Storieta
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Uebersetzt von Christoph Martin Wieland

Personen.

Der Herzog von Venedig. Brabantio, ein Edler Venetianer. Gratiano, dessen Bruder, Lodovico, derselben Neffe. Othello, der Mohr, Venetianischer General in Cypern. Cassio, sein General-Lieutenant. Jago, Faehndrich des Othello. Rodrigo, ein einfaeltiger Junker, in Desdemona verliebt. Montano, des Mohren Vorfahrer im Commando zu Cypern. Hans Wurst, des Mohren Diener. Ein Herold. Desdemona, des Brabantio Tochter. Emilia, Jago's Weib. Bianca, eine Courtisane, Cassio's Liebste. Officiers, verschiedene Cavaliers, Abgeordnete, Musicanten, Matrosen, und Bediente.

Der Schau-Plaz ist im ersten Aufzug in Venedig; und durch das ganze uebrige Stuek in Cypern.

Erster Aufzug.

Erste Scene. (Eine Strasse in Venedig.) (Rodrigo und Jago treten auf.)

Rodrigo. Stille, sage mir nichts mehr davon, ich nehm' es sehr uebel, dass du, Jago, der du mit meinem Beutel schalten und walten durftest, als ob er dein eigen gewesen waere, Nachricht von diesem--

Jago. Ihr wollt mich ja nicht anhoeren: Wenn ich jemals von so was nur getraeumt habe, so seht mich als ein Scheusal an.

Rodrigo. Du sagtest mir, du truegest einen unversoehnlichen Hass gegen ihn.

Jago. Speyt mir ins Gesicht, wenn's nicht so ist. Drey grosse Maenner in dieser Stadt zogen, in eigner Person, die Muezen bis auf den Boden vor ihm ab, dass er mich zu seinem Lieutenant machen moechte: Und, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich kenne mich, ich weiss, dass ich keinen schlechtern Plaz werth bin.

Aber er, dessen hochmuethiger Eigensinn andre Absichten hatte, entwischte ihnen mit einem Galimathias von Umstaenden, und rauhtoenenden Kriegs-Kunst-Woertern; und das Ende vom Liede war, dass er meine Goenner mit einer langen Nase abziehen liess. Es ist mir leid, sagt er, aber ihr kommt zu spaet; ich habe mir meinen Lieutenant schon ausersehen. Und wer ist denn der? Ein gewisser Michel Cassio, ein Bursche, der noch keinen Feldzug gethan hat, der von Anordnung eines Treffens gerade so viel versteht als eine Woll- Spinnerin--nichts als was er aus Buechern gelernt, blosse Theorie, wovon unsre ehrsamen, friedliebenden Senatoren eben so gelehrt sprechen koennen als er; blosses Gewaesche, ohne Erfahrung--Das ist alles, was er vom Krieg versteht--Der hatte den Vorzug; und ich, von dem seine Augen in Rhodis, in Cypern, und in so vielen andern Orten, auf Christlichem und Heidnischem Boden, die Proben gesehen haben; ich muss mich mit Complimenten und Versprechungen abspeisen lassen--ich bin euer Schuldner, mein Herr, habt Geduld wir wollen schon Gelegenheit finden, mit einander abzurechnen, und dergleichen- -Kurz, er muss nun sein Lieutenant seyn, und ich, Dank sey den Goettern! seiner Mohrischen Excellenz demuethiger Fahnen-Junker.

Rodrigo. Beym Himmel, ich wollte lieber sein Profos seyn.

Jago. Dafuer ist nun kein Kraut gewachsen Es geht im Dienste nicht anders; Befoerdrung geht heutigs Tags nach Gunst und Empfehlungs-Schreiben, und nicht nach der Zeit, die man im Dienste gewesen ist, wie vor Zeiten, da der zweyte allemal den erstern erbte. Nun, mein Herr, mach' ich euch selbst zum Richter, ob ich mit einigem Schein der Wahrheit beschuldiget werden kan, dass ich den Mohren liebe.

Rodrigo. Ich moechte nicht gerne haben, dass du ihn begleitest.

Jago. O mein Herr, das lasst euch keine Sorge machen; ich begleite ihn, um mir selbst auf seine Unkosten Dienste zu thun. Wir koennen nicht alle Befehlhaber seyn, und nicht alle Befehlhaber koennen getreue Diener haben. Ihr werdet in der Welt manchen Dienst-ergebenen, knie-biegenden Schurken sehen, der unter einer vieljaehrigen treu- eyfrigen Dienstbarkeit endlich so grau wird wie seines Herrn Esel, ohne etwas anders davon zu haben, als dass er gefuettert, und wenn er alt ist gar abgedankt wird. Peitscht mir solche gutherzige Schurken--Dagegen giebt es andre, die zwar ihr Gesicht meisterlich in pflichtschuldige Falten zu legen wissen, aber ihr Herz hingegen vor aller fremden Zuneigung rein bewahren; die ihren Herren nichts als den aeusserlichen Schein der Ergebenheit und eines erdichteten Eifers zeigen, aber eben dadurch ihre Sachen am besten machen, und wenn sie ihre Pfeiffen geschnitten haben, davon gehen, und ihre eigne Herren sind. Das sind noch Leute die einigen Verstand haben, und ich habe die Ehre einer von ihnen zu seyn. Es ist so gewiss als ihr Rodrigo seyd; waer' ich der Mohr, so moecht ich nicht Jago seyn: izt dien ich, das wissen die Goetter! bloss um mir selbst zu dienen, und nicht aus Ergebenheit und Liebe--ich stelle mich zwar so, aber das hat seine Absichten--denn wahrhaftig, wenn mein Gesicht, und meine aeusserlichen Handlungen die wahre innerliche Gestalt meines Herzens zeigten, so wuerde mein Herz in kurzem den Kraehen zum Futter dienen--Mein guter Freund, ich bin nicht, was ich scheine.

Rodrigo. Was fuer ein Gluek macht der dik-maulichte Kerl, wenn er sie so davon tragen kann!

Jago. Ruft ihren Vater auf, wekt ihn auf, macht Lerm, versalzt ihm wenigstens seinen Spass; ruft es in den Strassen aus, jagt ihre Verwandten in den Harnisch, und wenn ihr ihn aus dem Paradiese, worein er sich eingenistert hat, nicht vertreiben koennt, so plagt ihn doch mit Fliegen,

{ed. * Eine Anspielung auf die Beobachtung, dass die schoensten und fruchtbarsten Gegenden des Erdbodens am meisten mit Ungeziefer gestraft sind.}

so dass seine Freude, wenn sie gleich nicht voellig aufhoert Freude zu seyn, doch wenigstens durch die Verdriesslichkeiten womit sie unterbrochen wird, etwas von ihrer Farbe verliere.

Rodrigo. Hier ist ihres Vaters Haus ich will ihm ueberlaut ruffen.

Jago. Thut es, und mit einem so graesslichen Ton, und Zetter-Geschrey, als wie wenn bey Nacht durch Nachlaessigkeit Feuer in einer volkreichen Stadt ausgekommen ist.

Rodrigo. He! holla! Brabantio! Signor Brabantio! he!

Jago. Wacht auf! he! holla! Brabantio! he! Diebe! Diebe! Seht zu euerm Haus, zu eurer Tochter, und zu euern Geld-Saeken: Diebe! Diebe!

Zweyte Scene. (Brabantio zeigt sich oben an einem Fenster.)

Brabantio. Was ist die Ursache dieser fuerchterlichen Aufforderung? Was giebt's hier?

Rodrigo. Signor, ist eure ganze Familie zu Hause?

Jago. Sind alle eure Thueren verriegelt?

Brabantio. Was sollen diese Fragen?

Jago. Sakerlot! Herr, man bestiehlt euch; zieht doch wenigstens einen Rok an, und seht zu euern Sachen; man greift euch nach der Seele, euer bestes Kleinod ist verlohren; eben izt in diesem Augenblik, Herr, bespringt ein alter schwarzer Schaaf-Bok euer weisses Schaaf. Auf, auf, wekt die schnarchenden Buerger mit der Sturm-Gloke, oder der Teufel wird euch zum Grossvater machen; auf, sag ich.

Brabantio. Wie? Habt ihr euern Verstand verlohren?

Rodrigo. Mein hochzuverehrender Herr und Goenner, kennt ihr meine Stimme nicht?

Brabantio. Wahrlich nicht; wer seyd ihr dann?

Rodrigo. Mein Nam' ist Rodrigo.

Brabantio. Desto schlimmer! Hab ich dir nicht verboten, um meine Thueren herum zu schwaermen? Hab ich dir nicht aufrichtig und ehrlich herausgesagt, meine Tochter sey nicht fuer dich gemacht? Und izt, nachdem du dich voll gefressen und gesoffen hast, kommst du in tollem Muthe boshafter Weise den Narren mit mir zu treiben, und mich in der Ruhe zu stoeren?

Rodrigo. Herr, Herr, Herr--

Brabantio. Aber du darfst dich unfehlbar darauf verlassen, dass mein Unwille und mein Ansehen es in ihrer Gewalt haben, dich theuer davor bezahlen zu machen.

Rodrigo. Geduld, mein guter Herr.

Brabantio. Was sagst du mir von Dieben? Wir sind hier in Venedig; mein Haus ist keine Scheure.

Rodrigo. Sehr ehrwuerdiger Brabantio, ich komm in der Einfalt meines Herzens, und in guter Meynung zu euch.

Jago. Sakerlot! Herr, ihr seyd, glaub ich, einer von denen die Gott den Dienst aufkuenden wuerden, wenn's der Teufel so haben wollte. Weil wir kommen, und euch einen Dienst thun wollen, so meynt ihr wir seyen Spizbuben; ihr wollt also haben, dass eure Tochter von einem Barber-Hengst belegt werden soll; ihr wollt haben, dass eure Enkel euch anwiehern; ihr wollt Postklepper zu Vettern und kleine Andalusische Stutten zu Basen haben.

Brabantio. Was fuer ein heilloser Lotterbube bist du?

Jago. Ich bin einer, Herr, der ausdrueklich hieherkommt euch zu sagen, dass eure Tochter und der Mohr im Begriff sind das Thier mit zween Rueken zu machen.

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