gaheriet, der jüngere Bruder Gawains ist, zum ersten Male veröffentliche, bilden jenen von Gaston Paris erwähnten "troisième conte". Obgleich er diesen "conte" nur aus Sir Thomas Malorys,[10] etwa auf ein Achtel gekürzte, unvollständige, willkürlich geänderte und in einigen Punkten ungenaue Wiedergabe in dem vierten[11] Buche der Le Morte Darthur kennt, erschien G. Paris derselbe doch ein wenig interessanter als andere Teile des Huth-_Merlin_. Ist es nicht wahrscheinlich, daß ihm das Original, wenn er es gekannt hätte, noch viel interessanter erschienen wäre? Seltsam, weder Paulin Paris, noch sein berühmter Sohn, noch irgend ein anderer auf diesem Gebiete arbeitender Gelehrter, hatte bis zum Jahre 1895, in welchem E. Wechssler[12] seine Entdeckung in der Hs. No. 112 bekannt machte, eine Ahnung von dem Inhalte derselben, ja ich glaube, daß keiner die Hs. eines Blickes gewürdigt hat, weil dieselbe aus dem 15. Jahrhundert stammte, und weil man vor 30 Jahren noch nicht erkannt hatte, daß bei der Forschung auf dem Gebiete der mittelalterlichen Literatur auch späte Hss. nicht zu verachten sind.
Als im Jahre 1893-94 E. Wechssler die Hss. der National-Bibliothek einer Durchsicht unterzog, wie er sich ausdrückt, fiel ihm auch die Hs. No. 112 in die Hände. Da er von Gaston Paris' "grundlegender Arbeit", der Einleitung zum Huth-_Merlin_ ausging und mit der Abschrift der portugiesischen Hs. No. 2594 der K. k. Hofbibliothek zu Wien des verstorbenen Karl von Reinhardstöttner[13] ausgerüstet war, so war nichts natürlicher als daß er die Fortsetzung des Huth-_Merlin_ und die anderen Bruchstücke der Trilogie des pseudo-Robert de Borron fand, aber gelesen kann Wechssler diese Bruchstücke nicht haben.
Hätte übrigens Wechssler die Hs. No. 112 nicht im Jahre 1894 entdeckt, so würde ich dieselbe im Jahre 1895 gefunden haben, denn ich widmete den Hss. des 15. Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit, weil ich hoffte, das "frensshe boke" zu finden, welches Sir Thomas Malory benutzt hatte, mit andern Worten eine Hs., die schon viele der von ihm zusammengefügten Versionen vereinigte. Die Hs. No. 112 ist tatsächlich eine solche Kompilation, wie aus dem, was ich über dieselbe und über die Methode ihres Schreibers gesagt habe, klar zu ersehen ist.
So geringwertig aber die Arbeit dieses Schreibers als ein konfuses, zusammenhangsloses Ganzes ist, so verdanken wir ihm doch die Überlieferung von Material, das wir ohne ihn vielleicht nie gekannt hätten.
Es ist leicht erklärlich, daß Wechssler die Bruchstücke der Trilogie des pseudo-Robert de Borron nicht durchgelesen hat, denn das Durchlesen einer so schweren und ungefügigen Hs. wie die No. 112, ist eine unbequeme und zeitraubende Arbeit. Auch ich konnte mich nicht entschließen, die Zeit zu dieser Arbeit in Paris zu opfern und lernte das in Frage kommende Material erst aus einer Abschrift kennen, die ich mir hatte anfertigen lassen, die aber, wie ich zu meiner Enttäuschung erkennen mußte, nicht genau genug war, obgleich ich einen anständigen Preis für dieselbe bezahlt hatte. Später, nachdem ich mit der spanischen[14] und portugiesischen Demanda vertraut geworden und die in den _Tristan_-Hss.[15] zu findenden Bruchstücke geprüft und den Entschluß gefaßt hatte, die französischen Fragmente des Originals herauszugeben, ließ ich die fehlerhafte Abschrift durch eine zuverlässige photographische Aufnahme ersetzen.[16] Die Photographien habe ich dann, nach und nach, noch einmal abgeschrieben, die Abschrift mit denselben kollationiert und zum Drucke vorbereitet. Die Druckbogen habe ich dreimal mit den Photographien verglichen, um die denkbar mögliche Genauigkeit zu erzielen. Um meinen Text mit der Ausgabe des Huth-_Merlin_ in Einklang zu bringen, habe ich moderne Interpunktion eingeführt und alle Personen- und Ortsnamen mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben. Die Rubriken der Hs., die meistens, doch nicht[17] immer, über Miniaturen zu finden sind, die aber augenscheinlich zu denselben gehören und von dem Illuminator geschrieben sind, habe ich in Kursivschrift wiedergegeben. Von den fols. 17b-58b der Hs. No. 112, welche den Text enthalten und das einzige, dem zweiten Buche eingeschaltete Bruchstück der Trilogie bilden, sind fols. 17b-22a dem Inhalte nach schon veröffentlicht worden, denn auf fols. 220a-230b der Huth-Hs. oder auf Seite 228-254 des zweiten Bandes des Huth-_Merlin_ werden dieselben Ereignisse erzählt. Ich habe diesen Abschnitt dennoch hier gedruckt, um zu zeigen, in welchem Verhältnis die Huth-Hs. und die Hs. No. 112 zueinander stehen und um das Bruchstück vollständig zu geben, da es, obgleich es durch viele Fäden an vorhergehende Ereignisse geknüpft ist und ohne dieselben an vielen Punkten unklar sein würde, doch eine zusammenhängende Episode bildet. Gaston Paris' Vermutung, daß das dreifache Abenteuer Gawains, Ywains und Le Morholts mit den drei Jungfrauen einen selbständigen "conte" gebildet habe, den der Verfasser seiner Trilogie einverleibt habe, scheint mir wenig wahrscheinlich zu sein. In Noten am Fuße der Seiten habe ich alle wichtigen Unterschiede zwischen den beiden Texten angegeben und auch hier und da Varianten zwischen der Huth-Hs. und dem gedruckten Text angezeigt. Die in Klammern eingefügten Angaben wie z.B. 1. [17c]; [17d]; [18a] usw. weisen auf die vier Kolonnen jedes Blattes der Hs. No. 112 hin. 2. [_H_ 220c]; [_H_ 220d]; [_H_ 221a] usw. zeigen die vier Kolonnen jedes der Blätter der Huth-Hs. an; und endlich 3. [U 231]; [U 232]; [U 233] usw. geben die Seitenzahlen des zweiten Bandes des Huth-_Merlin_ an.
3. Die Trilogie des pseudo-Robert de Borron.
Die Huth-Hs.[18] besteht ihrem Inhalte nach aus zwei Teilen: Fols. 1-75 enthalten sehr mittelmäßige leçons der Prosaredaktionen der allgemein Robert de Borron zugeschriebenen Gedichte Joseph von Arimathia und Merlin, fols. 75-230, d. h. bis zum Schluß der Hs., enthalten eine Suite du Merlin, die in manchen Punkten mit dem Merlin im Widerspruch steht und mit dem Joseph nicht das geringste gemein hat. Jeder unbefangene Leser kann nicht verfehlen ohne Schwierigkeit zu erkennen, daß Robert de Borron, wenn er der Verfasser des Joseph und Merlin ist, nicht auch Verfasser der Suite du Merlin sein kann.
Dem pseudo-Robert -- so muß er bezeichnet werden, obgleich er behauptet der echte zu sein -- sind an zwei Stellen der Huth-Hs. scheinbar genaue Angaben über die Ausdehnung und Anordnung seines Materials in den Mund gelegt, in denen klar darauf hingewiesen wird, daß sein Werk ein aus drei gleichen Teilen bestehendes, mit andern Worten, eine Trilogie gewesen sei.
Die erste dieser Angaben steht auf fol. 125c, d (vol. I, S. 280 der Ausgabe) und lautet folgendermaßen:
"Et sacent tuit cil qui lestoire monsigneur de Borron vau[d]ront oir comme il devise son livre en trois parties, l'une partie aussi grant comme lautre, la premiere aussi grande comme la seconde, et la seconde aussi grant comme la tierche. Et la premiere fenist il au commenchement de ceste queste et la seconde el commenchement dou graal et la tierche fenist il apries la mort de Lanscelot, a chelui point meisme quil devise de la mort le roi March. Et cest[e] chose amentoit [il] en la fin dou premier livre pour chou que [se] lestoire dou graal estoit corrompue par auchuns translatours qui apres lui venissent, tout li sage houme, qui meteroient lour entente a oir et a escouter, porroient par ceste parole savoir se elle lour se[r]oit baillie entière ou corrompue, et connisteroient bien combien il i fau[d]roit. Puis quil a ore ensi devise l'assenement de son livre, il retorne a sa matiere en tel maniere."
Die zweite Angabe steht auf fol. 230 b (vol. II, S. 254 der Ausgabe) und lautet:
"Si laisse ore atant li contes a parler de l[a] dame et del roi. Et de toute la vie Merlin. Et devisera d'une autre matiere qui parlera dou graal, pour chou que cest li commenchemens de cest liure."
Diese beiden Stellen, von denen ich im folgenden wiederholt zu handeln haben werde, will ich der Kürze und Deutlichkeit halber fernerhin mit Angabe I und Angabe II bezeichnen.
Prüft man diese Angaben aber auf den Inhalt der Huth-Hs., so findet man, daß dieselben auf diese keinen Bezug haben können, denn Angabe I zerlegt die Hs. nicht in zwei gleiche Teile; nur wenn man den Joseph wegließe, würde dies etwa der Fall sein.
Aus verschiedenen Bemerkungen und Hinweisen geht hervor, daß das dritte Buch der Trilogie eine Galahad-Queste und Mort Artus enthielt, die mit dem Tode Lancelots und des Königs Mark endete.
So bezeugt denn die Huth-Hs. selbst schon die Existenz einer Trilogie eines pseudo-Robert de Borron, aber sie läßt uns nicht erkennen, wie dieselbe in ihrer ursprünglichen Gestalt zusammengesetzt war.
Drei Versuche sind bisher gemacht worden, so viel mir bekannt ist, die Gestalt dieser Trilogie zu bestimmen. Gaston Paris[19] in seiner Einleitung zum Huth-_Merlin_ machte den ersten, E. Wechssler[20] in seiner Habilitationsschrift den zweiten, und ich[21] selber in dem XXXVI. Bande der Romania den dritten Versuch. Wer mit dem Material vertraut, die drei Abhandlungen liest, wird nicht verfehlen zu erkennen, daß das Resultat einer jeden ein anderes ist. G. Paris' Trilogie ist verschieden von E. Wechssler's und die beider Gelehrten ist verschieden von der meinigen. Obgleich ich zwar, bis auf einen Punkt, meine Auseinandersetzung in der Romania aufrecht erhalte, benutze ich doch die Gelegenheit der Veröffentlichung der Fortsetzung des Huth-_Merlin_, um noch einmal, wenigstens was die Trilogie betrifft, meine Ansichten so klar wie möglich kurz darzulegen, und um zu zeigen, daß ich mit vollem Rechte[22] beanspruchen kann und darf, von einer Trilogie des pseudo-Robert de Borron zu reden, "which I have reconstructed and recalled from oblivion".
Ich wende mich nun ganz kurz zu G. Paris' Arbeit. G. Paris erklärt die Angaben I und II nicht; er hält alles, was er in der Huth-Hs. vorfindet, d. h. Joseph, Merlin und Suite du Merlin für etwas weniger als zwei Drittel einer, aus drei gleichen Teilen bestehenden, Trilogie und ordnet den Stoff, den drei Büchern gemäß, folgendermaßen an: