Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig.
Wanderung durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges.
Von Chemnitz über Thum nach Annaberg.
Dicht vor der altchemnitzer Vorstadt hat sich das, über eine Stunde lange, schöne Dorf Altchemnitz in einem flachen Bogen gegen Süden zwischen Wiesen und Feldern ausgespannt, auf dessen Sehne die Chaussee hinläuft, bis sich der Chemnitzfluß mit der Würschnitz vereinigt. Eine Menge riesenhafter Spinnfabriken werden, dem Dorfe entlang, von diesem Gewässer in Bewegung gesetzt und die Gewebe auf den Bleichen benetzt. Harthau, welches zwischen Glimmer- und Thonschiefer-Gebirgen mit einer Schaar meist gleichartiger Fabrik-Etablissements ausgefüllt ist, schließt sich bis auf einen kleinen Zwischenraum, wie eine versetzte Eisfarth, an Altchemnitz an.
Von der Klaffenbacher Höhe aus mag der Wanderer nach der volkreichen Fabrikstadt Chemnitz, das sächsische Manchester, zurückschauen. Ist es in den frühen Morgenstunden, so erblickt er über der Häuserschaar eine lang gezogene rauchgraue Wolke, welche durch dicke Säulen schwarzen Dampfes durchbrochen wird, der sich gespensterartig in der Luft langsam vernichtet. Dieser Qualm entsteigt riesenhaften Rauchfängen der verschiedenen Fabriken. Nur der Thurm der Jacobskirche in seinem weißen Gewand ist, wie ein Leuchtthurm, deutlich sichtbar. Weit ausgedehnte Felder und Wiesen umfließen das Ganze, wie die Meereswellen einen verloschenen Krater, der nur noch Rauchsäulen über sich verbreitet.
In den großen und volkreichen Dörfern, Klaffenbach, Burkersdorf und Neukirchen schnarrwerkt eine Unsumme von Strumpfwürkern und das Rittergut letztern Orts mit seinem Schlosse, aus dem Eilften Jahrhundert, kauert mit seinen Thürmleins, Thoren, Graben und Schießscharten inmitten einer Wiese und lugt schüchtern zwischen hochstämmigen Linden hervor, als ob es sich der Thaten (und Unthaten) seiner ursprünglichen Altvordern schämte.
Von dem Städtchen +Thum+ und seiner Einwohnerschaft, die wenig über 2000 Köpfe zählt, läßt sich nicht viel Interessantes sagen, wenn man nicht etwa den Thumerstein, jetzt Axinit genannt, erwähnen will, welcher in der Nachbarschaft des Städtchens vorkam und von dem berühmten Bergrath Werner bestimmt wurde; wohl aber ist der nahe
Greifenstein
näher zu betrachten und, da er auf einer Stelle zugänglich ist, auch zu besteigen. Die Gestalt und Structur dieser Granitfelsen, sagt ~D.~ Naumann im 2. Heft der Erläuterungen zur geognostischen Charte des Königreichs Sachsen ~pag.~ 174, -- ist so grottesk und abentheuerlich, daß der ehemals unter den Bewohnern der Umgegend vorkommende Glaube, es seien Trümmer eines verwünschten Schlosses, nicht befremden kann. Wie Wollsäcke oder dick ausgestopfte Betten thürmen sich die Granitmassen übereinander in isolirten oder wenig zusammenhängenden phantastischen Pfeilern, welche theilweise eine Art Gehöfte bilden, in welche man nicht leicht hinabklettert, weil überhangende Massen scheinbar herabzustürzen drohen. Dieses Felsen-Wrak ist wahrscheinlich in präadamitischen Zeiten, als glühend flüssige Masse, aus dem Erd-Innern hervorgebrochen und hat die früher erstarrten Schiefer und Gneusschaalen, wovon im Granite selbst eine Menge Fragmente eingehüllt sind, durchbrochen, worauf sie in dicken Polstern allmählig erkaltete.
Von dieser Granitparthie aus ist die Fernsicht nach den Gebirgsknoten, dem Fichtelberg, vorzüglich schön, weil das Auge in den Thälern, welche von ihm auslaufen, ohne Unterbrechung hinaufirrt und ihn in einer größern Höhe beobachtet, als es sonst geschehen kann. Bis dicht an die Wände des Granites ist der Greifenstein mit Schwarzwald umgeben, in welchem sich zur bessern Jahreszeit eine Tabàgie befindet, wo Erfrischungen und Sicherheit bei plötzlichen Gewittern zu erlangen ist. Diese dankenswerthe Vorsorge weist zugleich auf den häufigen Besuch dieses Felsens hin. An seiner nordwestlichen Abdachung beschäftigen sich mehrere Steinmetze, die für Bauten sogenannte Werkstücke liefern. Das nachbarliche Bergstädtchen
Geyer,
welches schon im 13. Jahrhundert Bergbau, hauptsächlich auf Zinn trieb, zählt etwa 300 und etliche 40 Wohnhäuser, in welchen gegen 3400 Menschen eingeschachtelt sind, worunter sich viel Posamentiere befinden. Die Wohlfeilheit des Zinns und die zu große Concurrenz in der Arsenik-, Vitriol- und Schwefelbereitung, haben diesem Städtchen seine frühere Wohlhabenheit und Regsamkeit ziemlich weit abgestreift; denn daß diese bedeutend gewesen sein muß, lehren die Pingen, Halden, Pochstätten und Wäschen, insonderheit aber die große Pinge dicht an der Stadt, welche nach Art der Altenberger 1704 dadurch entstand, daß eine große Granitmasse gegen 70 Ellen tief und 600 Schritte im Umfange, in die durch Bergbau abgebauten Räume des Zwitterstocks niederfuhr und die Gegend, wie ein Erdbeben, erschütterte.
Außer der Evanschen großartigen Spinnfabrik bei Geyer, hat man gegenwärtig in diesem Städtchen ein neues Rathhaus von Grund aus aufgeführt, welches, seiner Größe wegen, für ein rasches Wachsthum einer streitsüchtigen Einwohnerschaft, auf ein Jahrhundert hinaus und dafür berechnet sein mag, dasselbe im Conterfei mit der Enkeltochter der dasigen Glocke, welche beim Stürmen des bekannten Prinzenraubes zersprang, in einem Guckkasten auf Jahrmärkten herumtragen und bewundern zu lassen.
Nur im Vorbeigehen mag das alte Bergstädtchen
Ehrenfriedersdorf
mit seinen 270 Häusern, welche etwa 2300 Menschen bewohnen, wegen seiner ungemeinen großen Menge an einander liegender Bergwerkshalden am Sauberge, Erwähnung finden. Das Städtchen selbst bietet, außer der Königl. Klöppelschule, die in der That als Muster für andere dasteht, nichts Interessantes in seiner hölzernen Ausdehnung dar. Die gedachte Halden-Menge hat etwas ähnliches von einem vielfach durchwühlten felsigen Bette eines in's Trockne gerathenen Wasserfalles -- steril und immer kahl. Das Zinn kommt hier im Sauberge in schmalen Schnürchen nahe bei einander vor, und der Bergmann kann dasselbe nicht andere gewinnen, als daß er immer taubes Gebirge mit absprengt, zu Tage fördert und dann durch Auskutten den Zinnstein absondert. Diese schmalen Zinnmittel, deren der Bergmann immer gleichzeitig mehrere vor Ort hatte, werden dort -- Risse -- genannt. Das Auskutten nun mußte jene Schaar von Halden in der Art zur Folge haben, wie man sie zur Stunde noch sieht. Die Apatite, Topase und andere interessante Fossilien von Ehrenfriedersdorf sind bekannt, eben so, daß in neuerer Zeit die Chemnitz-Annaberger Chaussee durch das Städtlein gelegt und diesem dadurch eine nützliche Lebendigkeit verliehen worden ist.
Zwischen hier und Annaberg sonnet sich in nachlässiger Behaglichkeit das freundliche Dorf +Schönefeld+ bis hinab in die jugendliche Zschopau. In demselben liegt die einladende Villa oder besser »~Beatus ille etc.~« des Herrn Regierungsraths Reiche-Eisenstuck. Als dieser in seinem frühern Wirkungskreise dem Obergebirge mehr angehörte, konnte man dieses Rittergut als eine Wohlthätigkeits-Anstalt für eine Schaar guter Freunde betrachten, welche sich von Zeit zu Zeit zusammen fanden, um daselbst ~ex officio~ zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein. Selbst ein vornehmer Sträfling hat in neuerer Zeit sein Strafübel hier verlebt ohne ein ~Liber tristium~ zu schreiben.
St. Anna
auf ihrem erhabenen Stuhl, dessen basaltische Lehne sich 2638 Fuß über das Meer erhebt; ihr mit Aehren und Feldblumen bestreutes Kleid rollt in riesigem Faltenwurfe hinab zu den klaren Wellen der Sehma und Zschopau und falbeln ihre Uferblumen an den Saum desselben. Diese liebliche Stadt zählt in ihren freundlichen massiven und mit Schiefer bedeckten Häusern, welche von mit Basalt gepflasterten Gassen und Gäßchen vielfach durchzogen sind, über 8000 Einwohner. Die Mauer, welche den Häuserschatz umgiebt und eine ansehnliche Höhe hat, scheint mehr zum Schutz gegen die Stürme des Himmels und der Raubthiere als gegen den äußern Feind errichtet worden zu sein. Die neuere Zeit hat rings herum dieses Mauerwerk mit einem Gürtel von Blumen, Bäumen und Strauchwerk umgeben und zwischen denselben Promenaden angelegt, welche besonders alte Leute und Kinderwärterinnen benutzen.
~Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg~
~annaberg.~]
Wohl mag im Jahre 1495, als unter Regierung Herzog Friedrichs des III. Annaberg zu bauen angefangen und die Gegend noch -- die wilde Ecke -- geheißen wurde, Niemand geahnet haben, daß eine Zukunft kommen werde, die alles verwische, was an Wildheit und Sterilität erinnern könne. Der Drang und die Sucht nach Silber und Kobalterzen, die am Schrecken- und Schottenberge sich kund gaben, ließ dem Bergmann alle Hindernisse und Gefahren verachten und gab die nächste Veranlassung zur Erbauung der Stadt.
Die Indulgenzen des Herzogs Friedrich und der spätern Landesherrn, wodurch die Stadt an Ausdehnung gewann, ein Franziskaner-Kloster und daneben aber auch eine Stadtkirche, Superintendur, ein Lyceum und eine Patrimonial-Gerichtsbarkeit bekam, so wie das seltene Glück bis in die neuern Zeiten herauf an der Spitze der Justizpflege und der Verwaltung ausgezeichnete Männer zu haben, die, wenn es das Schöne, Nützliche und Nothwendige galt, nicht das Bürgerthum allein zum Geben nöthigten, sondern selbst in die eigene Tasche griffen und zur Nachahmung ermunterten --, mußte nothwendig den Ort selbst sehr bald zur Mittelstadt erheben. Die Namen eines Bretschneider, Lommatzsch und des gemüthlichen Schumann, als Superintendenten und eines Benedict, Eisenstuck, Querfurth, Söldner, Glöckner und anderer mehr bei der Justiz und Verwaltung haben einen guten Klang. Noch jetzt, wenn man durch die Gassen und Straßen Annabergs wandert, dringt sich die Meinung für Ordnung und Nettigkeit, Schönheit und Schicklichkeit, die sich die Einwohnerschaft angeeignet hat, unwillkührlich auf. Ihr socialer Verkehr bewegt sich nach Art eines patriarchalischen Familien-Zusammenhanges, in welchem sich Jedermann, wer nur eingeführt ist, sehr wohl befinden kann.
Band-, Borden- und Spitzengeschäfte, wozu sich in der neuern Zeit die Thilo & Röhlingsche und Röhling & Föhrsche Seiden-Fabriken gesellt haben, geben nicht nur der Stadt, sondern auch der Gegend umher Nahrung und Gedeihen. Unmittelbar neben alten nackten Klostermauern ist in einem stattlichen Gebäude die Thilo-Röhlingsche Seidenfabrik in reger Thätigkeit und da die Mönche in ihrer Mastanstalt unfehlbar keine Seide spannen: so hätten sie ohnehin ihren officiellen Müssiggang verlassen müssen.
Annaberg hat sich seit zwei Jahren in ihrem sich angeeigneten Zeitbewußtsein und in dem Gebiete des geistigen Fortschritts dadurch rühmlich hervorgethan, daß es dem Einschmuggeln von jesuitischem Schnörkelwerk in die neue römisch-katholische Kirche, auf den Grund der Verfassungs-Urkunde, kräftig und deshalb mit Erfolg widersprach, weil gleichzeitig die Triersche Rockparthie und Ronges Sendschreiben an den Bischof Arnoldi, so wie die dadurch hervorgerufenen würdevollen Widerstrebungen gegen die römische Hierarchie mit dem Baue ihrer Kirche in dieser Stadt zusammen traf.
Wer hat hiernächst bei einer leichten Rechnungsaufgabe nicht oft gehört: »Nach Adam Riesens Rechnenbuche beträgt es so oder so viel?« Dieser Adam Riese, ein geborner Annaberger, lebte im 16. Jahrhundert als Bergschreiber in Annaberg und war der Verfasser eines allgemein verständlichen Rechnenbuchs. Er starb daselbst im Jahre 1559. Das Vorwerk Riesenburg bei Geyersdorf, welches der Rieseschen Familie gehörte und dessen Gebäude 1641 von den Schweden zerstört wurden, hat sein Andenken mit erhalten.