
Public-domain ebook
Was ich geschaut: Novellen
Language: de405 downloads on Project Gutenberg
Subjects
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #64388.

Public-domain ebook
Language: de405 downloads on Project Gutenberg
Subjects
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #64388.
The opening · free to read
Erlöst!
Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter, die sich zwang, es freundlich anzulächeln.
Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust, seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall -- eine hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels -- ein sehr bedenklicher sei.
Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die Arznei zu verabreichen.
Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.
Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.
Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck, der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.
»Was ist das? -- Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine Frau keine Anordnungen getroffen haben?«
»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,« erklärte der Diener.
Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später trat er in das Zimmer seines Sohnes.
Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen Schritten näherte.
»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit leichtem Kopfnicken begrüßte.
»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert sich.«
The book keeps going
Reading is free forever. Sign up and watch scenes appear while you read.



Scenes Storieta drew for other classics.
New illustrated classics
Once or twice a month: the latest books to get full character casts, scene art, and free comic editions. No account needed.