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Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
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An einem Augustnachmittage schoß die Sonne noch rasch etliche stechende Strahlenpfeile in das von der munteren Enns durchzogene Talbecken von Admont, dann verschwand das Weltlicht hinter einer dunklen Wolkenbank, die dräuend Sturm und Grobwetter ankündigte. Dumpfe Schwüle brütete in der Niederung; um die grauen hochragenden Kämme der wuchtigen Bergkolosse, der sogenannten „Haller Mauern“ im Norden von Admont, wehte ein starker Nordwestwind, der alsbald dem breiten Felsenhaupte des Großen Pyrgas eine Nebelhaube aufsetzte und auch dem Scheiblingstein, der gigantischen zweitgrößten Erhebung dieses starren Steinmeeres, Wolken und Schwaden zujagte, so daß die Zinnen und Grate, die Schneemulden und wildzerrissenen Rippen und Runsen von einem weißgrauen Chaos verhüllt wurden.
Bleischwer und glühendheiß war die Luft selbst im Fichtenwalde des Mittelgebirges, sie trieb den auf einem Jagdsteige bergan schreitenden Förstern den Schweiß aus allen Poren. Voran stieg elastisch, stetig und stumm der Oberförster Ambros Hartlieb, ein schlanker, geschmeidiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren in verwitterter Steierertracht; dunkel das Auge, energisch und streng der Blick, schwarz das Haar und der kurzgehaltene Vollbart. Eine sympathische Erscheinung, doch umweht von einer Strenge, die eine vertrauliche Annäherung verhindern zu wollen schien. Das Gegenteil solcher Härte im Gesichtsausdruck offenbarte die Gestalt des Begleiters, des Forstwartes mit dem drolligen Namen Benjamin Gnugesser; mittelgroß der gleichalterige Mann mit einem berufswidrigen Bäuchlein, blauäugig, gutmütig, rötlichblond das lockige Haupthaar und ganz fuchsfarbig der überlange, wallende Patriarchenbart. Wie ein Gnom, ein Bergmanndl aus der Sagenwelt, sah der Forstwart Gnugesser aus, die Mensch gewordene Herzensgüte, Friedensliebe und Einfalt.
In dieser Gewitterschwüle beim Aufstieg schwitzte Gnugesser infolge seiner Korpulenz für drei, und mancher Seufzer entfloh dem Gehege seiner etwas schadhaften Zähne. Hartlieb achtete dieser Seufzer nicht, zu sehr war er in Gedanken vertieft, die sich mit den durch Besitzwechsel geschaffenen neuen Verhältnissen beschäftigten.
An die Zukunft im Dienst, im Jagdbetrieb und in den Revieren dachte auch Gnugesser, und viel Gutes glaubte er nicht erhoffen zu dürfen. Gerne hätte er darüber mit dem Vorgesetzten gesprochen, Hartliebs Meinung erholt. Da der Oberförster sich bisher ausgeschwiegen hatte, wagte der Forstwart es nicht, das ihn überstark beschäftigende Thema anzuschneiden.
Auf einer kleinen Hochfläche in Nähe eines steilwandigen Grabens blieb Hartlieb stehen, betrachtete hochgegangenes Kleinvieh, die alte verfallene Heuhütte, modernde Baumriesen und die Hirschfährten, die zu einer nahen Suhle führten. Dann aber richtete der Oberförster einen forschenden Blick zum grau überzogenen Firmament und mahnte den Begleiter zur Eile.
„Wohl, wohl! Wird bald losgehen! Macht aber nix, naß bin ich bereits!“ erwiderte Gnugesser, lächelnd wie immer und nach Atem ringend.
Als die beiden weiterschritten, rollte der Donner aus der Wolkenbank, die sich auf dem wuchtigen Pyrgas-Kolosse festgesetzt hatte. In beschleunigtem Tempo strebte Hartlieb zwischen den Randklippen der Gstattmaier-Hochalpe zu, auf deren Plateau die Pyrgas-Jagdhütte inmitten der besten Gamsreviere lag. Gnugesser keuchte schweißtriefend hinterdrein.
Im Felsgewirre staubte es auf, der Bergwind trieb sein Spiel und bemühte sich, den Förstern die Hüte vom Kopf zu reißen. Die Jagdhütte kam in Sicht, ein verwittertes Holzhaus, mit einem gelbweiß blinkenden neuen Anbau, windumtost. Ein Jagdgehilfe in Hemdsärmeln stand vor der Türe und hielt Ausschau. Und wie er die beiden Förster erblickte, verschwand er, um rasch darauf in Joppe und mit Hut wieder zu erscheinen und den Vorgesetzten entgegenzugehen. Ein bildhübscher blonder Bursch, schlank, ein Kerl zum Verlieben, zart und fein die Gesichtszüge, etwas melancholische Augen, ein nettes Schnurrbärtchen, kirschrot die feinen Lippen. Ein schmucker Bursch, den die Steierertracht sehr gut kleidete. Die Sommersonne hatte Wangen, Hände und Knie nur wenig zu bräunen vermocht. Höflich, fast demütig begrüßte er die Vorgesetzten und wollte ihnen Rucksack und Gewehr abnehmen.
Hartlieb nickte zum Gruße und wehrte mit einer Handbewegung die Bemühungen des hübschen Jagdgehilfen Eichkitz ab. Der Forstwart schnappte nach Luft und lief Galopp, als der erste Regenschauer über den Hochalpboden rauschend prasselte. In großen Sprüngen erreichten die drei die schützende Hütte. Und nun ging es los: knatternd schlugen Graupeln auf das Schindeldach, dann vollführten erbsgroße Schloßen einen betäubenden Lärm, den ein Wolkenbruch mit eigroßen Hagelstücken ins Maßlose steigerte.
Viel Schaden konnte der Sturm der Jagdhütte nicht zufügen, denn Eichkitz hatte die hölzernen Fensterläden auf der Wetterseite fürsorglich bereits vor dem Losbruch des Gewitters fest geschlossen. An den Holzläden prallten die Hagelkörner machtlos ab.
Im Spektakel des Orkans war ein Sprechen unmöglich; man hätte brüllen müssen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können.
Angenehm empfand Oberförster Hartlieb, während er Rucksack und Gewehr ablegte, die warme Temperatur im Kochraume der Diensthütte; der Jäger Eichkitz als Praktikus hatte im eisernen Herd ein tüchtiges Feuer entfacht und zum Empfang der schwitzenden Herren stetig unterhalten. Die Wärme tat wohl nach mühevollem Aufstieg. Befriedigt nickte Hartlieb, als Eichkitz geschäftig noch weiter Holz in den Herd schob.
Benjamin Gnugesser machte es sich bequem, nahm Platz auf der Bank an der einen Hüttenseite, aber er lächelte jetzt nicht und hatte auch kein Verlangen nach der Tabakspfeife. Das schwere Unwetter schien ihn, wenn auch nicht zu ängstigen, so doch mit einigem Unbehagen zu erfüllen. Oft genug hatte er den Admonter Fachmann gemahnt, endlich auf der Pyrgas-Jagdhütte den Blitzableiter anzubringen, doch dem Manne war bisher der Weg hinauf zur einsamen Höhe zu weit gewesen. So wetterhart Gnugesser war, vor Blitzschlägen hatte er einen gewaltigen Respekt.
Unbekümmert um den schweren Sturm, der sich vergeblich bemühte, die Hütte umzureißen, zündete sich Hartlieb eine Zigarre an, und zum Dank für das wohlige Herdfeuer spendete er dem Jagdgehilfen einen Glimmstengel, den Eichkitz katzbuckelnd, dankend entgegennahm und sofort in Brand steckte.
Eine Weile herrschte nächtliche Finsternis um die sturmumtoste Hütte. Im Herdraume waren nur die roten Punkte der glimmenden Zigarren und zuweilen aufzuckende Flämmchen im Ofen zu sehen.
Dann ließen Hagel und Regen nach, es wurde lichter. Dafür umwallten schwere Nebelschwaden die Hütte.
Eichkitz öffnete nun die Fensterläden auf der Wetterseite. Eisigkalte Luft drang herein, so daß der Jäger die Fenster schleunigst wieder schloß.
Auf dem Alpboden wogte ein Nebelmeer, weiß wie um Weihnachten war der Grund, vom Hagel bedeckt. Kalt pfiff der Höhenwind. Doch der Sturm hatte ausgetobt; ihm folgte ein feiner Regen.
Hartlieb nahm jetzt die Besichtigung des neuen Anbaues vor, gefolgt vom Forstwart und Jäger. Und auf den ersten Blick gewahrte der Oberförster den Mangel eines Ofens im Wohnraume des Zuhäusels. Hartlieb wandte sich an Gnugesser mit der Frage, ob der Ofen rechtzeitig bestellt worden sei. Mit einem Lächeln des ruhigen Gewissens antwortete der Forstwart: „Wohl, wohl, Herr Oberförster! Rechtzeitig bestellt, selbstverständlich sofort, wie ich den Auftrag erhalten habe! Aber die Handwerksleut sind halt so langsam! Und von selber kommt der Ofen halt nicht herauf zur Pyrgas-Hütt’n!“
„Der Teufel soll die Kerle holen! Demnach sind vermutlich auch in den anderen Anbauten die Öfen noch nicht aufgestellt? So eine verdammte Schlamperei! Und jeden Tag kann die Fürstin ankommen! Wird ein Aufenthalt auf einer der Jagdhütten befohlen, so haben wir das höllische G’frett gleich zum Beginn der neuen Herrschaft! Der Hausmarschall wird zetern, daß uns die Ohren sausen!“
Auf Gnugessers bartumwucherten Lippen erstarb das Lächeln, da er stotterte: „Wohl, wohl! Sein tuets ein Öllend mit die Handwerksleut! Und die neue Ära fangt schief an!“
„Veranlassen Sie morgen früh in Admont alles Nötige wegen der Ofenlieferung! Treten Sie die Kerle, bis sie quietschen! Es muß alles zusammen helfen, auf daß der Befehl vollzogen ist, bevor die neue Gebieterin erstmals heraufkommt! Sie sind mir verantwortlich, Herr Forstwart! Verstanden?“
„Wohl, wohl!“ stammelte Gnugesser in sichtlichem Unbehagen.
Hartlieb wandte sich zum Jagdgehilfen und rügte mit scharfen Worten die ungenügende Revierkontrolle wegen des hochgegangenen Kleinviehes. „Dieser Unfug darf nicht geduldet werden! Sie müssen doch als Jäger wissen, daß die Gams die Witterung von Ziegen und Schafen absolut nicht vertragen! Ausgebrochenes und hochgegangenes Kleinvieh muß entweder gepfändet oder erschossen werden, auf daß die Eigentümer für bessere Beaufsichtigung sorgen! Erstmals pfänden gegen Auslösung im Jagdamt zu Hall! Nützt das nichts, so machen Sie von der Waffe Gebrauch und schießen das hochgegangene Kleinvieh kurzerhand ab! Die Jagdgehilfen sind für die Reinhaltung der Reviere verantwortlich!“
„Zu Befehl!“ erwiderte Eichkitz.
„Sie sind jetzt ein für allemal gewarnt! Ich dulde keine Schlamperei im Dienst und Revier!“
„Zu Befehl! An mir wird’s nicht fehlen! Je schärfer wir aber vorgehen, desto rabiater und aufsässiger werden die Almbauern werden! Wo uns Jaagern von den Leuten eh bereits nichts mehr an Milch und Butter abgegeben wird! Ich bitt g’horsamst: Dürfen wir es zunächst nicht im Guten, mit Verwarnungen versuchen?“
Scharf klang Hartliebs Antwort: „Wie Sie es machen, das ist mir egal! Ordnung muß herrschen! Denken Sie gefälligst mehr an Ihren Dienst! Sehe ich noch mal hochgegangenes Kleinzeug im Revier, so haben Sie die Kündigung zu gewärtigen!“
Von dieser Androhung erschreckt, bat der schmucke Jäger um Verzeihung, und eifrig gelobte er schneidiges Vorgehen.
„Wird gut sein in Ihrem eigenen Interesse! -- Wie haben sich die Zimmerleute beim Bau des Zuhäusels verhalten?“
„Zu dienen, Herr Oberförster! Ich bin fleißig um die Weg g’wesen, ist niemand weiter als höchstens zur Schneemulde am Großen Pyrgas gekommen! Ich glaub nicht, daß die Gams besonders beunruhigt worden sind! Touristen hab ich nach Möglichkeit abgewiesen!“
„Bis auf weiteres bleibt jeder Durchgang in den Hochrevieren gesperrt! Will die Fürstin den Jochbummlern das -- Gamsversprengen erlauben, so ist das Sache der Gebieterin! Die Jägerei wird hierüber verständigt werden! Einstweilen ist jeder Tourist ausnahmslos aus den Revieren auszuweisen! Bei Aufstellung des Ofens in der Pyrgas-Hütte haben Sie die Aufsicht zu führen, jede Revierbeunruhigung nach Möglichkeit zu verhindern! -- So, nun begleiten Sie uns in die Steinschütt!“
Die Herren kehrten in die alte Hütte zurück, indes Eichkitz das Zuhäusel sorgfältig versperrte.
Säuerlich lächelnd meinte Gnugesser: „Mit Verlaub, Herr Oberförster! Ich hab g’meint, wir bleiben über Nacht in der Pyrgas-Hütte...! Wo es doch regnet!“
„Das wäre sinnlose Zeitvergeudung! Wir gehen noch am Abend über Schottenboden und Assangeralp zur Million-Hütte, wo wir den Hausmarschall treffen werden. Der Regen kann uns nicht abhalten! Und Ihnen kann fleißige Bewegung nur nützlich sein; je eher Sie tannenschlank werden, desto besser für Sie! Ich fürchte sehr, daß die neue Gebieterin wegen Ihres Bäuchleins Schlüsse auf -- Bequemlichkeit und üppiges Leben ziehen wird!“
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