Storieta
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About this book

Der Roman eröffnet mit einer selbstreflexiven Erzählerin, die ihr Interesse an „den Kranken, den Verlorenen, den Ausgestoßenen“ begründet und zugleich ihre ambivalente Haltung zu ihrer eigenen Forschenden‑ und Helfer‑Motivation offenlegt. Sie schildert, wie über die Tante Antonie erste Gerüchte über die junge Melitta Rudloff – kurz Mette – zu ihr gelangen, und zeichnet ein Bild von Mettes schwieriger Kindheit: ein gestörtes Verhältnis zu Eltern, wiederholte Diebstähle, ein gewaltsamer Ausbruch aus dem väterlichen Haus und die daraus resultierende Verdrängung in ein strenges Familienmilieu. Die Erzählung verwebt dabei zahlreiche Nebenfiguren – Tante Emilie, Onkel Jürgen, den Freund Peterchen und die geheimnisvolle Olga Radó – und vermittelt bereits zu Beginn die komplexen, oft widersprüchlichen Bindungen, die das zentrale Geschehen prägen.

Der Stil ist dicht, assoziativ und von einer fast wissenschaftlichen Distanz durchdrungen, während die Sprache zugleich poetisch‑malerisch wirkt, etwa wenn farbige Glasfenster als Metapher für Mettes innere Welten dienen. Der Text stammt aus der frühen Moderne, wo psychologische Innenansichten und gesellschaftliche Randgruppen vermehrt thematisiert wurden. Leserinnen und Leser, die an intensiven Charakterstudien, an einer ambivalenten Erzählstimme und an historischen Darstellungen von queeren Beziehungen interessiert sind, werden an diesem Werk Gefallen finden.

Characters in Der Skorpion. Band 1

  • Melitta RudloffYoung woman in early twenties, pale skin, dark bob hair, simple linen dress, solemn expression, early 1900s German attire
  • Tante AntonieMiddle‑aged matron, grey hair in a bun, thin spectacles, modest high‑collar dress, gentle yet weary face, early 20th‑century German fashion
  • Olga RadóEnigmatic woman, sharp features, dark eyes, short cropped hair, bohemian coat with embroidered details, poised stance, early modern European style

The opening · free to read

Baudelaire.

Wenn ich ehrlich sein soll – daß ich durchaus Melitta Rudloffs Bekanntschaft machen wollte, geschah ihres schlechten Rufes wegen. Die geraden, gesunden und reinlichen Durchschnittsmenschen hatten für mich keine Bedeutung. Ich suchte die Kranken, die Verlorenen, die Ausgestoßenen. – Ich suchte sie mit geteiltem Gefühl, und – seltsam, wie wir Menschen nun einmal sind – ich bin stolz darauf, daß ich sie suchte mit der klaren und kalten Freude des Forschers, daß ich sie suchte, um sie zu vivisezieren, zu analysieren, sie in Systeme einzuschachteln – und ich schäme mich ein bißchen, zu gestehen, daß ich sie suchte in dem überheblichen Wahn, helfen zu können, bessern zu können – sie mit reinen und gütigen Händen hellere Wege zu führen.

Es geschah durch Tante Antonie, daß ich zuerst von Melitta Rudloff erzählen hörte. Tante Antonie war eine sehr fromme und ehrenwerte Frau, und Lüge und Verleumdung lagen ihr fern. Sie sah die Dinge mit scharfen Augen, aber sie sah sie von ihrem unverrückbaren Standpunkt aus.

Nach diesen Erzählungen hatte Melitta – oder Mette, wie sie genannt wurde – als Kind schon einen sonderbaren Hang zum Lügen und Stehlen gezeigt. Auf der Schule galt sie als dumm und faul. Als junges Mädchen lief sie einer merkwürdigen Frau nach, einer Hochstaplerin mit ausgesprochen männlichem Gebaren. Vielleicht verführt von dieser Freundin, von der sie nebenbei späterhin hinausgeworfen wurde – stahl sie im väterlichen Hause das Silberzeug und trug es aufs Leihamt. Nach einem Tobsuchtsanfall, bei dem sie ihre Tante, die treue Pflegerin ihrer mutterlosen Kindheit, erwürgen wollte, wurde sie zu ihrem Onkel nach einer kleinen Stadt gebracht. Dort stahl sie, was im Hause nicht niet- und nagelfest war, erbrach schließlich auf raffinierteste Weise den Schreibtisch, entwendete eine größere Summe Geldes und entfloh.

Ihr Vater, eine feinsinnige Gelehrtennatur, überlebte die Nachricht von diesen Geschehnissen nicht lange – er wurde vom Schlage getroffen.

Mettens Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Wie Jürgen von Seyblitz stets bitter zu sagen pflegte: „Zum Glück“.

Mette war nicht dieser Meinung. Sie hatte eine phantastische Vorstellung von der Wesenheit einer Mutter und glaubte immer, daß der frühe Tod der ihren alles Unheil ihres Lebens verursacht hätte.

Ich meinesteils weiß nicht, welcher Ansicht ich mich anschließen soll. Ganz sicher hätte Mette nicht eine so trübe und freudlose Kindheit gehabt, wie unter Tante Emiliens knochigen Fingern – aber selbst die weichste Mutterhand hätte die schwersten Kämpfe ihres Lebens nicht von ihr fernhalten können. Und wenn ich an diese Zeiten denke, begreife ich Onkel Jürgens „Zum Glück“ recht wohl. Vielleicht hatte er ein besseres Bild von seiner Schwester, als Mette es von ihrer Mutter haben konnte.

Wenn ich nun versuchen will, zu erzählen, was ich von Mette Rudloff und von ihren Beziehungen zu Olga Radó weiß, so muß ich fürchten, falsch gedeutet zu werden. Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit Peterchen, unserem gemeinsamen kleinen Freund, den Olga Metten gegenüber in herzlichem Spott „Unser Baudelairechen“ zu nennen pflegte. Peterchen war bei allem, was seine Freunde betraf, mit überschwenglichem Gefühl beteiligt. Ich sehe ihn noch immer mit seinen aufgeregten Schrittchen durch sein Zimmer hin und her laufen und flammende Reden führen. Er machte Welt und Vorwelt verantwortlich für Olgas Tod und Mettens Leben. Wenn es nach ihm gegangen wäre – er hätte ein Gemälde entworfen, auf dem er Olga und Mette mit schimmernder Gloriole umgeben und Jürgen von Seyblitz und Tante Emilie und Frau Flesch und noch einige andere, die er nicht leiden konnte, an den Pranger gestellt hätte. Er hätte sich mit dem Stock des Ausrufers auf den Markt begeben und auf seine Heiligen gedeutet und geschrien: Seht her, so sind sie, die Verfemten, die Verworfenen, die ihr haßt und verachtet und fürchtet – und nicht kennt!

Nach allem, was ich von Olga Radó weiß, hätte er ihr damit einen schlechten Dienst erwiesen. Was ihr die meiste und glühendste Feindschaft eingetragen hat, war nicht ihr lasterhaftes Leben, ihre Verschwendungssucht, ihre unnatürlichen Leidenschaften – nicht einmal ihr Geist oder ihre Schönheit – nein, es war ihr grenzenloser Hochmut.

Sie haßte es, verallgemeinert zu werden. Und wir alle, die wir sie kannten, haben hundertmal aus ihrem Munde das Wort gehört – so oft, daß es zur scherzhaften Redensart bei uns wurde:

„Bitte! Nix ihr, nix euch!“

Ich habe keine Ähnlichkeit mit Peterchen. Ich bin nicht dazu geschaffen, zu verteidigen oder anzuklagen. Ich verfolge keinen Zweck, wenn ich etwas erzähle. Ich habe keine Ziele und keine Absichten, nicht einmal eine Meinung oder ein Urteil, und kaum ein Gefühl. Keine andere Absicht, als Bilder und Worte, die unendlich flüchtig vorüberrauschen, mit allen Sinnen festzuhalten, und sie in Form zu bannen, und kein ander Gefühl, als die weltabgewandte, weltaufsaugende Hingabe, mit der der Zeichner den Silberstift über das Papier führt.

Einmal war Mette einen Sommer lang bei ihren Großeltern auf dem Gut. Vielleicht war es dieser Sommer, der ihr den irrsinnigen Hang zum Leben ins Blut goß. Woher hätte sie sonst auch wissen sollen, daß das Leben mitunter schön sein konnte? Immer, wenn sie in späteren Jahren sich nach Glück sehnte, hatte sie die qualvoll-süße Vorstellung von einem Glücksgefühl, das sie ganz erfüllt hatte, als sie auf einer blühenden Wiese lag und das Blau des Himmels zwischen säulenhohen Grashalmen sah, als der heuduftende Wind über ihr sonneglühendes Gesicht blies, und Tausende von Bienen und Hummeln und Wespen in der Luft läuteten, wie tiefe und hohe, ferne und nahe Glockenstimmen. Wann hätte das sein können, wenn es nicht in jenem Sommer war?

Oh, es war so viel Herrliches in jenem Sommer gewesen.

Da war ein Gartenhäuschen gewesen, aus Birkenstämmen und borkebenagelten Brettern. Und von der Birkenrinde konnte man eine dünne, durchsichtige Haut abziehen. Sie zerriß leicht, und es war sehr schwer, aber auch sehr ehrenvoll, ein großes Stück unversehrt loszulösen.

Dies Gartenhäuschen hatte Glasfenster nach allen Seiten. Und jedes Fenster hatte einen Rand, einen Rahmen gleichsam, von kleinen Vierecken aus Buntglas. Da konnte man die Welt in allen Farben sehen.

Immer sah Mette zuerst durch das blaue Glas. Da lag alles in einem geheimnisvollen Dunkel, alles wurde still und weit, die Sonne stand strahlenlos am Himmel wie der Mond – es war wie eine Nacht aus dem Märchen, und über die blauen Wiesen, unter den blauen Bäumen, hätten Elfen mit wehenden Schleiern tanzen müssen.

Dann kam das grüne.

Da leuchteten die Bäume und Wiesen wie von innerem Licht. Aber die apfelgrüne Luft war voll Unheil geladen, und die schweren dunkelgrünen Wolken waren zum Bersten belastet mit furchtbaren Dingen.

Dann war ein goldgelbes.

Man muß nicht etwa denken, daß der Garten hell und heiter aussah im goldfarbenen Licht. Das Grün war fahl und wie verbrannt, die Luft schien gewitterig. Es war so, wie es ganz gewiß am jüngsten Tag aussehen mußte, wenn die Erzengel in die Posaune stießen, wenn Teufel mit Fledermausflügeln durch die Luft schwirrten, und die Gräber sich auftaten.

Zuletzt kam das rote, weil es das schönste war. Es war so schön und so schrecklich, daß Mette jedesmal Herzklopfen bekam. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte die Welt ganz gewiß immer so ausgesehen. Die Bäume so dunkel wie Blutbuchen, und die Wiesen so glührot, der Himmel so brennend mit tiefpurpurnen Wolken.

Wenn man dann wieder durch das klare Glas sah, war alles unsagbar fad und nüchtern und blaßfarbig. Trotzdem – man konnte erleichtert aufatmen. Alles Unheimliche war geschwunden – in einer Welt, die so hell und harmlos und ein bißchen langweilig aussah, wo es keine blauen Wiesen und keine purpurnen Bäume gab – da gab es auch keine Feen und Teufel, da gab es nichts, wovor man sich zu fürchten hatte.

Manchmal, in späteren Jahren, dachte Mette darüber nach, ob sie dies alles damals schon in klar ausgesprochenen Gedanken gedacht hatte. Und dann rechnete sie nach, und es schien ihr, als wäre sie damals noch viel zu klein gewesen. Aber später hat sie ja nie mehr durch die bunten Glasscheiben in dem Birkenhäuschen sehen können; denn in dem Winter, der auf jenen Sommer folgte, starb der Großvater, das Majorat ging auf den Erben über, und die Großmutter zog zu ihrem Bruder nach Güstrow.

Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit Tante Emilie aufzunehmen.

Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben – um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.

Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des Hauses.

Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was „Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen, hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine Schule schickte.

Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.

Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der „ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand, dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.

Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.

Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.

Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mit solchem Haar verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger gut.

Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.

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