Storieta
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About this book

Das Stunden‑Buch ist ein Gedichtband, in dem Rainer Maria Rilke seine Stimme in einer ununterbrochenen Anrufung an Gott entfaltet. Der Text eröffnet mit einer nächtlichen Bitte: „Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe…“, und führt sofort in ein dichtes Geflecht aus Bild‑ und Klangmetaphern, in dem das Alleinsein des Göttlichen, das Ringen des lyrischen Ichs und das Spiel von Licht und Dunkelheit verwoben werden. Die ersten Zeilen setzen den Ton für ein Werk, das aus einer Reihe von inneren Monologen, philosophischen Reflexionen und beinahe mystischen Visionen besteht, ohne dabei eine lineare Handlung zu entfalten.

Der Stil ist charakteristisch für Rilkes späte Lyrik: ein fließender, fast prosaischer Vers, reich an Symbolik und einer tiefen, existenziellen Stimme, die das 20. Jahrhundert in ihrer geistigen Zerrissenheit widerspiegelt. Leserinnen und Leser, die sich von intensiver Bildsprache, philosophischer Tiefe und einer meditativen, fast sakralen Anrufung angesprochen fühlen, werden in diesem Werk eine anspruchsvolle, aber lohnende Erfahrung finden. Besonders Liebhaber moderner deutscher Poesie, die das Spannungsfeld zwischen Spiritualität und Selbstreflexion schätzen, dürften hier Anklang finden.

Who appears in Das Stunden-Buch

  • GottEthereal male figure in flowing white robes, serene expression, haloed head, timeless aura

The opening · free to read

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -- so ists, weil ich dich selten atmen höre und weiß: Du bist allein im Saal. Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da, um deinem Tasten einen Trank zu reichen: ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen. Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns, durch Zufall; denn es könnte sein: ein Rufen deines oder meines Munds -- und sie bricht ein ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen. Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt, mit welchem meine Tiefe dich erkennt, vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen, sind ohne Heimat und von dir getrennt.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen, wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr verhinderte am Wachen --

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken bis an deinen Rand dich denken und dich besitzen (nur ein Lächeln lang), um dich an alles Leben zu verschenken wie einen Dank.

Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht. Man fühlt den Wind von einem großen Blatt, das Gott und du und ich beschrieben hat und das sich hoch in fremden Händen dreht.

Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite, auf der noch alles werden kann.

Die stillen Kräfte prüfen ihre Breite und sehn einander dunkel an.

Ich lese es heraus aus deinem Wort, aus der Geschichte der Gebärden, mit welchen deine Hände um das Werden sich ründeten, begrenzend, warm und weise. Du sagtest leben laut und sterben leise und wiederholtest immer wieder: Sein. Doch vor dem ersten Tode kam der Mord. Da ging ein Riß durch deine reifen Kreise und ging ein Schrein und riß die Stimmen fort, die eben erst sich sammelten, um dich zu sagen, um dich zu tragen, alles Abgrunds Brücke --

Und was sie seither stammelten, sind Stücke deines alten Namens.

Der blasse Abelknabe spricht:

Ich bin nicht. Der Bruder hat mir was getan, was meine Augen nicht sahn. Er hat mir das Licht verhängt. Er hat mein Gesicht verdrängt mit seinem Gesicht. Er ist jetzt allein. Ich denke, er muß noch sein. Denn ihm tut niemand, wie er mir getan. Es gingen alle meine Bahn, kommen alle vor seinen Zorn, gehen alle an ihm verlorn.

Ich glaube, mein großer Bruder wacht wie ein Gericht. An mich hat die Nacht gedacht; an ihn nicht.

Du Dunkelheit, aus der ich stamme, ich liebe dich mehr als die Flamme, welche die Welt begrenzt, indem sie glänzt für irgendeinen Kreis, aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich: Gestalten und Flammen, Tiere und mich, wie sie's errafft, Menschen und Mächte --

Und es kann sein: eine große Kraft rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

Ich glaube an alles noch nie Gesagte. Ich will meine frömmsten Gefühle befrein. Was noch keiner zu wollen wagte, wird mir einmal unwillkürlich sein.

Ist das vermessen, mein Gott, vergib. Aber ich will dir damit nur sagen: Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb, so ohne Zürnen und ohne Zagen; so haben dich ja die Kinder lieb.

Mit diesem Hinfluten, mit diesem Münden in breiten Armen ins offene Meer, mit dieser wachsenden Wiederkehr will ich dich bekennen, will ich dich verkünden wie keiner vorher.

Und ist das Hoffart, so laß mich hoffärtig sein für mein Gebet, das so ernst und allein vor deiner wolkigen Stirne steht.

Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug, um jede Stunde zu weihn. Ich bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug, um vor dir zu sein wie ein Ding, dunkel und klug. Ich will meinen Willen und will meinen Willen begleiten die Wege zur Tat; und will in stillen, irgendwie zögernden Zeiten, wenn etwas naht, unter den Wissenden sein oder allein. Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt und will niemals blind sein oder zu alt, um dein schweres schwankendes Bild zu halten. Ich will mich entfalten. Nirgends will ich gebogen bleiben, denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin. Und ich will meinen Sinn wahr vor dir. Ich will mich beschreiben wie ein Bild, das ich sah lange und nah, wie ein Wort, das ich begriff, wie meinen täglichen Krug, wie meiner Mutter Gesicht, wie ein Schiff, das mich trug durch den tödlichsten Sturm.

Du siehst, ich will viel. Vielleicht will ich alles: das Dunkel jedes unendlichen Falles und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

Es leben so viele und wollen nichts und sind durch ihres leichten Gerichts glatte Gefühle gefürstet.

Aber du freust dich jedes Gesichts, das dient und dürstet.

Du freust dich aller, die dich gebrauchen wie ein Gerät.

Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät, in deine werdenden Tiefen zu tauchen, wo sich das Leben ruhig verrät.

Wir bauen an dir mit zitternden Händen, und wir türmen Atom auf Atom. Aber wer kann dich vollenden, du Dom.

Was ist Rom? Es zerfällt. Was ist die Welt? Sie wird zerschlagen, eh deine Türme Kuppeln tragen, eh aus Meilen von Mosaik deine strahlende Stirne stieg. Aber manchmal im Traum kann ich deinen Raum überschaun tief vom Beginne bis zu des Daches goldenem Grate. Und ich seh: meine Sinne bilden und baun die letzten Zierate.

Daraus, daß einer dich einmal gewollt hat, weiß ich, daß wir dich wollen dürfen. Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen: wenn ein Gebirge Gold hat und keiner mehr es ergraben mag, trägt es einmal der Fluß zutag, der in die Stille der Steine greift, der vollen.

Auch wenn wir nicht wollen: Gott reift.

Wer seines Lebens viele Widersinne versöhnt und dankbar in ein Sinnbild faßt, der drängt die Lärmenden aus dem Palast, wird anders festlich, und du bist der Gast, den er an sanften Abenden empfängt.

Du bist der zweite seiner Einsamkeit, die ruhige Mitte seinen Monologen; und jeder Kreis, um dich gezogen, spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.

Was irren meine Hände in den Pinseln? Wenn ich dich male, Gott, du merkst es kaum. Ich fühle dich. An meiner Sinne Saum beginnst du zögernd, wie mit vielen Inseln, und deinen Augen, welche niemals blinzeln, bin ich der Raum.

Du bist nicht mehr inmitten deines Glanzes, wo alle Linien des Engeltanzes die Fernen dir verbrauchen mit Musik, -- du wohnst in deinem allerletzten Haus. Dein ganzer Himmel horcht in mich hinaus, weil ich mich sinnend dir verschwieg.

Ich bin, du Ängstlicher. Hörst du mich nicht mit allen meinen Sinnen an dir branden? Meine Gefühle, welche Flügel fanden, umkreisen weiß dein Angesicht. Siehst du nicht meine Seele, wie sie dicht vor dir in einem Kleid aus Stille steht? Reift nicht mein mailiches Gebet an deinem Blicke wie an einem Baum?

Wenn du der Träumer bist, bin ich dein Traum. Doch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille und werde mächtig aller Herrlichkeit und ründe mich wie eine Sternenstille über der wunderlichen Stadt der Zeit.

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde, darin du mich so eilen siehst. Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde, ich bin nur einer meiner vielen Munde und jener, welcher sich am frühsten schließt.

Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen, die sich nur schlecht aneinander gewöhnen: denn der Ton Tod will sich erhöhn --

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