Storieta
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About this book

Der Band ist eine Sammlung kurzer, naturwissenschaftlich angehauchter Erzählungen, die sich selbst als „Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts“ verstehen. Der Erzähler, ein fiktiver Doktor Ulebuhle, lebt in einem windschiefen Haus im Harz, umgeben von einem Museum voller Instrumente, Fossilien und Sternenkarten. In einer einleitenden Ansprache erklärt er, dass die Geschichten nicht von Hexen oder Prinzessinnen handeln, sondern von technischen Wundern und naturkundlichen Erkenntnissen, verpackt in märchenhafte Formen, um jungen Lesern Wissen spielerisch zu vermitteln. Der Text beginnt mit einer Reflexion über den Wandel der Zeiten und das veränderte Wirklichkeitsgefühl der Kinder des 20. Jahrhunderts, bevor er die Figur des schrulligen Doktors und sein Umfeld detailliert schildert.

Der Stil ist von einer leicht pathetischen, doch humorvollen Stimme geprägt, die zugleich didaktisch und erzählerisch wirkt. Die Sprache spiegelt die Übergangszeit zwischen klassischer Märchenerzählung und moderner Aufklärung wider, mit vielen bildhaften Beschreibungen und einer leicht ironischen Grundhaltung. Leserinnen und Leser, die Freude an historisch gefärbten Kurzgeschichten haben, die Wissenschaft mit Fantasie verbinden, und die das Flair früherer deutscher Kinderliteratur schätzen, werden an Bürgels Werk Gefallen finden.

Characters in Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

  • Doktor UlebuhleMiddle‑aged German scholar, spectacles, unkempt hair, tweed coat, surrounded by instruments

The opening · free to read

Die Zeiten haben sich geändert! Man kann das bedauern, aber schwer ungeschehen machen. Das Kind des zwanzigsten Jahrhunderts hat einen starken Wirklichkeitssinn und eine große Hinneigung zu technischen Dingen, mit denen es ja auch tagtäglich -- zum mindesten in größeren Orten -- in engste Berührung kommt. Kein Wunder, daß es mit einer mechanischen Eisenbahn lieber spielt als mit dem hölzernen Harlekin, der einmal unsere Freude war, und kein Wunder auch, wenn es spannend geschriebene Erzählungen, in denen moderne technische Wunder und aufregende Abenteuer eine Rolle spielen, lieber liest als das Märchen vom Wolf und vom Rotkäppchen, das sein Wirklichkeitssinn einfach als »unsinnig« beiseite schiebt, während wir Großen erst wieder das Symbolische darin zu würdigen wissen.

Aus solchen Erwägungen heraus sind die vorliegenden Geschichten entstanden. Es sind gewissermaßen naturwissenschaftliche Märchen. Märchen nur der Form nach; ihr Kern besteht aus leicht faßlichen naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen und Erfahrungen, und wenn die Kinder dieses Buch mit einigem Interesse (wie ich hoffen darf) gelesen haben werden, so haben sie eine ganze Masse dabei gelernt und sich doch gut unterhalten. Auch der Humor und eine kleine moralische Nutzanwendung kommen da und dort zu ihrem Recht.

Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren zum erstenmal den Versuch machte, in der hier vorgetragenen Weise das »Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts« zu schaffen, fanden die wenigen Proben eine so allgemein günstige Aufnahme, daß ich den oft mir geäußerten Wünschen, einen ganzen Band solcher Erzählungen herauszugeben, glaubte nachkommen zu sollen. Wozu mir schöne Friedensjahre nicht Zeit ließen, das entstand dann in langen Kriegsjahren draußen »an französischen Kaminen«. Im Kriege ersonnen, in Revolutionstagen niedergeschrieben, mögen diese Erzählungen, das ist mein Wunsch, den deutschen Kindern, die nicht minder schwer als wir Großen die Härte der Zeit gespürt, ein wenig Freude und ein wenig Sonnenschein bringen.

Vom Doktor Ulebuhle

Meine lieben jungen Freunde! Ehe ihr nun die Geschichten des Doktor Ulebuhle lest, wollt ihr sicher auch wissen, wie sie denn zustande gekommen sind, und was es mit dem Ulebuhle für eine Bewandtnis hat. Eigentlich hieß er gar nicht so, und wie in Wahrheit sein Name war, das haben die Kinder nie erfahren, oder sie hatten es wieder vergessen, aber so viel weiß ich, daß er ein schnurriger Kerl war, so schnurrig wie der Name, den ihm die Leute gegeben hatten.

Da unten im Harzgebirg mit seinen dunklen Tannenbergen liegt die alte Kaiserstadt Goslar, mit ihren uralten spitzen Türmen, seltsamen Torbogen und engen Gassen mit wunderlichen, jahrhundertealten Häusern am Fuße des Rammelsberges, in dem tief, tief unter der Erde die Bergleute pochen. Vor vielen Jahren lebte da der Doktor Ulebuhle. Er bewohnte ganz allein eines jener etwas windschiefen, mittelalterlichen Häuser, die verwundert aus ihren vom Alter fast erblindeten winzigen Fensterchen in die neue Zeit hineinblinzeln. Oben auf dem Hause war ein Turm, gedeckt mit lauter Schiefertafeln, fast so wie die, mit denen wir Buben zur Schule zogen, und da oben hatte Ulebuhle ein großes Fernrohr stehn, mit dem man den Mond und die Kometen betrachten konnte. Und dann waren da im Hause ein paar ganz einfache Zimmerchen, mit alten Möbeln und seltsamen Uhren und allerlei Schnickschnack, und eines davon war ganz mit Büchern vollgestopft, daß man nicht wußte, wohin man treten und wohin man sich setzen könnte. Nebenan sah es noch viel toller aus! Das wahre Museum. Ausgestopfte Tiere, versteinerte Fische und Schnecken, Tiergeripp und Totenbein, und Schmetterlingssammlungen und seltene Käfer. Erdglobus und Himmelsglobus, Elektrisiermaschinen und Mikroskope, hundert Instrumente und weiß der Teufel was noch für Krimskrams.

Und da hauste der alte Ulebuhle ein Leben lang wie ein Maulwurf in seinem Bau. Er hatte keine Frau und keine Kinder; ein ganz altes Weiblein mit einer großen schwarzen Haube besorgte alles und war der einzige Mensch, mit dem sich Ulebuhle vertrug, denn er war ein rechter alter Knurrhahn.

Und wenn ihr nun fragt, wie er ausgesehen hat, der Doktor Ulebuhle, so muß ich sagen, höchst schnurrig! Er war so groß, daß er kaum durch die niederen Türen des alten Hauses ging, und dürr wie ein Pfeifenrohr. Das Alter hatte sein Gesicht in tausend Runzeln zerrissen, es war bartlos und von vielem Tabakrauch gebräunt wie eine alte Meerschaumpfeife, und eisengraues Haar bedeckte das Haupt. Was aber ganz putzig aussah und uns Kindern als das Sonderbarste vom Sonderbaren erschien, das war das kleine Zöpfchen, das dem guten Ulebuhle hinten über den Rockkragen baumelte. Ein Zöpfchen, nicht länger und kaum dicker als ein Rattenschwanz, eisengrau, und mit einer winzigen schwarzen Schleife nahe der Spitze. Mein Vater sagte mir zwar, und aus alten Büchern könnt ihr das ja auch an den Bildern sehen, früher hätten die Männer alle so kleine Zöpfchen getragen, und der gute alte Ulebuhle, der schon fast siebenzig Jahre alt war, habe es sich nur nicht mehr abgewöhnen wollen, als die neue Mode kam und eines Tages schnipp-schnapp die ganzen Zöpfe von der großen Schere der Zeit weggeputzt wurden, aber das ist egal, es sah doch zu schnurrig aus. Zudem trug er auch noch eine mächtige Hornbrille, mit großen runden Gläsern, und wenn er dann so bedächtig mit den Augendeckeln klappte, dann sah das in Verbindung mit der Brille und der scharfen Hakennase aus wie bei einer Eule oder »Ule«, wie die Leute da unten sagen. So aber war auch sein seltsamer Name entstanden. Eigentlich hieß er nur Doktor Buhle, für uns aber war er nur der Ule-Buhle, und dabei blieb es!

In einem langen grauen zugeknöpften Rock, Sommer und Winter mit buntkarrierten Filzschuhen an den Füßen, saß der Doktor Ulebuhle so, aus der langen Pfeife blaue Rauchwolken von sich stoßend, über seinen Büchern, seinen Instrumenten, und kümmerte sich um keinen Menschen in der weiten Welt.

Aber wenn er auch wunderlich aussah, und wenn die Leute auch verstohlen über ihn lachten, sie zogen doch tief den Hut vor ihm, wenn er mal aus dem Fenster schaute oder in seinem Garten die Bäume beschnitt, denn er war ein Mann, der so viel wußte wie keiner in weiter Runde, die Lehrer und den Pfarrer, die Ärzte und den Bürgermeister mit eingeschlossen, und das will was heißen, denn von denen wollte doch auch einer immer mehr wissen wie der andere. Er hatte viele gelehrte Bücher geschrieben, und aus fernen Ländern schickten berühmte Professoren, die so weise waren, daß sie sich Tonnenbänder um den Kopf legen lassen mußten, damit er nicht vor lauter Wissen auseinandersprang, Briefe an unseren Ulebuhle und baten um seinen Rat.

Wie aber, so werdet ihr fragen, kam nun der Doktor Ulebuhle dazu, diese Geschichten zu erzählen?

Das ging so zu: Da, wo das Haus des Doktor Ulebuhle stand, war ein freier Platz, und ein Brunnenbecken stand darauf. Hier aber versammelten wir Kinder uns am liebsten und lärmten da umher, wie eine Schar Spatzen im Kirschenbaum. Das aber war schrecklich für den Alten! Es störte ihn ganz gräßlich bei seinem gelehrten Tun, und als all sein Schimpfen nichts half, da versuchte er es auf einem anderen Wege. Er ließ uns einst, als wir an einem Sommerabend wieder um den Brunnen jagten, von der alten Dienerin heraufholen, was ihm aber nur bei den Mutigsten zunächst gelang. Mit einem seltsamen Schauder und mit einer noch größeren Neugierde betraten wir das sonst so fest für jedermann verschlossene Haus. Ulebuhle aber hielt uns eine lange Rede. Wir wären zwar allesamt Taugenichtse, die noch einmal ein übles Ende nehmen würden, sagte er in einem seltsam knurrigen Ton, aber er wolle uns alle Sonntagabend bei Kuchen und Tee schöne Geschichten erzählen, durch sein Fernrohr den Mond und die Sterne zeigen und andere Dinge, wenn wir versprächen, künftig nicht mehr um den Brunnen zu tollen und Bälle in den Garten zu werfen.

Und so geschah's! Erst kamen nur wenige, dann mehr, und schließlich alle. Und die Geschichten waren sehr interessant, der Kuchen voller Rosinen, und um den Brunnen war es still geworden, denn keiner wollte es mit Ulebuhle verderben. Dieser aber war ein kluger Mann! Das waren keine gewöhnlichen Märchen, die er da erzählte, keine von Hexen und Menschenfressern, von Prinzessinnen und verwunschenen Froschkönigen und all solchen Dingen, die es gar nicht gibt, sondern es waren Geschichten, aus denen wir Kinder viel lernen konnten und viel gelernt haben, und nur scheinbar waren es Märchen. So wie der Apotheker eine bittere Pille, die uns kurieren soll, mit einer Zuckerhülle umgibt, damit wir sie bereitwilliger schlucken, umgab der gelehrte Doktor seine Erzählungen von all den wunderbaren Dingen der Natur mit einem Märchenkleid.

Was ich behalten habe von diesen Geschichten, das habe ich hier niedergeschrieben, und wenn ihr sie alle gelesen haben werdet, so habt ihr eine ganze Masse gelernt von Sonne, Mond und Sternen, von Wolken, Regen, Schnee und Wind, von Feuerbergen und Meerestiefen.

Wenn ihr aber etwas nicht verstanden habt oder mehr davon wissen möchtet, dann schreibt mir nur und denkt, ich wäre der Ulebuhle selber, und dann will ich mir die Hornbrille aufsetzen, es sorgfältig lesen und euch antworten, wenn auch nicht so knurrig und brummig wie Doktor Ulebuhle.

Die versunkene Stadt

«Ach, da unten im Süden ist es herrlich! So tiefblau ist der Himmel, wie wir Nordländer ihn gar nicht kennen. Eine warme Luft weht herüber vom Mittelländischen Meere, und wundervolle Blumen blühen. Lorbeerhaine stehen am Ufer, und in sonnigen Gärten leuchten Apfelsinen- und Zitronenbäume. Ja, es ist herrlich da unten im Lande Italien.

Seht, da pflügte an einem schönen Frühlingstage ein Bauer das Feld. Er zog das blanke Eisen durch die dampfende Erde, die ein warmer Regen aufgeweicht, und rauchte vergnüglich seine Tonpfeife. Das war nicht weit von dem spitzen Kegelberge, der da hoch aufragt wie ein mächtiger, umgestülpter Napfkuchen, und den die Leute »_Vesuv_« nennen. Und was der Bauer konnte, das konnte der Berg auch! Eine feine Rauchsäule stieg aus seinem Gipfel, denn er ist ein feuerspeiender Berg und ein gefährlicher Bursche. Wenn er seinen Rappel kriegt, rumort er plötzlich los. Mit Blitz und Donner fährt das glühende Teufelszeug aus ihm heraus, heiße Asche und brennende Steine sausen durch die Luft und zerstören alles ringsum. Dann ist der tiefblaue Himmel verschwunden, die Lorbeerhaine verbrennen, die Apfelsinen- und Zitronengärten werden im heißen Schlamm begraben. Ach, dann ist es nicht mehr herrlich da drunten im Süden, im Lande Italien.

Der Berg raucht, aber ganz friedlich nur, und der Bauer raucht unbekümmert um ihn sein Pfeifchen, da fährt sein blankes Pflugeisen gegen ein hartes Ding. Ein Stein, denkt er und bückt sich, ihn aus dem Wege zu räumen. Aber wie er das Ding aufheben will, ist es eine wunderschöne Bronzekanne, ein metallener Krug, wundervoll verziert. Wenn man die Erde und Asche abscheuert, die ihn mit dicker Kruste überzieht, sieht man, daß er uralt ist, so, wie ihn die Menschen heute nicht mehr herstellen.

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Illustrated scene from The Adventures of Sherlock HolmesIllustrated scene from FrankensteinIllustrated scene from The Great Gatsby

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