Storieta
English
Save & sign up

The opening · free to read

Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant *** zusammen (der Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten nach Frankreich hinein bis Remomeix (vor Dié), vor uns eine riesige Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße Saales-Dié ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben wir auf unserm Ritt auch bekommen; in Sâles gibt es gar nichts mehr. Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man ruft mich dazu in's Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in Sâles beobachten; »Wallensteins Lager«, aber in echt. Unsre weitere Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf dem wir biwakieren.

Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. -- -- -- -- -- --

6. Sept. 14. La croix aux mines bei Laveline

Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf's allermöglichste auszunutzen. Im Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.

-- -- -- -- Fz.

10. Sept. 14.

p. L. Eben las ich an diesem stillen Tage L'histoire des Girondins (Lamartine), das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.

11. Sept. Früh.

L. M.

gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. Der bedeutete offenbar den Schluß des 1. Kapitels meines Feldzuges. Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel Laveline-La croix (Col du Bonhomme) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr könnt Euch das Bild auf den Heeresstraßen (Richtung Saales) ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden. Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in Colroy in einem Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im europäischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von Colroy sein. Schickt jetzt natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen.

Grube, Samstag, 12. Sept. 14.

L....,

Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir zogen von Lubine über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von St. Dié nach Urbais 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg), ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs- und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges. Wir gingen über Urbais hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß solcher -- Selbstverständlichkeiten -- d'autrefois. Ob wir nun nach Schlettstadt-_Belfort_ kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen?

Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.

Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich, weil die »Ereignisse« mir den Horizont versperren. Man kommt nicht über die »Aktion« hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, -- im Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, -- oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der's doch noch am besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, -- aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, -- ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird's wohl werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht's doch noch eher! Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen.

Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, -- -- -- -- --

22. IX. 14.

L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die 3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.'s und von Dir) vor cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, -- bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben (Tintenstift, Meldekarten etc. -- ich werde solche Dinge selbst besorgen können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige Zigarren, -- man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber sonst sind wir für alles äußerst empfänglich.

Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!

Aus Straßburg, 24. Sept. 14.

Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht gefahren von Saales aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in einem »Löwenbräu-Ausschank« und esse mich an großen Butterbroden und Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im »Roten Hahn« in München säße -- und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine Selbstverständlichkeit geworden!

Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich aufs Malen freue.

Liebe Maria,

heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der Thüre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine Darmgeschichte ist recht übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur drei weiche Eier und paar Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer mit grauen Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich sie den Berg bei Lubine ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten gezeigt haben! Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. Wieviel gesunde Männer mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir halten uns hier nur mit Mühe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe umgewandelt; ob wir uns dauernd auf französischem Boden werden halten können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig. Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man ist hier natürlich überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man tagsüber zu Hause bleibt und sich krank fühlt.

Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich bin zu müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, da ich beständig Durst habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. -- Also Saales brennt an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in Bowy-Bruche. Alles muß nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen nicht zu verraten und der Beschießung durch französische Fußartillerie zu entgehen.

The book keeps going

Keep reading, and see it illustrated

Reading is free forever. Sign up and watch scenes appear while you read.

Illustrated scene from The Adventures of Sherlock HolmesIllustrated scene from FrankensteinIllustrated scene from The Great Gatsby

Scenes Storieta drew for other classics.

New illustrated classics

A new classic, drawn, in your inbox.

Once or twice a month: the latest books to get full character casts, scene art, and free comic editions. No account needed.