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Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung
by Anton Ohorn
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Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #64028.

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The opening · free to read
Der Märzabend dämmerte allgemach herein. Er war mild und freundlich, spannte einen blauen Himmel über die Erde und ließ einen linden Frühlingshauch über sie hinwehen, der seltsam beinahe in Widerspruch stand mit den kahlen Ästen und Zweigen an Baum und Strauch, und mit dem fahlen Grün auf Wiese und Anger. Die Welt lag tiefstille wie in müdem Schweigen, aus der frischen Ackerfurche nur war eine Lerche emporgestiegen und zitterte wie ein schwarzes Pünktchen hoch auf dem blauen Grunde, und durch die Stille klang ihr jauchzendes Lied.
Der junge Bursche, der die Straße daherkam, die aus dem Sachsenlande ihn nach Schlesien geführt hatte, blieb stehen, hob den Blick empor, und die Hände auf seinen derben Wanderstock gestemmt, lauschte er. Ein helles Lächeln lief wie ein Sonnenschimmer über sein hübsches Gesicht bei dem Gesang des kleinen Vogels, und er murmelte:
»Das kündet den Frühling und die Auferstehung für deutsches Land und deutsches Volk; sei uns zum guten Zeichen, Bote des Lenzes!«
Lauter schmetterte das Lied der Lerche, der Wanderer nickte einigemale wie fröhlich zustimmend, dann schritt er rüstig weiter gegen Sonnenaufgang. Es war ein prächtiger Bursche mit dunklen Locken um das frische Gesicht, mittelgroß und kräftig, und seine braunen Augen sahen frei und groß in die Welt. Er trug ein dunkles Sammetwams und eine Art Barett von gleichem Stoffe, und auf dem Rücken ein Ränzel, über welches er den zusammengeschlagenen Mantel gelegt hatte. So konnte man ihm den fahrenden Studenten ohne weiteres ansehen. Er mochte heute schon ein gut Stück Weges zurückgelegt haben, denn manchmal blieb er stehen wie zu kurzer Rast, reckte und streckte sich, und dann schritt er wieder fürbaß und pfiff, den müden Beinen zu neuer Ermunterung, sich ein Marschlied oder eine Burschenweise vor.
Aber dichter senkten sich die Schleier des Abends, und vergeblich hatte er bereits wiederholt nach einer menschlichen Niederlassung ausgeschaut, doch er konnte keinen Flecken, kein Dorf, ja nicht einmal ein einzelnes Haus sehen, und so wanderte er weiter. Nun führte die Straße durch einen Wald. Dämmerig still war's um ihn her, die ganze Natur schien allgemach in Schlummer zu sinken, und wenn der Bursche mit seinem Pfeifen innehielt, vermeinte er seinen eigenen Herzschlag zu hören.
Aber Furcht war ihm ferne, und seine Seele war voll großer Gedanken. Man schrieb das Jahr 1813, das so bedeutsam für das deutsche Volk werden sollte. Fern im Osten, in Moskau, war das Strafgericht über den Mann des Jahrhunderts, Napoleon, hereingebrochen, in den Schneefeldern Rußlands war sein Heer vernichtet worden, und die geknechteten Stämme Deutschlands regten sich, um den Fuß des verhaßten Korsen von ihrem Nacken abzuschütteln. In Ostpreußen hatte die Bewegung angefangen und war mit Riesenschritten weiter gewandert, und das ganze zertretene Preußenland, seinen König an der Spitze, hatte sich erhoben zu einem letzten heiligen Streite gegen den dämonischen Franzosenkaiser. Am 17. März hatte der König den Aufruf an sein Volk erlassen, und dieser hatte eine ungeahnte Wirkung.
Von allen Seiten strömte es heran zu den Fahnen; Jung und Alt, Arm und Reich, die Männer des Handwerks und der Wissenschaft -- Alle kamen, ihr Herzblut anzubieten für die heilige Sache des Vaterlands. Die Hörsäle der Hochschulen entleerten sich -- Schande wär' es gewesen, wenn einer mit gesundem Leibe und kräftigen Gliedern zurückgeblieben wäre. Auch unser Wanderer war mit zahlreichen andern Genossen von Halle aufgebrochen, aber während diese ihr Ziel, Breslau, wohl bereits erreicht hatten, hatte er noch einmal Einkehr gehalten in dem schlichten Thüringer Pfarrhause, in welchem seine Wiege gestanden hatte, um seine schwerkranke Mutter noch einmal zu sehen, die er vielleicht nie wieder sah.
Als die Todkranke von seinem Entschlusse hörte, für's Vaterland in den heiligen Krieg zu gehen, hatten ihre Augen aufgeleuchtet in einem wundersamen Scheine. Ja, sie war eine von jenen deutschen Heldenmüttern, die damals nicht selten waren, die ihr Einziges und Liebstes hingaben auf den Altar des Vaterlandes, und da er von ihr ging, hatte sie segnend ihm die heißen, hagern Hände auf das lockige Haupt gelegt, thränenlos aber schweigend, und dem Jüngling war es, als müsse er jener Spartanerin denken, die ihrem Sohne, der zur Schlacht zog, nur das eine sagte: »Komme zurück mit deinem Schilde oder auf deinem Schilde!«
Dann hatte der ernste, weißhaarige Vater ihn fest an seine Brust gezogen und mit leise zitternder Stimme gesagt: »Der Herr segne deinen Ausgang und unsere Waffen!« und darauf war er fortgegangen aus dem Frieden des Elternhauses in die stürmisch bewegte Welt. Im Morgensonnenschein hatte er vom nächsten Hügel aus noch einmal sein Dörfchen liegen sehen, und die spiegelnden Fenster des Pfarrhauses blinkten und winkten noch einmal zu ihm herauf, dann aber schwenkte er die Mütze hinunter, und wandte sich ab und zerdrückte die Thräne, die ihm ins Auge steigen wollte.
An all' das dachte er jetzt noch einmal, wie er durch den schweigenden Wald schritt, und dabei war sein Pfeifen allgemach verstummt.
Nach etwa halbstündiger Wanderung, während welcher es zusehends dunkler geworden war, kam er auf eine Lichtung und sah hier ein kleines Gehöfte, von einer niedrigen Mauer umgeben; aus einem Fenster blinkte ein Lichtschein, gastlich und freundlich, in die sinkende Nacht. Hier hoffte er eine einfache Herberge finden zu können, und so trat er an das Thor.
Jetzt sah er über demselben ein Hirschgeweih und wußte, daß er sich vor einem Försterhause befinde. Das heimelte ihn an, und voll Zuversicht ging er durch das offene Pförtchen in den Hof. Ein Hund schlug an, der an seiner Kette herbeirasselte, und im Hause drin antwortete ein anderer.
Gleich darauf trat unter die Thür des eigentlichen Wohngebäudes eine Frauengestalt und frug, wer da komme. Gleichzeitig gebot sie dem Hunde, ruhig zu sein, der gehorsam nach seiner Hütte zurückkroch. »Ein müder Wandersmann -- sagte der Student --, der um ein Lager für die Nacht und um einen bescheidenen Imbiß für Geld und gutes Wort bittet.«
»Wir haben hier keine Herberge,« sagte das Weib, das jetzt, die bloßen Arme in ihre Schürze gewickelt, näher trat, ruhig, aber nicht unfreundlich.
»Das sehe ich wohl, Frau Försterin, aber ich hoffe, daß Ihr trotzdem mich nicht fortweist. Ich komme heute weit her und bin müde.«
»Ich bin nicht die Försterin!« sprach sie wieder und that dabei einen tiefen Seufzer, und musterte dazu den Burschen von oben bis unten. Er schien ihr zu gefallen, denn sie fügte bei:
»Wartet einen Augenblick -- ich will den Förster fragen!«
Sie trat in das Haus zurück, und der Student sah an demselben empor. Das mochte im Sommer freundlich und traulich sein, wenn der wilde Wein, der jetzt kahl an den Spalieren hing, so ein grünes Netz um die Wand wob wie daheim an dem Thüringer Pfarrhause. Und wieder dachte er an seine todkranke Mutter. Jetzt hörte er einen Schritt im Flur, und gleich darauf trat der Förster unter die Thüre, eine hochgewachsene, breitschulterige Gestalt mit stark ergrautem Bart und Haar; das war auch trotz der Dämmerung zu merken. Er sagte mit einer rauhen und fast bewegt klingenden Stimme:
»Sie kommen an keinem guten Tage, Herr -- aber, wenn Sie sich nicht fürchten, mit dem Tode unter einem Dache zu sein, heiß' ich Sie willkommen. Mir ist gestern mein Weib gestorben und liegt drinnen auf der Bahre.«
Der Jüngling war einige Augenblicke tief erschüttert, dann erwiderte er:
»Den Tod fürchte ich nicht, denn ich geh' ihm vielleicht entgegen, und indes Ihr mir Eure Trauerkunde sagt, liegt mir selbst daheim vielleicht mein Mütterlein auf dem Schragen.«
»Laßt mich erst Eure Tote sehen, ehe wir weiter gehen!« Da öffnete der Förster schweigend eine Thür im Erdgeschoß, und beide traten in eine niedrige Stube. Auf zwei Stühlen stand der einfache Sarg, und darin lag das Weib mit seinem blassen, stillen Gesicht und mit seinen übereinander gefalteten Händen. Zwei Öllämpchen brannten auf dem nahen Tische und warfen einen müden Schein auf das ernste Bild.
Der Jüngling trat hart heran an die Tote und sah ihr in das Antlitz, und eine unendliche Wehmut wollte ihn erfassen; dann schaute er den alten Förster an, in dessen gutmütig-derben Zügen es seltsam zuckte, und er mußte an seinen Vater denken. Nach einem tiefen, heiligen Schweigen, während dessen man nur die schweren Atemzüge des trauernden Mannes hörte, ergriff der Jüngling die Hand des Alten mit herzlichem Drucke, und sagte warm: »Tröst' Euch Gott -- ihr ist wohl!«
»Ja, Gott weiß, -- ihr ist wohl, und ich gönn' ihr's auch, wenn mir's auch leid thut, daß sie mich so ganz allein gelassen hat -- ganz allein -- denn mein Junge ... pah, vorbei! -- Kommt, für Euch junges Blut ist das kein Bild; kommt!«
Er legte seine rauhe Hand auf den Arm des Jünglings, um ihn mit sich zu führen, dieser aber fuhr, einer plötzlichen Regung folgend, mit seiner Rechten noch einmal wie liebkosend über die erstarrten Finger und die bleichen Wangen der Toten. Das schien den Förster zu übermannen; er stieß seltsam gepreßt, in rauher Rührung hervor:
»Das vergelt' Ihnen Gott, Herr! Mag's meine gute Gertrud annehmen, als wär's ihr Junge, der, weiß der Himmel wo lebt und keine Ahnung hat, daß sie hier gestorben ist und ihn zuvor noch gesegnet hat, ehe ihr das Herz gebrochen ist im Jammer um ihn. Aber kommen Sie!«
Und aufs neue zog er ihn fort und führte ihn über den dämmerigen Flur hinüber in ein anderes Gemach. Da war ein Tisch gedeckt, und das Weib, welches zuerst den Studenten begrüßt hatte -- es war die alte Magd des Hauses --, ging ab und zu. Der Förster nahm seinem Gaste Mantel und Ränzel, Stock und Mütze ab, und nötigte ihn an den Tisch, auf welchem ein einfaches Mahl auf sauberem Linnen stand, und jetzt kam vom Ofen her, wo er behaglich gelegen hatte, ein schöner brauner Hund und rieb, mit dem Schweife wedelnd, den prächtigen Kopf an dem Bein des Studenten.
»Flott will Sie auch begrüßen -- er merkt, daß Sie ein braver Mensch sind, denn er drängt seine Freundschaft nicht einem jeden so auf. Und nun langen Sie zu, und gesegn' es Gott!«
Der junge Gast ließ sich nicht heißen, er brachte Hunger mit von seiner Wanderung, und der Förster, welcher selbst wenig genoß, sah mit sichtlicher Freude zu, wie es ihm mundete. Er störte dabei auch nicht mit viel Gespräch, und wartete ruhig, bis der Andere mit einem angenehmen Behagen Messer und Gabel beiseite legte und sich in seinen Sitz zurücklehnte. Dann erhob er seinen Zinnkrug und sprach:
»Und nun laßt uns anstoßen auf guten Weg und gutes Ziel für Euch!«
»Ich danke -- aber lieber wollen wir sprechen: Auf des deutschen Volkes Wohl, und daß es ihm glücke, seine Freiheit zu erstreiten!«
»Mag gelten -- aber das Vertrauen dazu fehlt mir!« sagte der Förster, that einen langsamen Zug und setzte das Metallgefäß wieder schwer auf den Tisch.
»Wozu fehlt Euch das Vertrauen?« fragte der Student.
»Auf die Kraft und auf das Glück des deutschen Volkes.«
»Die Kraft ist da, und das Glück wird kommen!«
»Ja, ja, so mögen Sie reden; Sie sind jung und haben das Trübe nicht so mit durchgemacht. Was haben wir damals von Kraft und Glück erwartet, als Preußen sich 1806 erhob gegen den Franzosenkaiser, und doch hat der eine Schlag von Jena und Auerstädt alles zusammengebrochen. Da kam die Schwäche zu Tage, und die Schande kroch aus allen Winkeln, und im Frieden von Tilsit ist der Staat Friedrichs des Großen ein armes, elendes Ländchen geworden. Wie haben wir die Zähne zusammengebissen in Zorn und Wut, wenn wir bis in unseren stillen Winkel herein hörten, wie es die Franzosen auf deutscher Erde trieben, wie haben wir die Faust geballt in der Tasche, aber wir haben's nicht wagen dürfen, sie zu zeigen, und wie soll's anders werden?«
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