Storieta
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Feierlicher Glockenklang zog weit hinein ins Land. Blauer Himmel lag über der Erde; auf den Feldern wiegten sich schwer die goldgelben Aehren, reif für den Sensenschnitt, und auf den Straßen und den grünen Wiesensteigen kamen von allen Seiten Leute im Sonntagsstaat heran nach der kleinen, freundlichen Stadt, die im Thale lag.

Sie hatte ein altertümlich-trauliches Gesicht. Der Rest einer alten, verwitterten Mauer drängte sich da und dort aus grünen Gartengehegen hervor, ein dicker, schwerfälliger Kirchturm sah hoch hinaus über die an einandergedrückten roten und grauen Dächer und über den bescheidenen Genossen, der das kleine Kloster der Bettelmönche am letzten Ende des Städtchens überragte.

Und die Glocke läutete noch immer mit langsamen, aber vollen und weichen Schlägen, als ob sie gute Botschaft zu sagen hätte.

Auf der hochgelegenen Straße, von der man in die sonnige Landschaft und auf die wandernden Menschen ringsum schauen konnte, saß bei einem Kapellchen auf einer Steinbank ein fahrender Gesell. Der erhob sich, als jetzt eine kleine Schar von Landleuten herankam, lüftete zum Gruße seine Kappe, rückte sich das Ränzel zurecht auf dem Rücken und fragte:

»Mit Verlaub, da unten wird wohl heute ein besonderes Fest gefeiert?«

Der weißhaarige Bauer, welcher mit seinem Weibe dem Zug voranging, stützte sich einen Augenblick auf seinen Weißdornstecken, sah sich den Burschen an, und weil er ihm zu gefallen schien, sagte er im Weiterschreiten -- denn er setzte voraus, daß der andere sich ihm anschließen wolle:

»Des seligen Sportelschreibers Frohwalt Sohn hat heute seine Primiz, sein erstes heiliges Meßopfer. Ein solch' Fest ist seit langen Jahren nicht mehr hier gewesen und darum kommt, wer nur immer kann, herbei, um demselben beizuwohnen. Bei uns heißt's, man soll, wenn's notthut, ein paar neue Schuhe auf dem Wege zerreißen, um den Segen eines neugeweihten Priesters zu erhalten, der eine besondere Kraft hat. Und diesmal ist's noch etwas anderes. Wir haben den alten, braven Sportelschreiber gekannt, und von Kindesbeinen an auch seinen Sohn, den Peter, und da wollen wir erst recht nicht fehlen am Ehrentag. Der Vater hätt' es noch erleben müssen, denn es ist ein großer Stolz für ein schlichtes Haus, wenn ein geistlicher Herr daraus hervorwächst und besonders einer wie der hochwürdige Herr Pater Peter, der gar so gescheit und fromm sein soll. Na, der Mutter und der Schwester ist auch die Freude zu gönnen, sind brave Leute, die sich recht und schlecht durchbringen und denen niemand etwas nachreden kann.«

Der Alte ging mit weitausgreifenden Schritten dahin, und sein Weib trippelte hastig nebenher, hinterdrein aber kamen Kinder und Enkel, Knecht und Magd. Die Glocke hatte jetzt ausgeklungen, und der Bauer sprach halb zurückgewendet:

»So, nun ist das erste Läuten vorüber, und in der Kirche wird's kaum noch Platz geben -- das kommt davon, daß bei euch jungem Volk kein Fertigwerden ist.« Dann redete er wieder leutselig mit dem wandernden Gesellen und frug nach seinem Handwerk und seiner Heimat, und so kamen sie ans Städtchen.

Durch einen altertümlichen Thorbogen führte der Weg hinein in die Gasse, und gleich zu ihrem Anfang stand zur Rechten ein kleines Haus, einstöckig, mit vier spiegelblanken Fenstern in der Front, dessen Thür umwunden war mit grünem Kranzwerke.

»Das ist des Sportelschreibers Haus!« sagte der Bauer, und der Geselle hätte sich's wohl denken können, denn Kinder und neugierige Frauen standen in der Nähe, den Ausdruck frommer, scheuer Spannung in den Gesichtern. Er sah einen plätschernden Brunnen unter einer Statue des heil. Johann von Nepomuk, dabei war eine Linde und eine Bank ringsum dieselbe; da sprach er:

»Hier bleibe ich und will warten, bis der Zug nach der Kirche geht. Gott befohlen!«

Und im Lindenschatten ließ er sich nieder neben einem Kindermädchen, das einen kleinen Knaben auf dem Arme schaukelte, stützte das Kinn auf den Griff seines Wanderstockes und wartete.

Im Erdgeschoß des kleinen Hauses aber war alles so blitzblank. Der Flur war gescheuert und mit weißem Sande bestreut, und in der großen Stube war kein Stäubchen zu sehen. Vor den Fenstern hingen weiße Vorhänge, und auf den Brettern standen blühende Blumen, die altertümlichen Möbel waren aufpoliert und an der Wand, der Thüre gegenüber, war ein einfacher Altar errichtet worden. Auf der blütenweißen Tischdecke befand sich ein Kruzifix, daneben zwei Leuchter mit brennenden Lichtern und in zwei kleinen Vasen duftende weiße und rote Rosen.

Vor dem Altar aber stand der junge Priester, Peter Frohwalt, eine jugendlich schöne Erscheinung, hochgewachsen und schlank, mit einem frischen, von froher Erregung geröteten Antlitz, aus welchem zwei große, schöne, blaue Augen schauten. Das blonde Haar war kurzgeschoren und weiß schimmerte daraus die Tonsur hervor. Er trug das dunkle, wallende Priestergewand, und um den Hals den ringsum geschlossenen Kragen mit dem weißen Bändchen darum, das Collare. Zur Seite des Altars standen seine Mutter und seine Schwester. Erstere war eine Frau mit festen aber gutmütigen Zügen, in denen heute eine mühsam verhaltene Rührung lag, angethan mit einem dunkeln, verschossenen Seidenkleide, das wohl schon manchen Ehrentag des Hauses gesehen hatte; die Schwester war ein hübsches, hochgewachsenes Mädchen, dem Bruder ähnlich, und unter dem schlichten Hütchen, welches sie trug, drängten sich ein paar prächtige blonde Zöpfe hervor. Sie mochte vielleicht ein Jahr jünger sein als der neugeweihte Priester.

Dem Altar und den letzteren gegenüber standen um den alten Pfarrer des Ortes gereiht ältere und jüngere Geistliche, darunter die Mönche des in der Stadt befindlichen Kapuzinerklosters. Der Pfarrer, ein weißhaariger Herr mit milden, freundlichen Zügen trug den goldschimmernden Vespermantel, die andern zumeist weiße Chorhemden und darüber die Stola.

Der Pfarrer hatte seine Ansprache geendet, in welcher er den jungen Priester beglückwünscht und begrüßt hatte. Seine Worte waren ruhig und herzenswarm gewesen, und da er des verstorbenen Vaters des Primizianten gedachte, weinten Mutter und Tochter in Wehmut still für sich hin. Nun nahm der Jüngling vor dem Altare das Wort:

»~Laetatus sum in his, quae dicta sunt mihi: In domum Domine ibimus~ -- ja, erfreut bin ich darüber, daß man mir sagt: Wir wollen hingehen in das Haus des Herrn!«

Mit diesem Ausspruch des Psalmisten hob er an, und seine anfangs bewegte Stimme wurde ruhiger und sicherer und gewann einen weichen, wohlthuenden Klang. Vom Elternhaus ins Gotteshaus -- welch ein schöner Weg! Von der Stätte, von welcher er Liebe empfangen, zu jener, von welcher aus er sie spenden wollte. -- Das war der Grundgedanke, den er kurz und weihevoll ausführte, und dann schloß er:

»Mit reinem Herzen und mit reinen Händen will ich hintreten an den Altar des Herrn. Wer je mich gekränkt hat in meinem Leben, dem sei verziehen vom Grund der Seele, und wem ich wissentlich oder unwissentlich weh gethan, der möge mir verzeihen um dieser Stunde willen, in der Gott mich würdigt, der Wunder größtes zu vollbringen und Brot und Wein in seines ewigen Sohnes Fleisch und Blut zu verwandeln. Und wie ich meines toten Vaters gedenken werde bei meinem ersten heiligen Opfer, so will ich auch für euch beten, Mutter und Schwester. -- Der Herr hat heute Großes gethan an uns allen, gepriesen sei sein Name -- Amen!«

Hochaufgerichtet trat der junge Mann zu der beinahe fassungslosen alten Frau, die sich in seine umschließenden Arme schmiegte und nach der geweihten Hand des Sohnes faßte, um sie zu küssen, was dieser jedoch abwehrte, dann umarmte er die blühende, errötende Schwester -- durch die kleinen Fenster aber flutete wärmer der Sonnenglanz herein und glänzte auf den priesterlichen Gewändern, auf den Rosen um das Kruzifix und auf dem blonden Scheitel des jungen Priesters.

Nun ordnete sich der Zug. Der alte Pfarrer und der Vorsteher des Kapuzinerklosters nahmen den Neugeweihten in die Mitte, die andern schlossen sich paarweise an, und den Priestern folgte Mutter und Schwester, sowie eine Anzahl Freunde der Familie. Im Flur des Hauses aber traten vor den Zug vier kleine, weißgekleidete Mädchen, die aus Körbchen, welche sie am Arme trugen, Blumen und Rosenblätter auf den Weg streuten.

Jetzt hoben die Glocken aufs neue an zu tönen -- auch jene von dem Klösterchen klangen darein -- und langsam ging es im hellen Sonnenglanz durch die Gassen nach der Kirche.

Das Gotteshaus war umschlossen von dem Friedhofe, und ehe noch das Kirchenportal den Zug aufnahm, hatte der junge Priester dem Pfarrer einige Worte zugeflüstert und dieser den kleinen Mädchen eine Weisung erteilt. Sie bogen seitwärts ab nach dem Eingang zum Gottesacker, und zwischen den Kreuzen und Steinmälern ging der Zug zur Verwunderung der Neugierigen hin, bis er anhielt, wo hart am Wege auf einem schlichten Denkmal geschrieben stand:

An den grauen Stein gelehnt stand hier ein Mann mit scharfgeprägten, verwitterten Zügen, der mit hellen Augen nach den Nahenden hinschaute und als sie ganz nahe waren, seinen alten Filzhut abnahm, so daß die grauen Haarsträhnen sich leicht im Winde bewegten. Sein Gewand war einfach wie das eines schlichten Handwerkers, und in der Hand hatte er einen kräftigen Naturstock.

»Das freut mich, daß Du zuerst Deinem toten Vater Deinen Gruß bringst und seinen Segen holst, Peter, und das hab' ich auch nicht anders erwartet,« sagte er mit klarer, wohltönender Stimme und reichte dem jungen Priester die Hand, welche dieser ergriff.

»_Vetter Martin!_ Das ist lieb, daß Du da bist!«

»Bin gestern abend just wegen Dir heimgekehrt, aber das wollen wir jetzt nicht erörtern. Bete jetzt hier dein Vaterunser, und dann geh' in Gottes Namen in die Kirche und werde ein Priester nach seinem Herzen!«

Der seltsame Mann trat zurück unter die Leute, die sich hier angesammelt, Peter aber neigte sich über den grauen Stein, der seines Vaters sterbliche Reste deckte ... und man hörte einige Augenblicke nur das klangvolle Tönen der Glocken und verhaltenes Schluchzen ergriffener Frauen. Dann erhob sich der junge Priester, bedeckte sein Haupt, das er entblößt hatte, mit dem Barett und sprach wieder ruhig:

»~In domum Domini ibimus!~«

Dann lenkte der Zug in das von Menschen dichtgefüllte Gotteshaus ein, und mit dem Glockenklang mischte sich der lärmende Schall von Trompeten und Pauken, aus deren Gewirr sich endlich in klarer Majestät die Orgel herausarbeitete, deren Töne auch hinausdrangen in den stillen Friedhof, wo Vetter Martin noch lange an dem Grabe Franz Frohwalts stand. Die Kirche selbst betrat er nicht.

Drinnen hatte der Gottesdienst seinen Anfang genommen. Der Guardian der Kapuziner hielt die Festpredigt, während welcher der Primiziant zur Seite des Hauptaltars auf einem Faldistorium, einem rotgepolsterten Lehnstuhle, saß, umgeben von den andern Priestern, und dann folgte die feierliche Messe, in welcher der junge Priester, gleichfalls unter zahlreicher Assistenz, zum ersten Male von seiner Würde Gebrauch machte.

Als er die Hostie in den Händen hielt, und das Wort sprach, durch welches nach seinem Glauben das Wunder der Verwandlung sich vollzog: »~Hoc est corpus meum~ -- das ist mein Leib,« als er das Knie beugte vor der Gottheit und sich in tiefem, andachtsvollem Schweigen die Häupter aller Anwesenden neigten, rann ihm ein Schauer durch den Leib, und er ward erst ruhiger, als nach der Wandlung die Orgel mit weichen Tönen wieder einsetzte und zarte, süße Frauenstimmen vom Chor herab das »~Benedictus~« anstimmten.

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