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Wir Menschen: Gedichte
Language: de242 downloads on Project Gutenberg
Subjects
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #52335.

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The opening · free to read
Über die Berge rauschen schwankende Wälder, An die Küsten schlagen die Ozeane, Wolken ziehen weiß von Stadt zu Stadt, Und in die Ebenen fallen Winde ein. -- Ausgeschüttet in die unendlichen Nächte, Die aufgewölbt strömendes Mondlicht tragen, -- Wir Menschen, Veratmen wir uns aneinander.
An Sonnen und Sternen drehen wir uns vorbei, Kleine Erde rollt unfühlbar durch kreisenden Raum, Glühende Endlichkeiten springen an uns vorüber, Und schwebendes Gleichgewicht trägt uns durch schimmernde Welten. -- Aufgesogen von blauen, zitternden Tagen, -- Wir Menschen, Werfen wir uns gegen Schöpfung und Ewigkeit.
Wann wird der Mensch sich endlich ausgestalten, Daß alle Kraft in seinem Inneren kreist? O fremde Sehnsucht, stürmische Gewalten, Wir sammeln Schöpfung, die euch schweigen heißt! Bist du, mein Blut, denn meinen Adern fremd Und immer wieder treu uralten Säften? Bist, Seele, du noch immer eingehemmt Und immer nur noch Kraft in dunklen Kräften? Fühlst du, mein Atem, dich noch eingeengt Und suchst dich in des Himmels Wind zu drängen? Bist du, mein Traum, noch immer formbezwängt Und mußt das irdische Gesetz zersprengen?
Wann wird der Mensch sich endlich ausgestalten, Daß alle Kraft in seinem Inneren kreist, Daß seine Adern alle Ströme halten? Wann endlich überflügelt sein Entfalten Die Sehnsucht, die ins Leere uns zerreißt, Daß wir uns Erde werden, Kraft und Geist?!
Wir sind begraben Unter der Welt Wie unter dem riesigen Himmel der Sterne. Schicksale haben Uns ins Leben gestellt Wie in zerwehte, nachtdunkle Ferne.
Nun fühlen wir, Daß etwas mit uns geschieht, Dem wir nicht gebieten; Daß dunkle Gier Uns in die Wirrnis von Taten zieht, Die wir nicht schmieden. Zuweilen denken wir lächelnd der toten Zier Von Wollen und Träumen, die nicht gerieten.
Wir singen doch niemals unser eigenes Lied! Wir sagen doch niemals, was unsere Seele hält Als eigenstes Wort! -- Befehlende Tage haben Erstickt unsere Stimmen ... Wir sind begraben Unter dem Übermaß der Welt.
Jetzt geht Licht auf in allen Stuben, Und das tägliche Wunder macht alle zarter. Gesichter wenden sich zueinander, Die sich eben einsam im Dunkel vergruben. Tisch und Stuhl und Buch werden neu begonnen. Straße sinkt tiefenblau hinter spiegelnde Fenster. Gutes Allein-Sein in Stille perlt durch die Sinne, Als sei ein warmer, emsiger Hafen gewonnen.
Ich sehe euch alle, Gesichter, erleuchtete Wangen, -- Von einer Lampe mildem Licht bin ich mit euch umfangen.
In Nächten ausgeströmter Träume reisen Wir in das Ahnen, das der Tag uns bot. In Sternen schmilzt die Angst, die ihn umdroht, Die Dinge treten aus des Schicksals Not, Und Welt und Menschen lassen sich ergreifen.
Leis drängt sich ein, was ohne Antwort blieb, Und viele Worte fließen zu Gesang. Was leer gefragt, wird als Geheimnis lieb.
Die Seelen tauchen auf, an deren Saum Wir streiften, spenden tiefverwandten Klang.
Und in den Tag wächst Liebe aus dem Traum.
Im Morgenhimmel schwammen die Sterne heilig und blau, Wind kam von Höhen und Bäumen feucht von Nacht. Träume liefen auf Straßen, geschreckt vom Tau, Und kindliches Wachsein ward in den Herden entfacht.
Gelöst aus Schlaf und stillem Stubenlicht Ging jeder schwer noch mit sich selbst allein, Gewöhnte sich dem alten Angesicht Und schwand so wie die Sterne in den Tag hinein.
Kann denn das sein: daß ich hingehe zu dir Unter dem Sternenhimmel, Durch wirbelnden Straßenklang Und Netze von Laternen, Hinreise wie zu der kleinsten Insel, Auf der wir uns treffen werden?
Kann denn das sein: daß in tausendfacher Bewegung, Inmitten Millionen Menschen Und im Schwunge der Welten Wir uns begegnen In der schmalen Wärme des Händedrucks Und fühlen, wie wir uns anders nahe sind Als irgendeinem ...?
Geliebte, auch du mußt das große Jahr In ungelöschten Adern fühlen. Ewige Stimmen wehen, Verblassende Bilder wühlen Aus tiefem Bleiben und tieferm Vergehen Empor.
Wie wir uns vergruben, Ängstlich vor unserm Feuer, In Kissen und Haar Und dunkles, schwermütiges Nichts. Atem der Stuben War hütend um unsern Traum gestellt, Und leise aus scheuer Vergessener Welt Ans Fenster, verirrt und blind, Stieß Landstraßen-Wind.
Und jeden Morgen fuhren wir aus Weit von den Häfen des Traumes In die blauen Buchten des Tages, Pflückten die Stunden zum bunten Strauß, Wandelten ohne Gewicht des Raumes In Straßen und Treppen und Haus.
Und wie wir uns verweinten In Schmerz und Wut Tiefer nur ineinander. Nächte, schwer von unserm Blut, Da wir uns fern und tot vermeinten, Wild unsre Leben einten.
In Tagen und Nächten Ein Strom, unaufhaltsam, Jagte gewaltsam Aus dunkelsten Schächten Unser Geschick.
Geliebte! Der menschliche Bogen spannt Einig und klar sich von Hand zu Hand, Jeder ist Schöpfer, und jeder ist Kind, Solange wir sind.
Leben, köstlich und stark immer wieder aufs neue, Leben durchrinnt mich kühl Wie lösender erster Gewitterwind. Durch Schmerz und Lust wechsle ich wie ein Kind, Doch daß ich innig im fernsten und nächsten Gefühl Mich verliere -- das ist meine Treue.
Mutter, ich weiß ja noch, Wie ich, ein Knabe, Aus deinem Schoße stieg In das Märchen der Blumen Und aus den Kissen entwehte Im Kindertraum Von Mohn und Vergißmeinnicht.
Du aber wachtest durch blasse Nächte, Und über deinen Worten schwebte Die Träne des Todes schon.
War es deshalb so süß, Ihrer Sanftheit zu lauschen Und einzuschlafen Unter deiner verwehenden Hand?
Und wie kommt ihr nun wieder, Wehmut-heilig, Aus dem Vergangenen -- Mutter und Märchen!
In jeder Stunde kannst du Schicksal lösen, In jede Stunde Wunder niederstürzen, Dich in die Güte finden mit den Bösen, Das Leid der Welt zu einem Lächeln kürzen.
Leg nur die sanfte Hand auf einen Scheitel Und sag das Wort, das dir im Herzen brennt, Geh hin und sprich: Ach, aller Schmerz ist eitel. Ich bin dir gut. -- Es blüht das Firmament.
Sie haben ein Tuch zwischen uns gehängt, Mein Bruder, Durch das unsre Degen nach unsern Herzen bohren. Wir wollen uns vergeben, Die wir lieben, Daß die Waffe so streng unsern Willen zerschnitt.
Sie haben die Macht, die Sprecher der Staaten, Daß wir töten einer den andern, Aber nicht, Daß wir uns hassen, mein Bruder!
Ich liebe dich Um deines Lebens willen, warm wie das meine, Um aller Sehnsucht willen, deiner Mütter und Schwestern, Um deiner Arbeit willen, still und schwer wie die unsre, Um deiner Schmerzen willen liebe ich dich, Mein Bruder.
Am blassen Morgen fühlt ich mich entstehen Aus Nacht und Schlaf, War mir die Welt ein jugendliches Wehen, Das hold mich traf, Erlernt ich wieder: Berg und Haus und Baum Wie Tief-Vergessenes Und faßte Wirklichkeit nach blindem Traum Wie Nie-Besessenes.
Da grüßte ich die Schöpfung brüderlich, Die mir erschienen, Ding schmiegte lächelnd sich an Ding, -- und ich: Ding zwischen ihnen.
Über uns Millionen Soldaten sinkt Regen. Wolken und Tote hauchen dumpfen Geruch, Blutrieseln singt. Sternloser Himmel plätschert in Trichtern und Gruben, Trostloser Wind weht Nebel und Stöhnen in Schlaf. Aber neben uns wacht der Posten: Verzweiflung. Weit hinter den Gräben rattern Kolonnen auf Straßen, Die wie schmale Brücken im endlosen Elend stehn. Granaten fegen durchs Spiel der schwebenden Feuer. Ein Gewehr schreit vor Haß.
Seit wieviel hundert Jahren stehn wir im Tode, In diesem trägen Sumpfe von Hirn und Blut? Regen rieselt über uns Millionen Soldaten. Nacht fröstelt in uns und ermüdeter Schmerz. Das Land dunkelt fremd und kennt uns nicht.
Von schmerzlicher Welt durchbohrt, Unfaßbar von Leid überströmt, Ruf ich dich, Gott. Geist, zu dem als Kinder wir beteten, Geist, in dessen Brand als Jünglinge wir dich verneinten, Geist, der erneut uns zuwuchs aus hartem Gestein In der Jahre Erkenntnis und Tat.
Verhetzt von Qual, Mensch gegen Mensch Ist aufgebäumt, Gegeneinander gerissen in Wut, Die das eigene Herz zerreißt. Erniedrigt in Neid, zermartert in Haß Hör' ich ausgestoßen Worte der Feindschaft Aus verzweifeltem Munde.
Ich rufe dich, Gott. Unter Wolkenzug steh ich, Horizont kreist berg-blau um meine Augen. Ich rufe die Hand, die herunter greift Und Segen austeilt durch ein einziges Wort, Durch ein Wort, das sieghaft wär Aus dem Reiche der Ewigkeit:
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