Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste, Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest; Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest. Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen, Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen.
Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen, Ein hundert Jahre alter Epheukranz, Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern, Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz; Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen, Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen.
Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken Verwehren neidisch des Besuchers Fuß Den Pfad zu würzig-duft’gen Königskerzen, Die weithin winken ihren goldnen Gruß. Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel.
Tiefernstes Schweigen waltet, heil’ge Ruh hier oben, Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum Ein Mensch betritt, will’s ihn gemahnen, Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; — Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen, Die beide noch mit festen Mauern prangen.
So liegt die Stätte heute stille und verlassen, Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost. Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen, Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. —
Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen. Hoch überm Thore prangt das Wappenschild Der alten Küssaberger steingemeißelt; Sie führten eines Löwen Haupt als Bild. In braungetäfelten Gemächern waltet Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet.
Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen, Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn. Muß immerdar der holden Herrin denken, So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin; Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren, Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren.
Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte Und was es war, das mich zum Singen zwang. Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung Mein Küssaburg zu weihen im Gesang, Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen; Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. —
Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend An einem Julitage, wie gewohnt, Hinunter auf die Rebenhänge blickend, Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont, In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten, Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten.
So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend, Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein, Erhoben sich die Blicke mälig höher, Weit über waldgekrönte Hügelreihn, Bis wo, als ob im Duste sie verblauten, Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten.
Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke In selten klarem, wundervollem Glanz; Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc — Zog schimmernd ihr krystallner, prächt’ger Kranz. Es war, als schmückte den uralten Firnen Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen.
Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort, Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort. Im Osten, wo des Hegau’s Höhen blauen, War selbst ein Streiflein noch vom „Twiel“ zu schauen.
Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen, Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. — Die Dörflein rings, die Städtlein, Au’n, Gefilde, Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde!
Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks; In vollen Zügen trank ich Waldesduft, Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt. Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft, Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen, Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! —
Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren, Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein; Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen Wie unsereines hier im Sonnenschein. Es waren darum gar nicht schlecht berathen, Die einst dahier sich häuslich niederthaten.
Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß’ Stammes? Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann? That’s Feuer oder Eisen? War’s der Kelte, Dem dann der Römer folgt’, der Alemann? — So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen, Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. —
Da kam mir vor, als hört’ ich rasseln, wie von Ketten; Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick. Ich sah die Brücke von der Windberg’ schwanken, Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick; Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben, Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. — —
Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen, In deren Fenstern Laden anstatt Glas, — Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen, Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, — Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden, Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen.
Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried, Wie üblich seines Herren Wohngemach In sichrer Höhe bergend, von wo weiter Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach Zur Laube führte, die den Thurm umspannte, Da sich des Wärtels Blick zum „Auslueg“ wandte.
Im Erdgeschoß’ zunächst dem Thurme lag die Halle, Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank, In welcher fahrendem Gesind zuweilen Man Obdach bot und Speis’ und Trank. Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite, Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite.
Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft; Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft. Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen, Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen.
Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse; Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt, Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten, War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt, Der Stall und die Gelasse für die Leute, Ein Falkenhaus und eines für die Meute.
So sah des Geistes Aug’ den alten Schloßbau ragen. Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr, Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr; Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern, Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! — —
Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag Da nahte ihr gemach ein junger Mann, Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte, Das langsam fürbas seine Schritte spann. Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter, Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter.
In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein, Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte, Denn heute schien die Sonne gar so heiß; Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen, Sonst hätt’s Freund Bachus übel ihr gerochen.
Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte, Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt, Verriethen leicht den adeligen Herren, Der rasten wollt’ nach einem weiten Ritt. Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken, Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken.
Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde Am Thore harrend etlich’ Knechte stehn, Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten. Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn, Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben, Begehrt’ er ihn zu sprechen unverschoben.
Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt, Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend, Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt’. Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen, Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen.
Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben. Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren. Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd; Dem ersteren, er mußte flink sich rühren, Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. —
Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt, War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert. Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt, Sah Zehentgarben seine Bauern bringen; Doch sie zu zählen, wollt’ ihm nicht gelingen.
Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte, Bemerkte man von ungeübter Hand Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben, Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand. Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken, Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken.
Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben, Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft, Wie ihn der Hör’ge und ein guter Jahrgang Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft; Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend, Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend.
Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte, War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch. An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen, Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch; In einer Ecke sah man Füße prangen Von einem Bette, das jedoch verhangen.
Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache Die andre Seite fast zur Hälfte ein Und mocht’ die Eichenbank, so ihn umschränkte, Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein; Denn „Greif“ und „Pfeil“, des Vogtes Lieblingshunde, Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde.
Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen, Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht, Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht. Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen, In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. —
Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen Und stemmte dann die Hände auf den Tisch, Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend. Nun er so da stand, seine Wangen frisch Geröthet und noch dichten, blonden Haaren, War’s schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren.
Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen, In denen Schalkheit sich mit Güte paart’. Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart, In welchem sich, bei näherem Betrachten, Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. —
Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken, Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut’, In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde, Denn wie aus einem Munde klang es laut: „Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!“ „„Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...““
Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten, Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt’, Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte, Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt’ Das Zimmer, ohne weiteres versäumen, Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen.
Als hinter Kunzen sich die Thür’ geschlossen hatte, Zog selbst der Junker eine Fensterbank Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder, Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank, Ein Gläslein vom Gesims herunter langte, Vor dessen Größe heute manchem bangte.