
Public-domain ebook
Die Last
by Annette Kolb
Language: de298 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: German Literature·History - Modern (1750+)·Philosophy & Ethics
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #44258.

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by Annette Kolb
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In: German Literature·History - Modern (1750+)·Philosophy & Ethics
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The opening · free to read
Epilog zu den Briefen an einen Toten.
Es gibt Leute, welche die Worte: »Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert« mit besonderer Vorliebe herausgreifen, andere wieder, welche meinen, Christus könne sich unmöglich so geäussert haben. Ich zweifle keinen Augenblick, dass er so sprach, so wenig ich glaube, dass er dabei an unsere heutigen Stickgase, Flatterminen und Sprengbomben dachte. Aber ich weiss eine Schlacht, zu der ich noch als ein Schatten jubelnd hinstürmen würde, tagte er endlich, der grosse europäische Bruch mit unseren Trollen, unseren Ab- und Unterarten und dem Tross der Seelenlosen, deren Triumph das heutige Chaos besiegelt. Denn eines Tages werden wir es vor uns herjagen, das Heer der böswilligen Toren wie der Unterworfenen, nicht länger gewillt, ihre Übermacht zu ertragen. Von langer Hand ist der Rache vorzuarbeiten, von jetzt ab schon und inmitten der unerhörten Niederlage noch, welche die Kinder des Lichts von den Söhnen der Finsternis erdulden. Ist das, was sich heute ereignet, etwas anderes als das erweiterte Bild desjenigen Krieges, der unablässig auf der Erde wütet, das Glück der Familien untergräbt und die Häuser niederreisst? Haben die Knechtischen jemals aufgehört, den Besonnenen zu verfolgen? Ist je ein Waffenstillstand zwischen ihnen gewesen? Liessen sie je ab, den Edlen zu bedrängen, auf dass er stürze oder sein Wirken wieder vereitelt werde? Kein Gesetz, nichts auf Erden störte sie je, das goldene Saitenspiel seines Herzens zu zerschlagen. Wir wissen genug. Wer brennenden Auges in diese Welt hineinsah, dem ist dieser Krieg kein Rätsel, noch die Worte desjenigen, dessen Kommen der Engelsruf verkündete: »Friede den Menschen, die guten Willens sind,« und der doch gesagt hat: »Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Die weit verstreuten Menschen sind heute überall die Unterlegenen, die ihre Einigung noch nicht festlegten, um als das auserwählte Volk -- furchtbar genug -- den Fuss auf den Nacken der Schlechten, der Unentwickelten, der Unterarten zu setzen, nicht mehr willens, mit ihnen, die nichts so sehr scheuen wie ihre Namen, die Herrschaft über diesen Planeten zu teilen. Durch alle Nationen, alle ihre Schichten hindurch ist der Genius dieses Krieges, seinem Charakter entsprechend, der Würgengel der Besten gewesen, der besten Söhne überall, und der ungeborenen Söhne dieser Söhne. Fragt einen Arbeitgeber, wo immer Ihr wollt: seine besten Leute sind es, die er beklagt. Rache für sie, für alle Prediger in der Wüste, für alle jene Staatsmänner auch, die -- hier und drüben -- mit reinen Händen in diesen Krieg gerissen wurden, Rache für sie und ihren Gram. Ihre Erhebung und ihr Zusammenschluss ist die grosse Notwendigkeit. Man sage mir nicht, dass es unmöglich sei. Ein Ruf dringt schon durch das Getöse. Wie mit Feuerzungen ist schon die Luft von den Stimmen der Dichter erfüllt. Inmitten welcher Drangsal, welcher Todesnot, aus ihren Gräben, ihren Gräbern ach! haben sie nach der Herrschaft des guten Menschen gerufen.
»Sein ist die Kraft, das Regiment der Sterne.«
Und es gilt nicht von Utopien zu reden. Es gibt keine Utopien. Er wäre denn nur ein Utopist gewesen, der nicht gekommen ist, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, und der gesagt hat: »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.«
Ausblick.
In einem Essay über die Markgräfin von Bayreuth schrieb ich vor einigen Jahren, der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl inne wie dem Manne. Heute füge ich hinzu, ihr Interesse und ihr Verständnis für Presse wie für Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country (an welche sich übrigens die überlegteren Engländer während des Burenkrieges nicht hielten), wäre die Frau nicht verfallen.
So wird sie denn nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewiss falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühle treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, hatten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jungslavischen Völker sehr wohl erkannt, als sie jenen brüderlichen Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der europäischen Kabinette scheiterte. So dringen Schneeglocken verfrüht an die schneidende Luft und werden von der Härte des Winters getötet, aber die Ahnung des Frühlings lassen sie zurück.
Es klingt ja angesichts der Tatsachen so grotesk, dass man es kaum zu sagen wagt, aber die Welt ist besser geworden. Denn rohe Gewaltmittel, mögen sie sich noch so radikal durchsetzen, haben jedes Ansehen verloren. Es waren auch in der Tat schon Ansätze vorhanden zu der Erkenntnis, dass die Politik nicht mehr wie auf dem Schachbrett zwischen Spielern betrieben werden dürfte, und es dämmerte die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit des Satzes: »In der Politik gibt es keine Moral.« Mit richtigem Instinkt waren die Nationen durch überlebensgrosse Menschengestalten versinnbildlicht worden: Marianne, John Bull, Michel, Uncle Sam . . . Von hier aus zog sich mit vollkommener Deutlichkeit ein Weg zur Einsicht, dass den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern billigerweise genau dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Diese, statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich im Gegenteil an Schonung, Grossmut und Rücksicht gegenseitig zu überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, dass man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen statt verdammt.
Ich hätte mir vorstellen können -- ich weiss nicht, ob ich es noch kann --, dass auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, dass er -- nach Art der Liebhaber -- zu ihren Füssen hingerissen, in leidenschaftlicher Selbstanklage die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte mir vorstellen, dass im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich! -- bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte auf einen höheren Plan gehoben, langsam, über ihren Häuptern wie eine enthüllte Morgengabe schillerte . . .
Wem dies zu dumm ist, der begebe sich hinaus zu den vordersten Kampflinien, wo die gehegten Söhne holder Mütter wie Tiere jämmerlich verenden, und aus der Wut und Not ihrer Verlassenheit heraus den . . . Kriegskorrespondenten verfluchen, dessen Bericht (o würdiger Trumpf einer realpolitischen Presse!) mit ekler Schönfärberei ihre unnennbaren Martern unterschlägt. Bald nach Friedensschluss wird man sich zwar an den Kopf greifen über die heutige Welt; und dann wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weissen und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von all den Schrecknissen; und dann werden die Überlebenden nicht mehr bestreiten, dass die europäische Psyche durch die Assimilierung der asiatischen eine unendliche Bereicherung, ja geradezu ihre letzte Vollendung erführe.
Und die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte werden notwendig gewesen sein, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der elementarsten Nachdenklichkeit aufdrängen. In so verzweifelt weiten Schleifen rückt die Menschheit ihrem Ziel entgegen. Warum? Welch ein Geheimnis!
Aber all diese Kriege, und die gewesenen sind ja nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher Kriege verursacht und die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, welche auf den ewigen Krieg schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.
Zum Aufruf an die Frauen.
Andreas Latzko hat einen Aufruf an die Frauen veröffentlicht, welcher ebenso berechtigte wie unberechtigte Vorwürfe enthält.
Ich gebe vollkommen zu, dass heute ein Plädoyer zu ihren Gunsten schwer fiele. Nachdem in den ersten Augusttagen die Männer das Zeichen des grossen Umfalles mit einer Promptheit gegeben haben, die man noch tags zuvor für unmöglich hielt, wurden die Frauen von der Schwere dieses Sturzes mitfortgerissen.
Fast alle Zeitungen arbeiteten damals Tag und Nacht an der Herstellung vergifteter Pfeile in Form von Lügen und Verleumdungen und sandten sie mit fieberhafter Eile nach allen Richtungen aus. In Millionen von Aushängebogen wurden »die Feinde« täglich neu als eine schlechtere Abart von Menschen dahingestellt.
Männer mit neun Gymnasialklassen und vier Universitätsjahren hinter sich, zur Unabhängigkeit des Denkens systematisch geschulte Männer waren es, welche solche Märchen verkündeten und kolportierten; es ist demnach anzunehmen, dass sie sie auch glaubten. Welche Gelegenheit für die Frauen zu beweisen, dass sie einsichtiger und besser seien, und wie gründlich wurde sie verscherzt!
»Anderthalb Jahrtausende, schreibt Latzko aber, haben an dem Bild der christlichen Frau gemodelt; jedes Jahrhundert hatte das Antlitz mit neuen Zügen vertieft, veredelt, verfeinert« . . . sehr wahr und sehr schön. Aber der Verfasser des Aufrufs ist ein Dichter und hat als solcher Illusionen über die Menschheit.
Die Norm der Frauen taugt nicht viel mehr und nicht viel weniger als die Norm der Männer. Warum auch? Stammen sie nicht ebensowohl auch von ihren Vätern wie die Söhne auch von ihren Müttern ab? Wer war es nur, der einmal behauptete (ich glaube, ich bin es selbst gewesen!), dass wenn die Männer so leicht bei der Hand seien, um zwischen den Frauen und einer gewissen Abart schnatternder Vögel Vergleiche anzustellen, es ebensosehr das Wesentliche trifft, wenn zwischen den Männern und einem gewissen langohrigen Haustier eine Analogie gefunden wurde. Ich vermute, auf die erstere verfiel zuerst ein Mann, auf die letztere eine Frau. In Wahrheit sind beide Analogien sehr glücklich.
Latzko zitiert erbitterten Gemütes eine dumme Person, welche ihren zurückgekehrten Gatten mit unglaublich gefühlsrohen Fragen anwidert. Aber jener selbe Mann, oder jedenfalls sehr viele andere Männer waren ja zu Anfang vor Kriegsbegeisterung ganz ausser sich und hatten sich das Entsetzen und die Tränen ihrer Gattinnen ungeduldig verbeten. Ihrer Angst und Sorge überlassen, waren diese einzig auf ihre neu eingetrichterte Mentalität gestellt, die in der Tat in diesem Falle nichts anderes sein konnte als eine ungeheure Verdrängung mit all ihren Folgeerscheinungen. O der Fahnen, o der Siege, an denen die Armen sich so geschwätzig weideten, o der entsetzlich vielen Worte, mit denen sie ihre Bangigkeit zu betäuben suchten -- den ganzen Tag -- und als einzige Ablenkung für ihre tägliche Ungewissheit hatten sie dabei nur die täglichen Schauergeschichten der Zeitungen, diese Musterbilder der Roheit.
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