
Public-domain ebook
Briefe einer Deutsch-Französin
by Annette Kolb
Language: de356 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: Essays, Letters & Speeches·German Literature·French Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #46550.

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The opening · free to read
Ich denke zurück an die paradiesischen Tage dieses Sommers vor Ausbruch des Krieges, da keiner noch an ihn glaubte . . . Nie zuvor, erinnert ihr euch, hing der Sommerhimmel so beschwichtigend und waren unsere Wälder so in sich versunken. Nie sah man die Schwalben so beseligt um die Kirchtürme streichen und unsere Wege und Brücken so versonnen stehen. Und nie standen auch -- erinnert ihr euch? so viel schmucke Häuser fertig -- Bilder unseres Glückes -- und kletterten blumengeschmückt alle Hügel hinauf. Und über sie alle hin, erinnert ihr euch, die Mondsichel, die wie in Verzückung schwebte?
Die Ersten, welche da von der Gefahr dieses Krieges redeten, verhöhnte man . . . Aber dann trieb uns eine plötzliche Angst in unsere schon verwandelten Städte zurück. Und dort wuchs schon wie ein ungeheures Vorspiel jene Unruhe an, die uns alle ins Freie stieß, wie jene Toten, von denen steht, daß es sie aus ihren Gräbern hervortrieb, in den Straßen Jerusalems zu wandeln, als der Vorhang des Tempels zerriß. Denn also schwebte wieder ein Kreuz über unseren Häuptern, und wie jene Toten litt es uns nicht in der Enge unserer Behausungen. Und junge Frauen, die sich aus der stummkreisenden Menge schlichen, wähnend, daß sich in der Verborgenheit der eiserne Ring um ihre Herzen in Tränenströmen lösen würde, traten alsbald steifen Auges wieder vor ihre Tür. Und wie sich dann mit dem Verhängnis die Spannung wie ein Nebel hob und jene todgeweihten Heldenmienen offenbarte, über Nacht zu Antiken gemeißelt! so daß alle Fremden, die noch auf unserem Territorium weilten, uns hingerissen ihre Liebe schwuren, bevor sie flohen. Sie erinnern sich wohl.
Den Zurückgebliebenen aber saßen schon die Augen im Kopfe, mit denen der Gefangene zu dem kleinen Streifen des unendlichen Himmels emporsieht. Wer aber da wieder hinaustrat in die Natur, wem es etwa beifiel, sich auf den Gipfel eines Berges vor der betörten Menschheit zu flüchten, mit ihrem Haß zerfallen und weil er untüchtig ist zu begreifen, daß zur Ergänzung, ja, wie Liebende zur Ergänzung geschaffene Nationen sich hinschlachten sollen; wie ein neuer Philoktet stünde der vor den verklärten Höhen und den friedlichen Herdenglocken, seiner Qual immer neu überwiesen. Wie Philoktet mit der schwärenden Fußwunde jede Betrachtung, die er faßt, was immer er sagt oder vernimmt, mit seinem Schmerzensgeheul unterbricht, so wird ihm jeder Gedanke zerrissen, jeder Schlag seines Herzens durch das Bewußtsein dieses grauenhaften Krieges zerhämmert.
Es ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nicht unpatriotisch ist), europäische Worte in unseren plombierten Ländern auszusprechen. Aber einer muß doch anfangen. Ich will jedoch niemandem Ungelegenheiten bereiten, ich will auch nicht mißverstanden werden. Und ich will nicht diskutieren. Das ist heute zu viel verlangt.
Du und ich aber, wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum richte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und du, der vielleicht nur mehr Augen für das Unsichtbare hast, du siehst, wie überschwenglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet hätte, um abzuwenden, was heute in der Welt geschieht. Wir waren wohl zu leicht befunden und unser zu wenige, die wir uns gerne zu Geiseln geschart und den Gorgonen entgegengeworfen hätten, ihre wütenden Schritte und auf ihren Häuptern die entsetzlichen Natterngewinde zu bannen -- die nun entfesselten -- deren giftige Brut überall nistet. Ja, wo die gütige Erde Saaten und Früchte trug und die friedliche Kornblume sproßte, dort wogen jetzt sie geschäftig über die verwüsteten Acker und würgen die Männer dahin, während ihr Gift, wie fernwirkende Geschosse, die unverschonten Frauen ereilt, die weit weg in den geschützten Städten die Agonie ihrer Männer vernehmen. So ist jetzt die Welt.
Hat nicht ein jeder im Leben Momente gehabt, über die er nicht hätte hinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, daß etwas im Menschen sein müsse, das alle irdischen Begegnisse überschwebt und also überschweben kann, wenn er sich nicht selbst aufgibt.
Diesen Satz las ich heute. Wer ist man? Und doch gilt es, die Treue an sich selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen kostet. O verlasse mich nicht! Du siehst, wie jetzt die Leute ihre Fenster schließen. Der Wind, der über die Erde rauscht, ihnen trägt er nichts zu; jeder weiß, wo er hingehört, und scharf und wie geschliffen fällt seine Tür ins Schloß. Nur ich bin heimatlos durch diesen Krieg geworden: Ja -- hätte Gott, der den Arm Abrahams (den zur Opferung des Sohnes schon erhobenen) zurückhielt, hätte er dem rückwärtigen Lauf des Höllenrades Einhalt geboten, und angesichts so viel wundervoller Bereitheit zu sterben sich erbarmt, dann würde freilich auch ich mich freuen, das Präludium dieses Krieges erlebt zu haben. Denn wer vergäße je der Gesichter, die er da sah.
Doch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Erstechen und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen anging, von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoßene; von einer solchen Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot.
Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den Menschen und fürchte mich seitdem. Sonst so städtisch, treibt es mich seitdem in schlafende Dörfer, in unbegangene Wälder hinein, als gebe es noch eine Flucht, und als sei die Tatsache dieses Krieges nicht längst ins Weglose eingetragen und brütete nicht über das verlassenste Moor. Selbst die reinen Linien der Berge sind von ihm durchfurcht, von grauenvollem Wissen ist der Mond umhaucht; keine Alm steht mehr in ihrer Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen ließ, das gemahnt jetzt alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Türklinke können wir die Hand unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot gebacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn. Wie leicht dünkt mir dagegen dein Schlaf! und du selbst wie bevorzugt, wie unaussprechlich vornehm, daß du diesen Zusammenbruch, Europas unsterbliche Blamage, nicht mehr erlebtest.
Daß aber die Dummheit solche Triumphe feiern, und ihre Fanfare mit einem solchen Geschmetter dreinfahren würde, nein, das glaubten wir nicht. Auch wenn wir es sagten. -- Und dennoch sahen wir die Völker Europas gutwillig in einen Haß ausbrechen, den sie Tags zuvor entrüstet von sich wiesen. Denn ach! es stand geschrieben -- und in der Politik wie in allem wird der Nachdenkliche gar bald zum Fatalisten -- es stand geschrieben, und in jedem Staate wiederholte sich dasselbe fürchterliche Schauspiel, daß nicht die besten Köpfe bestimmen durften. Und so wurde die Intelligenz Europas von ein paar Leuten unterjocht, welche teils auf diesen Krieg hinarbeiteten, teils ihn nicht zu hindern verstanden und ihn so gemeinsam verschuldeten; sie aber durften sich ruhigen Sinnes auf die Straße begeben, von der Volkswut verschont, welche schon anfing, unschuldige Menschen über die Grenzen zu jagen.
Und alsbald geschah es, daß dort, wie auf einen Wink des Antichristen hin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und sich als finstere Kulissen entlang zogen; und daß ein kranker Wind sich erhob und Scharen Unglücklicher wie müde Spreu hinüberwirbelte; sie wußten nicht wie; so schnell! Eben noch als Freunde sich am Halse liegend, mitleidig angestarrt -- aber ein neuer Windstoß, und sie waren schon geächtet, und ehe sie die Straße überschritten, ihres Lebens nicht mehr gewiß, verängstet und verflucht.
Und zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu wimmeln und sich zu regen an von geschäftig sich drängenden, unübersehbaren Schwärmen, aus den verlorensten Tälern aufgeflogen, und alle in ihrem künstlichen Haß zu den künstlichen Felsen hingetrieben, aus deren Schacht nunmehr heißes Blut ächzend hervorbrach, zu Bächen, zu Strömen qualvoll unversiegbar anschwellend, doch stets so, o Gott! daß die Schmerzensrufe der einen mit ihrem weithallenden Echo des Jammers zugleich den Vorteil des anderen bedeuteten.
Daß in dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen bleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt aufnehmen, der sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich die Geschichte meiner beiden Vaterländer den Roman, um den das Schicksal unseres Kontinents sich drehe. Wird man mir eher glauben als zuvor?
Wir sind am Ende des ersten Bandes angelangt, wo noch einmal alles verschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann, sind wir, die heute keine Kinder mehr sind, ermattet oder dahin. Das Wirrsal ist zu groß. Ich ersticke. Es ist zu spät. Lasciate . . .
Allein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe, wenn auch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber nur von dem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachten wird endlich, unter tausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse fortbewegt. Doch die Gemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die gewagtesten sind. Niemand trägt heute in Europa freieren Gewissens sein geteiltes und zerhämmertes Herz, und nur allzu billig fiele mir der Beweis, daß meine geteilte Liebe eine verdoppelte und keine verminderte ist. Nie aber glaube ich erging noch die Forderung so gebieterisch an das Gewissen derer, die nicht im Felde stehen, sich auf die Unze genau zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in ihrer Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten. Es wäre gemein zu fordern, daß einer, der seiner Abstammung nach in gleichem Maße zwei Nationen angehört, heute die eine oder die andere verleugne. Heute nicht! Vor all dem vergossenen Blute erhebt sich heute die Stimme des Blutes lauter als alles. Wie es heute in einem Halbfranzosen Deutschlands aussieht, das weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in der Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten Häuser unserer Grenzorte, die, wechselseitig umstritten, von den Kugeln beider Gegner zerschossen liegen, so sind wir in uns selber zusammengestürzt.
Du weißt: ich hatte mich von meinen deutschen Landsleuten dadurch vielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war, ihnen anzugehören, und daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines Deutschtums so begeistert herumging. Aber du hast auch gehört, wie unermüdlich ich ihnen zurief: Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der Eurer westlichen Brüder ist für das Heil Europas unerläßlich und die Stunde für eine Anleihe ihrer Qualitäten hat geschlagen. Denn nicht eher seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich weiß es schon, Ihr seid gründlicher, männlicher, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr seid die politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht es nicht, mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen fertig brachten. Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen voll Besorgnis zu. Nicht so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da! Falsch!
Leute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz daheim) eine Versöhnung der deutschen und französischen Elemente verkörpern, waren sicherlich vor allen anderen befugt, ihre Meinung abzugeben. Die Kluft war ja so groß geworden, daß außer uns, die Mitte Weges standen, nur ganz Wenige sie überschauen konnten. Doch wer achtete unser? -- sie wußten es besser, hier wie drüben; und da alles fehlschlug, zog man es vor, die Franzosen für erledigte, die Deutschen für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! -- Indessen glauben sie's noch immer! Ach und mir dünkt, es ist gerade genug für ein Menschenherz, seinen Jammer und seine Sorge um die Not eines Volkes in unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie wir werden auch noch am Tage des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Jerusalem und seine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach wir sind es, die hätten sterben sollen!
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