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Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
Language: de3,094 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: Science-Fiction & Fantasy·Novels·German Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #56991.

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Das Werk ist ein utopischer Roman, der in einer fernen Zukunft Afrikas spielt, wo ein sozialistisch geprägter „Freilandstaat“ seit fünf Jahrhunderten gedeiht. Der Einstieg erfolgt mit einer ausführlichen, fast philosophischen Auseinandersetzung über die unvermeidliche Krise des Kapitalismus und die Rolle der Sozialdemokratie, gefolgt von einer fiktiven Rede des Professors Bellmann, die das fünfhundertjährige Jubiläum des Staates feiert und die bevorstehende Expedition nach Europa ankündigt. Anschließend wird die Ankunft der afrikanischen Flotte in der dunklen, menschenleeren Elbemündung beschrieben, wobei die Protagonisten – zwei junge Seeleute – ihre Erwartungen und Vorurteile gegenüber dem einstigen Mutterland äußern. Der Text verbindet politische Reflexion, historische Projektion und ein detailliertes Bild einer idealisierten Gesellschaft, die sich von den europäischen Kolonialmächten emanzipiert hat.
Der Stil ist geprägt von einer hochgestochenen, fast sermonartigen Sprache des 19. Jahrhunderts, durchsetzt mit langen, verschachtelten Sätzen und einer rhetorischen Bildhaftigkeit, die an die Literatur der Gründerzeit erinnert. Leserinnen und Leser, die Interesse an historischen Utopien, spekulativer Sozialkritik und einer detailreichen Darstellung einer alternativen Zivilisation haben, werden die Mischung aus philosophischer Erörterung und epischer Weltenbeschreibung ansprechen. Besonders jene, die sich für die Wechselwirkungen von Kapitalismus, Sozialismus und Kolonialgeschichte begeistern, finden in diesem Roman ein anregendes Gedankenspiel.
The opening · free to read
Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nämlichen Punkte aus. Sie nehmen sämmtlich an, daß über kurz oder lang ein Moment eintreten werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft ausgewirthschaftet haben und von der socialistischen abgelöst werden wird. Der Unterschied ist nur der, daß bei Bellamy das Experiment günstig, bei seinen Widersachern aber höchst unglücklich ausfällt.
Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der Ansicht zu leben, daß die capitalistische Gesellschaft eines Tages am Abschluß ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur vorübergehend, um alsdann neu verjüngt aus der Asche des Socialstaates emporzusteigen -- und ihr Spiel von Neuem zu beginnen; diesmal natürlich nicht mehr genirt von den praktisch ad absurdum geführten Bestrebungen der Socialdemokratie. Die Letztere wird, so hoffen sie, sich selbst vernichten und der ungestörten capitalistischen Entwicklung werde nichts mehr im Wege stehen.
Was hindert uns aber anzunehmen, daß dieser von den Gegnern der Socialdemokratie gewiß als sehr wünschenswerth angesehene Zustand einer gänzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon früher eintrete, nicht herbeigeführt durch die Socialdemokratie selbst, sondern durch die mit Erfolg gekrönten Bestrebungen aller Jener, welche sie jetzt mit ihrer glühenden Feindschaft beehren und sie lieber heute als morgen gänzlich vernichten würden?
Nehmen wir einmal an, der Einfluß und die Beredsamkeit des Herrn Eugen Richter sei wirklich so groß, daß vor dem Runzeln seiner Brauen die Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es selbstverständlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner prophezeien, keine Socialisten geben und was alsdann eintritt -- das soll eben mein Buch schildern!
Vielleicht trägt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung beizubringen, die sich mir schon längst aufgedrängt hat, daß nämlich diejenigen, welche, wie Herr Eugen Richter, die Socialdemokratie bis aufs Messer bekämpft wissen möchten, weitaus staatsgefährlicher, als die ungestümsten Socialisten und zum mindesten ebenso culturfeindlich sind, als die schwärzesten Clerikalen.
Wenn die socialistische Bewegung, diese großartigste aller Culturströmungen, seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestände, sie müßte geradezu von Staats wegen geschaffen werden, um die Civilisation vor jenem Abgrunde zu retten, auf den wir, wenn es nach Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen.
Die capitalistische Productionsweise ist früher oder später dem Untergange geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, daß diese Umwälzung sie nicht unvorbereitet treffe, daß das Volk erzogen werde für diesen Moment, und Niemand kann dieses Erziehungswerk vollziehen, als die Socialdemokratie. Wer sie daran hindert, ist entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher!
Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen über dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate, wie er vorläufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein Ideal; nehme aber die Möglichkeit an, daß er sich nach und nach auf rein socialistischen Grundlagen zu einem solchen ausgestalten könne. Auf jeden Fall dürfte er besser und vernunftgemäßer eingerichtet werden, als andere uns näher liegende Staatengebilde.
Daß meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen, wird man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, daß es nur im Zustande der Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Büchlein auch nur einen einzigen Gegner der Socialdemokratie zum Nachdenken -- mehr beanspruche ich nicht -- veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck erfüllt.
Obermais bei Meran, Neujahr 1893.
Arnold v. d. Passer.
1. Capitel.
Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. -- Die Bewässerung der Sahara. -- Der Freilandstaat in Gefahr. -- Verlassene Colonien. -- Eine Volksabstimmung. -- Das verödete Weltmeer. -- Ein Riesencanal. -- Die Flotte des Freilandstaates.
Die große Volkshalle in Thomasville am Victoria-Nyanza-See, der Metropole des Freilandstaates, war am Abend des 17. März 2398 bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Von den Eisensparren des riesigen domartig gewölbten Raumes hingen in anmuthigen Bogen Guirlanden herab, durchwirkt von den Kelchen tausender und abertausender buntschillernder tropischer Blumen; in zauberischem Glanze wogte von der Kuppel hernieder ein Strom bläulich-weißen elektrischen Lichtes auf die unzählbare, festlich gekleidete Menge, welche den Klängen eines fünfhundertköpfigen Sängerchores lauschte. Wie Gesang himmlischer Heerschaaren fielen in die imposante Tonfülle plötzlich hundert liebliche Kinderstimmen ein, dann schloß sich brausend und rauschend der Klang einer unsichtbaren Orgel an, und in mächtigen Accorden endete das Musikstück, gefolgt vom Beifallssturm der tief ergriffenen Menge.
Nach einer Pause, während welcher die allgemeine Erregung wieder erwartungsvoller Stille Platz gemacht hatte, betrat der erste Präsident der wissenschaftlichen Academie zu Thomasville, der in weitesten Kreisen berühmte und gefeierte Professor Bellmann, die in der Mitte des Orchesterraumes errichtete Rednerbühne und seine kraftvolle Stimme drang in wohlgesetzter Rede bis in die fernsten Winkel des colossalen Raumes. Er besprach zunächst die Ursache des heutigen, an allen bewohnten Stätten des Continentes gleichzeitig gefeierten Festes. Heute vor 500 Jahren, am 17. März 1898 hatten jene weitblickenden und hochherzigen Männer, welche von Europa herübergefahren waren, um im Herzen Afrika's den Freilandstaat zu gründen, den Boden des dunklen Welttheiles betreten. Ihnen ist es zu verdanken, daß Afrika jenen Namen schon seit Jahrhunderten nicht mehr verdient, daß es vielmehr allen Anspruch erheben kann, der »glückliche« Welttheil genannt zu werden. Und nun schilderte der Redner in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten fünfhundert Jahre, wie das kleine, am Keniagebirge unter Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art gegründete Gemeinwesen, Dank den richtigen und humanen Grundsätzen, von denen es geleitet wurde, immer mehr und mehr sich entwickelte und aufblühte, wie seine Grenzen sich ausdehnten, und wie es endlich so weit kam, den ganzen großen Continent von der Küste des Mittelmeeres bis hinab zum Cap der guten Hoffnung und Millionen friedlicher, gesitteter Menschen zu umschließen.
Schon seit Jahrhunderten waren die großen Wildnisse des Innern erschlossen und die Negerbevölkerung hatte sich so culturfähig gezeigt, daß aus ihrer Mitte seither eine große Zahl vortrefflicher Künstler und Gelehrter hervorgegangen waren. Die grausamen Sklavenjagden vergangener Zeiten lebten nur noch wie halbverschollene Sagen in der Ueberlieferung der jetzigen Generation. An den großen Seen, wo früher blutige Schlachten zwischen den sich befehdenden Stämmen geliefert worden waren, breitete sich eine Kette anmuthiger Ortschaften aus und als Perle unter ihnen die prächtige, glanzvolle Hauptstadt Thomasville, dem großen Utopisten des Reformationszeitalters, Thomas Moore, zu Ehren so genannt. Die Sahara hatte die Bewohner von Freiland ebenso wenig in ihrem Culturwerk aufzuhalten vermocht, als die riesigen Urwälder am Aruwimi, welche Stanley einst mit seinen halbverhungerten Schaaren durchzog. Erstere war schon seit zweihundert Jahren in ihrer ganzen Ausdehnung bewässert und jetzt ein unabsehbares Fruchtgefilde, mit reizenden Palmenhainen geschmückt, die sich in den kühlen Fluthen der Canäle spiegelten, von denen das Land allenthalben durchzogen wurde. Viele hunderte blühender Städte und Dörfer lagen jetzt dort, wo einst der Samum mit den Gebeinen verschmachteter Karawanen sein Spiel getrieben hatte. Der Urwald am Aruwimi aber war schon längst in einen Riesenpark verwandelt, von Straßen und Eisenbahnen durchzogen und nicht mehr von Canibalen und Zwergen, sondern von schöngebauten, hochcultivirten Menschen bewohnt. Fast ungestört hatte sich dieses großartige Culturwerk im Laufe der Jahrhunderte vollzogen; erst langsam, dann schnell und immer schneller. Nur ein einziges Mal, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, schwebte der Freilandstaat in Gefahr, vernichtet zu werden, nicht durch die Schaaren der Eingeborenen oder der räuberischen Araber, sondern durch große bewaffnete Expeditionen, welche von Europa aus abgesendet worden waren, um dem jungen Gemeinwesen die Oberhoheit und die Gesetze der alternden Staaten jenseits des Mittelmeeres aufzuzwingen.
Damals kam es zwischen der Küste und den großen Seen zum Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen glänzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen, die Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern Afrika's zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen gegen die Küsten vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die Freilandbürger, daß diese Küsten in ihrer ganzen Ausdehnung fast menschenleer waren. Die einst mit so großen Opfern gegründeten und unterhaltenen europäischen Colonien waren aus unerfindlichen Ursachen verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an jenen Punkten, wo die europäische Cultur einst den festesten Fuß gefaßt hatte, wie in Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in den Ruinen verfallener Städte ein kümmerliches entartetes Geschlecht, das noch einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europäische Abkunft sich nicht gänzlich verwischt hatte.
Als man diese überraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden war, daß, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen laut, den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen.
Von den Küsten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein ganzes Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung gerichtet und keinerlei Versuch gemacht, mit außerafrikanischen Völkern in Verkehr zu treten. Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch einige Beziehungen zur alten Heimath unterhalten, so war auch dieses lose Band im Laufe der Zeit gänzlich gelöst worden. Seit mehr als 200 Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde von Europa und seinen Zuständen ins Innere des afrikanischen Continentes gedrungen, und so war es leicht begreiflich, daß jetzt das Verlangen sich regte, das Versäumte nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande herzustellen. Eine Flotte sollte gebaut und ausgerüstet werden mit der Bestimmung, die Haupthandelsplätze der anderen Welttheile, namentlich Europa's, aufzusuchen und über die Zustände dortselbst genau Bericht zu erstatten.
Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates sehr energisch und zwar aus schwerwiegenden Gründen. Noch waren die Kräfte des jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, daß dasselbe gegen jede Einwirkung von außen her als gefeit angesehen werden konnte. Noch war die Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles concentrirt; an den Küsten existirten nur vorgeschobene Posten, welche für den Fall, daß von Europa aus wiederum feindselige Absichten zur Durchführung gelangt wären, der Vernichtung fast mit Sicherheit ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte, oder nur dürftig bevölkerte Länderstrecken zwischen dem Innern und der Küste und große, die Thatkraft und den Fleiß der Bevölkerung auf Generationen hinaus in Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewältigen. Ihre Hauptaufgabe erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen Rückfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der capitalistischen Productionsweise unter allen Umständen unmöglich zu machen und sie fürchtete vielleicht nicht mit Unrecht, daß die Eröffnung von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im Stande sei, in dieser Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwören, denen auf alle Fälle vorläufig aus dem Wege gegangen werden müsse, und zwar umsomehr, als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner bedurften, selbst zu produciren befähigt war. Mit dieser vielleicht etwas engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung -- zum ersten Male seit ihrem Bestande -- in Widerspruch mit einem großen Theile der Bevölkerung, aber die Gründe, welche sie leiteten, wurden dennoch von der Mehrheit als einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die Expedition nach Europa bis zum Jahre 2398, dem fünfhundertjährigen Jubiläum von Freiland, zu verschieben, fand bei der allgemeinen Volksabstimmung die Majorität für sich. Man war entschlossen, keine von Europa aus etwa angeknüpften Beziehungen zurückzuweisen, aber ebenso entschlossen, von sich selbst aus derartige Beziehungen vor dem genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die Anhänger der Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, daß von Europa oder anderen Welttheilen aus früher oder später ein Versuch gemacht werden möge, mit dem immer schöner aufblühenden afrikanischen Staate in Verkehr zu treten, so hatten sie sich gänzlich getäuscht. Seltsamerweise unterblieb ein solcher Annäherungsversuch und von allen Küsten Afrika's kam jahraus, jahrein die Meldung, daß das weite Weltmeer öde und verlassen daliege, daß auch am fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu entdecken sei. Inzwischen ging die Cultivirung Afrika's mit Riesenschritten vorwärts, und als die ersten 500 Jahre seit der Gründung des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der einst so unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein Paradies, geschmückt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen.
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