Storieta
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About this book

Der Text ist ein ausgedehntes Panorama der europäischen Gesellschaft zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, das in einer einzigen, fließenden Passage beginnt. Der Erzähler verknüpft Wetterphänomene, militärische Manöver und politische Ereignisse – von Schneestürmen in den Alpen über D’Annunzios Auftritt in Fiume bis zu den Verwicklungen des deutschen Reichspräsidenten in München – mit persönlichen Begegnungen und literarischen Anspielungen. Dabei entsteht ein mosaikartiges Bild, das sowohl die Oberflächlichkeit von Paraden und Flaggen als auch die inneren Konflikte von Politikern, Künstlern und einfachen Bürgern schildert. Das Werk versteht sich als kritische Reflexion über die wechselhaften Ideale von Republik und Monarchie, über die Rolle der Kultur in einer von Krieg und Umbruch geprägten Zeit und über das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.

Der Stil ist bewusst barock, dicht und von einer fast lyrischen Rhetorik durchzogen, die an die langen, verschachtelten Sätze des späten Fin de Siècle erinnert. Die Sprache schwankt zwischen historischer Dokumentation, satirischer Beobachtung und philosophischer Abhandlung, was das Buch zu einem anspruchsvollen Leseerlebnis macht. Leserinnen und Leser, die sich für die Kultur‑ und Sozialgeschichte Europas, für kritische Literaturkritik und für ein intensives, bildreiches Prosa‑Erlebnis interessieren, werden an diesem Werk Gefallen finden. Es spricht besonders jene an, die Freude an komplexen, vielschichtigen Texten haben, die Politik, Kunst und Alltag in einem einzigen, dynamischen Strom verweben.

Who appears in this book

  • D’AnnunzioElegant early‑20th‑century Italian aristocrat, dark wavy hair, trimmed moustache, military dress uniform with medals, aristocratic bearing
  • German ReichspräsidentMiddle‑aged German statesman in 1920s, short grey hair, round spectacles, dark suit with waistcoat, solemn expression

The opening · free to read

Erster Vormittag

Mijnheer, wir sind eingeschneit.

Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der Schneesturm schon den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und um Herzogenhorn ballt sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental häuft sich der Schnee schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher Lage, war es am Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf, ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon fast italienische Sonne glühte über Tirol das Gebirge zu Metall.

An diesem Tag zog D'Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der »Doppelköpfigen Nymphe«. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder nicht? Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich umgedreht!

Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg, während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers präpariertem Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die Einschußrichtungen seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem Proletarischen hin ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen Paraden ab über die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen belgische Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen sehen Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bäder der deutschen Ostsee-Küste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in Amerika übergibt seine Beglaubigung im Namen von »The German Empire«, und man antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine Republik. In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat Rupertus Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich am Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.

Sie interessieren sich nicht für Politik?

Ich auch nicht.

Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!

Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher die bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die Lichtenthaler Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein als Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit Bettlaken nachts in Droschken zum alten Schloß, Gespenster für harmlose Passanten zu spielen. Die Fürstin Gagarin telegraphierte aus Syrakus an ihr Palais Stourdza, um ihre Ankunft zu melden: »Préparez trois cotelettes pour les chiens«, hier wurde den Gazellen des siamesischen Sultans jeden Morgen in einem Springbrunnen ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen Portugiesenprätendenten eine Straße gebaut, um zwei Gärten zu vereinen. Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre Triumphe feierte, beginnt einige Jahre nach Krieg und Revolte unbedrückt vor Angst, daß niedere Klassen mit Schüssen und Raub darauf antworten, unter jahrhundertalten Bäumen das Leben wieder feierlich und reich zu spielen.

Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen Höhen, und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den wohligen Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten Nachthimmel. Die Blüte aller Bäume von Flieder bis Magnolien und von den feierlichen Kastanien bis zu den wilden Rosen und Geisblatthecken wird dieses Jahr zusammenfallen, und die von den Fontänen besprühten siebenfarbenen Rhododendronbüsche werden vor der Spiegelfassade des Hotel Stefanie mit unbekannter unterdrückter Leidenschaft blühen.

Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen, aber Hollands und Amerikas Kleinbürgerschaft wird die wundervolle Burg des großen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der früheren Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis Zweitausend usw. die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: »Enrichissez-vous!« hat nach jeder Revolte und jedem endlosen Krieg sein Publikum verstanden, eine neue Schicht, die nach Leben und Wirkung mit allen Zähnen bleckt, ist aus der Tiefe aufgehoben worden und hat von der Oberfläche die seitherigen Gebieter ablaufen lassen. Aber Gambettas Beispiel, der die Subskriptionsbälle für die neue Gesellschaft seines Landes schuf und Salons aus der Erde zauberte, indem er flüsterte: »La république manque de femmes«, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden. Die Elite des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unversöhnlich, ja vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die Weltmännischkeit besaßen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an kaum einem sichtbaren bürgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich kenne keinen Republikaner außerhalb des Klüngels der Politiker und Schreiber. Ja sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit einem Überguß Schwefelsäure auf seiner äußersten Linse das politische Bewußtsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrübt und gelangweilt, seit Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und Äckern nur die Farben der Vorkriegszeit.

Man mußte den manischen Alten, der vor Sucht nach einem Republikaner verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zuführen, die Sehnsucht nach der Republik hatte ihm seinen Beruf und seine wissenschaftliche Carriere gekostet. Kein Bankier kaum ansonst, kein Industrieller, der auf die neue Flagge schwört und höchstens einige Juden, die verschämt über die Thora mit ihr kokettieren. Selbst die Direktoren demokratischer Industrieregenten wagen in Ruhrort und Recklinghausen und Duisburg nicht, durch das gleiche Bekenntnis wie ihr Zar dem gesellschaftlichen Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft heißt in Deutschland nicht wie in anderen Ländern: durch die Jahrhunderte in einem Rassebewußtsein zu gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert sein, sondern heißt jene Clique, die vor dem Krieg zufällig verdiente, adlig war und die Ämter beherrschte. Die schwört heute auf die Reaktion. Die arbeitende Klasse kämpft, schon in der Verteidigung wieder, um den Achtstundentag. Die großen Auseinandersetzungen werden noch kommen.

Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem gläsernen Regenbogen steht die Republik.

Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar die Plätze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den Ötztaler Alpen vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den Schlössern zusammenströmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostümen der Mode von vor fünfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft, aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veräußern, noch exklusiver wie früher, und einen gewissen tötlichen Stolz in den zwanzigjährigen Gesichtern. Das ist Deutschland.

Bald haben alle Fürsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und alle schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den vorletzten Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich die Niederlage an die Köpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den Prügeljungen entdeckte. Für unser Schrifttum ist der Haufen Papier ein verwegenes Nichts, für die Erinnerungsliteratur keine Bereicherung des Stolzes, der letzte große Memoirenschreiber der Deutschen aber, der pfaueneitle jedoch illustre Fürst von Muskau hätte mit einer Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste abgelehnt: »Quelle blague.« Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer einen früheren russischen Attaché, der Schweine für die deutsche Regierung in Belgrad gekauft hatte, der riet, zur Südsee auszuwandern mit einem Harem von Frauen und schönen Tieren, und fünfzigjährig in das dann befriedete Europa zurückzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperboräern jagt, um erst wieder, von Päanen gerufen, im Frühling zum silbernen Kephissos und seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurückzukehren.

Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich langsam wieder in ein festes Bett zurückstemmt und er wußte, daß nicht die Spur nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des Geschwätzes, und daß elementare Gewitter nicht durch Beschwörungen der Regenmacher sondern nur durch elementare Ausströmungen langsam sich sänfteten.

Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira hätten Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir William Loyd Davkins in »Manchester Guardian« hinzufügt, ihre Köpfe seien groß wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern hätten zwölf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich bin, obwohl alle Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene Seligkeit der Erde mit beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und barbarisch dunklen Meeren dahinter locken . . . . ich bin für Bleiben.

Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und des dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten Anwälte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesättigter in ihrer zuckenden Röte als die des großen Korsen. Die Ausschweifungen der noblen Jugend, die Reisen ins Tropische unserer Leidenschaft sind uns verdorben. Die Sommernachtsfahnen der Freude haben unter anderen Sternen anderen Generationen geflaggt. Es gibt nur eine Haltung des Anstandes, in den Krisenfeuern, in denen Europa sich anschickt einen neuen Stern zu gebären oder zu krepieren, mitten im Land und unter seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen zur Lösung oder zu neuem Kurs sie zu überreden, oder wie auf einem Schiff mit ihnen zu ersaufen . . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der Politik zu sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur Zeit, wo Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden Familien war) erschießen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie Tataren aber gütig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener Thomas Münzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete, unflätig in den Gesten aber in den Herzen voll dunkel flackernder Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur dem hoffnungslosen Kampf dafür unbegabter aber herrlicher Menschen mit der Politik in einer mitleidlosen Zeit beizuwohnen.

Diese Deutschen!

Man muß hinter Düsseldorf am Rhein gelegen sein, um die Größe dieses Landes mit dem stillen Verströmen des Flusses zu spüren. Man muß zwischen Bingen und Sankt Goar seine Romantik fliegen gesehen haben voll jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben die Spessartwälder gedröhnt von der Musik ihrer donnernden Wölbung. Wie haben die bayrischen Seen unter der Pranke des Herbstmonds mit aufschießenden Nebeln gebuhlt und die Morgenberge mit wilder Idylle gespiegelt. Wie hat der sommerliche Schwarzwald vor Behagen aus allen samtenen Fichtenhängen geraucht und die Nacht noch sanfter an den glatten Muskeln des Vogesenbruders in den Rheingau fallen sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen aufgezittert und wie reif sind über der Mosel die Sonnensegnungen gelegen.

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