Storieta
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Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen Tage, so heiß sie auch gewesen waren, übertroffen. Vom frühen Morgen ab hatte die Sonne von dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. Nun ging aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende Ball näherte sich dem Himmelsrand und seine Strahlen glitten in schräger Richtung über die Landschaft.

Auf der alten Poststraße, die von Borna nach Leipzig führte, schritt ein junger Mann fürbaß, dessen müder Gang verriet, daß er heute schon einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut in den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine Ränzel, das ihn nach so langen Stunden wohl arg drücken mochte.

Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem Schnittpunkt stand ein alter Meilenstein. Der Wanderer ging zu ihm hin, stützte sich hintenübergelehnt mit beiden Armen auf seinen derben Knotenstock und versuchte, die kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er mit lauter Stimme: »Rehefeld ¼ Meile.«

Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde mit dem Stock ein paarmal vergnügt ins Blaue und schlug dann den schmalen Weg ein. Die Aussicht auf das nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue. Obwohl der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben und drüben hatten schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren hinterlassen, und aus dem schmalen Grasstreifen in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor, eilte der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. Ein schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende Kühlung spendete, und vor dem die mannshohen Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und herwiegten.

Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine unabsehbare Ebene, während vorwärts und nach rechts hin ein dichtes Waldstück die Fernsicht versperrte.

Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der Fichten, durch die der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer Zeit aber wurde der Wald wieder lichter und die Bäume hochstämmig, und nach einigen Schritten verdoppelter Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins Freie.

Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen des Wanderers. Zu seinen Füßen schlängelte sich in seinem tiefeingeschnittenen Bette gleich einem silbernen Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden Seiten zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, aus deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. Die dunkeln Balken in den Giebelwänden hoben sich von dem weißgetünchten Mauerwerk scharf ab, und hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich sanft kräuselten, bis sie endlich in der Luft verschwanden. Einige der Häuser waren mit Ziegeln gedeckt, bei den meisten aber bestand das Dach aus einer dicken Lage Stroh.

Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte. Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte eingestürzt war.

Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es zu dem Wanderer herüber.

Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot.

Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden ist.

Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen.

Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit. Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, -- Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und -- nieder rasselt klirrend die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf, der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.

Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten begeistert.

Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich rastlos drehten, -- fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, -- der alten Lindenstadt. Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und segensreicher Arbeit.

Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren; und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der Menschen.

Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander, und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen?

Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet, zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen.

Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld.

Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines, altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln hineinschälte.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.

Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen. Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde --«

»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat durch die Tür in den Garten.

Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende Mädchen dankend ausschlug.

Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.

Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander, tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei.

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