Storieta
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Etwa drei Pfeilschüsse vom Waldessaum entfernt lag ein einsames Gehöft an der Kreuzung zweier Landstraßen, deren befahrenste mäßig ansteigend in das Harzgebirge hineinführte. Viele von denen, die wegemüd daherkamen, Kärrner und Handelsleute, Reiter und Fußgänger, machten hier halt, um sich und ihren Pferden einige Rast und Stärkung zu gönnen oder auch um für die Nacht Herberge zu nehmen. Denn über dem Eingange zu dem zweistöckigen Hauptgebäude aus Holzfachwerk mit vorspringendem Strohdach hing an einem ausgestreckten, schmiedeeisernen Arm ein Faßreif mit einer darin stehenden verrosteten Blechkanne zum Zeichen, daß dies Haus ein Gasthaus sei. Den gepflasterten Hof dahinter umgaben in weitem Viereck Speicher, Schuppen und Stallungen, und daran schloß sich ein großer, mit einem Lattenzaun umhegter Garten, in welchem unzählige Apfel- und Birnbäume jetzt mit ihrer vollen Blüte prangten.

Von dieser umfangreichen Hofstatt aus hatte man einen freien Blick in die Landschaft, auf eine vieltürmige Stadt mit ragender Kaiserpfalz, auf Dörfer, grüne Getreidefluren und gelbe Rapsfelder und auf Höhen und Hügel mit vereinzelten Warten. Rechts und links zogen sich zackige Klippen in meilenlang ausgedehnter, aber durch Zwischenräume unterbrochener Kette durch die wellige Ebene dahin, und in bläulich dämmernder Ferne erhob der gewaltige Blocksberg seinen sagenumwobenen Gipfel.

In dem Baumgarten befanden sich fest eingerammte Tische und Bänke, in deren Platten und Bohlen mancherlei Figuren geritzt waren, gotischen Runen oder alten sächsischen Hausmarken ähnlich, und etliche Schreibkundige hatten ihren Namen oder nur seine Anfangslettern eckig und ungestalt eingeschnitten. Das war das Fremdenbuch des »Gasthauses am Scheidewege«.

Unter den hunderten von Bäumen fiel ein großer Apfelbaum besonders auf, an dessen rundum breit ausladenden Zweigen sich Blüte dicht an Blüte drängte, einzeln, in Sträußchen und Büscheln, weiß und blaßrot von wunderbarer Zartheit und Schönheit, daß es eine wahre Pracht und Augenweide war. Dort boten, abseits von den andern, ein kleinerer Tisch und zwei Schemel mit bunt bemalten Rücklehnen einen bevorzugten Ruheplatz für vornehmeren Besuch als die Fuhrleute, Viehtreiber und Krämer waren, die auf den tannenen Bänken beim Biere schwatzten und lärmten.

An diesem Tische saß bei schon sinkender Sonne ein bespornter, hochgewachsener Mann, dem man trotz seiner schlichten Reisetracht den ritterbürtigen Herrn deutlich genug ansah. Er mochte ungefähr in der Mitte der dreißiger Jahre sein, und seine ernsten, ausdrucksvollen Züge mit der schön gemeißelten Stirn zeigten die Spuren angestrengter Geistesarbeit. Den Ellenbogen aufgestemmt, das Haupt mit der Hand gestützt, starrte er träumerisch vor sich hin und regte zuweilen die Lippen wie in unhörbar geflüstertem Selbstgespräch. Vor ihm auf dem Tische standen ein Steinkrug und zwei Zinnbecher, und abwechselnd tat er einen Trunk bald aus dem einen, bald aus dem andern, vorher mit beiden leise anklingend.

So hatte er lange in fern schweifenden Gedanken gesessen, als er plötzlich, darin gestört, den Kopf zur Seite wandte und horchte. Er hatte auf der Straße herannahendes Getrappel von acht eisenbeschlagenen Pferdehufen vernommen, das vor der Tür des Gasthauses anhielt, sich bald darauf dem Hofe zubewegte und allmählich verhallte. Es mußten also zwei Reiter gekommen und abgestiegen sein. Das war nichts Ungewöhnliches an diesem belebten Kreuzwege und hatte auch für den Einsamen keine Bedeutung, denn er erwartete keinen Gefährten hier. Dennoch hob ein tiefer Atemzug seine Brust, und wehmütig blickte er auf den leeren Platz sich gegenüber.

Nach einer kleinen Weile erschien ein neuer Gast in dem Baumgarten, sah sich nach einem bequemen Sitz um, stutzte und schritt dann schnell auf den Zweibechermann zu, ihn mit den Worten begrüßend: »Täusche ich mich, oder bist du es wirklich, Eike von Repgow?«

»Graf Hoyer von Falkenstein!« rief der andere aufspringend und dem Ankömmlinge beide Hände entgegenstreckend. »O wie freue ich mich dieses unverhofften Wiedersehens!«

»Du hast Gesellschaft,« sagte der Graf, auf den zweiten Becher weisend.

»Nein, ich bin allein,« gab der Befragte zur Antwort.

Verwundert schaute Graf Hoyer den Jüngeren an und ließ sich, ohne eine Erklärung der ihm unverständlichen Rede zu fordern, auf dem unbesetzten Schemel nieder.

Er war ein Mann von mittelgroßer Gestalt mit grauem Haar und mochte wohl sechzig Jahre oder mehr auf seinen breiten Schultern tragen. Aus seinem durchfurchten Gesicht mit buschigen Brauen über den herrisch blickenden Augen sprach befehlerische Willenskraft.

Die Wirtin brachte einen dritten Becher, den Eike sofort mit Wein aus dem irdenen Kruge füllte, worauf die beiden Herren sich freundlich zutranken.

»Haben uns lange nicht gesehen, Eike!« begann der Ältere.

»Seit etwa zehn Jahren nicht, Herr Graf!« erwiderte der Jüngere.

»Aber ich kenne dich schon aus der Zeit her, da du die Kinderschuhe noch nicht ausgezogen hattest und mir mit dem Scheitel kaum an die Hüfte reichtest,« bemerkte Graf Hoyer. »Das war, als ich meinen lieben Freund, deinen Vater -- Gott hab' ihn selig! einmal in Reppechowe besuchte. Da hab' ich dich auf meinen Knien reiten lassen. Das rechte war dein Schlachtroß, das galoppieren mußte, weil du mir das Schienbein weidlich mit den Hacken sporntest, und das linke war dein Reisegaul, auf dem du hin und her schwanktest, weil er, wie ich dir weismachte, einen sehr holprigen Feldweg trotten mußte. Erinnerst du dich?«

»Gewiß!« bejahte Eike die Frage. »Und nicht lange danach war ich einmal bei Euch auf dem Falkenstein, wohin mein Vater mich mitgenommen hatte. Da zeigtet Ihr mir auf dem Burghofe den Ziehbrunnen mit dem Haspel und dem Eimer an einer eisernen Kette und sagtet mir, daß er über zweihundert Fuß tief wäre und da unten ein Neck hauste, den man zu Zeiten lustig plätschern und singen hörte, was dann immer als Ankündigung von etwas Erfreulichem aufgefaßt würde. Manchmal aber rumorte er auch unwirsch, und dann wäre stets ein Unheil im Anzuge. Ihr warntet mich auch, einen Stein in den Brunnen zu werfen, denn das erboste den Neck, und dann würde er tückisch.«

»Stimmt alles,« sagte der Graf, »nur daß ich den Neck niemals singen oder rumoren gehört habe. Es ist ein Märlein, wie so viele hier im Harz erzählt werden. Vor allem künde mir eines, Eike!« fuhr er dann fort, »hast du daheim ein liebes Weib?«

»Nein, ich bin Junggesell, Herr Graf. Habe zum Werben und Freien noch keine Zeit gehabt und, offen gestanden, auch wenig Neigung dazu.«

»Schade! solltest dir doch bald eine Herrin in deinen Burgstall führen. Nun, so berichte mir jetzt von deines Lebens einspänniger Fahrt.«

»Gern, doch erst müssen wir wieder Wein haben, denn in dem Kruge ist kein Tropfen mehr,« sprach Eike und winkte der im Garten waltenden Schenkin.

»Und einen kräftigen Imbiß soll sie uns auch bringen,« fügte Graf Hoyer hinzu. »Mich hat auf dem langen Ritt nicht bloß Durst, sondern auch ein grimmiger Hunger überfallen.«

»Woher kommt Ihr?« fragte Eike.

»Von Wernigerode, wo ich einen Enkel des Grafen Christian über die Taufe gehalten habe. Da wurde wacker gebügelt gestern, denn es waren viel ritterliche Herren aus der Umgegend mit trinkfesten Kehlen dort.«

Nachdem das blitzsaubere Mädchen den frisch gefüllten Krug und ein einfach ländliches Abendbrot aufgetischt hatte, hub Eike von Repgow an: »Daß ich eine Reihe von Jahren erst als Edelknabe und dann als Knappe beim Markgrafen Dietrich von Meißen war, wo ich höfischen Brauch, Waffenhandwerk und nebenbei noch mancherlei anderes, mehr als mich verlangte, aus dicken Büchern und aus dem Munde umständlich dozierender Magister und Mönche lernen sollte, wißt Ihr wohl.«

»Von deinem Aufenthalt dort weiß ich, und das übrige kann ich mir denken,« lachte der Graf. »Ging wohl hoch her bei dem künstlerisch angehauchten Markgrafen, dem ehrgeizigen Gönner fahrender Sänger und Spielleute?«

»Hoch ging es nicht her, sondern manchmal sogar ziemlich dürftig. Man nannte ihn nicht umsonst Dietrich den Bedrängten, weil er von seinen nächsten Verwandten viel Anfechtung und Drangsal auszustehen hatte, aber wir junges Volk waren allweg guter Dinge, und ich denke gern an jene Zeit zurück.«

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