Ein flüchtiges Lächeln huschte über das ernste Gesicht der Hausfrau, sie legte sorgsam ihre Arbeit zusammen und ging, die Nachrichten zu hören, die ihr ihre Verwandten sagen ließen. Jungfer Karoline oder, wie sie sich lieber nennen hörte, Demoiselle Karoline, folgte in zierlichem Tanzschritt ihrer Herrin nach. Die Jungfer war ein rechtes Faktotum in Kloningken, sie vereinigte viele Ämter in einer Person und war Wirtin, Gesellschafterin und Kammerzofe zugleich. Vor allem aber war sie die Vertraute ihrer Herrin in vielen Dingen. Sie war in der Jugend Frau von Seeheims Spielgefährtin gewesen und hatte die heiteren Mädchenjahre mit ihr verlebt. Später hatte sie dann mehrere Jahre in einem reichsgräflichen Hause als Zofe gedient und hatte dort, wie sie stets betonte, feine Manieren und Sprache gelernt, durch die sie nun im Dorf Kloningken und bei den übrigen Dienstboten in besonderem Ansehen stand.
Kaum hatte Herrin und Dienerin das Zimmer verlassen, als Luise aufsprang. »Uf,« rief sie, »gut, daß die Frau Pate hinausgegangen ist, Renate, schilt nicht, ich kann nicht mehr arbeiten, ich bin schon ganz steif von diesem ewigen Stillsitzen.« Sie warf die Leinewand, an der sie gearbeitet hatte, hoch empor und fing sie lachend wieder auf. »Kinder, hört, ich muß wirklich einmal in den Garten gehen.« Sie raffte ihr Rosakleid zierlich zusammen und machte eine tiefe Verbeugung, genau so wie vorher Jungfer Karoline, und sagte feierlich: »Wollen die Demoiselle mich gnädigst entschuldigen, und wenn der Herr Junker und der Herr Bruder mich gütigst begleiten wollen, möchte ich anjetzo eine Promenade in den Park unternehmen!« --
»Ob du wohl jemals ernsthaft sein kannst, Luise,« sagte der ältere der beiden Knaben etwas vorwurfsvoll. Er war ein hoch aufgeschossener Jüngling von sechzehn Jahren, ebenso dunkelhaarig wie die Schwester, mit feurigen, braunen Augen und einem trotzig ernsten Zug in dem hübschen Gesicht. Sein Gefährte war kleiner und er sah, trotzdem er nur einige Monate weniger zählte, viel jünger aus. Er glich im Schnitt des Gesichtes, in Haar- und Augenfarbe der Dame des Hauses, nur lag in seinen Zügen eine frohsinnige Heiterkeit, und er schien auch mehr Lust zu haben, auf Luises Scherz einzugehen.
»Warum schiltst du mich, Walter?« schmollte diese. Sie verzog weinerlich die roten Lippen, während große Tränen in ihre Augen traten. Klagend sagte sie: »Sieh doch, wie die Sonne scheint, alles blüht draußen, die Vögel singen, ach, es ist so schön, aber wenn ich mich freuen will und lachen, dann werde ich scheel angesehen!«
Begütigend nahm Renate ihre Hand, »Walter hat es nicht böse gemeint, lache du nur ruhig, wenn es dir danach zu Sinn ist. Nimm Fritz und gehe mit ihm in den Garten, die Frau Tante wird nicht schelten, ich werde rasch deinen Saum fertig nähen!«
»Renate hat recht, Walter! Laß Luise sich doch freuen, sie ist ja noch ein Kind!«
Luise hob das Köpfchen und warf trotzig die Locken in den Nacken. »Pah, ich bin kein Kind, ich werde im November zwölf Jahre alt und du bist noch nicht mal sechzehn!«
Hans-Heinrich lachte. Er verbeugte sich sehr tief und sehr feierlich und bat schelmisch: »Wollen Euer Gnaden mir gnädigst Verzeihung gewähren, und darf ich die Ehre haben, die furchtbar alte Demoiselle in den Garten zu geleiten?«
Von Luises Gesicht wich rasch alle Trauer. Sie hing sich lachend an des Freundes Arm, nahm Fritz an die Hand, und die kleine Gesellschaft verließ unter munterem Geplauder das Zimmer. Bald erschallten vom Garten herauf ihre heiteren Stimmen, erst nah, dann fern und ferner, zuletzt verhallten sie ganz und in dem Zimmer war es wieder still geworden. Mit einem leisen Seufzer beugte sich Renate wieder über die Arbeit und emsig flog die Nadel auf und ab. Walter las weiter in seinem Buche. Er hatte alles um sich herum vergessen und er schrak ordentlich zusammen, als leise die Tür klappte und Frau von Seeheim wieder das Zimmer betrat. »Die andern sind in den Garten gegangen,« sagte Renate, die den fragenden Blick der Tante verstand.
»Luise kann es nie bei einer Arbeit aushalten,« sagte diese ein wenig mißbilligend. Sie nahm ihren Platz am Fenster wieder ein, sie nahm ihre Arbeit aber nur lässig in die Hand. Der sorgenvolle Ausdruck auf ihrem Gesicht hatte sich vertieft und immer wieder ruhten ihre Blicke auf einem Bild, das ihr gegenüber an der Wand hing.
Es stellte einen Offizier in Kürassieruniform dar, einen schönen Mann, mit einem heiteren, frohen Ausdruck im Gesicht, um den Rahmen aber schlang sich ein schwarzes Florband.
Renate sah dies wohl. »Die Tante hat Sorgen,« dachte sie schmerzlich bewegt, »vielleicht hat sie eine traurige Nachricht bekommen! Was mag es sein?«
Fast beklemmend wurde die Stille im Zimmer, zuletzt ließ auch Renate ihre Arbeit sinken und starrte hinaus in den vom Sonnenschein überfluteten Garten. Draußen war es so schön und friedlich, trotzdem stieg in dem Herzen des jungen Mädchens eine heiße Angst empor, sie meinte in der Ferne ein dumpfes Dröhnen zu hören. Sie hatte ein Gefühl, als käme ein Unheil näher und näher und bange lauschte sie.
2. Kapitel.
Ungebetene Gäste.
Man schrieb das Jahr 1812. Seit sechs Jahren war Frau Friederike von Seeheim, die Herrin von Kloningken, Witwe. Ihr Gatte war in der unglückseligen Schlacht bei Jena gefallen und wenige Wochen später war ihr ältester Sohn bei Eylau tödlich verwundet worden. Man hatte den jungen Fähnrich nach Kloningken gebracht und dort war er nach etlichen Tagen in den Armen seiner Mutter gestorben.
Seit jener Zeit hatte Frau von Seeheim das Gut nicht mehr verlassen. Sie widmete sich ganz der Erziehung ihres jüngsten Sohnes Hans-Heinrich, des einzigen, der ihr von vier Söhnen geblieben war. Die anderen beiden waren schon im zartesten Alter gestorben. Tatkräftig, mit starker Hand verwaltete Frau Friederike ihren Besitz, sie war nicht milde und darum oft mehr gefürchtet als geliebt von ihren Untergebenen, aber sie war gerecht. Freilich ihre Liebe konnte sie niemand geben, die gehörte fast ausschließlich ihrem Sohn. Der war ihr Abgott, ihr Liebstes auf der Welt, und im Herzen zitterte immer die heimliche Angst, der Sohn könne eines Tages den Beruf des Vaters ergreifen wollen. Im Äußeren glich Hans-Heinrich seiner Mutter, im Wesen seinem Vater. Er besaß die gleiche heitere Liebenswürdigkeit und den sorglosen Mut wie sein Vater, der am Morgen der Schlacht mit einem Lachen auf den Lippen in den Kampf gezogen war. Wohl blieb der Ernst der Zeit nicht ohne Einfluß auf den Knaben und er konnte mit blitzenden Augen und heißen Wangen mit seinem Freunde Walter Flemming von Krieg und Freiheit sprechen. Dann aber tollte er auch wieder übermütig durch den Park und verschmähte es nicht, mit Luise und Fritz Flemming Ritter und Räuber zu spielen oder auf dem See, der dicht bei dem Gute lag, lustige Wasserfahrten mit ihnen zu unternehmen.
Walter Flemming war viel ernster als Hans-Heinrich, trotzdem er so wenig älter war. Auf dem hochbegabten Knaben lastete die Stille von Kloningken oft schwer, die Heimat erschien ihm oft so eng und klein, und er sehnte sich hinaus in die weite Welt, in den Kampf. Er war vor einem Jahre etliche Wochen in Königsberg gewesen und dort hatte er, durch einen Vetter, einen Kreis junger Männer kennen gelernt, die alle älter als er, eine Art Bund geschlossen hatten, der nur den einen Zweck kannte, Befreiung von dem Joch der Fremdherrschaft. Alle diese jungen Leute waren entschlossen, ihr Leben für die Freiheit des Vaterlandes einzusetzen, sie alle hofften sehnsüchtig auf die Stunde, da der Krieg gegen Frankreich losbrechen würde.
Seither lebte in Walters Seele ein leidenschaftlicher Haß gegen Napoleon, gegen alles was französisch war. Seine Eltern sahen dies oft mit Bangen, und sie versuchten es durch Güte und Strenge, das wilde Wesen des Sohnes in ruhigere Bahnen zu leiten.
In Frau von Seeheims Hause hatte noch eine Nichte von ihr Aufnahme gefunden, Renate von Bergen, eine Waise. Die Kleine war durch die tiefen Schatten, die so früh die Sonne ihres jungen Lebens getrübt hatten, still und ernst geworden. Sie war sehr sanft, aber von scheuem, zurückhaltendem Wesen, und sie verstand es wenig, der Pflegemutter Herz zu gewinnen. Mit großer Liebe aber hingen ihre Gespielen an ihr, und »Mütterchen« Renate, wie sie sie oft nannten, war ihnen Hilfe und Zuflucht in allerlei Kümmernissen des täglichen Lebens.
Wie um die Kinder, so schlang sich auch um die Eltern ein Freundschaftsband, und der Verkehr vom Herrenhaus zum Pfarrhaus in Kloningken war ein reger und kein Tag kam und verging, an dem es nicht ein Hinundher zwischen beiden Häusern gab. Freilich war hier Frau Friederike mehr die Nehmende, sie nahm alle herzliche Liebe und Treue, die ihr Pfarrer Flemming und seine Frau Charlotte darbrachten, als selbstverständlich an, ohne selbst viel Liebe zu geben.
Auch an diesem hellen Frühlingstag dachte Frau Friederike an die Vergangenheit und sie merkte nichts von Renates wachsender Angst.
Aber plötzlich ließ Walter erschrocken sein Buch sinken und lauschte.
»Was war das nur?« Durch die Stille klang es wie ein fernes, dumpfes Gewitterbrausen, es war als erzitterte der Boden unter den Füßen. »Hörst du was, Renate?« flüsterte der Knabe.
Diese nickte beklommen und sah ängstlich zu ihrer Tante hin, auch Frau von Seeheim horchte mit erblaßtem Gesicht. »Hans-Heinrich,« murmelte sie erschrocken, denn in jeder Gefahr galt ihre erste Sorge dem Sohn.
Draußen erschallte auf einmal ein wildes Rufen und Schreien, man hörte Jungfer Karolines jammernde Stimme und jäh riß Hans-Heinrich die Tür auf und stürmte über die Schwelle. Ihm folgte weinend Luise mit dem kleinen Fritz.
»Sie kommen, Mutter, sie kommen,« schrie Hans-Heinrich, und seine grauen Augen blitzten in heftigem Zorn. »Hört ihr es denn nicht, wie es dröhnt, wir haben auf der Erde im Garten gelegen, da hört man es noch deutlicher. Vogt Schwarze sagt, vom Heuboden aus kann man sie kommen sehen, ich will rasch hinaus laufen!«
»Sie kommen, sie kommen,« tönte von draußen das Jammergeschrei, und einige Mägde stürzten verzweifelt in das Zimmer.
Frau Friederike griff entsetzt nach der Hand des Sohnes. »Du bleibst hier,« stieß sie hervor, »ihr Kinder dürft das Haus nicht verlassen.«
Ein rascher, fester Schritt kam draußen über den Flur und Pfarrer Flemming trat hastig ein. Sein freimütiges, kluges Gesicht trug den Ausdruck hoher Erregung, sein Anzug und seine Schuhe waren bestaubt und auf der Stirn perlten ihm große Schweißtropfen. »Ich komme von Schönheide,« sagte er, »ich habe mich so beeilt, um Sie, teure Freundin, vorzubereiten, die Franzosen kommen. Die Generale Regnier und Gouvion St. Cyr sind auf dem Durchmarsch, im Dorf ist bereits eine Abteilung eingetroffen, und sie verlangen Wagen und Pferde bis G., außerdem Lebensmittel. In wenig Minuten werden sie auch hier im Schloß sein.«
»Um hier zu hausen wie eine Räuberbande,« unterbrach ihn Frau Friederike empört. »Mögen sie alles fortschleppen, ihr aber, Kinder, geht in das blaue Zimmer hinauf, eure Augen sollen das französische Gesindel nicht sehen, das ich hasse, hasse wie --«