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4. Bilder aus Quito 304

Das Wallfischboot.

Erstes Kapitel.

Der Wallfischfänger.

In der Nähe der Westküste Amerikas, aber noch weit aus Sicht von Land, kreuzte ein Wallfischfänger, um dort nach Fischen auszusehen.

Es war ein Nordamerikaner, die Martha's-vine-yard -- ein Schiff, das nach der Insel gleiches Namens getauft worden, und von dort aus auch seine Bemannung hatte. So seetüchtig und gut gebaut die amerikanischen Schiffe aber auch sonst gewöhnlich sind, die Martha's-vine-yard machte davon eine Ausnahme, und der Rheder, der sie in New-York von einem Holländer alt gekauft und wohl frisch angemalt, aber sonst in einem desolaten Zustand gelassen hatte, hoffte das wenige dafür ausgelegte Geld gleich mit der ersten Wallfischfahrt herauszuschlagen, wenn es dann auch keine zweite machte. Die Hauptsache blieb nur, tüchtige Leute dafür zu gewinnen, und deßhalb taufte er auch das alte »Gretje van Rotterdam«, welchen Namen die Bark vielleicht schon dreißig Jahre geführt, nach der Insel Martha's-vine-yard, die ihrer Seeleute wegen berühmt ist, und erreichte dadurch seinen Zweck vollkommen.

Die Zeiten waren in Amerika nicht besonders. Der Krieg hatte gerade begonnen, und er fand Leute genug für die Bemannung, die denn auch mit dem alten Kasten getrost in See gingen und erst draußen, als es zu spät war, merkten, welchem Fahrzeug sie sich eigentlich anvertraut, um darauf eine mehrjährige Reise zu machen. Wallfischfänger müssen sich nämlich stets darauf gefaßt machen, drei Jahre auszubleiben, ehe sie ihr Schiff füllen können, und das ist eigentlich eine lange Zeit, wenn man noch dazu bedenkt, daß derartige Schiffe nur sehr selten einen Hafen anlaufen und meist immer draußen auf offener See herumkreuzen, um nach Fischen auszuschauen.

Anfangs wurde die Mannschaft auch noch eigentlich nicht so recht inne, wie es mit ihrem Fahrzeug stand, denn mit günstigem Wind liefen sie an der Ostküste Amerika's immer nach Süden hinab, und so vor dem Wind segelte es leidlich. Schwer enttäuscht sahen sie sich aber, als nach einer kurzen Windstille eine konträre Brise eintrat. Der Kapitän wollte allerdings laviren, aber du lieber Gott, das alte Schiff brauchte sieben Strich, um gegen den Wind aufzukreuzen, und machte dabei noch anderthalb Strich Abdrift, so daß sie nicht allein nicht von der Stelle kamen, sondern sogar noch zurückgetrieben wurden. Den Harpunieren war das auch gar nicht recht, sie wären am liebsten wieder umgekehrt, um ihren Kontrakt aufzukündigen, der Kapitän wollte jedoch Nichts davon wissen, und redete ihnen so lange zu, bis sie sich endlich zufrieden gaben.

Was lag auch daran, ob ein Wallfischfänger schnell segelt oder nicht -- die Reise an Ort und Stelle dauerte etwas länger, ja; aber erst einmal auf ihrem Fischgrund angelangt, und sie durften mit demselben Recht erwarten, daß Fische an sie anlaufen würden, als daß sie dieselben durch rasches Fahren erreicht hätten -- ja manchmal machte so ein Schiff an guten Stellen viel bessere Geschäfte, wenn es ruhig beilag, als ziellos auf dem Meer umherkreuzte.

Nur die Reise um Kap Horn war eine entsetzlich lange, jedoch konnten sie auch schon bei den Falklandsinseln auf Wallfische rechnen, und kurz und gut, sie behielten ihren Kurs bei, der sie auch mit jetzt wieder günstigerem Wind rascher gen Süden brachte, als sie selber anfangs geglaubt.

Bei den Falklandsinseln war aber Nichts zu machen. Sie trieben sich wohl vier Wochen in der Nähe herum, ohne einen einzigen Wal anzutreffen, und da gerade ein scharfer Ostwind einsetzte, hielt der Kapitän die Gelegenheit für günstig, das Kap zu doubliren und nach der Westküste Amerikas hinüber zu steuern. Dort lagen auch die besten Jagdgründe für Wallfische: in der heißen Zone für Cajelots und weiter nach Norden hinauf für den richtigen Wal, und da sie der Wind nicht im Stich ließ -- denn mit Kreuzen wären sie nie um das Kap gekommen -- erreichten sie nach ziemlich kurzer Fahrt das stille Meer.

Aber auch hier zeigte sich der Fang nicht so ergiebig. Sie bekamen allerdings in der Höhe der Maghellansstraße einen tüchtigen Fisch, mußten ihn aber, wie sie nur eben begonnen hatten einzuschneiden, wieder loswerfen, denn ein heftiger Wind setzte ein, dem sie kaum frei und allein die Stirn bieten konnten.

Es war das ein schwerer Schlag für die Mannschaft, die -- wie Kapitän und Harpuniere -- nur auf einen Antheil am Fange geworben werden, ließ sich aber nicht ändern, und der Kapitän vertröstete die Leute auf die nächste Zeit. Sie hatten ja nun einmal einen Beginn gemacht und die Boote erprobt, die sich als ganz vortrefflich bewährten. Die blieben ja doch immer die Hauptsache, und wenn sie nur Fische fanden, konnten sie auch reiche Beute machen.

Sie fanden aber keine. Langsam, entsetzlich langsam rückten sie weiter und weiter nach Norden hinauf, an Chile vorüber und an der chilenischen Küste hin, bis ziemlich zu vier Grad Süderbreite hin, wo sie die erste »=shoal=« oder den ersten Trupp Spermacetifische antrafen und augenblicklich Jagd darauf machten. Der erste Harpunier kam auch an einen tüchtigen Fisch fest, der alte Bursche verstand aber die Sache unrecht, drehte sich um, wandte sich gegen das Boot selber und gab ihm mit seinem breiten Kopfe einen solchen Stoß, daß es in Stücken auseinander ging und die Mannschaft desselben nur mit Mühe von den andern herbeieilenden Booten gerettet werden konnten.

Die übrigen Fische gingen gegen den Wind auf, und die Martha's-vine-yard, die zu erbärmlich am Wind lag, um ihnen dahin folgen zu können, mußte sie eben laufen lassen. Uebrigens hielt der Kapitän diesen Platz für gut und beschloß deßhalb, eine Weile dort beizulegen. Es war einestheils möglich, daß die Fische dorthin zurückkehrten, wo sie Nahrung gefunden hatten, und dann konnten sie hier auch eben so gut, als irgendwo anders, weiteren begegnen.

Drei Wochen kreuzten sie deßhalb auf der nämlichen Stelle, das heißt die Strömung setzte dabei allmälig immer weiter nach Norden hinauf, bis sie unmittelbar unter der Linie von Windstille befallen wurden.

Das Meer lag jetzt spiegelblank, wenn auch leise wogend da, und der Ausguck oben im Top konnte selbst den geringsten Gegenstand, der sich auf der blitzenden Fläche zeigte, mit leichter Mühe erkennen. Aber Nichts ließ sich sehen, als dann und wann einmal die spitze Flosse eines Hai, der faul und träge durch die Fluth schnitt, und wenn er zum Schiff kam, von einem der Bootssteuerer mit ausgeworfenem Speck an einem starken Haken gefangen wurde -- es war doch wenigstens eine Unterhaltung, welche die entsetzliche Monotonie ihrer Tage unterbrach.

Endlich, am vierten Tage der Windstille, gerade wie sich im Süden die ersten Wolken wieder zeigten und das sich in jener Richtung dunkel färbende Meer die von dort heraufkommende Brise ankündigte, ertönte der so lang ersehnte Ruf des Mannes im Top oben:

»=There she blows!=« (Dort bläßt Einer) und selbst von Deck aus konnten sie bald darauf den ausgeworfenen einzelnen Wasserstrahl eines Spermfisches oder Cajelot, dem bald ein zweiter folgte, erkennen.

Jetzt kam Leben an Bord, und so faul und schläfrig die Offiziere den ganzen Tag herumgelegen, im Nu sprangen sie nun auf ihre Füße, um Jeder nach seinem Boot zu sehen und so rasch als möglich damit ab und hinaus zu kommen.

Jedes Boot hat seine bestimmte Mannschaft, seinen Harpunier, seinen Bootssteuerer und vier Mann zum Rudern, und hängt, zum augenblicklichen Gebrauch stets bereit, unter seinen Krahnen. Dicht daneben ist der schwere Bottich mit dem aufgekoilten Harpunentau befestigt, um rasch hineingehoben zu werden.

Die verschiedenen Leute haben dabei ihre verschiedenen Pflichten bei der Ausrüstung, damit im Moment des Einschiffens keine Verwirrung oder Zögerung entsteht. Der Bootssteuerer muß die Waffen: Lanzen, Harpunen, Beile und Messer, stets blank und haarscharf halten. Einer der Leute hat für Wasser zu sorgen, daß augenblicklich ein Fäßchen gefüllt und in's Boot geschafft wird -- ein Anderer sorgt für Lebensmittel, da man nie wissen kann, wie lange die Boote gezwungen sind, auszubleiben. In einem kleinen verschlossenen Verschlag im Boot selber befinden sich dabei ein Kompaß, wo möglich eine Karte, und ist das Fahrzeug gut ausgestattet, auch einige konservirte Lebensmittel mit einer Flasche Rum, und von dem Moment an, wo der Befehl zum Niederlassen des Bootes gegeben wird, dauert es gewöhnlich nur wenige Minuten, bis es von Bord abschießt und nun, mit Rudern oder Segeln, je nachdem sich die Letzteren führen lassen, seinem Ziel entgegenstrebt.

Dabei wird fast kein Wort gesprochen, denn jede Bootsmannschaft hat natürlich ihren Ehrgeiz darin, die erste zu sein, die zur Verfolgung der auftauchenden Wallfische fertig ist, und vom Mast aus giebt dann der Mann im Top mit einem an der Stange befestigten und schwarzbemalten großen Leinwandball -- der weithin leicht erkenntlich ist -- die Richtung an, welche die Fische nehmen, damit ihnen die Boote folgen oder den Weg abschneiden können.

Die Martha's-vine-yard führte vier Boote, denn das zerstörte des ersten Harpuniers war schon wieder durch ein Reserveboot ersetzt worden, und noch hatte die aufkommende Brise das Schiff nicht erreicht, als sie schon hinausruderten in das Weite und der Richtung zu, in welcher sich die Spermfische kurz vorher gezeigt.

Es war das genau gen Osten, und die Leute legten sich wahrlich mit gutem Willen in die Ruder, daß sich die elastischen Eschenhölzer oder Riemen, wie man sie nennt, vor der Kraft der Arme bogen. Aber das dauerte nicht lange, denn jetzt kräuselte sich das Meer, ein frischer Südwind setzte ein, und im Nu wurde die kurze Segelstange aufgerichtet, und die Leinwand blähte aus, um den ersten Windzug zu fangen. Der brachte sie nicht allein leichter, nein auch rascher vorwärts, und die Hauptsache, sie konnten sich den Fischen viel geräuschloser nähern, als das mit Rudern möglich ist. Der Wind zeigte sich ihnen auch vollkommen günstig, denn er kam gerade von der Steuerbordseite, und schnell und lautlos schossen sie dahin.

Die Fische waren, wie sie das oft thun, eine ganze Weile nicht nach oben gekommen, und der Mann im Mast konnte den Leuten deßhalb auch kein Zeichen geben, welcher besondern Richtung sie zusteuern sollten; sie behielten deßhalb die bei, die sie bis dahin eingehalten, in der Voraussetzung, daß sich die Cajelots unter Wasser nicht so weit entfernen und vielleicht an der nämlichen Stelle noch einmal nach oben kommen würden -- und das geschah denn auch wirklich. Kaum eine Viertelstunde mochten sie gesegelt sein, als der Matrose, der damit beauftragt war, den Mann im Top der Barke im Auge zu behalten, plötzlich des Harpuniers Auge durch seinen Ausruf dorthin lenkte. Jener Ausguck hob seinen schwarzen Ballon, der selbst von hier aus noch deutlich erkennbar war, hoch in die Höhe und ließ ihn dann wieder gerade nach vorn herunterfallen -- ein sicheres Zeichen, daß ihr Kurs der richtige sei, und es dauerte denn auch nur wenige Sekunden, bis sie selber die schon lang ersehnten Strahlen gerade voraus erkannten und sich jetzt zum Gefecht fertig machten.

Nun ist die Eintheilung an Bord eines Wallfischbootes auf der Verfolgung die nachstehende: Der Bootssteuerer wird, sobald ein Wal in Sicht kommt, vorn in den Bug des Bootes mit der Harpune postirt, denn sein Amt ist es, an den Fisch fest zu kommen, während nachher der Harpunier oder erste Offizier mit der Lanze, an der sich keine Widerhaken befinden, dem Thier den Todesstoß gibt. Der Harpunier hat indessen hinten im Stern des Bootes den langen Steuerriemen (das Ruder, das zum Steuern benutzt wird und in einem eisernen Ring liegt) in der Hand und führt dasselbe so an den Fisch heran, daß der Bootssteuerer zum Wurf kommen kann. Wo dieser den Fisch dabei trifft, ist ziemlich gleichgültig, irgendwo auf dem Rücken, in der Seite, im Schwanz, es bleibt sich gleich, so daß die Harpune nur tief genug eindringt, um ordentlich festzukommen. Sobald er dies erreicht hat und das im Bottich aufgekoilte Tau abläuft -- wobei er jedoch aufpassen muß, nicht in dieses verwickelt zu werden -- springt er zurück, um jetzt das Steuer des Bootes zu übernehmen, während der Harpurnier nach vorn steigt und seine lange scharfe Lanze aufgreift, mit der er nun, des tödtlichen Wurfs gewärtig, aufgerichtet vorn im Boot stehen bleibt und nur darauf achtet, daß die rasend schnell ablaufende Leine, an welcher der Fisch hängt, nicht unklar wird.

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