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Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Language: de890 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: German Literature·Philosophy & Ethics
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #53856.

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The opening · free to read
Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die suchenden Sinne.
Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle, daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen geschichtet sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden, weil die Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner Gegenwart trägt.
Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging verloren, ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die blinkende Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber die kreißenden Ströme des Lebens sind in der Tiefe.
Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist, was deine Zukunft sein wird.
Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich waren; sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter und mählich stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und unerreichbar ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft, darin dein Dasein zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb.
Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du hast keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir widerfahren mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im Tageslicht der andern gewogen.
Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du für einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken: nur in seiner, nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen und versinken sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere Vergangenheit muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft bleiben!
Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten, die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner lustwandelnden Liebe genoß.
Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde.
Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen.
Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht; Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner Gestirne!
Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.
Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.
Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund, das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle Sonne versank.
Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr: Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.
Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer; sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.
Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard und ließ wachsen das erste Grün.
Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.
Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes und fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.
Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld.
Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein und Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur ein Ast war im ewigen Leben der Welt.
Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard.
Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten, die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an.
Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten; Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne: die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die Herrschaft rangen der neugewordenen Welt.
Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden Unrast die Welt überlassend.
Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten; abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.
Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen.
Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den Asen zurück.
Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.
Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken, und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war.
Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis der Welt.
Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die Räder der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.
Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil war die Sorge.
Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger, dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu schauen.
Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.
Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl, die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.
Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.
Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne.
Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.
Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie trug die Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt.
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