Storieta
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About this book

Der Roman ist ein düsteres Geflecht aus Mord, mexikanischer Kulisse und korrupter Ölförderung, das bereits im ersten Kapitel die Mechanismen einer gigantischen, kapitalistischen Ölgesellschaft enthüllt. Die Erzählung beginnt mit einer philosophischen Betrachtung des „Appetits“ als treibende Kraft von Individuen, Völkern und Unternehmen, bevor sie die Condor Oil Company – ein junges, gieriges Unternehmen, das Land um jeden Preis erobern will – in den Mittelpunkt rückt. Durch detaillierte Schilderungen von Landakquisitionen, der Hierarchie von Geologen und Topographen bis hin zu den komplexen sozialen Beziehungen auf der Hazienda La Rosa Blanca wird ein Bild einer Wirtschaftsmacht gezeichnet, die ebenso skrupellos wie rational ist. Die Geschichte verspricht, den Leser in ein Geflecht aus Macht, Gier und moralischer Selbstrechtfertigung zu führen, das sich um die umkämpfte „Weiße Rose“ dreht.

Der Stil ist nüchtern, fast reportagisch, und spiegelt die Sprache der 1930er‑ bis 1940er‑Jahre wider, in der B. Traven schrieb. Die Erzählung wirkt wie ein sozialkritisches Panorama, das mit langen, informationsreichen Sätzen und einer sachlichen, aber eindringlichen Stimme arbeitet. Leserinnen und Leser, die Interesse an historisch angelegten Wirtschaftsthrillern, an kritischen Darstellungen von Kolonial- und Unternehmensmacht sowie an einer dichten, atmosphärischen Darstellung Mexikos jener Zeit haben, werden an diesem Werk Gefallen finden.

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Aber sie hatte den stärksten Appetit.

Für die Entwicklung eines Individuums wie für die Entwicklung eines ganzen Volkes ist der Appetit bestimmend. Erst recht und ganz besonders ist ein guter Appetit bestimmend für die Entwicklung einer großkapitalistischen Company. Der Appetit entscheidet das Tempo der Machtentfaltung, und der Appetit entscheidet darum auch die Wahl der Mittel, die angewandt werden, um das Ziel zu erreichen: eine einflußreiche und gebietende Macht im internationalen Wirtschaftsleben zu sein. In ihrem Aufbau, in ihrem Wesen, in ihren Zielen und in ihren Arbeitsmethoden, wie auch in ihren Problemen, unterscheidet sich eine moderne großkapitalistische Company wenig von einem Staate. Der einzige sichtbare Unterschied ist wohl nur der, daß eine großkapitalistische Company gewöhnlich besser organisiert ist und vernünftiger und geschickter geleitet wird als ein Staat.

Die Condor Oil Company war die jüngste der Companien, die hier miteinander und gegeneinander im Felde standen, wo um die Vorherrschaft auf dem Markt gekämpft wurde. Da sie die jüngste war, so war sie die gefräßigste. In der Auswahl und in der Anwendung der Mittel, einen einflußreichen Platz im Wettbewerb mit den alten und mächtigen Companien zu gewinnen, kannte sie weder Hemmungen noch Rücksichten. Wenn sie überhaupt einen Grundsatz hatte in bezug auf die Art des Kampfes, so war es der: Der Krieg, der am brutalsten geführt wird, dauert am kürzesten und ist darum der humanste.

Hierin fand sie gleichzeitig eine moralische Entschuldigung ihrer Handlungen, so daß sie, vor sich selbst gerechtfertigt, sagen konnte, sie führe den humansten Kampf, und daß sofort Friede sein werde, sobald sie den Kampf gewonnen habe.

Die Macht einer Öl-Company hängt nicht allein von der Zahl der Öl produzierenden Brunnen ab, die eine Company besitzt. Die Macht hängt vielmehr davon ab, wieviel Land sie besitzt oder unter Kontrolle hält. Und hier sind es drei Arten von Land, die in Frage kommen.

Land, das bestimmt Öl trägt; Land, das nach dem Gutachten der Geologen Öl tragen muß; und Land, das nach dem Instinkt der Ölleute Öl haben sollte. Die dritte Gattung des Landes ist es, die Spekulationen ermöglicht und die Millionen an Dollars verdienen läßt, ohne daß auch nur ein einziges Faß Öl produziert zu werden braucht.

So ging der Kampf der Companien darum, Land und immer mehr Land zu gewinnen. Es wurde mit größerem Eifer und mit größerer Geschicklichkeit daran gearbeitet, alles Land, das Öl haben könnte, zu erobern, dann daran, das Land, das eine Company bereits hatte, mit allen technischen und wissenschaftlichen Mitteln bis auf den letzten Hektar auszubeuten.

Da die Condor Oil Company nicht durch ihr Kapital und nicht durch die Zahl und den Reichtum ihrer produzierenden Brunnen in die vorderste Reihe der gigantischen Öl-Companien treten konnte, so mußte sie den zweiten Weg einschlagen: mehr ölverdächtiges Land zu gewinnen, als irgendeine andere große Company besaß. Im Besitz eines gewaltigen Umfanges an Land, das Öl hatte oder Öl haben konnte und das darum notwendig war, den Ölbedarf des Marktes zu befriedigen, konnte sie Preise bestimmen und sie konnte eine Kontrolle ausüben auf Öl-Companien, die infolge ihrer gewaltigen Kapitalkraft unüberwindlich und unkontrollierbar schienen.

So wird sich wohl leicht erklären lassen, daß es keine Untat gab und kein Verbrechen, das die Agenten, die im Auftrage der Company arbeiteten, das Land heranzuschaffen, nicht verübt hätten, um, wenn es der Company notwendig erschien, das gewünschte Land zu erhalten.

Die Condor Oil Company hatte achtzehn reiche Brunnen laufen. Wo sie Land auch nur roch, das Ölland hätte sein können, oder Land, das vielleicht irgendeine andere Company zu erwerben gedachte, da war sie sofort auf dem Plan.

In den erbarmungslosen Landabtreibungsgeschäften wirkte natürlich nie einer der Direktoren mit; nie einer ihrer obersten Beamten, und nur ganz selten ließ sie einen Amerikaner in diesem Zweige arbeiten. Die Direktoren kamen erst in Sicht, wenn das Land, das die Company haben wollte, bereits in jenen Händen war, die es für die Company bereit zu halten hatten. Die Company war immer nur der zweite Käufer. Die schäbigen Geschäfte wurden von mexikanischen oder spanischen, zuweilen von deutschen Unteragenten abgewickelt.

Die Condor Co. hatte ihr Hauptquartier in San Francisco in Kalifornien. Das mexikanische Hauptquartier war in Tampico, Mexiko. Sie hatte Zweigquartiere in Panuco, in Tuxpam und in Ebano; und sie bereitete sich vor, noch zwei weitere Büros zu errichten, eines am Isthmus, das andere in Campeche.

Sie hatte vortreffliche amerikanische, englische und schwedische Geologen für sich arbeiten, die gut bezahlt wurden. Sie beschäftigte einen großen Stab von Topographen, die das Gelände aufzunehmen und zu vermessen hatten. Die Topographen waren schon weniger gut bezahlt als die Geologen, denn ihre Arbeit wurde weniger hoch bewertet. Darum liefen die Topographen oft genug armselig und zerrissen herum wie Vagabunden. Die Geologen standen den Direktoren schon ein wenig näher, wirtschaftlich und gesellschaftlich; denn sie konnten gute Tips über reiches Ölland in die Ohren flüstern. Die Topographen dahingegen standen dem Proletariat näher, und da sie das freiwillig nicht eingestehen wollten, weil sie doch studiert hatten, mußten sie mehr und härter arbeiten als die Arbeiter, denen es Suppe oder Brühe war, ob man sie als Proletarier betrachtete oder nicht. Die Topographen wurden viel rascher rausgefeuert als kräftige Rigbauer; Topographen gab es reichlich, während die Rigbauer frech waren wie Straßendreck, denn sie schämten sich nicht, auch gelegentlich Tomaten einzukonservieren, wenn sie keine Rigs aufzubauen hatten, oder rausgefeuert worden waren, weil sie den Foreman verprügelt hatten.

In der Region der Condor Co., beinahe völlig umgrenzt von reich ölhaltenden Ländereien, die alle im Besitz oder in Lease, Vorpacht, der Company waren, lag die Hazienda La Rosa Blanca.

Die Hazienda La Rosa Blanca hatte eine Größe von etwa achthundert Hektar. Sie gehörte dem Indianer Hacinto Yanyez.

Ihre Produkte waren: Mais, Bohnen, Chile, Pferde, Rindvieh, Schweine, ferner Zuckerrohr, und damit auch Zucker, und endlich Orangen, Zitronen, Papayas, Tomaten, Ananas.

Sie lag in der Ölzone im nördlichen Teil des Staates Veracruz.

Die Hazienda machte ihren Besitzer nicht reich, wohl nicht einmal wohlhabend. Denn alles wurde in alter hergebrachter Weise kultiviert und bewirtschaftet. Es ging auf der Hazienda gemächlich und gemütlich zu. Niemand regte sich auf. Es wurde nicht gehetzt, nicht getrieben, und wenn wirklich einmal geschimpft wurde, so geschah das nur der Abwechslung wegen und weil das Leben ja zu eintönig verlaufen würde, wenn nicht gelegentlich einmal die Ventile abblasen können.

Die helfenden Hände auf der Hazienda waren Indianer wie der Besitzer. Sie bekamen keine hohen Löhne. Gewiß nicht. Aber jede Familie hatte ihre Hütte mit einem geräumigen Hof. Die Familie konnte Vieh halten nach Belieben, und auf dem Lande, das ihr entsprechend ihrer Kopfzahl zugewiesen war, anbauen, was ihr für ihren Unterhalt nötig erschien.

Alle jene Familien, die hier wohnten, lebten seit Generationen auf der Hazienda. Sie waren beinahe alle mit dem Besitzer versippt und verschwägert. Einige der Familien verdankten ihre Entstehung der großen Zeugungsfähigkeit eines der Vorfahren des Hacinto. Hacinto war der Pate beinahe aller Kinder, die auf der Hazienda geboren wurden, und Senjora Yanyez war die Patin.

Der Pate, el padrino, und die Patin, la madrina, haben in Mexiko eine bei weitem wichtigere Stellung innerhalb der Familiengemeinschaft, denn in irgendeinem anderen Lande auf Erden. Das rührt von uralten Zeiten her, aus weit zurückliegender Zeit der Indianer. Infolge der ungemein häufigen Ineinanderverheiratung der Spanier mit indianischen Frauen haben sich in den Sitten des mexikanischen Volkes zahlreiche Gewohnheiten und Gebräuche der Indianer erhalten überall da, wo es sich um Küche, Haus und Familienbeziehungen handelt, also in jenen Dingen, wo der Mann gewöhnlich passiv und neutral ist, weil sie das Urgebiet der Frau betreffen.

Der Pate galt im alten indianischen Mexiko – und gilt auch im heutigen Mexiko – ebensoviel für das Kind wie der eigene Vater. In zahlreichen Fällen, wenn der Vater stirbt oder sich, aus vielerlei Gründen, unfähig erweist, Erzieher des Kindes zu sein, tritt der Pate in die vollen Rechte und Pflichten des Vaters ein. Der Pate hat sich um das Wohlergehen des Kindes, zu dem er Pate ist, zu kümmern. Wenn ihn auch das öffentliche Gesetz nicht zwingt, seine Pflicht gegenüber dem Kinde, das der Hilfe bedarf, zu erfüllen, so kann er sich dieser Pflicht doch nicht entziehen; denn er würde dadurch seine Achtung und sein Ansehen in der Gesellschaft, die sich ja aus Familien zusammensetzt, verlieren, genau so gut, als ob er irgendeine sonstige schäbige Handlung begeht, die vielleicht vom Gesetz, nicht aber von dem Gesellschaftskreise, dem er angehört, verziehen wird.

Der Vater des Kindes nennt den Paten des Kindes Compadre, das heißt Mit-Vater, und die Patin nennt er Comadre, das ist Mit-Mutter. Beide, Pate und Vater, reden sich mit Compadre an, und Patin und Mutter nennen sich gegenseitig Comadre. Und wenn der Vater des Kindes die Patin ruft, so sagt er auch nicht Senjora, sondern er ruft sie Comadre.

Aus diesen Gründen betrachten sich der Vater des Kindes und der Pate des Kindes wie Brüder, und das Verhältnis zwischen beiden ist oft herzlicher als das zwischen Blutsverwandten, weil die Wahl eine freiwillige ist und die Wahl von der Sympathie abhängt, die jene zwei Leute füreinander empfinden.

Wenn sich der indianische Farmarbeiter den Patron, den Herrn der Hazienda, zum Paten für sein Kind aussucht, dann kommt der Herr. Er ist nie zu stolz dazu; denn er betrachtet es als eine große Ehre, daß er zum Paten erwählt wurde. Das liegt im indianischen Blute. Und von dem Augenblicke an, wo der Herr Pate des Kindes jenes Farmarbeiters geworden ist, sagt der Farmarbeiter nun nicht mehr „Patron!“ zum Herrn, sondern Compadre. Und der Herr sagt nicht mehr „He, Juan!“ zu dem Arbeiter, sondern er sagt gleichfalls Compadre zu ihm, obgleich sich die rein wirtschaftliche Stellung der beiden zueinander nicht verändert. Sie sind von nun an Brüder und behandeln sich wie Brüder.

Dieses Verhältnis besteht auf allen Haziendas in Mexiko, wo der Besitzer und die Hazienda-Leute indianischen Blutes sind. Ein solches Verhältnis bringt Zustände hervor, die anderswo auf Erden wohl nicht gefunden werden können.

Dem Patron gehört die Hazienda. Sie gehörte seiner Familie schon, ehe Kolumbus geboren wurde. Denn der Vorfahr, der Gründer der Familie, war ein indianischer Fürst, der Häuptling eines Stammes der Huasteken, der in jenem Bereich seinen Sitz hatte. Aber der Patron betrachtet sich nur als Nutznießer der Hazienda. Er fühlt sich verantwortlich für das Wohlergehen aller, die auf der Hazienda leben; denn er ist ja der Compadre aller, und alle sind seine Compadres. Er kleidet sich nicht reicher als die, die auf der Hazienda arbeiten. Er trägt die Tilma wie sie, und wie sie trägt er Sandalen. Er ißt Tortillas und Frijoles wie alle übrigen. Aber dennoch ist das Verhältnis ein ganz anderes als das patriarchalische Verhältnis auf den alten europäischen Bauernhöfen, wo alle Knechte und Mägde am selben Tisch mit dem Bauern und der Bäuerin sitzen.

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