Public-domain ebook
Hohe Sommertage: Neue Gedichte
by Gustav Falke
Language: de409 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: DE Lyrik·Poetry·German Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #12268.
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by Gustav Falke
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The opening · free to read
Ein stiller Teich träumt im verlassnen Park, Von sonnendunklem Laub dicht überschattet. Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht, Huscht ein verlorner Lichtstrahl übers Wasser, Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf Und hastet ängstlich in das Uferkraut.
Einsamer Weg führt um den stillen Teich, Gleich ihm von hängenden Zweigen überdämmert. Halbausgelöschte Spuren sind im Weg Vom Regen halb verwaschen und vom Wind Sacht überstäubt. Von wem erzählen sie?
Mir ist, als müsste diese große Stille Ein Mädchenlachen plötzlich unterbrechen, Aus ihrem grünen Traum aufstören. Wenn der Wind Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich Eines tieflieben, jungen Augenpaares, Das ich aus einem stillen Mädchentraum Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine, Es hätte hier wohl einmal vor dem Bild Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt.
Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer. Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand? Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub. Es ist ein Flüstern. Ach, was flüstert's doch? Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet Nur einen lieben Namen, und der schwebt, Leise dem Wind vertraut, über den Teich.
Bewahr den Namen, märchentiefe Stille, Bewahre ihn, dass er, ein süßer Laut Der lieblichen Natur, hier Heimat hat. Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig, Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen: Was flüstert doch das Laub? Und mag erröten Und lächeln, meint sie, übern Teich her ruft Ein andrer sie mit Namen.
Leise rauscht Das sommerdunkle Laub rings um den Teich. Ein Sonnenlächeln zittert auf dem Spiegel. Und horch! Ein Mädchenlachen? Nein, Herz, nein. Traumstille Einsamkeit nur atmete Einmal aus ihrem Frieden selig auf.
Ein feuchtes Wehen wühlt im Laub und streut Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall, Und wo noch gestern laute Lust, träumt heut Schwermütiges Schweigen überall.
Die frühen Rosen frieren so im Wind. Gestern, als heißer Mittag darauf lag, Brach ich die schönste dir. Wo bist du, Kind? Wo ist die Rose? Wo der helle Tag?
Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint, Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist, Ruft dich mein Herz und weint Und weiß nicht, wo du bist.
Maiblumen, deinem Herzen nah, Blühten an deinem Kleide. Ich bat: „Schenk mir den Frühling da.“ „Nein,“ riefst du mir zu Leide. „Es war nur Spiel, war nur zum Scherz, Dass ich mich damit schmückte.“ Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz, Als deine Hand die Blumen schnell Vom Busen riss und auf der Stell Zerpflückte, zerpflückte.
Was gabst du mir die Blumen nicht, Mir, dem die Jugend schwindet, Und der auf deinem Angesicht Ihr letztes Glück noch findet? Mir war's, als so umsonst ich warb Um diese Frühlingsspenden, Als ob nun mit den Blumen starb Auch meiner Jugend goldner Tag, Und seine letzte Blüte lag Zerpflückt von deinen Händen.
Es ist alles nicht auszusagen, Was ich um dich gelitten. Du musst meine schlaflosen Nächte fragen, Da ich mit Beten um dich gestritten, Mit Wünschen und Sehnen und Hoffen viel Trieb ein thörichtes Liebesspiel.
Und wenn ich dann an deiner Seite Wunderseliges tief gespürt, Und, wie auf seinem Teppichgebreite Des Moslems Stirn die Erde berührt, Vor dir anbetend die Seele geneigt, Die sich so gern in Stolz versteigt, Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen Das Wesen der Liebe aufgegangen. So willenlos, keusch, himmelsrein In eine Seele versunken sein, Holdeste Zweieinigkeit Ohne Sinnenwiderstreit.
Aber getrennt, ging ich umher Eine einsame Seele, die keiner versteht. Sie bangt um ihren Himmel sehr Und weiß nicht, wo die Straße geht, Schlägt in rastlosem Sehnsuchtsspiel Tausend Brücken nach ihrem Ziel, Über die mit zitternden Knien All ihre weinenden Wünsche ziehn.
Ich bin dein, O wärst du mein! Hülfe mir Beten, hülfe mir Bitten — Aber ich will mich des Hoffens entschlagen. Es ist alles nicht auszusagen, Was ich so lange um dich gelitten.
Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen, Abseits von Dorf und Feld und Erntemühen. Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glühen Des Abends heimlich sich ins Dämmerreich Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte In einem roten Gold ringsum, und gleich Glühwürmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte Nicht Weg und Steg und ließ dem Fuß den Willen, Der ziellos ging, indes die Augen schweifen. Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen. Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht, Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg, Und eines späten Falters scheue Flucht. Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg, Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute, Womit es sich dem alten Wald vertraute.
Und als ich stand und so der Stille lauschte, Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte, Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte, Sah ich zwei Herzen in des Bäumchens Rinde, Verschränkte Herzen, heut erst eingeschnitten; Es tropfte noch das Blut der jungen Linde, Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten. Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite Ein junges Angesicht traumhaft Geleite.
Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen Von kranken Nächten und vergrämten Tagen, Und ließ das rote Blut der Liebe quellen Und alle Wunden meines Herzens klagen. Und Tempelstille heiligte den Wald, Nur meiner Seele große Qual ward laut. Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt, Und ihr zu Füßen sank ich in das Kraut Und flüsterte: „Geliebte“. Stammelte: „Geliebte. Liebstes. Seele. Hör mich an. Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh, Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann Nicht still werden.“ —
— So lag ich, lag Am Wege so; und um mich starb der Tag. Da stand ich auf und war allein und ging Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrüpp sich wand, Dem Ausgang zu. Dort überm Felde hing Der stille Mond und kleidete den Rand Des Waldes weit in Frieden und in Licht, Mir aber kam die selge Ruhe nicht.
Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein, Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub, War abgebrochen, und das rostige Stück Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum. Was redete das Kreuz? Von totem Glück? Von totem Leid? Von einem toten Traum?
Ein leiser Wind kam übers reife Korn, Die Büsche rauschten, und in Schatten sank So Kreuz wie Klinge. Nur ein dürrer Dorn Am Fuß des alten Baums stand nackt und blank Im Licht des Mondes. Und es war einmal, Dass er im Grün die roten Blüten trug, Flammend, ein selig Frühlingsfeuer. — Qual Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug, Und ich ging heim und dachte in der Nacht Dem Leben nach, das alles sterben macht.
Ich weinte auf mein Brot und würgte dran Und konnt's nicht würgen und stand auf vom Mahl Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld Und bot dem Märzwind meine heiße Qual.
An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch. Wer warf es weg, wen wärmte es zuletzt? Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun, Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt.
Wenn du dein Herz in deine Hände nimmst Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt, Man nimmt es, dankt und wirft dir's plötzlich hin: Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt.
Dann stehst du da, entblößt und bettelarm Und weißt nicht hin vor Scham, vor nackter Scham.
Kind, sieh nicht deinen Vater an, Er hat sich gar so sehr geschämt, Sich eine lange, bange Nacht Um diese seine Scham gegrämt.
Und geh zu deiner Mutter, Kind, Und spiel mit ihr im Sonnenschein Und sprich ihr auch vom Vater nicht, Scham will allein im Dunkeln sein.
Geh, Kind, vor deinem großen Blick Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht Und weint. Und war noch gestern, Kind, So rein wie deiner Augen Licht.
Leise Füße gehn im Gras, Eine Stimme flüstert was. Ich hör es deutlich vom Garten her; Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer.
Es spielt in meinen Traum hinein: Die Füße müssen meine sein, Sie wandeln her, sie wandeln hin, Vergangenes geht mir durch den Sinn:
Viel süßer Duft und Sonnenlicht, Und eine Hand, die Rosen bricht. Vor ihrem Bilde glühten sie, Vor ihrem Bild verblühten sie.
Der Schlaf drückt mir die Augen schwer. Ich höre die leise Stimme nicht mehr. — Vor ihrem Bilde glühten sie, — Vor ihrem Bild verblühten sie.
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