Carl Hirsch, Verlagsbuchhandlung für christliche Literatur und Kunst. Konstanz.
Alle die vielen schönen Bilder, mit denen dies Büchlein geschmückt ist, sind von ein und demselben Manne gezeichnet worden. Um sie abdrucken zu können mußte jede Zeichnung dann noch mit einem scharfen Messer in hartes Holz hineingeschnitten werden, daher nennt man diese Bilder Holzschnitte. Wer hätte nicht seine Freude an diesen feinen Holzschnitten! Versuch einmal sie nachzuzeichnen. Dann merkst Du erst, wie viel Mühe und Sorgfalt hinter diesen saubern Bildchen steckt. Wieviel Striche und Strichlein gehören zu solch' einem hübschen Ganzen! Aber ehe der Maler seine Striche machte, mußte er sich das Bild erst im Kopfe ausdenken, mußte er seine Gedanken schnell in einigen Umrissen aufs Papier bringen; das nennt man einen Entwurf, eine Skizze. Der erste Entwurf gefiel ihm nicht und er versuchte einen zweiten, dritten Entwurf. So hat er für ein einziges Bildchen manchmal 5 bis 10 Skizzen gemacht, bis es ihm endlich gefallen und gelingen wollte. Solche Bilder zu schaffen, wie wir sie hier vor uns sehen, dazu gehört nicht blos viel Arbeit, nicht blos eine lange Übung und Ausbildung, sondern vor allem eine große Kunst! Und nun denke, der Mann, der uns die 50 Holzschnitte dieses Heftes gezeichnet, hat im Ganzen 3334 solcher Holzschnitte geschaffen! und viele sind noch weit größer und figurenreicher als die in unserm kleinen Buche enthaltenen. Das muß ein fleißiger Mann gewesen sein! Wie heißt er nur? Auf vielen seiner Holzschnitte findet man an irgend einem verborgenen Plätzchen ein L. R. stehen, das bedeutet: Ludwig Richter. Außer jenen Holzschnitten hat dieser große weltberühmte Künstler auch noch prächtige farbige Ölgemälde und andere Arten von Bildern, z. B. sog. Radierungen, Stahlstiche, in Menge hervorgebracht. Am liebsten aber hat er Bücher mit Bildern geschmückt, und am allerliebsten für die Jugend. So hat er zum Robinson Crusoe und zu manchem Märchenbuch die Bilder gezeichnet. Es ist gewiß Niemand unter meinen Lesern, der nicht schon Illustrationen von der Hand dieses trefflichen Meisters Ludwig Richter gesehen und sich daran erfreut hätte. Mir ist er ein lieber Freund gewesen von Jugend auf, und ich habe ihn auch persönlich gekannt. Jetzt weilt er schon manches Jahr nicht mehr unter den Lebenden. Ich will ein wenig aus seinem Leben, besonders von seiner reichbewegten Jugend, erzählen.
1. Ludwig Richters Elternhaus.
Dresden, die sächsische Residenz, ist schon von manchem Reisenden für die schönste Stadt Deutschlands erklärt worden. Einmal nämlich liegt sie am herrlichen Elbestrom, unweit den waldigen Bergen der sächsischen Schweiz und des Erzgebirges, und zum andern zeichnet sie sich aus durch fürstliche Gebäude und reiche Kunstschätze. In dieser Stadt wurde Adrian Ludwig Richter am 28. September 1803, also am Tage vor Michaelis, geboren. Sein Vater war ein unbemittelter Landschaftszeichner und Kupferstecher; zu dem Ältesten, Ludwig, gesellten sich später noch 2 Söhne und eine Tochter. Vom Vater her sollte Ludwig eigentlich katholisch erzogen werden; weil jedoch seine Mutter evangelisch war und blieb, so fühlte er sich auch in der evangelischen Kirche heimisch.
Zu den größten Freuden gehörte es für den kleinen Ludwig allemal, die Großeltern Müller zu besuchen, die in Dresden ein kleines Kaufmannslädchen und ein Haus mit sehr großem Garten besaßen. Auf dem Wege dahin kam der dreijährige einst an einem schönen Rasenplatz vorüber mit vielen blauen Glocken- und Sternblumen, die ihn aufs allerlebhafteste fesselten. Als er nach dem Kaffee beim Großvater einen Augenblick sich selbst überlassen war, fielen ihm die lieblichen Blümlein wieder ein, die ihm solche Freude bereitet hatten. Flugs machte er sich auf, wackelte vertrauensselig durch mehrere einsame Gassen zurück zu dem schönen Rasenplatz, und pflückte für Großpapa einen großen Strauß; aber statt nun dessen Haus wieder zu finden, trippelte er in der entgegengesetzten Richtung immer fort. Um Mitternacht stand das kleine Männlein, den Blumenstrauß immer noch fest in der Hand mitten auf dem mondscheinbeleuchteten Marktplatz vor dem Rathause, ein winziges ängstliches Figürchen auf dem weiten öden Platze -- da kam der Rettungsengel in Gestalt eines Nachtwächters, den Dreimaster auf dem Kopfe und den Säbel an der Seite, und trug den Flüchtling zu der in Todesängsten schwebenden Mutter, die ihren Verlust bereits auf dem Rathause gemeldet hatte. Dies Erlebnis bildete eine der frühesten unauslöschlichen Erinnerungen Ludwig Richters.
Wie viele Herrlichkeiten gab es doch bei den Großeltern! Schon das Kauflädchen war ein höchst interessantes Heiligtum: Das Fenster außen garnirt mit hölzernen, gelb und orange bemalten Kugeln, welche Citronen und Apfelsinen vorstellten; dann der große blanke Messingmond, vor welchem Abends die Lampe angezündet wurde und welcher dann mit seinem wunderbaren Glanze das Lädchen in einen Feenpalast verwandelte; die vielen verschlossenen Kästen, der anziehende Syrupständer, die Büchsen mit bunten Zuckerplätzchen, Johannisbrot und andern Süßigkeiten! Und der Besitzer aller dieser Schätze war der Großvater unseres Ludwig! und der steckte seinem Enkel gar gern etwas zu! Mit einer großen Zipfelmütze auf dem Kopf und einer braunen Schürze vor der Brust fuhr er geschäftig in dem Lädchen hin und her und gab jedem das Seine. Die Klingel an der Tür bimmelte unaufhörlich -- da wogte es beständig aus und ein -- ein buntes Treiben für das aufmerksame Auge des künftigen Malers.
Ein Hauptvergnügen verschaffte unserm Ludwig der dicke Stoß bunter Bilderbogen, welche der Großvater zum Verkauf hielt. Der Verfertiger dieser »Kunstwerke«, ein gewisser Rüdiger, den Ludwig mit ehrfurchtsvoller Bewunderung in seinem großen Dreimaster, grünen Frack und Schnallenschuhen die Straße hinabwandeln sah, mag ihm damals als ein großer Meister erschienen sein.
Und dann welche Freude bot der große Garten des großelterlichen Hauses! Da wurde gespielt, geklettert, gepflückt nach Herzenslust. Ein Lieblingssitz war der uralte Birnbaum mit seinen mächtigen Ästen. Manche Stunde verbrachte der kleine Ludwig träumerisch in dem grünen Gezweig, um sich die zwitschernden Finken und Spatzen, mit welchen er zur Zeit der Reife die zahllosen Birnen des alten Baumes teilte. Von diesem verborgenen Aufenthalte überblickte man den ganzen Garten mit seinen Sträuchern und Beeten und Blumen und Wegen, blickte über die Gartenmauern hinweg zu den gelben Kornfeldern und fernen Höfen.
Ja das waren goldene Jahre, die Kindheit im Hause der Eltern und Großeltern. Aber es wird Zeit, unsern Ludwig zu begleiten auch in
2. die Schule.
Das Schönste und Berühmteste im heutigen Dresden ist das Museum am Zwinger; wer das nicht gesehen hätte in Dresden, der wäre in Rom gewesen ohne den Papst zu sehen. In dem Museum hängen hunderte der herrlichsten Gemälde aus allen Zeiten und Ländern, und in einem Zimmer ganz allein, wie in einer Betkapelle, hängt die himmlische Mutter mit dem Kinde, von Raffael gemalt, die sog. sixtinische Madonna, das weltberühmte Bild, das zu dem schönsten gehört was menschliche Hand aufs Papier gezaubert hat.
Vor hundert Jahren nun, da stand an der Stelle, wo heute dies Museum mit der sixtinischen Gottesmutter sich erhebt, ein schmuckloses Häuslein, drin saß alltäglich eine Schaar munterer Büblein in Reih und Glied, mit Schiefertafel und Stift in den Händen, und der gestrenge Herr Lehrer schrieb ihnen Buchstaben an die Wand zum Nachschreiben, und Zahlenexempel zum Ausrechnen. Es war die Schule unseres kleinen Ludwig Richter. Er bekennt selbst, daß sie ihm nicht viel Freude gemacht, daß sie ihm statt der Birnen im großelterlichen Garten -- Kopfnüsse gebracht ohne Zahl, weil ihm besonders das Rechnen gar nicht in den Kopf wollte. Die schöne Fläche der Schiefertafel hatte für ihn etwas sehr verlockendes, nämlich statt mit Ziffern, sie mit Zeichnungen zu füllen. Eines Tages war er gerade daran, eine große Schlacht zu malen mit viel Soldaten und mächtigem Pulverdampf. Und auch sein Nachbar auf der Bank schaute statt zu rechnen lieber zu, wie diese Schlacht da auf der Tafel ablief. Ganz in seine Zeichnung vertieft rief der junge Künstler halblaut: »Jetzt muß die Kavallerie einhauen«, im selben Augenblick schlug das Rohrstäbchen des Lehrers ganz unbarmherzig auf ihn los: »ja einhauen soll sie, einhauen soll sie« -- so wurde es zur Tat gemacht, was Ludwig hatte abbilden wollen. Die Tafel wurde ihm abgenommen und dem Direktor vorgelegt. Er selbst wurde bei den Ohren zur Türe geführt, und dort mußte er knieen bis die Stunde aus war und die Reutränen flossen.
Anders als beim Rechenlehrer erntete Ludwig in der Schreibstunde großes Lob. Die großen kunstvollen Vorschriften, welche er gemacht hatte, hingen, wie er selbst mit Stolz erzählt, noch lange unter Glas und Rahmen in der Klasse.
Da der Weg zur Schule sehr weit war, bestellten die Eltern einen vorgerückteren Schüler als Mentor, welcher ihren Ludwig täglich gegen eine kleine Vergütung abholen und wieder heimbringen mußte. Obwohl er Gabriel hieß, hatte er mit einem Schutzengel doch keine Ähnlichkeit, sondern war für Ludwig ein grausamer Tyrann, ja entpuppte sich zuletzt als ein Verführer. Eines Tages wollte er den Kleinen zwingen, einem Trödler, bei dem sie auf dem Schulwege vorüberkamen, ein Buch für ihn abzustehlen. Ludwig gab unter vielen Tränen seinen schändlichen Drohungen nach und brachte ihm das Gewünschte; er gestand es aber sogleich den Eltern und wurde nun von dem gewissenlosen Menschen befreit. Als er später mit dem ersten Künstlerruhm von Rom zurückkehrte, fand er diesen Gabriel als Brezeljungen an einer Straßenecke stehn. Unehrliche Leute bringens im Leben nicht weit. -- Bald nach genanntem Vorfall wurde Ludwig selbst der Führer seines jüngern Bruders Willibald, der in die gleiche Schule kam; treulich wartete er auf ihn bis seine Klasse aus war, und ging dann Hand in Hand mit ihm dem Elternhause zu. Drollig sahen die beiden Brüder im Winter aus, da sie in gleichen Pelzmützen und in gleichen Mänteln prangten, aus Großvaters altem braunen Kapuzinerkuttenmantel gefertigt. Dazu trug jeder ein Paar Fausthandschuhe, an grünen Bändern befestigt. Und wenn sie so mit ihren Ränzeln ehrbar nach Hause wanderten, dann kam ihnen wohl eine Schar evangelischer Knaben in den Weg, titulirten sie: »katholische Möpse« und begannen ein Handgemenge. Schneeballen flogen, Lineale und Bücher dienten als Waffen -- aber zuletzt wurden die »Katholischen« aufs Haupt oder auf die Pelzmütze geschlagen und mußten unter Hohngeschrei der »Evangelischen« den Rückzug antreten.
Ergötzlicher waren die vielen in Läden ausgestellten Bilder und Raritäten, an denen der Schulweg vorbeiführte. Der höchste Kunstgenuß aber wurde unserm Ludwig zu Teil, als eines Tages der Vater einen großen Pack mit Kupferstichen und Zeichnungen heim brachte, die er von den Erben eines verstorbenen Künstlers billig erstanden hatte. Manche Stunde saß nun das Söhnlein vor den schönen Bildern, lauschte mit Begier den Erklärungen des Vaters, welcher darüber ganz gesprächig wurde, und so erwuchs, ihm selber unbewußt, eine Liebe zur Kunst in ihm, die später die schönsten Früchte bringen sollte.