Volksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H. Berlin 1920
Der abenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiter Auflage, die erste ging verloren. Der Volksverband der Bücherfreunde bringt durch seine Neuausgabe, die 1919 veranstaltet wurde, in Erinnerung, daß sich das Erscheinen des für die deutsche Literatur- und Sittengeschichte so bedeutungsvollen Kulturromans zum 250. Male jährt.
Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter, Und siehe, wie das Rad sich abermals gewandt. Du, deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter, Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland.
Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen, Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt, So wird dein Blick doch in des Volkes Herzen tauchen, Und, ach, du findest viel im alten, irren Stand.
Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben, Dem Trümmerhauf entfliehn im härnen Bußgewand? O schnöde, arge Welt! O, du vergeudet Leben! Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! --
Ein Vierteltausend-Jahr spannt seinen bunten Bogen Von dir zu uns, und alles Einzelglück und -leid Verschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd Wogen Erschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit.
Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen: Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan! Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen, Rang es empor und fiel in doppeltharter Bahn.
Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen, Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn. So aber wächst und reift in uns ein Weltensegen Und wird in reinerm Licht erglühen, wird erglühn!
Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle, Zeig' deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle!
Das erste Kapitel
Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all- und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig, gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen.
Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein.
Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf dem -- so man der Eichelmast gedenkt -- Bratwürst und fette Schunken wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet. Die Tapezereien bestunden in dem zärtesten Gewebe, das auf dem Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben, daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst- und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug, Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander gute Nacht geben.
Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen Übungen vollauf begriffen. Mein Knän war vielleicht eines viel zu hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben!
Das ander Kapitel
Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt. Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel, Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl. Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redet ~Philo~ der Jud in seiner Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk auf der Jagd geübt und angeführt werden. -- Solches alles muß mein Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu künftiger Herrlichkeit gemacht.
Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit, derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger:
»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel arauma!«
Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.«
»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a veirfeussiger Schelm is!«
Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.
Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen. Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf sicher genug zu sein bedünkte.
Du sehr verachter Baurenstand Bist doch der beste in dem Land, Kein Mann dich gnugsam preisen kann, Wann er dich nur recht siehet an.
Es ist fast alles unter dir, Ja was die Erde bringt herfür, Wovon ernähret wird das Land, Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der Kaiser, den uns Gott gegeben, Uns zu beschützen, muß doch leben Von deiner Hand, auch der Soldat, Der dir doch zufügt manchen Schad.
Die Erde wär ganz wild durchaus, Wann du auf ihr nicht hieltest Haus. Ganz traurig auf der Welt es stünd, Wann man kein Bauersmann mehr fünd.
Vom bitterbößen Podagram Hört man nicht, daß an Bauren kam, Das doch den Adel bringt in Not Und manchen Reichen gar in Tod.
Der Hoffart bist du sehr gefeit, Absonderlich zu dieser Zeit. Und daß sie auch nicht sei dein Herr, So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.
Ja der Soldaten böser Brauch Dient gleichwohl dir zum Besten auch, Daß Hochmut dich nicht nehme ein Sagt er: dein Hab und Gut ist mein.
Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben, die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren zurecht gebracht worden.
Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde.
Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich, sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste nicht erwarten.
Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen.
Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen, mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.