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Das grüne Gesicht: Ein Roman
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The opening · free to read
las der vornehm gekleidete Fremde, der auf dem Fußsteig der Jodenbreestraat unschlüssig stehen geblieben war, auf der schwarzen Ladentafel eines schräg gegenüberliegenden Gebäudes eine kuriose Inschrift aus weißen, auffallend verschnörkelten Buchstaben.
Neugierig geworden, oder um der Menge nicht länger als Zielscheibe zu dienen, die ihn in holländisch bärenhafter Plumpheit umdrängte und ihre Glossen über seinen Gehrock, seinen blanken Zylinder und seine Handschuhe machte, -- lauter Dinge, die in diesem Stadtteil Amsterdams zu den Seltenheiten gehörten, -- überquerte er zwischen hundebespannten Gemüsekarren hindurch den Fahrdamm, gefolgt von ein paar Gassenbuben, die, die Hände tief in die unförmlich weiten, blauen Leinwandhosen vergraben, mit krummem Rücken, eingezogenem Bauch und gesenktem Hintern, dünne Gipspfeifen durch die roten Halstücherknoten gesteckt, sich in schlurrenden Holzschuhen faul und schweigsam hinter ihm dreinschoben.
Das Haus, in dem der Laden des Chidher Grün in einen gürtelartig rings herumlaufenden, rechts und links bis in zwei parallele Quergäßchen sich hineinziehenden schmalen Glasvorbau mündete, schien, nach den trüben leblosen Fensterscheiben zu schließen, ein Warenspeicher zu sein, dessen Rückseite vermutlich in eine sogenannte Gracht abfiel -- eine der zahlreichen, für den Handelsverkehr bestimmten Wasserstraßen.
In niedriger Würfelform aufgeführt, glich es dem oberen Teil eines dunkeln viereckigen Turmes, der im Lauf der Jahre allmählich bis zum Rande seiner steinernen Halskrause -- des jetzigen Glasvorbaues -- in der weichen Torferde versunken war.
Mitten im Schaufenster des Ladens lag auf einem mit rotem Tuch bespannten Sockel ein dunkelgelber Totenkopf aus Papiermaché von unnatürlichem Aussehen, -- der Oberkiefer unter der Nasenöffnung viel zu lang und die Augenhöhlen und Schatten um die Schläfen schwarz getuscht, -- und hielt zwischen den Zähnen ein Pique-As.
»Het Delpsche Orakel, of de stemm uit het Geesteryk«, stand darüber geschrieben.
Große Messingringe, ineinandergreifend wie Kettenglieder, hingen von der Decke herab und trugen Girlanden grellbemalter Ansichtskarten, die warzenübersäte Gesichter von Schwiegermüttern mit Vorhängeschlössern an den Lippen darstellten oder bösartige, mit Besen drohende Ehegattinnen; andere Bildchen dazwischen in transparenten Farben: üppige junge Damen im Hemde, den Brustlatz schamhaft festhaltend, und darunter die Erklärung: »Tegen het licht te bekijken. Voor Gourmands.«
Verbrecherhandschellen, als die »berühmte Hamburger Acht« bezeichnet, daneben ägyptische Traumbücher in Reihen ausgebreitet, künstliche Wanzen und Schwaben (ins Bierglas des Wirtshausnachbars zu werfen), bewegliche Nasenflügel aus Gummi, retortenförmige Glasflaschen mit rötlichem Saft gefüllt: »das köstliche Liebesthermometer oder der unwiderstehliche Schäker in Damengesellschaft«, Würfelbecher, Schüsseln mit Blechgeld, »der Coupéschrecken« (ein unfehlbares Mittel für die p. p. Herren Handlungsreisenden, während der Eisenbahnfahrt dauernde Bekanntschaften anzuknüpfen), bestehend aus einem Wolfsgebiß, das man unter dem Schnurrbart befestigen konnte, -- und über all der Pracht reckte sich aus stumpfschwarzem Hintergrund segnend eine Wachsdamenhand, um das Gelenk eine papierne Spitzenmanschette.
Weniger aus Kauflust, als um der Fischgeruchaura seiner beiden jugendlichen Begleiter zu entrinnen, betrat der Fremde den Laden.
In einem Lehnstuhl in der Ecke, den linken Fuß mit dem arabeskenverzierten Lackschuh über den Schenkel gelegt, studierte ein dunkelhäutiger Kavalier, violett rasiert und mit fettglänzendem Scheitel -- der Typus eines Balkangesichtes -- die Zeitung und blitzte einen messerscharfen, musternden Blick nach ihm, während gleichzeitig eine Art Waggonfenster in dem mannshohen Verschlag, der den Raum für die Kunden von dem Innern des Geschäftes trennte, prasselnd herabgelassen wurde und in der Öffnung die Büste eines dekolletierten Fräuleins mit hellblauen verführerischen Augen und blonder Pagenfrisur erschien.
Im Handumdrehen hatte sie an der Aussprache und dem stockenden Holländisch: »Kaufen, gleichgültig was, irgend etwas«, erkannt, daß sie einen Landsmann, einen Österreicher, vor sich habe, und begann ihre Erklärung eines Zauberkunststückes an drei rasch ergriffenen Korkpfropfen in deutscher Sprache, wobei sie den ganzen Charme wohlgeübter Weiblichkeit in allen Schattierungen spielen ließ, vom Stechen mit den Brüsten nach dem männlichen Gegenüber angefangen, bis zum fast telepathisch-diskreten Hautduftausstrahlen, das sie durch gelegentliches Achsellüften noch wirksamer zu gestalten verstand.
»Sie sehen hier drei Stöpsel, mein Herr, nicht wahr? Ich lege den ersten in meine rechte Hand; hierauf den zweiten, und schließe die Hand. So. Den dritten stecke ich« -- sie lächelte errötend -- »in die Tasche. Wieviel habe ich in der Hand?«
Der Fremde legte zwei Gulden hin, bekam eine Wiederholung des Experimentes zu sehen, das lediglich auf Fingerfertigkeit beruhte, mehrere neuerliche Wellen weiblichen Hautgeruches und schließlich vier Korkstöpsel, die er voll Bewunderung für die kaufmännische Umsicht der Firma Chidher Grün und mit der festen Überzeugung, das Zauberkunststück niemals nachmachen zu können, einsteckte.
»Sie sehen hier drei eiserne Gardinenringe, mein Herr,« begann die junge Dame abermals, »ich lege den ersten -- --« da wurde ihr Vortrag durch lautes Johlen, gemischt mit schrillen Pfiffen, von der Gasse her unterbrochen und gleichzeitig die Ladentür heftig aufgerissen und klirrend wieder ins Schloß geworfen.
Erschreckt drehte sich der Fremde um und erblickte eine Gestalt, deren wundersamer Aufzug sein höchstes Erstaunen erweckte.
Es war ein riesenhafter Zulukaffer mit schwarzem, krausem Bart und wulstigen Lippen, nur mit einem karrierten Regenmantel bekleidet, einen roten Ring um den Hals und das von Hammeltalg triefende Haar kunstvoll in die Höhe gebürstet, so daß es aussah, als trüge er eine Schüssel aus Ebenholz auf dem Kopfe.
In der Hand hielt er einen Speer.
Sofort sprang das Balkangesicht aus dem Lehnstuhl, machte dem Wilden eine tiefe Verbeugung, nahm ihm dienstbeflissen die Lanze ab, stellte sie in einen Regenschirmständer, und nötigte ihn, mit verbindlicher Handbewegung einen Vorhang zur Seite ziehend, unter höflichem: »als 't u belieft, Mijnheer; hoe gaat het, Mijnheer?«, in ein Nebengemach einzutreten.
»Bitt' schön, vielleicht auch weiter zu kommen«, wendete sich die junge Dame wieder an den Fremden und öffnete ihren Verschlag, »und ein wenig Platz zu nehmen, bis sich die Menge beruhigt hat«; dann eilte sie zur Glastür, die abermals aufgeklinkt worden war, stieß einen vierschrötigen Kerl, der breitbeinig auf der Schwelle stand und im Bogen hereinspuckte, mit einer Flut von Verwünschungen: »stik, verrek, god verdomme, fall dood, stek de moord« zurück und schob den Riegel vor.
Das Innere des Ladens, das der Fremde inzwischen betreten hatte, bestand aus einem durch Schränke und türkische Portièren abgeteilten Raum mit mehreren Sesseln und Taburetts in den Ecken, sowie einem runden Tisch in der Mitte, an dem zwei behäbige alte Herren, anscheinend Hamburger oder holländische Kaufleute, mit gespanntester Aufmerksamkeit beim Lichte einer elektrisch montierten Moschee-Ampel in Guckkästen -- kleine kinematographische Apparate, wie das Surren verriet -- stierten.
Durch einen dunkeln, aus Warenstellagen gebildeten Gang konnte man in ein kleines Bureau mit auf die Seitengasse mündenden Milchglasfenstern hineinblicken, in dem ein prophetenhaft aussehender alter Jude im Kaftan, mit langem weißem Bart und Schläfenlocken, ein rundes seidenes Käppi auf dem Haupte und das Gesicht im Schatten unsichtbar, regungslos vor einem Pulte stand und Eintragungen in ein Hauptbuch machte.
»Sagen Sie, Fräulein, was war das vorhin für ein merkwürdiger Neger?« fragte der Fremde, als die Verkäuferin wieder zu ihm trat und die Vorstellung mit den drei Gardinenringen fortsetzen wollte.
»Der? Oh, das ist ein gewisser Mister Usibepu. Er ist eine Attraktion und gehört zu der Zulutruppe, die im Zirkus Carré auftritt. -- Ein sehr ein fescher Herr,« setzte sie mit leuchtenden Augen hinzu. »Er ist in seiner Heimat medicinae doctor -- -- --«
»Ja, Medizinmann. Und da lernt er bei uns bessere Sachen, um, wenn er wieder heimkommt, seinen Landsleuten gehörig imponieren zu können und sich gelegentlich auf den Thron zu schwingen. -- Der Herr Professor des Pneumatismus, Herr Zitter Arpád aus Preßburg, unterrichtet ihn grad,« -- sie hielt mit den Fingern einen Schlitz im Vorhang auseinander und ließ den Fremden in ein mit Whistkarten austapeziertes Kabinett schauen.
Zwei Dolche kreuzweis durch die Gurgel gestochen, so daß die Spitzen hinten herausragten, und ein blutbeflecktes Beil tief in einer klaffenden Schädelwunde stecken, verschluckte das Balkangesicht soeben ein Hühnerei und zog es dem Zulukaffern, der abgelegt hatte und sprachlos vor Staunen, nur mit einem Leopardenfell bekleidet, vor ihm stand, aus dem Ohr wieder heraus.
Gern hätte der Fremde noch mehr gesehen, aber die junge Dame ließ rasch die Portière fallen, da ihr der Herr Professor einen verweisenden Blick zuwarf und ein schrilles Klingeln sie überdies ans Telephon rief.
»Seltsam bunt wird das Leben, wenn man sich Mühe gibt, es in der Nähe zu betrachten, und den sogenannten wichtigen Dingen den Rücken kehrt, die einem nur Leid und Verdruß bringen,« dachte der Fremde, nahm von einem Bord, auf dem allerhand billiges Spielzeug lag, eine kleine offene Schachtel herunter und roch zerstreut daran.
Sie war angefüllt mit winzigen, geschnitzten Kühen und Bäumchen, deren Laub aus grün gebeizter Holzwolle bestand.
Der eigentümliche Duft nach Harz und Farbe nahm ihn einen Augenblick ganz gefangen. -- Weihnachten! Kinderjahre! Atemloses Warten vor Schlüssellöchern; ein wackliger Stuhl mit rotem Rips überzogen, -- ein Ölfleck darin. Der Spitz -- Durudeldutt, ja, ja, so hat er geheißen -- knurrt unter dem Sofa und beißt der beweglichen Schildwache ein Bein ab, kommt dann, das linke Auge zugekniffen, schwerverstimmt hervorgekrochen: die Feder des Uhrwerkes ist losgegangen und ihm ins Gesicht gesprungen. -- Die Tannennadeln knistern, und die brennenden roten Kerzen am Christbaum haben lange Tropfbärte. --
Nichts vermag die Vergangenheit so schnell wieder jung zu machen, wie der Lackgeruch von Nürnberger Spielzeug, -- der Fremde schüttelte den Bann ab, »es wächst nichts Gutes aus der Erinnerung: erst läßt sich alles süß an, dann hat das Leben eines Tages plötzlich ein Oberlehrergesicht, um einen schließlich mit blutrünstiger Teufelsfratze -- -- -- nein, nein, ich will nicht!« -- er wandte sich dem drehbaren Büchergestell zu, das neben ihm stand. »Lauter Bände in Goldschnitt?« -- Kopfschüttelnd buchstabierte er die wundersamen, ganz und gar nicht zur übrigen Umgebung passenden, gekerbten Rückentitel: »Leidinger, G., Geschichte des akademischen Gesangvereins Bonn,« »Aken, Fr., Grundriß der Lehre vom Tempus und Modus im Griechischen,« »Neunauge, K. W., Die Heilung der Hämorrhoiden im klassischen Altertum«? -- »nun, Politik scheint, Gott sei Dank, nicht vertreten zu sein« -- und er nahm: »Aalke Pott, Über den Lebertran und seine steigende Beliebtheit, 3. Band« vor und blätterte darin.
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