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Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben
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Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der weiten Welt!
Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und selig, denn was sie sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht, sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß, daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem, was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude, die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!
O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich, an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig. Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt, bin ich gegangen und ich habe geweint wie ihr, ich habe getobt, ich habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.
Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.
Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten, verschwommenen Eindruck, etwa so, wie von einem Bild, das in einer dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt geworden und lebte doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt, daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.
Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen; im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder.
Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze flehend: „Franzl, mach die Augen auf! -- Ich bitt dich, Franzl, mach die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! -- hörst nit! -- Franzl!“
Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich, wie ich in meinem ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam ich in der Mühle an.
Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen: „Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“
Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen, ich schluchzte nur, aber ohne eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube.
Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah! Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins -- zwei; eins -- zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flüstern, dann ein Raunen wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger Angst.
Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen.
Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben der Mühle, in die mich Marie führte.
Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit. Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“
Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater haben s’ erschossen.“
Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben erwacht.
Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für ihn beten, Heinerle!“
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