
Public-domain ebook
Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen
by Annette Kolb
Language: de413 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: Short Stories·German Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #69797.

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by Annette Kolb
Language: de413 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: Short Stories·German Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #69797.
The opening · free to read
Erst später wurde uns bewußt, was für lustige Leute wir doch eigentlich gewesen sind, als wir zu Hause noch alle beieinander waren. Damals ahnten wir es ja nicht. Wir hielten uns für tragische Figuren, die nur aus Trotz, und um andere hinters Licht zu führen, eine so vergnügte Maske zur Schau trugen, sahen wir doch sogar darin eine heroische Geste, daß wir als halb Abgebrannte immerzu offenes Haus hielten. In Wirklichkeit geschah dies aber nur, weil es uns Spaß machte. Da wir keinem bestimmten Kreis angehörten, hatten unsere Empfänge immerhin die Eigentümlichkeit, daß sie Leute zusammenführten, die sich nicht zu begegnen pflegten, jenem Milliardär Gelegenheit boten, sich, einmal und nicht wieder, mit jenem armen Teufel voraussetzungslos zu unterhalten, und jenem ehrgeizigen und hoffnungslosen Streber, einmal und nicht wieder, mit jenem Staatsmann ein paar Worte zu wechseln. Jedenfalls war es das Unkonventionelle mit all seinen unberechenbaren Möglichkeiten, das uns in Spannung hielt, und es dünkte uns das Monopol und die Romantik unseres Salons, daß er gewissermaßen eine Freistatt war, wo sich Fäden anspannen und Dinge einleiten ließen, deren Tragweite wir maßlos übertrieben. Und so bildete sich eine Protegierader in uns aus, die, anfänglich Spielerei, dann zur Grille wurde und endlich in Manie ausartete. Jedes hatte seine besonderen Schützlinge, zu deren Förderung eine Soiree nach der anderen veranstaltet wurde. Hatte alles geklappt und durften wir still triumphierend wahrnehmen, daß sich das Spiel unserer Intrigen wunschgemäß entrollte, so saßen wir, nachdem unsere Gäste uns verlassen hatten, noch lange über unser Tun wie über dem siebenten Schöpfungstage auf, dramatisierten unsere Absichtslosigkeit und fanden alles gut und höchst merkwürdig, besonders uns selbst.
Nun war es ja schon vorgekommen, daß eine ältere Freundin des Hauses sich am nächsten Morgen wieder hergetrieben fühlte, nicht etwa, wie wir bei ihrem Erscheinen erwarteten, um auf unser gelungenes Fest zurückzukommen, sondern im Gegenteil ihre wohlgemeinten Befürchtungen betreffs unserer so wenig gesicherten Zukunft auszusprechen und von dem Ernst des Lebens sowie unserem Leichtsinn zu reden, der uns die kostbare, enteilende Zeit so vergeuden ließ. Solche Kuckucksrufe wurden ungnädig aufgenommen. Aber im stillen erschraken wir doch sehr vor allem, was uns an die Wirklichkeit erinnerte. Zog sich die eine auf mehrere Tage in ihr Atelier zurück, nahm die andere Orgelstunden, so fing ich infolge innerer Panik sehr früh zu schreiben an. Ich verfaßte sehr schöne Artikel über den Tiefsinn in der Malerei, den Unwert der Renaissance und den Vorteil der Fremdwörter. Unter dem Titel: „_Rose la France et Bière de Munich_“ tadelte ich den Frankfurter Frieden. Die Redakteure, über die vielen Briefmarken betroffen, mit welchen ich ihre Aufmerksamkeit erzwingen wollte, sandten mir alles ziemlich umgehend zurück. Inzwischen war auch ein Stilleben fertig geworden, und man wußte allerseits nicht mehr recht, was tun. Wir gaben also wieder eine Soiree.
Damals hielt sich eine strahlend junge und strahlend schöne Amerikanerin in München auf. Wenn auch nicht für ewig, so verliebte sich doch jung und alt auf den ersten Blick in sie, und wir pflanzten sie, stets auf das Dekorative bedacht, nicht anders als einen Blumenbusch, mit Vorliebe bei uns auf. Sie war dabei ein harmloses und liebenswürdiges Mädchen, aber von einem geradezu närrischen Snobismus. Obwohl stets ihre Verwandtschaft mit der Prinzessin Pocahontas betonend, imponierte ihr schon jede Baronin. Meistens erschien sie in Begleitung eines nichtssagenden, durch seine Goldplomben wie durch seine ewigen rosa Hemden ermüdenden Bruders. Eines Abends aber – es war gerade vor ihrer Abreise – brachte sie auch ihren Vater mit.
Entschuldige, lieber Leser, wenn ich diesen ehrenwerten Mann gleich wieder stehen lasse, und gestatte, daß ich dir Fräulein Wera Njedin vorstelle.
Ich hatte sie zuerst entdeckt, und sie stand unter meinem ganz speziellen Schutz. Trotz ihrer großen Sprachkenntnisse machte sie den Eindruck einer ausgesprochenen, wenn auch sehr sympathischen Wilden. Dünn wie ein Faden, schwarz wie die Nacht und kreideweiß, war sie von einer intensiven, ja entzückenden Häßlichkeit. Auch sonst machten sie mir zwei Dinge besonders wert: ihre Kunst im Kartenschlagen und ihre wundervolle Stimme. Keine sehr bildbare, leider, und man konnte weniger ihr Talent als ihren Gesang, weniger ihren Gesang als ihre Stimme, und weniger ihre Stimme als ein paar unvergleichliche Töne in der Mittellage rühmen. Mit sanfter, unwiderstehlicher Glut und wie der Leier des Orpheus entblüht, drangen sie ans Herz. Man dachte sich dies seltsame Mädchen inmitten weiter Steppen vor einem Zelt, einem Wachtfeuer, bunte, malerische Volksstämme im Banne haltend, denn ihr Sang hatte dieselbe bühnenfremde Wildheit wie sie selbst. Ihre Laufbahn schien höchst zweifelhaft, ob auch alles darauf ankam. Sie führte ihr sehr reduziertes Erbteil sozusagen in der Tasche mit. Wenn das zu Ende war, dann stand für dies romantische Geschöpf die Welt versperrt. Wera Njedin schien sie zu kennen. Sie machte sich wenig Illusionen. Aber wenn sie bei guter Laune war, konnte sie die Gespenster ihrer Zukunft noch schwarzer und grotesker ausmalen, als sie zu sein drohten, und die lustigsten Fratzen dazu schneiden. Es läßt sich denken, wie sehr eine so gefährdete Existenz unser Interesse erregte.
Kehren wir jedoch zum Vater des „Blumenbusches“ zurück, der allein und gelangweilt in einer Ecke steht. Aus bescheidensten Anfängen – die Verwandtschaft der Geschwister mit der Prinzessin Pocahontas bestand wohl nur mütterlicherseits – hatte er sich zu einer Art Triumvir seiner Vaterstadt emporgeschwungen und ihr schon ein Spital, einen Park und ein Museum gestiftet. Und nun vernahm ich, daß er gerade im Begriffe stand, ihr über Nacht auch ein Opernhaus zu schenken. Dazu war er auf einige Tage nach Europa hinübergefahren.
Ein im Grase kauernder, von Spähern umringter Hase konnte die Ohren nicht bebender spitzen, als ich es da tat. Die Fahne einer neuen Intrige war blitzschnell in mir aufgezogen, das Seil meiner Pläne schon verankert. Wera sollte in einer Luxuskabine nach dem wilden Westen hinüberschaukeln und an der Oper dieses Stadtvaters eine wilde Gage beziehen. Die Schwierigkeit des Unternehmens kannte ich wohl. Denn leider war der biedere Mann von dem äußeren Glanz seiner Kinder so geblendet, und vollends in den Kunstsinn seines rosa und goldenen Sohnes setzte er ein blindes Vertrauen. Dieser hatte sich bereits von einem blutigen Dilettanten, der aber Reichsrat der Krone Bayerns war, beraten lassen. Statt uns zu fragen! Die ganz unbekannte Wera Njedin dagegen wurde von ihm gründlich übersehen. Ohne Anhang und Empfehlung war sie sehr buchstäblich von Rußland herübergeschneit. Auch nicht der kleinste Attaché diente ihr zur Folie. Wie ließe sich da in aller Eile ihr Engagement erreichen? Dennoch mußte es unverzüglich erwirkt werden.
Da kam uns eine geniale Idee. Ihr Notenstand lag am Flügel auf. Geschickt wurde er hinausgeschmuggelt, draußen mit Widmungen versehen und unter einem anderen Schutzdeckel wieder hereintransportiert. Nach einer Weile wurde Wera mit verteilten Rollen von uns interpelliert. Die eine hatte sie zum Singen aufzufordern, die andere in ihren Heften zu kramen und erstaunt auszurufen: „Da hat sich ja das halbe Winterpalais eingetragen! _Hommage admiratif du Prince de Boutonoff_“ las sie laut und wie um Wera aufzuziehen vor. Auf einem zerrissenen Notenblatt hatte eine Duchesse Alice de Montreuil die Worte: „_Pour la voix d’or de ma chère Wera_“ eingetragen, und mein spezielles Werk war die auf Tschaikowskys „Sehnsucht“ in zackigen Riesenlettern vor Vornehmheit förmlich baumelnde Inschrift: Ne m’oubliez pas! Anastasie.
Schon trieb der Blumenbusch heran. Weniger naiv maskierte der Bruder seine Neugier mit einem weiten Katzenbogen, bevor er sich näherte. Der Moment zum Probesingen aber war gekommen, ich öffnete den Flügel und bat um Schweigen. Die Gewalt, mit welcher wir unsere Lachkrämpfe auf später unterdrückten, verlieh uns teils todernste, teils bezechte Mienen. Wera, vielfach auf den Fuß getreten, ahnte, wieviel im Spiele war. Sie sang die Arie der Fides mit schmerzerfüllten Akzenten, welche das unverdorbene Herz des alten Selfmade-Amerikaners rührten. Mit ausgestreckten Händen eilte er auf sie zu. Es war erreicht und der Widerstand der Geschwister Pocahontas war gebrochen. Und Wera war engagiert. Ach ja, es waren heitere Tage!
Durch die Abgetrenntheit der letzten Jahre sind die Völker in allen ihren Eigenheiten charakteristischer sie selbst geworden, als sie es vielleicht je im Laufe ihrer ganzen Geschichte gewesen sind. Alle ihre Äußerungen tragen ein so lokales Gepräge, als ob keine Eisenbahnen wären, und sie sind so stark mit sich selbst beschäftigt, daß ihnen, was sie vorstellen, in demselben Maße entgeht, wie den Außenstehenden, was sie sind. Man muß heute die Nationen aufsuchen, um sie zu begreifen. Der Faszismus spricht italienisch, nur italienisch. Mit dem Auslande, in dem er so viel von sich reden macht, befaßt er sich herzlich wenig. Die faszistischen Zeitungen interessieren sich ausschließlich für die Patria. Kinderkreuzzügler nannte ein florentinischer Witzbold die Faszisten. Wem aber fiele es im Ausland ein, sie so zu benennen? So oder so ist die Bezeichnung vorschnell gewesen; aber mit den Leuten um Hitler oder Leon Daudet sind sie fürwahr nicht zu vergleichen. Die Camiccie nere sind vielmehr wie ein helles Mantelfutter, das nichts von seiner ominösen Außenseite weiß. Ja, die Völker sind heute charakteristischer sie selbst, und was die Italiener angeht, so stieg der Schmutz ihrer Dörfer noch nie so hoch. Dabei hat die Reinlichkeit der italienischen Villa und der Palazzos eine Blume und Poesie, zu der gehalten die Sauberkeit der sauberen Länder gar nüchtern und langweilig erscheint. Aber zwischen den Herrenhäusern und den Behausungen des Volkes ist kein Übergang. Wäre ich Faszist und hätte mit einer Handvoll Leute den großen Kehraus vorgenommen, und wäre ich als neuer Besen in meinem Lande aufgetreten, ich wüßte, was ihm noch obläge: mit eisernem Griffe in alle Straßen und Plätze und Straßenecken hineinzufahren, deren Anblick, deren Befund meinem gesteigerten Nationalgefühl (wennschon) allzupeinlich wäre.
Allem Gottesgnadentum und allen Servilismen zum Trotz waren zwar nicht der Verfassung, wohl aber der Anlage nach diejenigen Länder im vorhinein, bevor es eine Demokratie gab, demokratisch, in welchen das Dorf und die Kleinstadt ihre Blüte erfuhren und der „kleine Mann“ in einem würdigen statt ungefähren Rahmen seine Tage verlebte. Aber eine Hochkonjunktur herrlicher Paläste und herrlicher Dörfer zugleich ist noch nicht dagewesen, und die einen gingen noch jederzeit auf Kosten der anderen. So die, wie in einer Spieloper blitzblanken Ortschaften der heutigen Schweiz, des gestrigen Zentraleuropas, der skandinavischen Länder: als müsse unverweilt eine Musik von Boieldieu einsetzen, oder Zerbinetta, zum Tanze geschmückt, warte nur auf ein Zeichen, um hervorzutreten. Und doch, wie ausdrucksvoll, wie interessant ist gerade der Kopf der Contadina, ihr verlorenes Profil unter dem kleidsamen Schleier, der übrigens das Glanzstück ihres sonntäglichen Staates geworden ist. Sollte er den Faszisten nicht einen Wink bedeuten, zu einer Hebung einer progressiven Aufklärung des niederen Standes zu schreiten? Wie brach liegt da ein weites Feld vor ihnen, denn von ihnen, den Faszisten, reden wir! Der große Anhang, den sie im eigenen Lande fanden, hat seinen besonderen Grund: Die Bewohner der Dreckshäuser, deren Fenster wie schwarze Löcher den im Auto Vorbeisurrenden anstarren, wissen es seit vielen Jahrhunderten nicht anders, als daß es Paläste gibt in ihrem Glanz – und ihre eigene Unterkunft mit all dem Unrat, der sie umgibt. – Sie wissen es nicht anders. Der Gedanke an eine Verschönerung der Lebenshaltung, des Rahmens, in welchem sie sich abspielt, liegt noch weitab. Sie wissen es nicht anders. Hier liegt der springende Punkt. Der Italiener aus dem Volke ist höflich, ohne servil zu sein, er wäre sehr bildungsfähig. Vorläufig ist er leicht erregbar und wild. Der Tiefstand seiner Kaste beruht nicht auf Unterdrückung, sondern auf Vernachlässigung (wie überall hat sich der Bauer schwer bereichert). Nichts ist von so grausamer Trauer wie die italienische Ebene, als wüßte auch die Natur von diesen trostlosen Dörfern. Die Grausamkeit nicht nur der Natur, auch des Lebens selbst brütet über ihre herbstlichen Felder hin. Welkes Weinlaub schlingt sich da von Stock zu Stock, Kränzen gleich über eine Erde hingeworfen, die nur ein Friedhof ist. Wie lachend ist Zentraleuropa, verglichen mit der Straße, die nach Pisa führt! Der Bolschewismus aber in dem sozial so unbalancierten Italien hätte Europa den Rest gegeben. Eine solche Verfinsterung und Vergiftung seines Blutes so nah an seinem Herzen hätte es nicht ertragen.
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