
Public-domain ebook
Der Wobbly
by B. Traven
Language: de486 downloads on Project Gutenberg
Subjects
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #76111.

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The opening · free to read
„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine“, erklärte er nun und heiterte auf; zweifellos weil er einen Weggenossen gefunden hatte.
In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu und sagte: „Senjores, wissen Sie den Weg zu Mr. Shine?“
„Cotton picking?“ fragte ich.
„Yes, feller. Ich habe seine Adresse bekommen von einem andern schwarzen Burschen in Queretaro.“
So weit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zugetrippelt kam. Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Molgen, Senjoles, Gentlemen! Ich will dolt hin und möchte Sie flagen, wo ist der Weg?“
Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann: „Mr. Shine in Ixtilxo...“
„Stopp!“ unterbrach ich ihn laut lachend. „Wir wissen ja schon, wohin Sie wollen, verrenken Sie sich nur nicht die Zunge. Wir wollen auch dort hin.“
„Auch cotton pickin’ dolt?“ fragte der Chinc.
„Ja,“ antwortete ich, „auch. Sechs Centavos für das Kilo.“
Durch diese meine Äußerung war auch mit dem Chinc das kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete sich, und wir hätten gleich mit dem Aufklären und dem Organisieren anfangen können.
Auf jeden Fall fühlten wir uns alle vier so wohl wie Brüder, die nach langer Trennung sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden fernen Punkt der Erde getroffen haben.
Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur halb so lang wie sein Rassenvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener, auf uns zuschlenderte, und mit welcher Sorglosigkeit und mit welchem Reichtum an Zeit ein schokoladebrauner Indianer uns ansteuerte, beide mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr. Shine in Ixtilxochitchuatepec, Baumwolle pflücken für sechs Centavos das Kilo.
Keiner von uns wußte, wo Ixtil... lag.
Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und verträumt in der tropischen Glut, wie eben nur eine Station in Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann.
Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt, selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte irgendein jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten gehalten hätte, mitgenommen.
Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch versorgt werden könnte –, zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht, ein Sack Zucker und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig.
Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle diese Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem Bahnsteig war.
Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das wußten offenbar auch die Reisenden. Andernfalls hätten sie in der Hitze wohl wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde, war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft nicht aufkommen konnte.
Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den Erdboden neben der Bretterbude gesetzt. In den Schatten.
Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Übung dazu, herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.
Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wann ich gehe, nicht früher; und sie würden mir folgen, und wenn ich sie bis nach Peru führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse wie sie.
Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil... zu finden sei. In der Nähe der Station war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu der die Station gehörte, mußte irgendwo im Busch versteckt liegen. Ich machte nun den Vorschlag, daß wir erst einmal in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein würde, der den Weg wisse.
Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser nur waren aus Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. Ich ging hinein und fragte ihn, wo Ixtil... liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir höflich, daß er den Namen nie gehört habe.
Fünfhundert Meter von diesem Holzhause entfernt war das andere „moderne“ Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war gleichzeitig Postamt, Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank und Agentur für alle möglichen Dinge und alle möglichen Unternehmungen. Ich fragte den Inhaber, aber er kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb fünfzig Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er jeden Platz und jeden Farmer.
Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt aussahen wie wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte sich eine Zigarette, wobei er den Tabak in ein Maisblatt wickelte, und als er sie angezündet hatte, sagte er:
„Den Ort kenn ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, die hier in dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in jener Richtung.“
Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener Gegend hinaus, die er meinte.
„Von dort her“, fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal ziemlich viel Baumwolle hier verladen worden. Die Farmer kamen mit Autos, also wird wohl noch etwas Weg übriggeblieben sein. Ob einer von den Farmern Mr. Shine hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“
„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich.
„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. So genau weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind sicher frühmorgens abgefahren.“
„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in einer andern Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“
„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den Farmern Mr. Shine heißen kann, alle sind Gringos.“
„Gringo“ ist in Lateinamerika der Spottname für Amerikaner. Er hat ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung wie „Boche“ in Frankreich für Deutsche. Aber die Amerikaner, die viel zuviel unzerstörbaren Humor besitzen, um sich so lächerlich leicht beleidigt zu fühlen und dadurch das Leben schwer zu machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe genommen dadurch, daß sie, wenn in Lateinamerika gefragt, was für Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. Und sie sagen das mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der schönste Witz wäre.
Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, waren die üblichen Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht auf den Erdboden gestellt und ein Dach aus trocknem Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus dünnen Stämmchen, aber nicht dicht aneinandergefügt. Keine Türen, keine Fenster. Alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte man von außen sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere oder bequemere Mexikaner wohnten, hatten nicht einmal diese angedeuteten Wände, sondern oben um das Dach herum hingen einige große Palmblätter, um die Strahlen der Sonne, wenn sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag schräger einfielen, abzuschatten.
Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die Schweine mußten sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie das Futter zusammensuchen. Die Hühner saßen nachts in dem Baum, der der Hütte am nächsten stand. Eine alte Kiste oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo die Hühner brav ihre Eier hineinlegten.
Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne jemals gepflegt zu werden, ihre Früchte in reichen Mengen spendeten. Die kleinen Felder, wo nur gesäet und geerntet wird, sonst kaum etwas getan wird, lieferten Mais und Bohnen mehr als die Bewohner aufbrauchen konnten.
In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war zwecklos. Wenn eine Auskunft überhaupt zu erhalten war, so war sie sicher falsch. Nicht falsch gegeben mit der Absicht, uns irrezuführen, aber aus purer Höflichkeit, irgendeine beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“ sagen zu müssen.
So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, die uns im Postamt von dem Billardspieler genannt worden war, und die ich für die einzige glaubwürdige hielt.
„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden es wohl hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer sein.
Wir waren unser sechs.
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