Storieta
Save & sign up

About this book

Der vorliegende Band ist die deutsche Übersetzung einer russischen Provinzkomödie aus dem Jahr 1835, die das Leben des Polizeimeisters Antón Antónowitsch Skwósnik‑Dmuchánowski und seiner Mitbürger in einer kleinen Stadt beleuchtet. Das Stück eröffnet mit einer ausführlichen Aufzählung der handelnden Figuren – von Beamten über Hausangestellte bis hin zu einfachen Bürgern – gefolgt von präzisen Regie‑ und Kostümhinweisen, die das Bild einer eng verflochtenen Gemeinschaft zeichnen. Im ersten Aufzug versammeln sich der Polizeimeister, der Hospitalverwalter, der Schulinspektor, der Kreisrichter und weitere Amtsträger, um über die Ankunft eines geheimnisvollen Revisors aus Petersburg zu diskutieren. Die Dialoge sind von trockenem Humor und satirischer Übertreibung geprägt, während die Charaktere in kurzen, pointierten Bemerkungen ihre Eigenheiten und Vorurteile offenbaren.

Der Stil ist geprägt von einer klaren, fast dokumentarischen Sprache, die durch ironische Zwischenspiele und lebhafte Wortspiele belebt wird. Die Sprache spiegelt das frühe 19. Jahrhundert wider, wobei die Übersetzung den originalen Ton beibehält und gleichzeitig für das deutschsprachige Publikum zugänglich bleibt. Leserinnen und Leser, die an historisch‑sozialen Dramen, an pointierten Charakterstudien und an einer feinsinnigen Satire auf das russische Verwaltungssystem des Zarenreichs Freude haben, werden dieses Werk besonders ansprechen.

Characters in Sämmtliche Werke 5

  • Antón Antónowitsch Skwósnik‑DmuchánowskiMiddle‑aged Russian police chief, powdered wig, dark coat, stern face, moustache
  • Anna AndréjewnaElegant early‑19th‑century Russian lady, modest dress, bonnet, gentle expression
  • Lúka Lúkitsch ChlópoffSchool inspector, spectacles, formal frock coat, tidy hair, authoritative posture

The opening · free to read

Der Polizeimeister: Ein im Dienst bereits ergrauter und in seiner Art gescheiter Mann. Obgleich bestechlich, gibt er sich als soliden und ernsthaften Menschen und ist in gewissem Sinne sogar Räsoneur. Er spricht weder laut noch leise, noch viel, noch wenig; jedes seiner Worte hat Gewicht. Seine Gesichtszüge sind grob und hart, wie bei allen, die in einer mühsamen Karriere von der Pike auf gedient haben. Der Übergang von Furcht zu Freude, von Unterwürfigkeit zu Hochmut vollzieht sich bei ihm ziemlich unvermittelt, wie bei allen Leuten mit roh entwickelten Charakteranlagen. Er trägt die übliche Uniform mit Litzenkragen und Stulpstiefel mit Sporen; sein graues Haar ist kurzgeschoren.

Anna Andréjewna, seine Frau: Eine noch leidlich konservierte Provinzialkokette, die zur Hälfte in der Lektüre von Romanen und Poesiealbums, zur Hälfte im Kleinkram von Hauswirtschaft und Gesindeplackerei aufgeht. Sehr neugierig, kehrt sie gelegentlich auch Hoffart hervor; erlangt oftmals dadurch Übergewicht über ihren Mann, daß dieser ihr nichts zu antworten weiß; doch erstreckt sich solches Übergewicht nur auf Kleinigkeiten und besteht lediglich in Vorwürfen und Hohn. Im Verlaufe des Stückes wechselt sie viermal die Toilette.

Chlestakóff: ein junger Mann von 23 Jahren, schmächtig und unansehnlich, etwas einfältig und hat, wie man zu sagen pflegt, das Pulver nicht erfunden; einer von den Leuten, die man in den Kanzleien Windbeutel nennt. Er ist nicht imstande längere Zeit bei einem Thema zu verweilen, spricht unzusammenhängend, und die Worte sprudeln ihm unberechenbar aus dem Munde. Je mehr Freimut und Harmlosigkeit der Darsteller dieser Rolle zur Schau trägt, desto größeren Erfolg wird er erzielen. Seine Kleidung ist modern (1835).

Ossip, sein Diener: Von dem Wesen, das Diener in vorgerückten Jahren zu haben pflegen; er spricht gelassen, hält den Blick etwas gesenkt, räsoniert und liebt es, seinem Herrn in dessen Abwesenheit Vorhaltungen zu machen. Seine Stimme ist fast immer monoton, nimmt aber im Gespräch mit seinem Herrn einen mürrischen, kargen, zuweilen sogar groben Ausdruck an. Er ist pfiffiger als sein Herr und weiß sich deshalb rascher zurechtzufinden, spricht aber nicht gern viel und ist ein stilles Wasser. Seine Kleidung ist ein grauer oder blauer verschlissener Kittel.

Bóbtschinski und Dóbtschinski: Beide von kleinem, niedrigem Wuchs, sehr neugierig; einander sehr ähnlich; beide mit leichtem Embonpoint. Sie sprechen hastig und unterstützen ihre Rede durch reichliches Gestikulieren mit den Händen. Dóbtschinski ist ein wenig größer und ernsthafter als Bóbtschinski, dieser aber ist dafür beweglicher und lebhafter als jener.

Ljápkin-Tjápkin, der Kreisrichter: ein Mensch, der fünf bis sechs Bücher gelesen hat und daraufhin den Freigeist herauskehrt. Ist stark in Hypothesen und spricht deshalb jedes Wort mit wichtigem Ton. Der Darsteller dieser Rolle sollte stets eine vielsagende Miene aufsetzen. Er spricht in tiefem Baß, sehr gedehnt, heiser und mit Räuspern, wie eine alte Wanduhr, die erst schnarrt, ehe sie schlägt.

Semljaníka, der Hospitalverwalter: Ein sehr korpulenter, schwerfälliger und plumper Mann; bei alledem Intrigant und Gauner; sehr zuvorkommend und gefällig.

Der Postmeister: Ein bis zur Naivität einfältiger Mensch.

Die übrigen Rollen bedürfen keiner besonderen Anweisungen; ihren Originalen begegnet man auf Schritt und Tritt.

Die Herren Schauspieler sollten der letzten Szene besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Das zuletzt ausgesprochene Wort muß auf alle wie ein elektrischer Schlag wirken; gleichzeitig und plötzlich. Die ganze Gruppe muß ihre Stellung in einem Augenblick wechseln; den Ausruf der Überraschung müssen alle Damen einstimmig ausstoßen, wie aus einem Munde. Die Nichtbeachtung dieser Hinweise könnte die gesamte Wirkung in Frage stellen.

Polizeimeister. Ich habe Sie herberufen, meine Herren, um Ihnen eine sehr unerfreuliche Nachricht mitzuteilen: ein Revisor kommt zu uns.

Kreisrichter. Ein Revisor?!

Hospitalverwalter. Ein Revisor?!

Polizeimeister. Ein Revisor aus Petersburg, inkognito. Und noch dazu mit geheimen Instruktionen.

Kreisrichter. Donnerwetter!

Hospitalverwalter. Das hat uns auch gerade noch gefehlt!

Schulinspektor. Herr des Himmels! Und obendrein mit geheimen Instruktionen!

Polizeimeister. Als wenn ich das vorausgeahnt hätte: die ganze Nacht träumte mir von zwei ungeheuren Ratten -- nie habe ich dergleichen vorher gesehen: schwarz und riesengroß! Kamen heran, beschnupperten mich und liefen wieder davon. Ich will Ihnen hier den Brief vorlesen, den ich von Andréj Iwánowitsch Tschmychóff erhalten habe -- Sie, Artémij Filíppowitsch, kennen ihn ja. Er schreibt also folgendermaßen: »Teurer Freund, Gevatter und Wohltäter« (halblaut murmelnd und die Zeilen überfliegend) »... dir zu melden« -- da hier: »Ich beeile mich, dir unter anderem zu melden, daß ein Beamter eingetroffen ist mit der Instruktion: das ganze Gouvernement und speziell unsern Kreis (hebt bedeutungsvoll den Finger in die Höhe) zu inspizieren. Ich erfuhr dies von absolut zuverlässiger Seite, obgleich er sich für einen Privatmann ausgibt. Da ich nun weiß, daß auch bei dir, wie überall, kleine Schnitzer mitunterlaufen, weil du ein kluger Mann bist und ungern fahren läßt, was in deinem Netze zappelt ...« (Innehaltend) Nun, hier macht er so seine ... »so rate ich dir auf deiner Hut zu sein: er kann jeden Augenblick kommen, wenn er nicht gar schon da ist und sich irgendwo inkognito aufhält ... Gestern ...« -- hier folgen nur noch Familiennachrichten: »ist meine Schwester Anna Kiríllowna mit ihrem Manne zum Besuch angekommen; Iwán Kiríllowitsch ist sehr dick geworden und fiedelt immerfort auf der Geige«, usw. usw. Also nun wissen Sie, wie die Dinge stehen!

Kreisrichter. Eine seltsame, höchst seltsame Geschichte! Da steckt irgendwas dahinter.

Schulinspektor. Wozu das alles, Antón Antónowitsch, wozu? Warum uns einen Revisor?!

Polizeimeister (seufzend). Warum! Sie sehen ja: Schicksal! (Seufzend) Bisher hatte man, Gott sei Dank, nur andre Städte heimgesucht; jetzt kommt eben die Reihe an uns.

Kreisrichter. Ich meine, Antón Antónowitsch, daß dies einen feinen und mehr politischen Hintergrund hat. Es bedeutet einfach: Rußland ... ja ... Rußland will Krieg führen -- und das Ministerium, sehen Sie wohl, schickt heimlich einen Beamten ab, um auszuforschen, ob hier herum wo Spione stecken.

Polizeimeister. Eh, was reden Sie da! Sie sind wohl nicht recht gescheit! In einer Kreisstadt Spione! Liegen wir etwa an der Grenze? Die erreicht von hier aus keiner, auch wenn er drei Jahre Galopp fährt.

Kreisrichter. Nein, wie ich Ihnen sage. Sie wollen mich nicht ... wollen nicht ... Die Regierung kennt die feinsten Schliche; weit oder nicht, sie hört sogar die Flöhe husten.

Polizeimeister. Floh hin, Floh her; jedenfalls sind Sie gewarnt, meine Herren. Sehen Sie sich vor! Ich für meinen Teil habe schon so meine Maßregeln getroffen, tun Sie das gleiche. Namentlich rate ich's Ihnen, Artémij Filíppowitsch! Der durchreisende Revisor wird zweifelsohne vor allem die Ihnen unterstellten Krankenhäuser inspizieren wollen --, drum sorgen Sie dafür, daß alles tadellos sei. Daß die Nachtmützen hübsch rein sind und die Kranken nicht wie die Kesselschmiede aussehen, wie das sonst gewöhnlich der Fall ist.

Hospitalverwalter. Na, wenn's weiter nichts ist -- reine Nachtmützen können sie kriegen.

Polizeimeister. Gut. Und an jedem Bett muß auf lateinisch oder in einer andern fremden Sprache ... das wäre dann eben Ihre Sache, Herr Doktor -- muß jede einzelne Krankheit angeschrieben stehen, Datum der Erkrankung, genau auf Jahr und Tag ... Es ist auch gar nicht schön, daß Ihre Kranken einen so starken Tabak rauchen, daß, wer hereinkommt, immerzu niesen muß. Noch besser, wenn überhaupt weniger Kranke da wären; sonst wird gleich der schlechten Verwaltung oder der Unfähigkeit des Arztes schuld gegeben.

Hospitalverwalter. Oh, was die ärztliche Behandlung anbetrifft, so bin ich mit dem Herrn Doktor längst übereingekommen: je naturgemäßer, desto besser -- teure Arzeneien brauchen wir nicht. Gewöhnliches Volk: stirbt's, dann stirbt's, bleibt's leben, dann bleibt's eben leben. Auch könnte sich der Herr Doktor ja doch nicht mit ihnen verständigen: er versteht ja kein Wort Russisch.

Christian Iwánowitsch, der Arzt (gibt Laute von sich, die halb wie i und halb wie e klingen).

Polizeimeister. Auch Ihnen, Ammós Fjódorowitsch, möchte ich raten, einmal nach Ihrem Gerichtslokal zu schauen. Im Vorzimmer, wo sich die Klienten versammeln sollen, haben Ihre Gerichtsdiener die ganzen Hausgänse mit ihren Jungen untergebracht, die einem dort fortwährend zwischen die Beine geraten. Sich um die Wirtschaft kümmern, ist gewiß lobenswert, und warum sollte das ein Knecht auch nicht tun; aber an einem solchen Ort, sehen Sie, paßt sich das doch nicht. Ich wollte das schon eher sagen, habe es aber wieder ganz verschwitzt.

Kreisrichter. Ich lasse sie gleich sämtlich in die Küche schaffen. Kommen Sie doch zum Essen herüber.

Polizeimeister. Schlimm ist's auch, daß der Sitzungssaal so von Schmutz starrt und daß mitten auf dem Aktentisch Ihre Hundepeitsche liegt. Ich weiß wohl, Sie sind ein großer Jagdfreund, doch besser wär's, sie wenigstens jetzt wegzunehmen; ist der Revisor erst wieder fort, dann können Sie sie ja meinetwegen wieder hinlegen. Und dann Ihr Beisitzer! Der Mann ist ja wahrscheinlich sehr tüchtig, aber er verbreitet einen Duft, als ob er geradenwegs aus der Branntweinschänke käme -- das taugt auch nicht. Schon längst wollte ich mal davon reden, wurde aber, ich weiß nicht wie, davon abgebracht. Es gibt Mittel dagegen, selbst wenn wirklich, wie er behauptet, ihm dieser Geruch angeboren wäre: man könnte ihm Zwiebeln oder Knoblauch zu essen geben oder irgendwas ähnliches. Für diesen Fall kann ja der Herr Doktor mit Medikamenten zu Hilfe kommen.

Christian Iwánowitsch, der Arzt (gibt die vorerwähnten Laute von sich).

Kreisrichter. Nein, das läßt sich nicht vertreiben; er sagt, als Kind habe ihn seine Amme einmal verprügelt, und seit der Zeit müsse er immer etwas Branntwein ausschwitzen.

Polizeimeister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs unserer sonstigen Zustände und der sogenannten kleinen Schnitzer, von denen Andréj Iwánowitsch in seinem Briefe redet, weiß ich wahrhaftig nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne Sünde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklärungsapostel werden vergeblich darüber wettern.

Kreisrichter. Ja, was nennen Sie Sünde, Antón Antónowitsch? Sünde und Sünde ist zweierlei. Ich für mein Teil gebe ganz offen zu, daß ich hier und da kleine Geschenke annehme, doch was für welche? Jagdhunde! Das ist was ganz andres.

Polizeimeister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben's doch.

Kreisrichter. O nein, Antón Antónowitsch. Aber wenn einer zum Beispiel einen Pelz für fünfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also bloß Jagdhunde -- dafür glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich aber bin ein gläubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst. Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, über die Schöpfung zu reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.

The book keeps going

Keep reading, and see it illustrated

Reading is free forever. Sign up and watch scenes appear while you read.

Illustrated scene from The Great GatsbyIllustrated scene from Pride and PrejudiceIllustrated scene from Alice's Adventures in Wonderland

Scenes Storieta drew for other classics.

New illustrated classics

A new classic, drawn, in your inbox.

Once or twice a month: the latest books to get full character casts, scene art, and free comic editions. No account needed.