Storieta
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About this book

Dieses Werk ist ein dramatisches Schauspiel, das Schiller nicht als reine Bühnendarstellung, sondern als „dramatische Geschichte“ versteht, deren Ziel es ist, die tiefsten Bewegungen der Seele zu erfassen. Bereits im Vorspann erklärt er, dass das Stück die Komplexität menschlicher Handlungen – mit ihren tausend Rädern – darstellen will, ohne sich den engen Grenzen klassischer Theatertheorie zu beugen. Der erste Akt führt uns in ein Moor‑Schloss, wo ein alter Mann, Franz, mit seinem Sohn Karl (oder Karl Moor) über einen Brief aus Leipzig diskutiert, der von Schuld, Verzweiflung und familiären Verstrickungen berichtet. Die Sprache ist dicht, voller philosophischer Reflexionen über Laster, Tugend und die moralische Verantwortung des Autors, und bereits hier wird die Spannung zwischen persönlicher Tragödie und gesellschaftlicher Kritik deutlich.

Der Stil ist typisch für das späte 18. Jahrhundert: rhetorisch anspruchsvoll, mit langen, verschachtelten Sätzen und einer Mischung aus poetischer Erörterung und dramatischer Dialogführung. Schillers Sprache schwankt zwischen leidenschaftlicher Erörterung und szenischer Darstellung, was das Werk zu einem anspruchsvollen Leseerlebnis macht. Leserinnen und Leser, die Interesse an klassischer deutscher Dramatik, an philosophisch fundierten Charakterstudien und an der Auseinandersetzung mit Themen wie Erbe, Moral und menschlicher Großartigkeit haben, werden an diesem Stück Gefallen finden.

Characters in Die Räuber

  • FranzElderly nobleman, silver hair, trimmed beard, austere 18th‑century attire, solemn expression
  • KarlYoung aristocrat, dark curls, sharp features, military coat, intense gaze

The opening · free to read

~Herrmann~, Bastard von einem Edelmann.

~Daniel~, Hausknecht des Grafen von Moor.

~Pastor Moser~.

Ein Pater.

Räuberbande.

Nebenpersonen.

(Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit ohngefähr zwei Jahre.)

Vorrede.

Man nehme dieses Schauspiel für nichts anderes, als eine dramatische Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geitzen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet seyn, daß sich drei ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vier und zwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle in einander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzuengen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.

Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt, und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit gesetzt, wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattirt werden, und die Tugend im Kontraste mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nakten Abscheulichkeit enthüllen, und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der Menschheit stellen -- er selbst muß augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, -- er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.

Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es lößt in Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktionen auf, skeletisirt die richtende Empfindung, und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr -- dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts -- beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfey hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander zu gliedern -- und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr's gelungen hat -- Ich denke, ich habe die Natur getroffen.

Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äusserste Laster nur reitzet um der ~Grösse~ willen, die ihm anhänget, um der ~Kraft~ willen, die es erheischet, um der ~Gefahren~ willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Katilina zu werden. Unglückliche Konjunkturen entscheiden für das zweyte, und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war der seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dörfen, daß ich dieses Gemählde so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geisselt.

Auch ist itzo der ~grosse Geschmack~, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr passirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der ~Schrift~ muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? -- Ich kann hoffen, daß ich der ~Religion~ und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwillige Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.

Aber noch mehr. Diese unmoralische Charaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaftesten ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbilds aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.

Klopstok's Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Abscheu schmilzt. Milton's Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Greueln noch ein großes staunenswürdiges Weib, und Shakespear's Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu thun ist, ~ganze~ Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tyger gewarnt haben will, so darf ich seine schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen, damit man nicht den Tyger beim Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äussert eine zurückstossende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekrizel eines Messers auf Glas.

Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu: bei jenem, daß er das Laster nicht ~ziere~, bei diesem, daß er sich nicht von einer schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen. ~Meinerseits~ entscheide ein Dritter -- aber von meinen Lesern bin ich es ~nicht~ ganz gesichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt, (unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglück -- den Ton an. Zu kurzsichtig, mein ~Ganzes~ auszureichen, zu kleingeistisch, mein ~Grosses~ zu begreifen, zu boshaft, mein ~Gutes~ wissen zu wollen, wird er, fürcht' ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu finden meynen, und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.

Es ist das ewige =Dacapo= mit Abdera und Demokrit, und unsre guten Hippokrate müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu seyn, und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt' ich, den Schwachherzigen zu frommen, der Natur minder getreu seyn sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt, und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle -- Feuer -- und Wasser konfiscirt werden?

Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe, mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er -- nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.

Geschrieben in der Ostermesse. ~1781~.

Der Herausgeber.

Erster Akt.

Erste Scene.

Franken.

Saal im Moorischen Schloß.

Franz. Der alte Moor.

~Franz.~ Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.

~Der alte Moor.~ Ganz wohl, mein Sohn -- was hattest du mir zu sagen?

~Franz.~ Die Post ist angekommen -- ein Brief von unserm Korrespondenten in Leipzig --

~D. a. Moor.~ (Begierig.) Nachrichten von meinem Sohne Karl?

~Franz.~ Hm! hm! -- So ist es. Aber ich fürchte -- ich weiß nicht -- ob ich -- eurer Gesundheit? -- Ist euch wirklich ganz wohl, mein Vater?

~D. a. Moor.~ Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? -- wie kommst du zu dieser Besorgniß? Du hast mich zweymal gefragt.

~Franz.~ Wenn ihr krank seyd -- nur die leiseste Ahnung habt, es zu werden, so laßt mich -- ich will zu gelegnerer Zeit zu euch reden, (halb vor sich.) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen Körper.

~D. a. Moor.~ Gott! Gott! was werd' ich hören?

~Franz.~ Laßt mich vorerst auf die Seite gehn, und eine Thräne des Mitleids vergiessen um meinen verlornen Bruder -- ich sollte schweigen auf ewig -- denn er ist euer Sohn: Ich sollte seine Schande verhüllen auf ewig -- denn er ist mein Bruder. -- Aber euch gehorchen, ist meine erste traurige Pflicht -- darum vergebt mir.

~D. a. Moor.~ O Karl! Karl! wüßtest du wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! Wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehen Jahre zusetzen würde -- mich zum Jüngling machen würde -- da mich nun jede, ach! -- einen Schritt näher ans Grab rückt!

~Franz.~ Ist es das, alter Mann, so lebt wohl -- wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über eurem Sarge.

~D. a. Moor.~ Bleib! -- Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu thun -- laß ihm seinen Willen, (indem er sich niedersetzt.) Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied -- laß ihns vollenden.

~Franz~ (nimmt den Brief aus der Tasche.) Ihr kennt unsern Korrespondenten! Seht! Den Finger meiner rechten Hand wollt ich drum geben, dürft' ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer giftiger Lügner -- -- Faßt euch! Ihr vergebt mir, wenn ich euch den Brief nicht selbst lesen lasse -- Noch dörft ihr nicht alles hören.

~D. a. Moor.~ Alles, alles -- mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.

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