Storieta
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Im nächsten Moment blitzte das helle Licht einer elektrischen Lampe auf.

Das blendende Licht beleuchtete ein geräumiges, sehr behaglich eingerichtetes Zimmer, an welches ein großes Schlafzimmer stieß.

Der Vorhang, welcher dies Gemach von dem Zimmer trennte, war zurückgeschoben.

Dort stand ein Mann in mittleren Jahren, der in aller Hast einen Schlafrock angezogen zu haben schien.

Er war wohl offenbar aus dem Bett gesprungen, seine bloßen Füße steckten in Pantoffeln und in der rechten Hand hielt der Mann einen scharfgeladenen Armeerevolver.

Die Unruhe dieses Herrn war erklärlich, denn das Geräusch eines zerbrochenen Fensters weckte ihn aus dem besten Schlummer.

Der Fensterladen vor der großen Spiegelglasscheibe war emporgehoben und die Scheibe selbst durch einen anscheinend mit großer Wucht geführten Schlag zertrümmert.

Das elektrische Licht aber hatte nicht der Bewohner dieser Räume entflammen lassen, sondern ein Eindringling, der zur Mitternachtsstunde durch das zerbrochene Fenster hereingekommen sein mußte.

Da stand dieser Mann, dessen athletische Gestalt durch einen grauen Mantel in militärischem Schnitt verhüllt wurde.

Er stand hoch aufgerichtet, in der Linken die elektrische Lampe haltend, eine blaue Mütze mit breitem, goldenem Streifen bedeckte seinen Kopf, während eine schwarze Halbmaske das energische, kühn geschnittene Antlitz bedeckte.

»Da bin ich,« sprach er zu dem schier fassungslosen Bewohner dieser Räume. »Sie haben mich gerufen. Ich habe den geheimnisvollen Hilferuf in einer der größten Zeitungen des Kontinents gelesen. Ich habe die Bedeutung desselben verstanden. Daß ich zur Nachtzeit hierherkommen mußte, ist freilich ungewöhnlich, aber ich kann nicht anders. Kapitän Mors steht vor Ihnen!«

Gleichzeitig hatte der rätselhafte Besucher ein großes Zeitungsblatt unter seinem Mantel hervorgezogen.

»Dieses Inserat stammt von Ihnen, nicht wahr?« fuhr er fort, während der so jäh aufgeweckte Mann vor ihm noch immer nicht wußte, ob er wachte oder träumte. »Hier lesen Sie, das ist das Inserat, in welchem ich, Kapitän Mors, aufgefordert werde, die Welt und deren Bewohner vor einer Katastrophe zu bewahren. Und zwar vor einer Katastrophe, wie sie die Weltgeschichte noch nicht kennen soll. Diese Worte hier sind nur für mich berechnet. Anderen würde dies Inserat als die Eingabe eines Wahnwitzigen erscheinen. Aber Sie haben Ihre Gründe gehabt, dieses Inserat so geheim zu halten. Ich bin dem Rufe gefolgt. Sprechen Sie. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Der Aufgeweckte ließ den Revolver sinken.

Sein Gesicht war ungemein geistvoll und verriet den Denker, zugleich aber auch den Mann, der, wenn er wollte, auch recht energisch aufzutreten vermochte.

»Sie sind Ingenieur Reymond,« fuhr Kapitän Mors fort. »Sie haben gewußt, daß ich mich stets über alles, was in der Welt vorgeht, auf dem Laufenden halte, daß ich alle großen Zeitungen genau lese. Nun sagen Sie mir alles, denn ich habe Zeit, so lange die Dunkelheit dauert. Beim ersten Morgengrauen muß ich den Rückweg antreten.«

»Aber um Himmels willen, wie sind Sie nur hier hereingekommen?« fragte der Ingenieur, als er sah, daß sich Kapitän Mors ruhig in einem Sessel niederließ. »Dieses turmartige Gebäude ist ja sechs Stock hoch. Da vermöchte nicht einmal eine Katze hinaufzugelangen.«

»Je höher, desto besser,« erwiderte der Luftpirat mit eisiger Ruhe. »Im übrigen gibt es für mich wenig Hindernisse. Doch zur Sache. Ich nehme an, daß die Angelegenheit, die mich hierher geführt hat, eilig ist und daß es sich in der Tat um das Schicksal der ganzen Welt handelt.«

Ingenieur Reymond war gewiß kein Feigling, er gewann bald seine Selbstbeherrschung wieder.

Er betrachtete den berühmten Mann, von dem die Welt so viel erzählte, mit einem Gemisch von heimlichem Grauen und Bewunderung.

Rasch war eine Lampe entzündet und der Ingenieur nahm seinem unheimlichen Besucher gegenüber Platz.

»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Genug, ich bin der technische Leiter eines riesigen Etablissements, welches Maschinenteile liefert. Dort erschienen vor einiger Zeit ein paar Männer, die ich für Amerikaner halte. Sie machten verschiedene Bestellungen und sprachen hauptsächlich mit dem zweiten Leiter der Fabrik, ich hatte zu jener Zeit eine andere, sehr wichtige Arbeit vor und achtete wenig auf die Fremdlinge. Erst durch einen Zufall wurde mein Verdacht rege, nämlich, als ich von meinem Kollegen erfuhr, daß an die fremden Herren Maschinenteile abgeliefert wären, über deren Verwendung man sich gar keinen Begriff machen könnte. Unglücklicherweise war der Auftrag schon ausgeführt und der Rest der Bestellung abgeliefert, ohne daß ich es zu verhindern vermochte. Nun, ich will wenig Worte machen, Kapitän Mors. Jene Fremden, die übrigens über bedeutende Summen verfügten, haben zweifellos einige Weltenfahrzeuge hergestellt, welche möglicherweise dem wunderbaren Fahrzeug ähneln, mit welchem Sie durch die Weltenräume kreuzen.«

»Ihre Ausführungen setzen mich in einige Verwunderung,« erwiderte Mors, nachdem er einen Augenblick nachgesonnen. »Indessen lassen sich ja wenige Geheimnisse bewahren, und so mag es schon sein, daß hier und da etwas von meinem Weltenfahrzeug bekannt wurde, ganz so, wie ja auch mein Luftschiff von vielen gesehen, betrachtet, von einigen sogar photographiert wurde. Aber das alles überzeugt mich noch nicht, ob der Welt auch wirklich Gefahr droht. Angenommen, jene Fremden hätten in der Tat einige Weltenfahrzeuge hergerichtet, was könnte das der Erde für Schaden bringen?«

»Jetzt kommt die Hauptsache,« erwiderte Ingenieur Reymond. »Deshalb habe ich ja auch meinen Hilferuf in der Zeitung erlassen. Nachdem ich Verdacht geschöpft, spürte ich den Fremden nach und es gelang mir eines Abends durch List, über die ich hier nicht näher sprechen will, die Fremden zu belauschen. Genug, ich verbarg mich in ihrer Nähe und hörte ihren Gesprächen zu, die mich mit Entsetzen erfüllten. Diese gefährlichen Männer wollen eine geradezu grauenvolle Katastrophe herbeiführen und sich dadurch zu Herren der Erde machen. Der eine dieser Unmenschen meinte, die Erde sei viel zu stark bevölkert und es würde gar nicht schaden, wenn die Hälfte der Menschheit vernichtet würde. Hierauf wollte er mit seinem Kumpan eine Tyrannenherrschaft über das Weltall ausüben.«

»So, so,« meinte Mors. »Darüber möchte ich noch einige Fragen stellen. Zunächst, war es Ihnen, mein Herr, denn nicht möglich, diese gefährlichen Menschen verhaften zu lassen?«

»Nein,« erwiderte Reymond. »Ich war allein, ein unglücklicher Zufall wollte es, daß sie mich entdeckten. Sie verfolgten mich sofort und hätten sie mich eingeholt, so wäre ich zweifellos ermordet worden. So aber stürzte ich mich in den Fluß und da ich ein ausgezeichneter Schwimmer bin, hielt ich mich lange genug unter Wasser, während sie überall herumsuchten. Sie glaubten, ich sei ertrunken. Glücklicherweise haben sie mich nicht erkannt, denn sonst gehörte ich längst zu den Toten. Wenn sie aber jenes Inserat in der Zeitung gelesen haben, kommen sie auf die Spur. Deshalb habe ich auch, um mich zu schützen, Vorsichtsmaßregeln getroffen und wohne hier in diesem unzugänglichen Gebäude, hoffend, daß ich von Ihnen eine Nachricht erhalten würde. Statt dessen kommen Sie selbst und das ist umso besser.«

Mors überlegte noch einen Augenblick.

»Herr Reymond,« sprach er dann in seiner gewinnenden Art und Weise. »Ich glaube bestimmt, daß jene Unholde das Inserat gelesen haben und daß sie Ihnen möglicherweise nach dem Leben trachten. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wollen Sie mit mir gehen? Wollen Sie meine Heimat aufsuchen, die geheimnisvolle Insel, die ich bewohne, den Ort, wo Ihnen kein Mörder nahen dürfte? Dort sind Sie sicher.«

»Nein, das kann ich nicht,« entgegnete Reymond. »Ich möchte hier in Frankreich bleiben, bei meinen Instrumenten, bei meinen Büchern.«

»Aber dann kann ich Sie nicht schützen,« erwiderte Mors, »und ich fürchte, daß Sie alsdann dem Verderben verfallen.«

»Nun, ich lasse es darauf ankommen,« erwiderte Reymond. »Ich glaube, hier bin ich sicher.«

»So wenig sicher wie vor mir,« erwiderte der Luftpirat. »Sie sehen ja, daß auch ich hier eingedrungen bin, und diese Unholde könnten das gleiche tun. Also ich biete Ihnen nochmals Schutz in meiner geheimnisvollen Heimat an. Wollen Sie?«

»Ich danke Ihnen herzlichst für Ihr Anerbieten, aber ich kann nicht. Ich hänge zu sehr an Frankreich. Hoffentlich haben jene Unholde auch anderes zu tun, als sich mit mir zu beschäftigen. Doch nun zur Hauptsache. Das, was ich Ihnen sagen will, betrifft die Katastrophe, die den Bewohnern der Erde droht.«

»Ganz recht, das interessiert mich,« erwiderte Mors. »Angenommen, jene Menschen hätten einige Weltenfahrzeuge erbaut, so genügt das nicht, um die Bewohner der Erde zu vernichten, dazu gehören noch kolossale Zerstörungsmittel von einer Furchtbarkeit, gegen die unsere irdischen Sprengstoffe als Kinderspielzeug erscheinen.«

Reymond war aufgestanden.

»Das ist es ja, Kapitän Mors,« sprach er mit furchtbarem Ernst und mit gedämpfter Stimme. »Die Unholde wollen sich einen furchtbaren, zerstörenden Stoff verschaffen, den sie mittelst ihrer Weltenfahrzeuge holen wollen und zwar aus ungeheurer Ferne. Haben sie diesen Stoff, der von geradezu vernichtender Wirkung sein muß, so verwandeln sie ihre Weltenfahrzeuge in Zerstörungsmaschinen und dann wird die Erde von einem Schicksal betroffen, wie es in der ganzen Weltgeschichte noch nicht dagewesen ist. Jene unheimlichen Männer müssen große Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und der Physik besitzen. Wunderbare Kenntnisse, die sie allerdings zu Verbrechen anwenden wollen.«

»Woher gedenken jene Elenden den Zerstörungsstoff zu holen?« fragte Mors, jedes Wort betonend.

»Vom Planeten Saturn,« lautete die Antwort. »Von jenem mächtigen Weltkörper, der seltsamerweise das einzige Gestirn ist, das von Ringen umgeben wird, und diese Ringe, die den Riesenkörper des Planeten umkreisen, bergen nach genauen wissenschaftlichen Beobachtungen eine Materie, die so fürchterlich wirkt, daß sie imstande ist, die ganze Erde in Trümmer zu zerspalten. Diesen furchtbaren Stoff wollen jene Unmenschen holen und damit zur Erde zurückkehren.«

»Ich verstehe,« versetzte Mors mit großer Ruhe. »Sie wünschen, daß ich mit meinem Weltenfahrzeug dies Vorhaben vereitle? Wenn jene Unholde mit dem Zerstörungsstoff zurückkehren, ist es zu spät. Sie würden zuerst mich und meine Fahrzeuge vernichten. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Herr Reymond, und ich erneuere zum dritten Male mein Anerbieten, mit mir nach meiner fernen Insel zu reisen.«

»Nein, ich bleibe in Frankreich,« erwiderte Reymond. »Ich habe jetzt meine Pflicht getan und das Schicksal der Erde in Ihre Hände gelegt.«

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