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Die Weiber am Brunnen: Roman
by Knut Hamsun
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Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #59870.

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Großstadtmenschen haben kein Verständnis für die Maße und Größenverhältnisse der Kleinstadt. Sie meinen, sie dürften nur daherkommen, sich auf den Marktplatz aufstellen und sich überlegen lächelnd umschauen, dürften sich über die Häuser und das Straßenpflaster lustig machen, ja, das denken sie oftmals. Aber können sich nicht die älteren Leute in der Kleinstadt noch an die Zeit erinnern, wo die Häuser noch kleiner und das Pflaster noch schlechter gewesen waren? Sie haben es erlebt, daß der Ort vorwärtskam. Und jedenfalls hat Johnsen am Landungsplatz ein mächtiges Haus bekommen, ein geradezu herrschaftliches Haus; es hat eine Veranda unten und einen Altan darüber und Schnitzwerk das ganze Dach entlang. Viele andere kostspielige Gebäude sind auch entstanden: die Schule, der Speicher am Landungsplatz, verschiedene Kaufmannshäuser, das Zollhaus, die Sparkasse, nein, man braucht nicht über die Kleinstadt zu lächeln. Es ist sogar eine Art Vorstadt da: auf den Felsenhügeln nach der Werft zu wohnen wohl etliche zwanzig Familien; die hübschen kleinen Häuser sind je nach dem Geschmack des Besitzers rot oder weiß angestrichen. Und im übrigen fehlt es auch für Großstädte nicht an Zeiten des Auf- und Niedergangs, das ist ganz gewiß; aber hatte man je gehört, daß Johnsen am Landungsplatz einmal mit leeren Händen dagestanden und sich nicht zu helfen gewußt hätte?
So haben also auch die kleinen Städte ihre Größen, ihre festgegründeten Häuser mit vornehmen Söhnen und Töchtern, ihre Unveränderlichkeit und ihr Ansehen. Und die Kleinstadt ist von ihren Großen hingenommen und verfolgt alles mit reger Teilnahme; die guten Kleinstädter sorgen eigentlich gerade dadurch für das eigene Wohl und Wehe ihres Lebens, sie leben im Schutze der Macht und gedeihen dabei. Und so soll es auch sein. Die Leute entsinnen sich des Tages, wo Johnsen am Landungsplatz Konsul wurde; da gab es Getränke und Kuchen für jeden, der in seinen Laden kam, und verschiedene hatten auch gar keine Scham im Leibe und ließen zweimal ihre Gläser füllen.
An jenem Morgen war der Fischer Jörgen genau wie jetzt auch draußen auf See und holte Fische zu einem großen Gastmahl. Es war ein glänzender, festlicher Tag; der neue Konsul war noch so jung, daß er die Arme weit ausbreitete, außerdem war er so natürlich und so leutselig, daß er Wein, Weiber und Gesang liebte, die ganze Stadt war bei ihm eingeladen. Jawohl, und alles ging ausgezeichnet. Das Ganze wurde in der Zeitung besprochen; auch daran erinnern sich die Leute heute noch, und die Weiber redeten sogar am Brunnen miteinander darüber. Manchmal keiften sie um ganze Kleinigkeiten. Lydia konnte sagen: „Sollte ich das nicht wissen, wo ich doch den ganzen Tag in der Küche dabei gewesen bin!” -- Die andere Frau aber bleibt bei ihrer Behauptung: „Du kannst ja hingehen und Johnsen selbst fragen!” -- „Das hab' ich für mein Teil gar nicht nötig,” versetzt eine dritte, „denn ich hab' die Zeitung aufgehoben.”
Aber seit jenem großen Tage sind nun wohl sechs bis acht Jahre vergangen.
Und ebensogut wie die Weiber konnte sich auch noch der Schmied Carlsen an jenen Tag erinnern. Er war ein sehr geachteter Mann, ja sogar Witwer mit erwachsenen Kindern, also kein junger Wildfang -- nein, er stand in aller Stille in seiner Schmiede und dankte Gott für diesen Festtag ebenso wie für alle andern Tage, die er erleben durfte. So war er, ein frommer Mann war er. Er merkte wohl auf und dachte bei jedem großen, freudigen Ereignis im Ort, daß nun er und alle andern Menschen Gott dafür danken müßten. Viel Worte machte er nicht darüber, und die Leute hätten wohl auch nicht viel auf seine Worte gegeben, aber sie schätzten und achteten ihn. Die Menschen waren zwar zäh und undankbar wie sonst auch, aber der Schmied Carlsen war jedenfalls eine Merkwürdigkeit im Städtchen.
Es gab da auch viele andere Gestalten und Persönlichkeiten: Olaus am Wiesenrain, den Fischer Jörgen, den Schreiner Mattis, den Doktor, den Postmeister, o, es waren gar viele. Der Zahn der Zeit nagt nicht an allen in gleichem Maße, manche sind unveränderlich, sie reden und reden gar viel. Auch der Postmeister ist in seiner Art ein frommer Mann, er und der Schmied Carlsen also sind fromm; aber sonst ist die ganze Stadt weltlich gesinnt und wenig tief angelegt. Es ist, als gebe es gar keinen Pfarrer in der Gemeinde; er tauft, konfirmiert, kopuliert und begräbt zwar die Leute, sonst aber haben sie keine Verwendung für ihn, und es wird nicht von ihm gesprochen.
O, der kleine Ameisenhaufen! Alle Menschen sind von ihrem Eigenen hingenommen, sie begegnen einander auf den Wegen, einer pufft den andern auf die Seite, manchmal schreiten sie übereinander weg. Es geht gar nicht anders, manchmal schreiten sie übereinander weg. --
Jetzt ist der Fischer Jörgen draußen auf See und fängt Fische zu einem großen Gastmahl, genau wie vor sechs bis acht Jahren. Obgleich es Sonntagmorgen ist, sitzt er noch in seinem Boot und möchte so gerne eine ordentliche Menge Fische mit heimnehmen. Drüben am Lande wird es nun allmählich lebendig. Die Morgenbrise setzt ein, Jörgens Boot treibt ab, er muß ordentlich rückwärts rudern, um sich nach den Seezeichen am Ufer richten zu können. Ach was, nun gibt er es auf, er hat seit zwei Uhr draußen gesessen!
Im Ort ist noch niemand auf. Jörgen zieht die Fische auf eine Schnur und trägt sie so durch die Straßen. Er stapft in schweren Stiefeln einher, und im ganzen genommen ist er ein schwerfälliger Mann in einem isländischen Wams und den Südwester auf dem Kopf; sonst aber ist er nicht von hohem Wuchs, eher mager und dazu etwas kurz im unteren Körper. Aber Jörgen ist zäh und ausdauernd, niemals bettlägerig, niemals niedergedrückt; eine Erkältung kuriert er dadurch, daß er sich nicht um sie kümmert.
Er geht nach dem großen Hause von C. A. Johnsen, hängt das Fischbündel da an die Küchentür und stapft nach Hause.
Ja, jetzt raucht es aus seinem Schornstein, Lydia ist also auf; sie hat wohl auf sein Boot acht gegeben und den Kaffee zu rechter Zeit aufgesetzt. Lydia ist seine Frau, sie hat dunkles, lockiges Haar und ist zwar von zorniger Gemütsart, aber außerordentlich tüchtig, eine Frau für sein Haus.
Jörgen stapft hinein. „Nicht so laut!” flüstert Lydia grimmig und sieht mit allen Zeichen des Schreckens nach den Kindern hin, einem Jungen und zwei Mädchen, die sich im Schlafe bewegen. Jörgen zieht Stiefel und Wams aus, trinkt Kaffee, ißt auch dazu, geht dann in die Kammer, um zu schlafen. „Laß die Tür nicht krachen!” zischt Lydia zwischen den Zähnen hervor.
Aber jetzt muß natürlich das älteste von den kleinen Mädchen erwachen und sich aufrichten. Das ist das Gewöhnliche. Und dann wacht auch das andere Mädel auf, das daneben liegt. Die Mutter wird wütend, sie reißt die Kammertür auf und schreit dem Manne nach:
„So, jetzt hast du mir alle miteinander aufgeweckt!” Und sie schrie so lange, bis auch der Junge aufwachte.
Jähzornig war Lydia, aber ihr Zorn war immer schnell wieder verraucht; während die Kinder sich ein wenig unterhielten, räumte sie im Zimmer auf und fing gleich an, ein Liedchen vor sich hinzusummen. Dann öffnete sie die Kammertür äußerst vorsichtig und fragte:
„So, du hast nicht geschlafen? Was ich hab' sagen wollen, du hast doch wohl genügend Fische gefangen? Hast du gehört, was für eine Gesellschaft es sein wird?”
„Nein, sie waren noch nicht auf.”
„Ja, jetzt schweig nur und schlaf' dich aus,” sagt Lydia und macht die Tür wieder zu. Und dann schalt sie die Kinder mit lauter Stimme ordentlich aus, damit sie sich ruhig verhalten sollten.
Sie räumt auf und trällert dazu, sie überlegt, die Gesellschaft ist ihr sehr wichtig. In früheren Jahren, da wurden bei Johnsens am Landungsplatz auch schon Gesellschaften gegeben; man bereitete sich tagelang darauf vor und mußte Hilfe in der Küche haben. Auch Lydia wurde herbeigeholt; diesmal hatte sie keine Aufforderung bekommen, aber vielleicht war es keine große Gesellschaft; wahrscheinlich wollte nur der Sohn, Scheldrup Johnsen, ein paar Altersgenossen bei sich sehen.
Etwas später am Vormittag, als die Leute allmählich unterwegs waren, hieß es, C. A. Johnsens Schiff werde an diesem Tag in See stechen. Da grübelte Lydia nicht mehr; es würde also ein donnerndes Fest für den Kapitän und die Honoratioren der Stadt sein, aber sie wollten in der Küche ohne sie fertig werden. Gut Glück auf die Reise! Sie zog die Kinder hübsch an, wusch ihnen die Flecken heraus, rieb die Schuhe mit Fett und Ruß ein und legte auch für sich ein anständiges Kleid bereit.
Am Nachmittag war eine richtige Wallfahrt nach dem Bollwerk. Man war schon mitten im Frühling, und die Leute trugen demgemäß helle, leichte Kleider; das war ein hübscher Anblick. Der Dampfer Fia hatte geladen und war zur Abfahrt bereit.
Dieses Schiff war nicht mehr neu, es war zu der Zeit gebaut worden, wo ein vernünftiges Frachtboot ein paar hundert Tausend kosten konnte, aber nicht mehr; jetzt hatte es Johnsen am Landungsplatz in Göteborg gekauft. Er hatte es aufputzen lassen und dann nach seinem Töchterchen „Fia” umgetauft. Was das gekostet haben mochte, ein solches Schiff zu kaufen, es herrichten zu lassen und es ganz neu zu machen! Es wurde erzählt, das Umtaufen allein habe einen Haufen Geld gekostet. Aber was war ein Haufen Geld für Johnsen am Landungsplatz! Und jetzt lag die Fia als der einzige Dampfer der Stadt und als ein wahres Wunder drunten am Bollwerk.
Natürlich war die kleine Fia in dem Augenblick, wo ihr Schiff abfahren sollte, selbst an Bord, und sie saß mit ihren Eltern und dem Kapitän in der Kajüte. Und natürlich kam auch ihr Bruder, der junge Scheldrup, an Bord. Er war schon groß und fast erwachsen, in einem hellen Anzug mit einem schwarzen Samtkragen auf der Joppe, was eben Mode war. Ein flotter Bursche, der Sohn des Hauses Johnsen, braunäugig wie der Vater, mit einem leichten Bartflaum auf den Wangen! Die Hüte wurden vor ihm gelüftet, und er grüßte wieder, fast den ganzen Weg nach der Kajüte ging er auf diese Weise barhäuptig.
Das Schiff hatte Dampf auf und stieß Rauch aus. Auf Deck war alles ruhig, der Steuermann und die Mannschaft standen an der Reling, spuckten ins Wasser und schwatzten ein wenig mit den Bekannten am Land. Oliver Andersen wußte, wo sein Platz war, und hielt sich ganz vorne; er war mehrere Jahre lang mit einem Segelschiff gefahren und war Matrose, ein gewöhnlicher blauäugiger Sohn aus dem Volke, aber dazu ein Waghals und Kraftmensch, der Sohn einer Witwe. Er war unter Mittelgröße, aber fest und gut gebaut, hatte früher mit den Bildern von Napoleon Ähnlichkeit gehabt, jetzt aber trug er einen Vollbart und war etwas für sich. Gerade in jenem Jahr hatte er die Möglichkeit gesehen, sein Häuschen mit roten Ziegeln zu decken und es durch einen Ausbau am Giebel zu erweitern. Er dachte wohl an die Zukunft.
„Ja ja,” sagt er zu seiner Mutter, der Witfrau, die mit den Händen unter dem Umschlagetuch am Bollwerk steht. „Ja ja, dann schreib ich dir vom Mittelmeer aus.”
Flott gesagt, sehr erwachsen gesprochen. Und so spricht er auch noch mit mehreren am Land, mit den Mädchen, mit Petra, die er nun verlassen muß.
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