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Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen
by Lina Walther
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The opening · free to read
Das alte Herz war erweicht; dies und jenes nützliche Stück blieb in ihren Händen; teils konnte sie den bittenden Kinderaugen nicht widerstehen, teils nahm sie es ihrer jungen Gefährtin zuliebe. Nun ward das schöne Lied noch einmal gesungen, das alte Fräulein gab ernst aber freundlich jedem Kinde die Hand; der Tannenbaum wurde wieder in Marthas Zimmer getragen; dann eilte das junge Voll nachhause, dem eigenen Weihnachtsbaum und der Bescherung der Eltern entgegen.
Martha aber ging mit ihrem Tuche noch einmal zu ihrer alten Freundin hinein. Als sie es ihr um die Schultern legte, fiel aus dem jungen Auge eine Thräne auf die alte runzelige Hand. Sie sprachen beide nicht; Martha setzte sich auf einen Schemel der Alten zu Füßen; diese legte ihre Hand auf den reichen braunen Scheitel und erst nach einer Weile sagte sie: „Ich war recht schlecht; es war ja so natürlich, und Sie meinten es so gut, Marthchen! Aber es ist auch schwer, wenn man einmal jung war und tüchtig und geliebt, und nach und nach fühlt man, daß die Kräfte schwinden, und daß man seinen Platz nicht mehr ausfüllen kann! Wenn man dann beiseite geschoben wird und vergessen, da giebt es einen harten Kampf um Demut und Geduld und um Liebe! Gott schenke Ihnen ein leichteres Los, mein liebes Kind!“
Marthas Herz war zu voll zum reden; der Mond schien ins Zimmer; sie saßen beide eine Viertelstunde still in seinem milden Lichte; da hörte Martha die alte Freundin leise sagen: „Faßt ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.“ Sie merkte, daß ihre Seele dahingegangen war, wo man des Menschentrostes gern entbehrt und am liebsten allein ist; so ging sie hinüber in ihr Stübchen.
Die Lichter am Tannenbaum brannten noch; sie waren aber sehr kurz geworden; mitunter entzündeten sich einzelne Tannennadeln und sandten ihren einzigen, lieben Weihnachtsduft durch das Zimmer. Wem bringt dieser Duft nicht die süßesten Bilder aus seiner Jugendzeit mit? Martha saß mit gefalteten Händen, ihr Herz war bewegt. Süße und schmerzliche Gedanken zogen durch ihre Seele; die Erinnerungen ihres ganzen Lebens gingen an ihrem inneren Auge vorüber. Die Gedanken haben schnellere Flügel als Wolken und Winde; eine kurze halbe Stunde genügte für die Reise durch ihr Leben. Wir, meine liebe junge Leserin, gebrauchen längere Zeit, wenn wir sie auf derselben begleiten wollen, und ich bitte dich dazu um deine freundliche Aufmerksamkeit und um ein wenig Geduld.
2.
Jugendsonnenschein.
Im Herzen einer deutschen Residenzstadt lag das stattliche Haus des Kommerzienrat Feldwart. Es erschien nicht als Palast, sondern als geräumiges Wohnhaus; es war von außen nicht überladen mit Schmuck, aber geschmackvoll und harmonisch in seinen Formen. Hinter den hohen hellen Spiegelscheiben fielen reiche Gardinen herab, dazwischen erblickte man prächtige, ausländische Gewächse mit ihrem mannigfachen Grün, und wer den Hausflur betrat, dem sagte die feine Mosaikarbeit des Fußbodens, die köstlichen bronzenen Flurlampen, von Statuetten gehalten, der weiche Teppich, der die Stufen der Treppe bedeckte, das stilvolle Geländer aus Schmiedeeisen und die schweren, eichenen, polierten Thüren an beiden Seiten, daß er sich im Hause des Reichtums befand. Dies schöne Haus ward bewohnt von dem wohlwollend aber ernst aussehenden Hausherrn, seiner etwas starken aber elegant und vornehm erscheinenden Frau, und Martha, der einzigen Tochter beider, dem schönen, fröhlichen und klugen Mädchen, das noch nicht lange aus den Kinderschuhen herausgetreten war, und, wie man es zu nennen pflegt, diesen Winter in die Welt eingeführt werden sollte. Ja, wollte denn Martha wirklich in die Welt? War sie ein Weltkind, das nur am Irdischen Freude fand? O nein! Marthas Seele war jedem höheren geistigen Interesse offen; die Eltern hatten sich bemüht, ihr die besten Lehrer zu geben, die wertvollsten Bücher in ihre Hände zu legen; wo es etwas Nützliches und Gutes zu hören gab, da mußte Martha dabei sein, und als die Zeit ihrer Einsegnung gekommen war, war sie einem treuen Seelsorger anvertraut worden; dem war es, da sein eigenes Herz in aufrichtiger Liebe zu Gott und dem Heilande brannte, leicht geworden, in dem empfänglichen Kinderherzen die gleiche Flamme anzufachen. Martha ging, auch nachdem sie den Unterricht verlassen hatte, gern und freudig zur Kirche; sie las andächtig in Gottes Wort und ihren schönen Erbauungsbüchern, sie sang mit Begeisterung fromme, geistliche Lieder und hob mit kindlichem Sinne morgens und abends ihre Hände betend auf. Aber Martha ging auch eben so gern ins Konzert und Theater, Martha zog sich auch gern hübsch an und hatte Geschmack darin, schnell auszuwählen, was für sie paßte; denn stundenlanges Beschäftigen mit Toilettengegenständen war ihre Sache eben nicht; Martha tanzte auch gerne. Es war so sehr der natürliche Ausdruck der Jugendkraft und Jugendlust, wenn sie nach dem Rhythmus der Musik durch den glattgebohnten Saal flog, und es brauchte zu ihrem Vergnügen gar kein Ball zu sein; wenn die Mutter einen Walzer spielte, nahm sie ihr kleines, weißes Seidenhündchen auf den Arm und tanzte fast mit noch größerer Lust durch das Zimmer, wie in der größten Gesellschaft.
Sie mußte auch in ihrer Art fleißig sein, denn ihre Zeit war sehr besetzt; es gab noch französische und englische Stunde; einen italienischen Abend, Klavier- und Singunterricht, Gesangverein, Vorlesungen, Lesekränzchen, Proben und Konzerte -- jeden Tag etwas anderes. Dazu kam eine angenehme Geselligkeit. Langeweile kannte sie nicht; es war ihr nur zuweilen, als ob dies vielerlei sie abhielte, das einzelne so gründlich zu treiben, wie sie es gerne gethan hätte; aber Gott hatte ihr einen klaren Kopf, gute Anlagen und frische Kräfte gegeben, und so schwamm sie doch eigentlich in den Wellen dieser verschiedenen Eindrücke wie ein Fischlein im Wasser oder ein Vogel in der Luft, mit glücklichem Herzen und fröhlichem Angesichte; brauchten ihr doch all die Arbeiten und Mühen des alltäglichen Lebens, die man zusammen Wirtschaft nennt, keine Sorge zu machen; die ruhten sicher in den Händen einer wohlgeschulten Dienerschaft und waren in den behaglichen Wohnzimmern, in denen sich Martha bewegte, nur wenig zu merken. Der einzige Wunsch, der ihrem jungen Herzen unerfüllt geblieben, war der: o, hätte ich doch Geschwister! Sie hatte Bekannte, viele Bekannte; sie nannte sie Freundinnen; aber sie hatte ein Gefühl davon, die wahre Freundschaft müßte noch anders, noch tiefer und reicher sein. O, dachte sie oft: eine Schwester, ein Bruder wäre mehr als sie alle!
Der Vater Feldwart war oft sehr versunken in seine Geschäfte, die Mutter eine stille, bequeme Dame; da war ihr der Wunsch nach jugendlicher Gesellschaft nicht zu verdenken und siehe, seit einigen Jahren war auch diese ins Haus gekommen und hatte ihr einen großen Zuwachs an Lebensfreude mitgebracht. Der Vater hatte einen einzigen Jugendfreund gehabt, einen Doktor Kraus; der war Arzt in einem Provinzialstädtchen und lebte dort, seit Gott ihm seine Frau genommen, ganz der Erziehung seines einzigen Sohnes Siegfried. So lange er rüstig war, hatte er sich jedes Jahr einige Wochen frei gemacht und sich an irgendeinem schönen Ort im Gebirge, bald im Harz, bald im Thüringer Wald, bald im Schwarzwald, mit der Feldwartschen Familie zur Sommerfrische vereinigt, und dies war für beide Freunde, sowie für ihre wilden fröhlichen Kinder stets eine ersehnte und genußreiche Zeit; der schlank aufgeschossene Siegfried war dann der Ritter der kleinen Martha, und da er um 6 Jahre älter war als sie, galt er als ihr Beschützer auf allen Wegen. Aber schon seit Jahren hatte Herr Kraus nicht mehr reisen können; ein schweres inneres Leiden fesselte ihn zuerst ans Haus, dann an sein Lager, und niemand wußte besser als er, daß es ihn seinem Ende entgegen führte. Sein Freund Feldwart hatte ihn auf seinem Schmerzenslager noch einmal besucht und ihm das Versprechen gegeben, sich nach seinem Tode des verwaisten Sohnes anzunehmen. Als nun das erwartete Ende eintrat, erhielt Herr Feldwart mit der Todesnachricht zugleich ein Schreiben des Entschlafenen, welches die Pläne und Wünsche desselben für die fernere Laufbahn seines Siegfried enthielt. Ein Bruder des Doktor war als junger Mann nach Amerika gegangen und hatte dort in Missouri verschiedene landwirtschaftliche Etablissements und Fabriken angelegt. Er war ein sehr begüterter Mann, und da er unverheiratet geblieben war, wünschte er dringend, daß Siegfried zu ihm kommen, ihm in seiner Thätigkeit beistehen und schließlich sein Erbe werden möge. Für den jugendlichen Siegfried, so ungern er sich von seinem Vater trennte, hatte die Aussicht auf dies fremde Land und die unbekannten Verhältnisse etwas Verlockendes; Herr Kraus fühlte, daß seine Lebenszeit bald verflossen sein würde, er konnte Siegfried nur ein kleines Erbe hinterlassen; so machte er nur die Bedingung, daß dieser erst seine Ausbildung in Deutschland vollenden, einen praktischen Kursus in der Landwirtschaft durchmachen, seiner Militärpflicht genügen und einige Jahre in der Hauptstadt Kollegien über Physik, Chemie und andere dahin einschlagende Wissenschaften hören sollte. Die praktische Landwirtschaft hatte er noch beim Leben seines Vaters erlernt; seit dem Tode desselben war er in B., und wenn er auch nicht bei Feldwarts wohnte, brachte er doch fast alle seine freie Zeit daselbst zu; und wie er sich mit Martha als Kind gejagt hatte und mit ihr über den Graben gesprungen war, so teilte er nun gern ihre ernsteren Beschäftigungen, las mit ihr gute englische und deutsche Bücher, begleitete ihre liebliche Singstimme auf dem Klavier, oder mit seinem kräftigen, gut geschulten Baß. Die Eltern wurden es kaum gewahr, daß aus den Kindern Leute geworden waren, und sie selbst hatten bis dahin einen so geschwisterlichen Ton, wenn sie zu einander sprachen, daß sowohl die Dienerschaft des Hauses, als auch die Freunde desselben den unbefangenen Verkehr durchaus natürlich fanden.
Seit dem Frühjahr hatte Siegfried seine Studien vollendet, machte sein Militärjahr durch und kam nach dem Manöver als braungebrannter, wohlbestallter Unteroffizier bei Feldwarts an. Martha empfing ihn höchst fröhlich. Wenn ihm auch das Dienstjahr weniger freie Zeit ließ, -- einige Mußestunden gab es immer, und sie hatte ihm soviel mitzuteilen -- soviel neue Bücher, soviel schöne Lieder, die sie nun mit ihm zusammen einstudieren wollte. Auch Frau Feldwart war ganz die Alte; aber nicht ohne Grund hingen ihre Augen zuweilen mit Besorgnis an den welken, eingefallenen Zügen und matten Augen ihres Mannes. Er klagte nicht viel; er mochte nicht einmal leiden, daß man über seinen Zustand sprach. Der Arzt sagte: „Er hat angegriffene Nerven, er muß ins Seebad!“
Der Kranke lächelte grämlich: „Ich werde alt, das ist alles!“
Martha hatte noch nichts Schweres erlebt; sie tröstete sich: Es wird schon wieder anders werden! Für jetzt kam die schöne Adventszeit, brachte Arbeit für ihre Hände und freundliche Beschäftigung für ihre Gedanken; wenn Siegfried Kraus kam, hatte sie ihm immer allerlei neue Pläne mitzuteilen oder kleine Aufträge zu geben.
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