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Auf märkischer Erde
Language: de484 downloads on Project Gutenberg
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Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #69133.

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The opening · free to read
Die Rackowschen waren soeben fortgefahren. Im großen Zimmer räumte Helene mit dem Stubenmädchen den Kaffeetisch ab. Ihr feines Näschen schnoberte, wie’s der Vater nannte, dem leisen, süßen Duft von Waffeln und Pariser Parfüm nach, der noch im Raum lag. Immer hinterließ Tante Marie diesen Veilchengeruch mit dem Moschusakzent, und immer rief er in Helenens erregbarer Phantasie unklare Vorstellungen wach von unerhörtem Luxus, von rauschenden Seidenkleidern, kostbaren indischen Schals, koketten Kapotthütchen, von funkelnden Brillanten und Perlenreihen, die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Ganz merkwürdig: immer war dann auch das Bild der schönen Kaiserin Eugenie da, von der die Rackowschen vorhin wieder erzählt hatten. Tante Marie von ihrer Anmut und Eleganz, von den Kleidern, die sie auf der Brunnenpromenade in Ems getragen, und wie groß der Umfang ihrer Krinoline gewesen wäre; Onkel Ernst mit zugespitzten dicken Lippen von ihrer Schönheit, ihrem üppigen rotblonden Haar, ihrem blendenden Teint. Und daß und wie der General Fleury immer um sie gewesen wäre. Da hatten die Herren gelacht, aber Tante Marie und Martha hatten verstohlene Blicke gewechselt.
Die Tassen klirrten leise unter ihren Händen. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.
Der Rittmeister schritt schweigend auf dem hausgewirkten Läufer entlang, der in der Diagonale des großen Zimmers lag, von der Korridortür bis zur Tür der Vorratskammer. Straff aufrecht ging er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf mit dem weißen, ein wenig gelockten Haar etwas vorgebeugt, seine gewohnten zwölf Schrittchen hin, zwölf Schrittchen zurück. Jedesmal, wenn er kehrt machte, sah er zärtlich zu seinem Spätling hinüber. Aber seine Gedanken waren nicht um Helene beschäftigt. Auch sie gingen nach Paris. Immer, wenn der Name Paris fiel, dachte er an seine große Zeit zurück, an die Tage, an denen er sich das Kreuz von Eisen gewonnen hatte, an seinen geliebten Marschall Vorwärts und an den anderen Napoleon, den er heut noch haßte wie Anno 13. Ebenso haßte, wie er den Neffen verachtete, ihn und das ganze Getriebe um ihn her. Ein ehrlicher und kritikloser Haß war’s, und eine ehrliche und kritiklose Verachtung, ganz im altpreußischen Zuschnitt.
An dem letzten der drei Fenster saß Mutter. Mutter -- Omama genannt, seit die Kinder von Bruder Wilhelm im Hause waren und heranwuchsen. Selbst Helene vergaß sich manchmal und sagte Omama zu ihrer Mutter. Vor dem birkenen Nähtisch saß sie und träumte mit ihren großen blauen Augen ins Freie, in die grünen Fliederbüsche des Gartens hinaus. Die Hände im Schoß und die Lippen in leiser, stummer Bewegung. Vielleicht skandierte sie wieder einmal. Schrieb’s wohl auch am Abend heimlich auf und legte es heimlich in das Glaskästchen mit den blauen Bändern, wo ihr Allerheiligstes und Allerheimlichstes war, ihr Reliquienschrein. Der alte Rittmeister nannte ihn spottend den Körnersarg. Denn ganz unten lagen ein paar vertrocknete Veilchen, die der Sänger einst der Omama verehrt hatte. Lang, lang war’s her, und aus der jungen Komteß Grucker war ein verhutzeltes altes Frauchen geworden, aus der gefeierten Schönheit, der reichen Erbin eine kleine, greise märkische Edelfrau. Aber sie konnten’s beide nicht vergessen: Omama nicht die eine Begegnung, die eine Stunde unter der Eiche im Park, und der Rittmeister nicht seine rasende Eifersucht. Trotzdem die schleichende Zeit sonst so vieles ertötet und begraben hatte.
Es war totenstill im großen Zimmer. Nur das Ticken der Kuckucksuhr klang, und bisweilen schnappte Diana, die am Ofen lag, nach einer verspäteten Fliege. Dann blitzte der alte Herr aus seinen scharfen Augen mißbilligend hinüber und machte halblaut: Kusch. Gleich legte der Köter gehorsam den feinen Kopf zwischen die Pfoten. Einen höllischen Respekt hatten die Hunde. Der Rittmeister dressierte sie selber; noch nach der alten Methode, mit Peitsche und Korallenhalsband.
Der Kaffeetisch war längst abgeräumt. Das Mädchen hatte das Damasttuch mit hinausgenommen, Helene breitete die braune Plüschdecke über den Tisch. Wie immer verdroß sie dabei der große runde Fleck, auf dem am Abend die Lampe stand. Sie strich von rechts drüber hin und von links. Es half nichts. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Abgeschabt und ärmlich. Altmodisch und ärmlich. Wo sie auch hinsah, alles im Zimmer abgeschabt, altmodisch und ärmlich. Die Tapete mit den kleinen Vierecken und den bunten Sträußchen in jedem Quadrat voller Flecken; der Sofateppich mit dem Rosenmuster dünn; die Zimmerdecke grau verblakt; das eckige, steiflehnige Kanapee eingesessen. Und sie dachte wieder an das elegante Rackow und an die elegante Tante Marie, die so häßlich war wie die Nacht und doch alle Welt bezauberte, dachte darüber hinaus wieder an Paris und an die Toiletten der Imperatrice, an funkelnde Diamanten und an Perlenketten, die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Und an die Große Oper dachte sie, von der die Rackower erzählt hatten. An die erste Aufführung des „Tannhäuser“, der die im vorigen Jahr in Paris beigewohnt hatten, dachte sie, und was das für eine kuriose Musik gewesen sein sollte, von einem Deutschen namens Wagner, einem Revolutionsmann von 48 -- und dann dachte sie an die Desirée Artôt und an die kleine Pauline Lucca, die in Berlin seit dem vorigen Jahr alle Herzen entflammte. Bruder Wilhelm konnte ja nicht genug Wesens von ihr machen.
Helene war an den Ofen getreten. Fast wie im Trotz lehnte sie sich fest an ihn und fühlte dabei, daß ihre Hände fiebrig heiß auf den kalten Kacheln lagen.
Immer noch machte Vater seinen eintönigen Marsch in der Diagonale. Immer noch träumte Mutter zum Fenster hinaus. Immer noch -- immer noch. Die Luft war so drückend, und es schien, als senkte sich die graue Zimmerdecke langsam immer tiefer.
„Ich geh’ hinaus auf die Veranda“, sagte sie plötzlich scharf in die Stille hinein. Und wunderte sich, daß sie’s überhaupt sagte.
Der alte Rittmeister unterbrach seinen Marsch nicht, nickte nur, lächelte ihr zu. Mutter sah flüchtig auf. „Nimm mein Tuch um, Lenchen. Es wird schon kalt gegen Abend.“
„Mich friert nicht. Ich geh’ zur Post mit den Jungens. Oder ich geh’ zu Pastors.“
Eigentlich hätte sie sagen mögen: ich geh’ in die weite Welt hinaus. Und wußte doch, daß ihre Welt drüben an der neuen Chaussee, an der schnurgeraden Pappelreihe ihr Ende hatte. Aber vielleicht sah, faßte sie dort wirklich die Post, die von Frankfurt kam ... und hinter Frankfurt lag Berlin ... zwei Stunden nur mit der Eisenbahn, und der wundervolle köstliche Dampfwagen raste von Berlin weiter hinaus in die Weite, in diese köstliche, wundervolle Weite ..
Aber dann, als die schwere eichene Haustür hinter ihr ins Schloß gefallen war, blieb sie doch auf der Veranda stehen.
Denn da saß Martha, hatte eine gewaltige irdene Schüssel im Schoß und schnipselte Bohnen. Fleißig wie immer. Grad daß sie über das bessere Kleid, das sie den Rackowern zu Ehren in der Eile angetan, die große Küchenschürze gebunden hatte.
Als Helene sie so sah, wurde wieder etwas wie Trotz in ihr wach, eine Auflehnung gegen das Bild der Alltäglichkeit. Sie fragte hastig: „Warum quälst du dich selber, Martha? Laß das doch Mamsell machen.“ Und sie wurde rot dabei, denn sie liebte die junge Schwägerin in ihrem heißen Herzen, hegte eine unwillige Bewunderung für sie.
Martha Hackentin sah nur einen Augenblick auf. „Ich kann doch nicht müßig sein. Mamsell hat in der Leuteküche zu tun.“ Da lief Helene zurück an den Schrank im Flur, holte sich ein Küchenmesser, zog sich einen Stuhl heran und griff in die irdene Schüssel. Es ging ihr gut von der Hand, wenn sie irgendeine Arbeit begann, aber sie hatte keinerlei Neigung zur wirtschaftlichen Betätigung und erlahmte schnell.
Auch jetzt lehnte sie sich bald zurück und sah der Schwägerin zu. Sah auf den glatten dunklen Scheitel und die weiße, etwas niedrige Stirn, die tief über das Gefäß gesenkt war. Sah auf die Hände, die, so gut sie gehalten waren, die stark tätige Hausfrau verrieten.
„Sehnst du dich nie nach der Stadt?“ fragte sie plötzlich.
„Wie sollte ich, Helene? Ich bin ja gern in Rohlbeck. Ich bin doch hier zu Hause.“ Martha hatte auf einen Moment die klaren grauen Augen gehoben, hatte ein wenig mit dem Kopf geschüttelt: Helene tat oft gar zu merkwürdige Fragen.
„Nun ... du bist doch aus der Stadt. Du bist doch kein Landkind.“
„Aber ich hab’ hier meine Heimat gefunden. Meine liebe zweite Heimat.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich hab’ meine Kinder hier und meine Arbeit.“
„Ja. Freilich! Arbeit hast du, von früh bis spät. Die erste im Hause auf und die letzte in den Federn. Man müßte sich eigentlich schämen vor dir. Man müßte --“
„Du Närrin! Mir ist’s noch nie zu viel geworden.“
Eine Weile war’s stille zwischen ihnen. Auch Helene hatte wieder in die Schüssel gegriffen, aber sie zog die Bohnen nur spielend durch ihre feingliedrigen langen Hände. Es war wieder, wie es oft war. Sie hätte der Schwägerin nicht weh tun wollen -- um alles in der Welt nicht. Aber sie einmal ein wenig aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen, an ihrem ewig gleichen, schönen Maßhalten zu rütteln: das reizte sie wie eine verbotene Frucht.
„Wilhelm bleibt diesmal fürchterlich lange in Berlin.“
Noch immer klang die Stimme gleich gelassen. Aber die Hände ruhten doch auf eines Atemzugs Länge am Rande der Schlüssel, und die weiße, schmale Stirn hatte sich noch ein wenig tiefer geneigt.
„Du sagst das so: Wilhelm muß! Meine brüderliche Liebe hat an unserer Öde hier nie besonderen Gout gefunden.“
Diesmal sah Martha voll auf. Eine leichte Röte stieg in ihr weiches Gesicht, flutete über den klaren Teint, der vielleicht das Schönste an ihr war, und ebbte gleich wieder ab.
„Das war nicht hübsch von dir, Helene“, sagte sie dann bestimmt. „Du weißt es doch: die kleine Klitsche kann nicht zwei Familien ernähren, und Wilhelm war nicht so ... nicht so vorsichtig, sich eine reiche Frau zu nehmen. Da muß er eben Geld verdienen ... und hat’s gewiß dabei oft schwer genug.“
„Das elende Geld!“ rief Helene. „Das herrliche, das wunderherrliche Geld. Ach Martha ... einmal so recht in Friedrichsdore wühlen können! Scheffelweise möcht’ ich’s haben. So reich sein wie die Rackower, ein großes, glänzendes Haus machen, reisen, die Welt sehen ...“
„Und glaubst du, daß das glücklich macht?“
„Ja! Ja! Mich gewiß. So wie ich nun mal bin. Sieh mich nur strafend an, nenn’ mich nur schlecht! Ich kann mich nicht ändern. Ihr alle könnt mich nicht ändern!“ Heiß hatte sie’s herausgestoßen, mit halblauter, mühsam verhaltener Stimme. Den rostbraunen Haarschopf warf sie zurück, strich sich mit beiden Händen über die Schläfen. Und dann kam gleich der Rückschlag. Die Hände sanken in den Schoß. „Aber wir sind ja hier alle arm wie die Kirchenmäuse. Die ganze Sippe: die Golziner, die Steckschen, die Buckschen. Grad nur die Rackower machen eine Ausnahme, weil die Tante Marquise die Millionen hat. Sonst ... es ist ein Jammer um den elenden märkischen Sand!“
Martha war aufgestanden. Sie setzte die große Schüssel auf den eichenen Tisch. Nun siegte der Unwille doch über ihre Gelassenheit. „Du bist ein rechtes Kind, Helene“, sagte sie ziemlich scharf. „Schäm’ dich, unsere liebe Scholle zu schelten. Die ist treu, wenn sie auch karg sein mag. Und wir müssen Treue um Treue vergelten. Geh hinüber auf den Kirchhof, schau’ dir die alten Gräber an. Da liegen deine Vorfahren, Reihe um Reihe, seit dreihundert Jahren. Seit dreihundert Jahren hat das gegolten: Treue um Treue. Daß dir das die Städterin sagen muß, dir, Helene! Schäme dich!“
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