Storieta
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About this book

Die Erzählung ist eine Novelle, die das Leben der jungen Zigeunerin Preziosa schildert, die von ihrer Großmutter, einer erfahrenen Zigeunerin, in Tanz, Gesang und die Kunst des „Cacus“ unterwiesen wird. Schon zu Beginn wird ihr außergewöhnliches Talent betont: Sie ist die beste Tänzerin und zugleich das schönste, verständigste Kind im Zigeunervolk, das trotz rauer Erziehung und harter Wetterbedingungen ihre Anmut nicht verliert. Die Handlung setzt ein, als Preziosa nach Madrid kommt, wo sie beim Fest der heiligen Anna mit Tanz und Gesang das Publikum begeistert und zahlreiche Geldspenden sammelt. Der Text verweist auf ihre Fähigkeit, Romantzen zu improvisieren, und zeigt, wie ihr Ruf als „beste Zigeunerin“ schnell über die Stadtgrenzen hinausreicht.

Der Stil ist geprägt von barocker Sprachgewalt, langen, kunstvollen Sätzen und einer reichen Bildsprache, die das 16. Jahrhundert Spaniens lebhaft wiederaufleben lässt. Die Erzählung kombiniert volkstümliche Elemente – Tanz, Tamburin, Romantzen – mit einer feinen Beobachtung gesellschaftlicher Konventionen. Leserinnen und Leser, die Interesse an historischer Fiktion, an kulturellen Darstellungen des Zigeunerlebens und an einer erzählerischen Sprache mit poetischer Tiefe haben, werden an diesem Werk Gefallen finden. Besonders Liebhaber*innen von spanischer Barockliteratur und von Figuren, die zwischen Tradition und individueller Freiheit balancieren, werden die Novelle ansprechend empfinden.

Characters in Geschichte des Zigeunermädchens

  • PreziosaYoung Romani girl, dark flowing hair, luminous skin, bright eyes, adorned in vibrant 16th‑century Spanish gypsy costume with embroidered bodice and tambourine

The opening · free to read

Eine nun von diesem Volk, eine alte Zigeunerin, die in der Kunst des Cacus[1] bereits ihr Jubiläum gefeiert haben mochte, erzog als ihre Enkelin ein junges Mädchen, dem sie den Namen Preziosa gab und das sie in all ihren Zigeunerstreichen, Gaunereien und Diebeskünsten unterrichtete. Preziosa wurde die vortrefflichste Tänzerin im ganzen Zigeunervolk und das schönste und verständigste Kind, das man nicht nur unter Zigeunern, sondern unter allen Schönen und Klugen finden konnte, deren Ruhm je erschollen ist. Weder Sonne noch Luft noch auch alle Unbilden der Witterung, denen die Zigeuner mehr ausgesetzt sind als andre Leute, vermochten ihrer Schönheit Abbruch zu tun oder ihre Hände zu bräunen. Ja, was noch mehr ist, die rauhe Erziehung, die sie erhielt, konnte nicht verdecken, daß sie von gesitteteren Eltern abstammte, als es Zigeuner sind; denn sie war äußerst gewandt und sehr verständig. Bei all dem war sie frei, ohne die Grenzen der Sittsamkeit zu überschreiten; sie war vielmehr bei allem Witze so züchtig, daß in ihrer Gegenwart keine Zigeunerin, mochte sie alt oder jung sein, ein unanständiges Lied zu singen oder üble Worte zu sprechen wagte. Kurz die Großmutter erkannte, welchen Schatz sie in der Enkelin besaß, und so beschloß denn die alte Dohle, ihr junges Dohlchen ausfliegen zu lassen und es zu lehren, sich den Unterhalt mit den eignen Fängen zu gewinnen. Preziosa zog aus, reich versehen mit Festgesängen, Volksliedern, Seguidillas, Sarabanden und andern Versen, besonders Romanzen, die sie mit eigentümlicher Anmut vortrug; denn die schlaue Alte erkannte, daß bei der Jugend und Schönheit ihrer Enkelin dergleichen Schwänke und Spiele ein sehr glückliches Reiz- und Lockmittel abgeben müßten, das ihr Vermögen vermehren würde. So hatte sie denn auf allen möglichen Wegen nach solchen Dingen gesucht, und es fehlte nicht an Dichtern, die sie damit versahen; denn es gibt ebensogut Poeten, die sich mit den Zigeunern verstehen und Werke an sie verkaufen, wie es andre für die Blinden gibt, denen sie Wundergeschichten erfinden, um den Gewinn mit ihnen zu teilen. In der Welt kommt alles vor, und der Hunger treibt manche Köpfe, Dinge zu tun, die ihnen nicht an der Wiege gesungen worden sind.

[1] Cacus: von Herkules erschlagener Riese und Räuber.

Preziosa war in verschiedenen Gegenden Kastiliens aufgewachsen; in ihrem fünfzehnten Jahre aber führte ihre angebliche Großmutter sie in die Residenz, und zwar auf ihren alten Lagerplatz, die Felder der heiligen Barbara, wo sich die Zigeuner gewöhnlich aufhalten. Sie hoffte, in der Hauptstadt, wo alles gekauft und alles verkauft wird, werde auch sie ihre Ware losschlagen können. An dem Tage, als Preziosa ihren ersten Einzug in Madrid hielt, war das Fest der heiligen Anna, der Patronin und Schutzherrin der Stadt. Acht Zigeunerinnen, vier ältere und vier junge, führten unter der Leitung eines Zigeuners, eines vorzüglichen Tänzers, einen Tanz auf, und wenn sie auch alle sauber und geputzt erschienen, so trat doch Preziosens Zierlichkeit so sehr hervor, daß sie allmählich die Blicke aller Zuschauer auf sich zog. Durch den Klang der Schellentrommel und Kastagnetten, durch die Wirbel des Tanzes scholl der Ruf, der die Schönheit und Anmut des Zigeunermädchens pries. Jünglinge und Männer strömten herbei, um sie zu sehn; als man sie aber gar singen hörte (denn der Tanz war mit Gesang verbunden), wurde der Lärm so groß, daß das Lob der Zigeunerin von allen Seiten widerhallte und die Vorsteher des Festes ihr einstimmig den Preis für den besten Tanz zuerkannten. Nachher führten die Zigeuner in der Kirche der heiligen Maria, vor dem Bildnis der glorreichen Anna, den Reigen noch einmal auf, und nachdem er beendigt war, ergriff Preziosa ein Tamburin, zu dessen Klang sie sich aufs leichteste und zierlichste im Kreis bewegte, und sang folgende Romanze:

Köstlichster von allen Bäumen, Der so lang nicht Frucht getragen, Jahre, die wie einer Trauer Hülle düster auf ihm lagen

Und auf reine Herzenswünsche Eines liebevollen Gatten, Überwölkend seine Hoffnung, Schatten trüb geworfen hatten,

So daß aus der langen Säumnis Kummer ward, der bitter nagte, Und der aus dem heilgen Tempel Den gerechten Mann verjagte.

Heilig unfruchtbarer Boden, Dem im Anfang doch entsprossen Jene überreiche Fülle, Die die ganze Welt genossen.

Haus der königlichen Münzstatt, Wo der Stempel ward geschlagen, Der dem Gott die Form gegeben, Die als Mensch er hat getragen.

Mutter du von einer Tochter, In der wollt und konnt entfalten Alle Tugenden der Höchste, Die sonst Menschen nie erhalten.

Durch dich selbst und durch die Tochter Bist die Zuflucht du, o Anne, Welcher wir zur Rettung nahen Hier in unsres Elends Banne.

In gewisser Art auch darfst du, Keinen Zweifel laß ich walten, Über deinem heilgen Enkel Als gerechte Herrin schalten.

Mitzuthronen, gleich dir Hohen, In der höchsten Himmelsfeste, Hielten wohl viel tausend Eltern Für der Glückesgaben beste.

Welche Tochter! welch ein Enkel! Welcher Eidam! Hier ist wieder, Ist gerechterweise Anlaß Für Triumph- und Siegeslieder.

Aber du in deiner Demut Bist ihr still voraufgeschritten: Drauf hat demutsvoll dir deine Heilge Tochter nachgelitten.

Und jetzt neben ihrer Seite Vor den Höchsten zugelassen, Schmeckest du die hohen Wonnen, Die wir ahnend kaum erfassen.

Preziosens Gesang erregte bei allen Zuhörern Bewunderung. Die einen sagten: »Gott segne dich, Kind.« Andre: »Wie schade, daß das Mädchen eine Zigeunerin ist, wahrlich und wahrhaftig, sie verdiente die Tochter eines großen Herrn zu sein!« Und wieder andre, die derber waren, sprachen: »Laßt das Dirnchen nur heranwachsen, sie wird schon ihre Streiche machen; bei Gott, sie wird ein hübsches Schleppnetz zum Fischen der Herzen.« Wieder ein andrer, artiger, aber plump und ungeschickt in seinen Ausdrücken, rief, als er sie so flink im Tanz dahinschweben sah: »Auf, Töchterchen, auf! Und die Füße gerührt, mein Liebchen, damit es staubt.« »Und ich Euch den Staub wieder ausklopfe,« erwiderte sie, ohne den Tanz zu unterbrechen.

Als die Vesper und das Fest der heiligen Anna vorüber war, fühlte Preziosa sich ein wenig erschöpft, aber um ihrer Schönheit, ihres Witzes und Verstandes und ihrer Tanzkunst willen war sie auch schon so berühmt, daß man in der ganzen Residenz auf allen Straßen von ihr sprach. Vierzehn Tage nachher kam sie abermals nach Madrid, und zwar in Begleitung von drei andern Mädchen, mit Schellentrommeln und einem neuen Tanze. Alle waren sie ausgerüstet mit Romanzen und munteren, aber sittsamen Liedchen, denn Preziosa gab nie zu, daß ihre Gefährtinnen unschickliche Lieder sangen, so wenig sie selbst jemals mit dergleichen vortrat. Viele merkten das denn auch und hielten sie deshalb besonders hoch. Nie trennte sich die alte Zigeunerin, die sie wie ein Argus bewachte, von ihr, denn sie war immer in Angst, man könnte ihr das Mädchen entführen. Sie nannte sie ihre Enkelin, und Preziosa hielt sie für ihre Großmutter. Um den Zuschauern ein Vergnügen zu machen, stellten sie sich in der schattigen Toledostraße zum Reigen auf, und bald sammelte sich das ihnen nachziehende Volk zu einem großen Kreise. Während des Tanzes bat die Alte die Umstehenden um einen Beitrag, und die Achtel- und Viertelrealen regneten wie Hagelschauer auf sie ein, denn die Schönheit hat die Kraft, die schlafende Freigebigkeit zu wecken.

Als der Tanz zu Ende war, sprach Preziosa: »Wenn mir jeder vier Viertelrealen gibt, so will ich euch allein eine gar schöne Romanze singen über den ersten Kirchgang, den unsre Königin Doña Margarita nach ihrem Wochenbett in Valladolid gehalten hat, und zwar zur Sankt-Lorenzkirche; und ich sage euch, es ist ein Meisterstück, von einem Kapitalpoeten, der seinen Mann zu stellen vermag.«

Kaum hatte sie dies ausgesprochen, als alle Umstehenden mit lauter Stimme riefen: »Singe, Preziosa, da sind meine vier Quartos.« Und von neuem hagelten die Geldstücke auf sie ein, so daß die Alte kaum Hände genug hatte, um sie zu sammeln. Als die Ernte geborgen war, griff Preziosa nach ihrem Tamburin und sang zu dem rauschenden Geklingel folgende Romanze:

Ersten Kirchgang nach den Wochen Hielt der Fürstinnen Europens Größte, die nach Wert und Namen Strahlet über jedem Lobe.

Wie die Augen sie emporschlug, Hat die Herzen sie erhoben Aller, die bewundernd schauten Ihre Andacht, ihre Hoheit.

Und zu zeigen, daß der Himmel Raum hat auf der Erde Boden, Wandelt hier die Sonne Östreichs, Dort die schmelzende Aurora.

Hinter ihr kam nachgezogen Hell der lichte Stern des Morgens, Der so plötzlich aufgegangen, Daß von Tau die Himmel flossen.

Und wenn Sterne hat der Himmel, Die umstrahlte Wagen formen, Schönre Sterne ihrem Himmel Hier auf irdschen Wagen folgten.

Hier der alternde Saturnus Glättet und verjüngt den Bart sich Und geht schnell, der sonst so langsam, Denn von Gicht heilt ihn die Wonne.

Und der Gott der leichten Rede Spricht in süßen Schmeichelworten; Und in bunten Chiffren Amor, Die Rubin und Perl' umbortet.

Dort geht Mars, der Muterfüllte, Wunderbar herausgeputzt, Wie ein kecker Jüngling, der sich An dem eignen Schatten stößt.

Hart am Haus der Sonne schreitet Jupiter; denn was erobert Nicht das innige Vertrauen, Das durch Klugheit wird gewonnen?

Luna folgt ihm, auf den Wangen Mancher Menschengöttin thronend; Venus, in den Zügen jener, Welche diesen Himmel bilden.

Kleine, holde Ganymede Schwärmen, drängen, gehen, kommen Um den goldumstrahlten Gürtel Dieses hehren Himmelsbogens.

Und damit sich alles wundre, Alle ihr Erstaunen zollen, Steigt die strahlende Verschwendung Nun hinan zum Wundervollen.

Mailands reiche Prachtgewebe Liegen hier der Menge offen, Indiens helle Diamanten Und Arabiens Arome.

Denen, welche bösen Sinnes, Muß der Neid im Herzen toben, Aber Jubel füllt den Busen Jedes echten spanschen Sohnes.

Fliehend aus der Trauer Banden Zieht der allgemeine Frohsinn Durch die Straßen, durch die Plätze, Wie auf lauten Wahnsinns Wogen.

Zu viel tausend Segenswünschen Tut der Mund sich auf der Stille, Und es wiederholt die Jugend, Was das Alter ausgesprochen.

Einer spricht: »Ergiebge Rebe, Wachs empor und schling dich eng Her um die geliebte Ulme, Daß ihr Schatten dich umflore,

Dir zu deinem eignen Ruhme Und zu Spaniens Ehr und Frommen Und zur Förderung der Kirche Wie zum Grausen des Mahoma!«

Eine andre Stimme rufet: »Lebe hoch, o Taube, holde, Die für uns du hast geboren Einen Aar mit zweien Kronen,

Zu vertreiben aus den Lüften Jeden raubergebnen Vogel, Mit dem Fittich zu bedecken Jeder Tugend bange Sorgen!«

Noch ein andrer, der noch feiner Gab des raschen Witzes Proben, Sprach, in Augen und im Munde Ausgedrückt das Herz, das frohe:

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