Storieta
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Sa personnalité remplissait la nature; On eut dit qu’avant lui aucune créature N’avait soupiré, aimé, perdu, gémi! Qu’il était a lui seul le mot du grand mystère, Et que tonte pitié du ciel et de la terre Dût rayonner sur sa fourni. – Lamartine. Im Giebelhaus Im Giebelhaus am Platz Ambrosius Wohnt Faust, ein Anatom und Medicus, Ein tief gelehrter und gescheidter Mann, Der manchen Griff, und manchen Schnitt ersann. — Das Haus ist weit, mit viel verschlung’nen Bogen, Durchkreuz’t von finstern Gängen mannichfach, Am Frontispiz mit Schnörkeleien umzogen, Ein alter Thurm ragt aus dem dunkeln Dach. — Jetzt blickt zur nächt’gen todtenstillen Zeit, Durch eines hohen Fensters runde Scheiben, Ein Lämpchen noch mit düstrer Wachsamkeit, Bei welchem Faustus sitzet um zu schreiben. — Er kam unlängst von der Anatomie, Ihn hüllet noch das Schwarze Tafft Gewand, Das er bis Abends von des Morgens Früh’ Vom Leib nicht zog, am Leichnam festgebannt. Auf seinem Antlitz ist viel Ernst zu lesen, Und von Gedanken ohne Maaß und Zahl Scheint jeder Zug durchstürmt gewesen, Tief liegt sein Aug’ voll Gluth und Strahl, Schwarz seine Bärte niederhingen Von Lipp’ und Kinn, und schwarz ist auch sein Haar. Wie war er bleich in dem Gedankenringen, Dem er so lange heut ergeben war. — Er legt den Griffel hin, stützt in die Hand Das Haupt, und murmelnd ordnet er den Gang Der Meditation, der ihm entschwand: Als laut ein Ach! Aus seinem Busen klang. Empor vom Sessel sprang er bald hernach Und also lautete sein Monolog, Wie deren oft in stiller Nacht er sprach, Wenn Weh durch seine Seele flog. Ruft er aus, es wäre Zeit, Daß sich der stolze Geist, der in dem Hirne Wühlet in überspannter Eitelkeit, Hinabließ zu der gattenlosen Dirne Natur, die uns das Blut im Herzen kocht, Geheimnißvoll und launenhaft verschwiegen Den rothen Saft durch alle Rinnen pocht, Und wie sie will gebietet unsern Zügen. O wir sind blind! Die zähen Nervenstränge, Die von dem Hirne zu dem Gliedern führen, Wir halten sie für herrschaftlich Gepränge — Das Weib hat uns an ihren Gängelschnüren! O daß ich stürzen dürft’ mich in den Brand, Aus welchem sie das glühn’de Leben siedet, Daß mir versänke die verfluchte Wand, An der ich schon zum Wahnsinn mich ermüdet! Dahin die bübische Glückseligkeit, Wo ich in meinem Gott zufrieden war, Hatt’ ich halbweg mit flinker Fertigkeit, Muskel und Nerv geleget bloß und baar! Wenn ich am Finger die lateinschen Namen Hermurmelte wie an dem Rosenkranz Gebete, die sich alle schließen Amen, Beruhigung des grübelnden Verstands!” Nicht mehr vermag ich’ jetzt, wie an dem Scapulier, Das Schandlatein am Leichnam abzubeten; Mich zehrt es auf mit glühender Begier, Und nieder bin ich in den Staub getreten! Für mein Verlangen giebt es keine Gnade, Für meinen Kummer kein Madonnenbild, Und für mein Weh entträufet keinem Bade, Ein Tropfen Heilung kühl und mild! So hab’ ich als ein Mörder mehr gethan, Und kränker bin ich denn ein gichtisch Weib In meines Busens ungestümen Wahn Der mir zernagt die Seele mit dem Leib! Den Tag trieb ich mich unter Leichenfratzen Im Saale der Anatomie umher; Bei ihren Muskeln die Studenten schwatzen, Ein lauter, lebenslustiger Verkehr! Und geh’n sie dann die kecklichen Gefellen, Zum Mädel oder zu dem Glase Bier, Laß ich die frische Leiche vor mich stellen, Und weil’ daran mit brennender Begier, Bis blind das Auge, bis die Finger beben, Und so verstreicht die stumme Nacht; Wer möcht’ nur eine so wie ich durchleben, Und o! Wie viele hab’ ich schon durchwacht!” So redet Faust, und setzt sich wieder hin, Und legt den Kopf auf seine Schreiberei; Die Lampe flimmert bänglich her und hin; Bei jeder Regung zitternd, matt und scheu: Als sie erlischt bis auf den rothen Funken, Der mälig schwindend allgemach verglimmt Und nun die Nacht, im Mondglanz schwärmend, trunken, Des düftern Schatten Bildung übernimmt. — ——— Da klopft es an die Thür, verstohlen leis’, Sie öffnet sich und einer blickt herein, Zu dem ein anderer sagt, “Du Naseweis, Laß dir doch Zeit, du gierig Höllenschwein! Mach zu! Mach zu! Man drückt die Thüre zu, Fort flüstert’s auf dem wirren, finstern Gange, “Zu diesem einen Traum laß ihm noch Ruh, Und er ist endlich reif für deine Zange!” Sei sie doch nicht so altklug liebe Tante, Ich bin wahrhaftig just kein Junge mehr! Wie lang’ nach dem mir schon der Gaumen brannte, Und lange wart’ ich nun und nimmermehr!”“ — Und Faust, von stillem Mondenschein umglüht, Am hohen Fenster stumm und einsam kniet. Die schwarze Locke schweift im kühlen Wind, Der, wo die Scheiben eingeknicket sind, Hineinweht zu dem blassen, ernsten Mann, Den einem Büßer man vergleichen kann. So in die Knieen beugt er sein Gebein, Sein Haupt ruht auf dem Fensterrand von Stein, Wie auf des Betgestühles dunkler Bank; So fliegt die Locke frei und frank, Als träfe sie die öde Kirchenluft; Als stünd’ sein Haar, wie es von oben ruft, Vom Orgelchor, wie’s von dem Alter schellt, Ihm starr zu Berg: steigt diese ird’sche Welt, Dem Menschenkind in wüster Nichtigkeit Zum innern Aug’ ob solcher Heiligkeit; Will es sein schlecht elendiglich Bemühn Auf Ewiges, Unendliches beziehn. So liegt er da, ein simpel Büßerkind, Doch murmelt er kein Sprüchlein süß und lind, Wie in dem Dom der unermüdlich thut, Daß nicht die Hand er leg’ ans eigene Blut: In starrem, ödem Schlafe, wie entseelt, Kniet Faustus da, und was sein Traum erzählt, Das hat noch keine Menschenbrust vermessen; Wie er erwacht, da ist es fast vergessen, Versunken in unendlich blaue Ferne, Zerronnen gleich dem schnell verglomm’nen Sterne. Schwarz ausgezackt flieht ein Gewölk am Mond, In dessen Schein sich still die Scheibe sonnt; Schwarz ausgezackt, erzählt die Chronika, Wie man am Mond die Wolke nimmer sah. — Wer mit geweihtem Auge hingeschaut, Erblickt ein Bild des Schreckens, drob ihm graut; Dem Drachen gleich, vergleichbar den Hyänen, Das trug ein dunkles Kreuz in seinen Zähnen Zerrollt, zerknickt wie morsches Fensterblei, So fliegt es an dem glimmen Mond vorbei. Wie knirscht es im Metalle mit dem Zahne, Wie drehet sich des Domes Wetterfahne! Der ist erwacht: sein Aug blickt stier und scheu, Rings auf das wüste, gothische Gebäu, Und einsam eine Thräne drinnen zittert — Nicht solche, wie gerühret und erschüttert Selbst starke Männer nicht verschmähn zu weinen; Es war das Naß, das demuthsvolle Greinen, Das eines Menschen blödes Aug’ durchbricht, Schaut’s in ein sengendes unsterblich Licht, Ein Nebelhauch, in den die Seel’ sich kleidet, Die winz’ge Göttin, wenn beschämt sie leidet: Und er beginnt: “den kürzsten Augenblick O laßt mich noch an diesem Wahn mich weiden! Es ist ein hohes, unerträglich Glück, Dann wie ihr wollt, murr’ ich mein altes Leiden! O dies Erwachen war so leer und gräßlich, Als wenn der Nonne, die im Burgverließ Fest eingesargt, an Gnaden unermeßlich Der Schlaf die Scherbe kühlen Tranks verhieß. Sie beugt sich nach dem Wonnetrank, Der, wie sie trinkt, in ödes Nichts zersank. Und wie sie öffnet nun das Augenlied Die blut’ge Geißel drohend niedersteht.” Wie er so murrend mit sich selber spricht, Sieht unten er im falben Mondenlicht, Zween närr’sche, menschliche Gestalten hüpfen, Die um die Eck’ am Dom Ambrosii schlüpfen. — Rasch sind sie fort: und nur ein rother Schein Flirrt ihm im Aug’ von einem Mäntelein. Das andre hat ihm einem Weib geglichen Im gelben Rock mit blutig rothen Strichen. Dürr wie die Spindel, dünner als die Mücke, Rasch wie der Wind, trägt sie doch eine Krücke. Ihm graute fast: er starret durch die Scheiben, Als ob sie noch vor seinen Blicken stünden; Dann wieder setzt er sich zu schreiben, Wo ihn am Tisch noch die Patienten finden. ——— Faust steht auf seinem Astrologium, Dem hochgemauerten, uralten Thurme, Die Nacht ist klar, und er schaut ernst und stumm Zur Stadt hinab, dem finstern Erdenwurme. — “So sah ich”, redet er nach langem Schweigen, “Auf dieser Welt das Mondlicht nimmer ruhn, Ich sah es nur in der Planeten Reigen: Nichts macht ich ihm mit dieser Welt zu thun. Ja! Ich begreif’s! Der durch den Aether weht, Der Strahl vom Hauch der Götter angefacht, So himmelsklar voll Majestät, Er kann begeistern in der ird’schen Nacht! Er, der des Raumes Unermeßlichkeit Durchflog, in diesem miserablen Herz, Zünd’t er Verlangen, banges, wildes Leid, Und tiefer Sehnsucht bodenlosen Schmerz. In diesem Auge malt er seinen Brand, Von dieser schwanken, menschlichen Gestalt Wirft er den Schatten auf der Erde Sand! So fesselt sich mit höhnender Gewalt Das irdische den Unermeßlichkeiten Und eben so stürzt uns der bleiche Tod In unbegriffene Unbändigkeiten! Nur hier verschmachten wir in enger Noth! Verflucht der Morgen, welcher angegraut Mir in das übernächt’ge Aug’ geblickt, Wenn ich den Kopf, als säß ich bei der Braut, Dem Leichnam auf die faule Brust gebückt! Verflucht der dumpfen Nacht Alleinsamkeit Da das Scalpell mir in der Hand geblitzt, Fluch meiner Brust mit ihrem wüsten Leid, Das noch um keinen Schritt mir hat genützt! Ich weiß nicht mehr als der elende Fant, Der Ader läßt mit prahlender Lanzette, Und wenn mir fast die Augen ausgebrannt, Bei seinem Weibe schmort im warmen Bette. — Du dumpfer, ernster Gott! Bist du noch wach? Und siehst mich hier im alten, öden Thurme, Mit bangem Herzen auf dem Trümmerdach, Umweht von meiner Leiden Flammensturme! Du kannst mich erhören, bin ich dein Sohn, O mir genügt das kleinste, was du giebst, Doch, ich erliege diesem kalten Hohn, Den du so stumm verachtend an mir übst! Ich trag’ es nicht, im abgetretnen Schmerz Der Menschenbrust verzehr’ auch ich mein Sein, Thorheit im Kopf und Sehnsucht in dem Herz, So geh ich fort, und so trat hier ich ein!” So redet er in stummer Mondesnacht, Stumm wandeln sich die schwärzlichen Gestalten, Hier wird was breit, dort etwas spitz gemacht, Und also fort in melanchol’schem Walten. Da gellt es schrill mit einem Mal Empor zu ihm: “salve mi Faustule!” Dem schwindelt auf des Thurmes Höh’, Er schaut entsetzt hinab ins dunkle Thal. Und bald gar klopft es an die Thür, Er ruft: “herein!” mit todtenbleichem Munde. Da tritt mit Anstand und mit Hofmanier Ein Mann aus der Fallthüre Grunde. Und grüßt noch einmal gar bescheidentlich: Ein blutroth Mänt’lein weht ihm um die Glieder, Den Sporn am Fuße trägt er ritterlich, Von gelber Mütze schwankt die Feder nieder; Sein aufgedunsen Angesicht Sieht zwar gar gelb und etwas abgelebt; Doch liest man d’rauf des Herren Alter nicht, Die Spur der Zeit sich nicht darin begräbt. Am Kinne prangt der rothe Bart, Und was vom Haupthaar ist zu sehen, Ist röthlich auch; und nach moderner Art Zween große Locken auf den Schläfen stehen. — Wie Faustus diesen Herrn erblickt, Und ihm in sein Gesichte sieht, Ins wilde Aug’, das fest auf ihn gezückt Seltsamen Glanzes, so begehrlich glüht: — Erräth er bald, wer der Besucher sei, Schlägt’s kreuz und rufet: “Satan heb dich weg!” “Ha!” hohnlacht der, “und nun bei meiner Treu, Die abgenutzte Phrase laßt doch weg; Die ward bereits von Millionen Zungen Gar laut und barsch entgegen mir gebrüllt; Und bald darauf hat man mich freundschaftlich umschlungen, Von meiner Dienste Nutzbarkeit erfüllt!” Faust Doch einer war’s, der warf damit dich nieder! Mephisto ‘Sist lange her, das hat nicht mehr Gewicht, Doch laß mich erst zu Athem wieder, Die Stieg’ ist jäh, und machte mich zu nicht. Wie sich der Teufel nun verschnaubt, Sich räuspert und sich in den Haaren klaubt, Stützt Faust den Kopf in seine heiße Hand, Und lehnt sich auf den Mauerrand. So starrt er nieder in die Mondesgluth, In finsterm, fieberhaftem Brüten: Sein herbes Leid ist wach in aller Wuth: “ murmelt er, “wer möchte mich behüten!” Mephisto beugt sich traulich zu ihm vor, Und um den Hals er seinen Arm ihm legt, Dann flüstert er gar leif’ ihm in das Ohr So rasch, so rasch, daß kaum den Mund er regt. Kein einzig Wort ist dem entgangen, Wie überflog der Wechsel der Gefühle Ihm seine Stirn, ihm seine kranken Wangen, In aufgeregtem, geisterhaften Spiele. Das dauert lang’, schon war der Mond verschwunden, Des Morgens düstrer Nebelflor flog auf, Noch immer hat kein Ende der gefunden, Da ächzet Faust: “ich bitte dich, hör’ auf! — Es ist genug für dreimal! Sei nun still!” “Und willst du, fragte der, auf Tod und Leben? “Nimm meine Hand, sprich ernsthaft Faust, ich will, “Und bin dir nun und immerdar ergeben!” Die schönen Büßerinnen Am Weidenbusch im stillen Dämmerthal Geht Faust am schwülen Abend ganz alleine Verfunken ernst in seiner Leiden Qual, Verdumpfet und erstarret wie zum Steine. Am Felsengipfel flammen stumme Blitze, Aus schwarzen, schweren Wolken angefacht, Der Gießbach fällt aus wild geborstner Ritze, Und murmelnd schwätzt die Weide in die Nacht. Im Grase drüben weiden dunkle Pferde, Ihr Hirte streicht den Hund beim Laubwerkfeur. “Ach wie!” spricht Faust und stampfet auf die Erde, “Wie graut mir vor dem Höllenungeheuer! Wie lockt er mich! Verflucht sei diese Gluth, Die er in meiner Brust zu zünden wußte, Der list’ge Bube kannte mich zu gut, Und war’s gewiß, daß ich ihm folgen mußte Wie war die Nacht so wild verführerisch Und reizend lag im Mondenschein die Welt, Ein Wollufthauch umfing mich köstlich frisch: Mein einsam Leben war mir gleich vergällt — Verflucht sei mir die ungeheure Nacht, Verflucht der träumerisch milde Mondenschein, Der Sünde Fluch, des Teufels Macht, Verflucht dies schwanke menschliche Gebein! Mir pocht das Herz, es wird mir dumpf zu Sinnen, Und meine thränenlosen Augen glühn, Ich muß der schauderhaften That entrinnen, Ich muß in dieser Nacht entfliehen! Er sprichts und deckt die Augen mit der Hand, Da flammt blitzhell ein Bündel Laub empor, Sein wüster Schatten färbt sich auf dem Land, Und rings der schwanken Bäume nächt’ger Chor. Sein wildes Denken treibt ihn ab und auf, Er athmet rasch, da scheint’s ihn wild zu fassen, Zur Wiese nimmt er seinen Lauf, Wo um den Hirten her die Pferde fraßen. Er schwingt sich auf ein Roß mit Sturmesschnell Ob sich’s auch bäumt, fest hält er in den Mähnen: Den großen Hund hetzt nun der Hirte schnell, Das schwarze Thier mit blendend weißen Zähnen, Der heult und hascht, das Pferd jagt wild davon, Der Hund ist auf dem Tritte hinterdran. Von ferne rauscht des Donners dumpfer Ton, Doch nichts erschrekt den Reitersmann. Die Mähne wirbelt, seine Haare fliegen Jetzt sprengt er wild den Fels hinan, Den kaum ein kund’ger Ziegenhirt erstiegen, Er spornet blutig, und es ist gethan. — Fort saust es auf dem steilen Felsenrücken, An dessen Fuß der Gießbach wild entbrennt, — Der Hund verschwand — da fühlt er ihn umdrücken Zween magre Arme, welche wohl er kennt. Er kennt die Finger, die ihn so umkrallen, “Weh mir!” ruft er: “er ist’s der grause Wicht, “Hinfort! Hinfort!” und seine Sporen fallen Dem Gaul ins Fleisch mit eisernem Gewicht, Die Wolke fliegt, die Mähre stürzt dahin. Allein Mephisto weiß so fest zu sitzen, Das rothe Mäntlein sieht man glühn, Es schwirrt die Feder auf der gelben Mützen; Da fehlt das Roß, geblendet von den Blitzen. Es fällt und stürzt hinab die Felsenwand, Es überschlägt sich und die Wellen sprützen Hoch über Faustus und den Höllenbrand. — Die Fluth reißt wild das Pferd von Fall zu Fall, Die beiden stehn geborgen auf dem Stein. “Ihr wilder Doktor, Teufel noch einmal, Wohin so toll? Kaum holt’ ich euch noch ein! Dankt mir’s, daß ich en croupe bin aufgestiegen, Sonst würd’t zerschmettert ihr im Trümmergrunde liegen.” Faust seufzet tief in Traurigkeit Und ringet aus das schwer durchnäßte Kleid. Der Sturm tos’t fort, die Blitze werden dichter, Vielfält’ger Donner tönt den Blitzen nach; “Schneid’ mir nur nicht so gräßliche Gesichter,” Spricht der: “und suchen wir ein heimlich Dach!” Sie kam’n zu einer Hütte, die im Grunde Am einem dunklen Röhrichtteiche liegt; Im kleinen Fenster glänzt um diese Stunde Ein matter Strahl, der sich im Teiche wiegt, Mit grasser Blitze hohem Widerscheine — Der Donner brüllt, und wie sie näher treten, Gewahren sie bei einer Lampe Scheine Zwei junge Mädchen, welche innig beten. Das bunte Heiligenbild klebt an der Thür, Marias Bild mit goldner Gloria, Bestaubt, geschwärzt vom Rauch, ohn’ alle Zier, Die beiden liegen tiefer Andacht da. Und wenn die Blitze sengend niederglühen, Dann zucken sie entsetzlich zum Erbarmen, Und heben sich empor auf ihren Knieen, Als wollten sie das heilige Weib umarmen. — Wie eifrig murmelte ihr süßer Mund; Wie fieb’risch greift zum Küglein ihre Hand, Wie seufzen innig sie aus Herzens Grund, Daß im Gebet der Athem schier entschwand. — Zerrollet ist der Locken reiche Fluth, Zum holden Busen wallt sie frei hernieder, Ihr Aug’ blickt wirr in ihrer Andacht Gluth, Die jeder Donner neu erreget wieder. — “Sieh!” flüstert Faust, der unverwandt geblicket Ins Fensterlein, “das wäre meine Wahl! diese hier, wie hat sie mich berücket, Die hierher kniet, am Lid das dunkle Maal! Wie schwärmt der holde Blick in lichten Flammen, Und senkt sich dann so still bescheidentlich. Die Wimpern schließen friedlich sich zusammen, Sie übergiebt der milden Göttin sich! — Ja! Die ist schön! Ich fühl’s, daß ich sie ehre, O schau! Wie sie die weiße Hand zerringt; Nun komm! Nun komm! Daß ich nicht mehr begehre, Und mir der tolle Busen nicht zerspringt!” “Wollt ihr sie Doktor, ‘s ist zwar nicht Kleinigkeit, Ich scheue das Gepinsel an der Thür; Doch bin zu allem euch ich gern bereit, Sobald’s nur thunlich ist und mit Manier!” Faust schweigt; sein Herz pocht laut und ungestüm, Er schaut das Mädchen starren Blickes an, Und seufzet tief; nun lacht das Ungethüm, “Nur nicht so toll: sollt ja die Dirne ha’n! Da gehe drüben auf die Felsenplatte, Und warte bis ich komme mit dem Mädel; Doch daß dich nicht die Langweil’ ermatte, Nimm mit dir diesen schönen frischen Schädel! Er ist der mein’ nach aller forma juris, Ich schlepp, ihn eine Weile schon herum, Ihr präparirt den nervus facialis, Dazu meintwegen den Trigeminum! “Nein,” redet Faust, “heut laß den Schädel sein, “Im Herzen lebet mir das holde Bild Der schönen Betenden: von Lust und Pein Ist meiner Seele tiefster Grund erfüllt! O könnt’ ich wie das holde Mädchen büßen!” Er spricht’s und steigt zum Felsgeröll, Die Hütte liegt zu seinen Füßen, Und drum herum hinkt nun der Teufel schnell — Faust senkt den Kopf und spielt in seinen Träumen, Ihm hats die schöne Büß’rinn angethan, Er weilt mit ihr in lieblich klaren Räumen, Ihr Athem wehet seine Wangen an. Da tönt ein wüst Geräusch im Felsenthal, Er schaut hinab: die Hütte steht in Brand; Im finstern Teiche spiegelt sich der Strahl Der Flamme, die hoch auf gewandt. Dann beugt sie sich des Sturmes wilder Last, Der schwer und ungeheuer auf ihr wieget; Bald an der glüh’nden Wurzel sie erfaßt, Bald rechts und links von oben sie zerbieget — Die Ziegen blöken und ein bänglich Schrei’n Von Menschenstimmen hört er matt erklingen; Er schauert: angstvoll zittert sein Gebein; Nicht all das kann er niederringen; Unmächtig seiner Sinne sinkt er nieder, Wenn auch noch lohe Blitze schießen, Die Flammen fast bis an den Fuß ihm sprießen, Und wilder Donner hallt von jedem Berge wieder. — Als Faust erwacht am Morgen trüb und kalt, Find’t er nicht mehr sich auf der Felsenplatte, Er ist in einem wilden Fichtenwald, Den er noch nie zuvor gesehen hatte. Mephisto kauert wachend dicht daneben, Noch häßlicher sieht er heut Morgen aus. — Er ist verdrüßlich: ungeheuer heben Die schwell’nden Lippen sich in Hohn und Graus. Der, ob vor Kälte schaudernd, spricht “Und nun, wo ist die schöne Magd? Was du versprachst, du hältst es nicht, Und warst doch gar so eifrig auf der Jagd!” “O frag mich nicht,” sagt jener mit Verdruß “Für diesmal ist das Wildpret mir entgangen, — Zum wenigsten ward mir doch der Genuß, Daß sie im Teich ersoffen, diese Rangen! — Doch laß nur das, laß die verfluchte Dirne, Mein Wort, daß ich dich reichlich schadlos halt’: Drauf trink den Becher hier von edler Firne S’ist diesen Morgen gar so höllisch kalt!” Calvari Aus finsterm Wald, am schwarzen dumpfen See, Erhebt’s sich nackt zu eines Berges Höh’: Dort oben bleichen alte Kloster-Ruinen: Es sind zerspaltne Marmorsteine; Zerfetzt Gebild von Himmelsköniginnen, Und halb verkohlte, schwarze Heiligenschreine. — Von Allem, blieben noch drei dunkle Säulen Auf hon’n basaltnen Fußgestellen, — Doch oben abgebrochen, dreien Pfeilen Vergleichbar, die das ferne Ziel verfehlen, Die mit den Spitzen in dem Boden stecken; Und von hier oben war zu überschau’n Der düstre See mit seinen Tannenhecken; — Als nun gradüber aus dem nächt’gen Graun Der Mond sich hob ob schwarzer Wolken Rand, Ein Todtenkopf auf düsterm Grabessand; Und über See und Wald sein Schimmer strich, Am Fuß des Bergs ein einsam Pärchen schlich, Faust und Mephisto: dieser unverdrossen Doch jener matt und unentschlossen Der Teufel geht vorauf, sein Mäntelein Fliegt in dem Wind, und stolpernd hinterdrein Gesenkten Hauptes mit getrübtem Blick, Kommt Doctor Faust: ihm brechen fast die Knie, Er flucht in seinem Barte dem Geschick, Gott und dem Teufel: “o Mephisto sieh Das schöne Moos,” spricht er, wohin wir gehen, Gelangen wir noch immer allzufrüh: Ich dächte besser blieben hier wir stehen; Und ruhten uns im Moos: Mephisto blickt Sich lachend um und spricht: “Du armer Gecke, Oft hast du unter deines Bettes Decke In heimlich stillen Räumen ganz entzückt Von solcher Nacht gesprochen, als wie diese, Hast Raum und Schlaf verfluchtet: Dich gesehnet, Daß rege Welt sich deinem Blick erschließe, Mit solcher Inbrunst, daß dein Aug’ gethränet!” Der hatte schon sich in das Gras gedehnet, Er war zu müd’, der arme wilde Knabe, Wie so er lag’: und in begier’gen Zügen Einsog des Schlafes Wunder: Labe! — — Der Teufel, ließ ihn dorten liegen, Auf zu dem Berge stieg er aus dem Hain, Und setzte sich auf einem Trümmerstein. — Weithin erstrahlt im Mondlicht die Mantille: Und wie er mit den scharfen, blanken Sporen Am Steine hämmert, schwirrt es durch die Stille; Ein Rauschen tönt zu seinen Ohren. — Ein dunkler Ring von flatternden Gestalten, Umweht von langem, wirren, schwarzen Haar, Wind’t sich empor aus der Ruine Spalten Zahlloser Menge, Paar auf Paar. — Schon ist der Teufel mitten unter ihnen, Er führet das gespenst’ge, wilde Heer; Sie rauschen nieder von den Bergruinen, Und jagen ob dem See wild umher. Wie sich nun da entspinnt ein seltsam Regen! Im schwarzen Spiegel des Gewässers flechten, Sie sich das wirre Haar, und zierlich legen Die reichen Zöpf’ sie an den magern Kopf. Wenn nun aus den unzähligen, Geflechten, Der müden Hand entrollte sich ein Zopf, Da ring’n sich in des Waldsee’s dumpfen Wellen, Zahllose Kreise die am Strand zerschellen. — Zurück zum Berge rauscht das wilde Heer, Zum Boden lassen sie vom Flug sich nieder, Ein ungestümer Tanz beginnt nunmehr, Wie er sich mag begeben nimmer wieder; So viele Paare, so unendlich viel; Als Flocken Schnee der Nordwind je getrieben: Und immer steigt das schaurige Gewühl, Von nah’ und fern, von hüben und von drüben Mephisto ist von ganzer Seel’ vergnügt: Die mittelste von den drei Trümmersäulen Steigt er hinan; wie er sich äffisch schmiegt Um das Gestein, gleich einem Jesus, eilen Flugs zu den beiden seitlichen Basalten Noch zween andre nächtige Gestalten. So stellt das grasse Teufelskleeblatt dar Die Schädelstätte von Calvar’, Und höhnt mit schauderhaftem Spott Den Menschensohn, den schmerzensreichen Gott. So raset rastlos fort das wilde Spiel, Wer es gesehn, dem wirbelten die Sinne. Noch immer wächst das schreckliche Gewühl, Im hellsten Mondlicht flimmt des Berges Zinne; Und Faust verträumet all’ den Saus und Braus, Er strecket sich, als läg er still zu Haus. Dolores Im Mondenschein gehen sie durch eine Gasse Selbander in dem nächtigen Florenz. Hier steht in wirrem Kreis die Häusermasse, Ohn’ Plan gesetzt, und ohn’ Intelligenz. Schaut, sagt Mephisto, der ein wenig trunken, Schaut diese wüsten, nächtigen Spelunken. Die kennt ihr nicht, mein grundgelehrter Mann, Doch ich hab’ da recht meine Freude dran! Wie kunstgemäß in langem, schlanken Kreise Das Höllennest gefügt auf seine Weise: Wie es sich klüglich in einander windet, Und eine Schlange, die den Schwanz sich beißt, Sich in sich selber schließlich wieder mündet! Seht jenes Haus, es gleichet allermeist Dem platten, breitgedrückten Schwanze, Und dieses hier, die ganz vulgäre Pflanze, Ist recht zu Jedermanns Erbauen Als wie ein kluger Schlangenkopf zu schaun. Lobsinget, wem ihr wollt, in salbungsreicher Weise, Daß wir hierher gelangt auf uns’rer Reise. Ihr schweigt verächtlich, o! Ich hör’ euch flüstern, “Nach solchem Oertlein war ich lange lüstern!” Florenz! Florenz! Du kleine Höllenwelt, Ich bitt’ den Teufel, daß er dich erhält! Faust O siehst du dort den hübschen jungen Knaben? Sein Antliß ist besond’rer Weise schön! Mephisto Gar schön und liebenswürdig; doch sie haben, und kannst noch selbst die grassen Spuren sehn, Das süße Herz ihm aus der Brust geschnitten. Er hat nichts mehr als nur ein feines Leibchen, Priap’sche Lüsternheit und freche Sitten. Faust Die Augen sind zwar sanft als wie die Täubchen, Doch soll’n sie mich wahrhaftig nicht berücken, Mir ekelt schier vor diesen Bettlerblicken! Mephisto Doch denket auch, der hat als Ideal Als Prosopopoeie all’ Fehler auf einmal. Faust So find ich dich ein Schild an Kneipenthüren, O Eros! Eros! Mephisto Laßt’s euch nur nicht rühren: Auch so ist er charmant in seiner Art, Und zupft und zaust euch kecklich euren Bart. — Doch wohl merkt auf, mein tiefgelehrter Mann Ich führ’ euch jetzt, die Gunst ist nicht geringe, Und bitt’ ich, daß ihr öfters denkt daran, Zu ‘nem erotischen, besondern Dinge: Wenn die eur Herzlein nicht bestrickt, So saget dreist, mir sei noch nichts geglückt! — Wißt, daß sie ein grundaus verdorben Ding, Wenn ich das sag’, so scheints euch nicht gering. Doch wett’ ich, mein erfahrener Geselle, Erzählt sie ihre rührende Geschichte Die wunderbaren, seltnen Schicksalsfälle; Es gleichet einem euerer Gedichte; Wie sie in dieses kleine Haus gekommen; Sie hat euch gleich mit Sturm genommen. Doch denkt zur Vorsicht noch daran, Wie sie es euch erzählt, erzählt sie’s Jedermann. Faust Ich leugn’ es nicht, sie interessirt mich schon, Und mich verlangt’s den Lebenslauf zu hören Durch den, wie ihr es meint mit keckem Hohn, Sie so gewißlich werde mich bethören. Doch wißt ihr, wie so blöd ich auf Visiten Und an den Eingangsformeln nicht zu reich, Um mir Verlegenheiten zu verhüten, Sagt mir des Kindleins Namen allsogleich. Daran schließt sich für mich vielleicht ein Wort Von hoher Ahnung, kurz ein Kompliment, Leicht spinnt sich dann die Unterhaltung fort, In der ihr oft mich schrecklich fade nennt. Mephisto Den Namen werd’t ihr früh genug erfahren, Sie wird euch selbst die Frage danach sparen. Auf ihren schönen Namen hält sie sehr, Und treibt damit ein ungeheu’res Wesen, Zu Tode quält sie einen mit der Begehr, Man soll ihn gar auf ihrer Stirne lesen. Sie find’t ihn gar so hübsch so weich, Und wie sich selbst vor Weh und Schwermuth bleich. Hier klopft — sie klopfen an ein niedres Haus: Zum Guckloch blinzt ein altes Weib heraus, Sie weiß die Herr’n und ihren Wunsch zu ehren, Und öffnet ihnen schleunigst nach Begehren. Zween Thüren fliegen auf: im blauen Zimmer, Sitzt schöne Donna auf dem Sophaende, Den Lockentopf gestützt in beide Hände, Umglänzt von heimlich matten Kerzenschimmer. Faustus tritt ein: indeß im Corridor Im Haus verwandt, Mephisto sich verlor. Das Weib ist schön: ein orientalisch Kleid Verhüllt des Leibes schlanke Zierlichkeit, Das Auge schwimmend wie in ew’gen Thränen, Der Busen halb entblößt, und üppig weich, Erklingend oft vom Ach! In tiefem Sehnen. Die Stirne rein, die Wange schmachtend bleich. Faust neiget sich gar höflich und galant, Und weiß, mit schönen Damen unbekannt, Im Anfang sich nicht gleich zu fassen, Den tölpisch langen Arm zu lassen. — Die Donna dankt: ein Lächeln überfliegt Die Züge, die die Schwermuth so besiegt, Als träumt sie ewiglich von düsterm Leid, Entbehrend jeder Luft und Freudigkeit. Doch nöthigt sie mit vieler Gratie Den guten Doctor auf das Kanapee Sie schaut ihm lang’ in Aug’ und Angesicht: Sennor, sagt sie: verdammt mich nicht, Weil ihr in diesem Raum mich findet, Habt ihr mein Leid mein Weh’ ergründet? Errathet ihr nicht meines Namens Laut? Ich bin die ewig kummervolle Braut. Faust O sicherlich, daß ich’s errathe, Du himmlisch schönes Weib! Du heißt Agathe! Madonna Agath’ ist gar ein schwermuthssüßer klang Ein schöner Name, den ihr wohl gewählt. Ich denk’ Agathen bleich und liebeskrank, Doch ist’s nicht der, den Ahnung mir vermählt. Ich heiß’ Dolores — — an dem Felsenstrande, Daran Granadas schönes Meer zerrann, Erstand, sein Name war La stella grande, Des Vaters Schloß, in dem mein Sein begann, Ein weiter Bau, gefüget sonder Regel Von vielen Meistern, die verband kein Plan. — Hier hob ein Thurm sich ründlich wie ein Kegel Mit halben Mond, und welche ragten hier Mit einer Spitz’ geschliffen scharf wie Nägel. Saht von dem fernen Berg das Bauwerk ihr, Mit all’ den Monden und den Kreuzeszeichen: Hättet gerufen ihr in das Gewirr: Dort unten auf dem Meeressand, dem bleichen. Dort liegen Türken still und reuevoll Vor Kreuzen aus des Heilands heil’gen Reichen. In diesem wundersamen, reichen Baue, Welches nach vorn das Mittelmeer umfing, Und das die Sierra bis zum fernsten Blaue Des Horizonts im Hintergrund umging, Verlebt’ ich meine Jugend: und ich schaue In stiller Wehmuth auf den schönen Ring Der Augenblicke, die mir dort verstrichen. Ich war so schön und froh, und an mir hing Ein Mutterherz, o wär’s es nie verblichen! Und Saïd! Schöner Maure — doch vergebet, Ist mir der Faden aus der Hand gewichen! Und du mein Vater! wehe, weh! vergräbt Denn nimmer Erde diese blut’gen Hände Wie sich das stolze Löwenauge hebt, Es nagt der Zahn die väterliche Lende — O Gott! Verleih mir Kraft — in unser Haus Kam als ich eben überschritt, die Wende Des Mädchenthumes: und in Grabesgraus Schon längst der Mutter Busen sich gekühlet, Ein schöner Sklave, Saïd — — seht hinaus Schaut hin, wo an der Scheib’ der Vorhang spielet, Es ist sein Antlitz, o! So bleich entstellt! Und seine dunkeln Bärte sind zerwühlet, Ich schwärme, träum!, ach! diese kleine Welt Von mädchenhaften, simpelen Gedanken, Vor diesem Angesicht in Trümmern fällt. Die Augensterne sind es diese blanken, In die ich an des Meeres Felsenstrand Geschauet lange Stunden: bis sie sanken Zu stillem Traum: o! er war zu galant! Und bald verband uns innig süße Liebe. Wenn ich mich so in seinen Armen wand, Von Himmel strahlt der Stern der zarten Triebe! Mein Vater sorgte wenig nur für mich. Es war ein hoher, ernster, stummer Mann. Sein düstres Auge war oft fürchterlich, Die langen Tage saß er still und sann, In einem Zimmer, zu dem Meer gekehrt. Das Fenster, das vom Boden schon begann, War schwarz verhängt, vom Lichte abgesperrt, Und dennoch wußt’ er alles was geschah Im weiten Schloß: auch hat’s nicht lang gewährt, Daß ich mit Saïd mich verrathen sah. O wenn die Worte sich in wahnsinnsbleiche Weibsbilder mit zerfleischten wilden Haaren Verwandelten: und mit bachant’scem Streiche Die Brüste geißelten! Seht ihr sie fahren Die Jungfrau in dem Kahn dem flügelleichten. Ein Jüngling sitzt am Ruder: und sie waren Schon außerhalb der Brandung: schwer umkeuchten Gestades: es ist Saïd, der die Pinne Des Steuerruders lenkte, und mir neigten Sich die Antennen: in der glatten Rinne Lief flink das Seil, so flohen wir die Rache Des Vaters, und die mondumstrahlte Zinne; Denn unter afrikan’schem Palmendache Gedachten wir als Mann und Frau zu leben, Und freuten uns zum sel’gen Laubgemache. Die Gondel flog in mächtig wall’ndem Heben Und Senken: voll das Segel, und ich hatte Zum Steuer neben Saïd mich begeben, Umschlang den Hals ihm: und mein treuer Gatte Hielt sanft das Haupt auf meine Bruste geneiget, Und da! — — o unterstütze mich die matte, Daß meine Zung’ dem werthen Herrn nicht schweiget, O gnäd’ger Allah, der du’s so beschlossen, Allmächtiger Gott! Dem sich der Maure beuget — Ein Strom von Blut kömmt gluthenheiß geflossen, Auf meine Brust ein harscher Knall erdröhnet, Und Saïd war tief in die Stirn geschossen. — Am dunkeln Fels das Echo heiser stöhnet. Und als ich rückwärts zu dem Schloß geblicket, War mir’s, als wenn der Vorhang, der erwähnet, Am hohen Bogenfenster sich gerücket Aus seinen Falten; und ich hab’ gesehen Den letzten Streif des Antlitz’s — — und genicket Hat mir das schwarze Aug: — — indeß im Blähen Der immer kühlern, abendlichen Brise Flog jäh der Kahn: und bald darauf vergehen Des Schlosses letzte Schatten: o nun fließe Du Thräne, die die kalte Hand der Leiche Mir frei nicht gab, die mir der Schmerzens-Riese Verhielt: es war als ob der purpurreiche Blutstrom in seiner königlichen Fülle Beschämt’ die Thrän, die schwesterliche bleiche. Weh diese Nacht, da in der dumpfen Stille In wilderregter, schaumgekrönter Welle Gedankenleerem, träumerischen Spiele Die Leich’ im schwanken Arm mit Geisterschnelle Ich durch das afrikan’sche Meer gejagt; Und seine Hand hielt fest noch an der Stelle Des Steuergriffs da hab ich mir gesagt, Es ist der Tod Dolores! der dich führet; Habt ihr ein Herz von solchem Weh zernagt, Und eine Brust, drin solche Gluth geschürt! Am Segel hatt’ ich wenig nur zu rücken, Ein schwerer Traum in tödtlicher Gestalt Verwebte sich vor meinen trüben Blicken. Und als der Morgen frisch heraufgewallt, Da ich erhob die schweren Augenliede, Machte mein Kahn schon auf dem Strande Halt, Im Arme ruht’ mir noch der todesmüde Saïd: Saïd, wir sind an Ort und Stell, Am flachen Strand spielt Schwesterchen Zaïbe! Doch Saïd schwieg, und ich besann mich schnell. Das Ufer war gar seltsam anzuschauen, Als wenn das Thier dort mit dem schwarzen Fell, Das riesige Gebirg sich auf der grauen Düne gewälzt — denn Brandung war hier nicht; Die Wogen rollten sich in langen, blauen Streifen zur Küste. So im Morgenlicht Saß einsam ich auf afrikanschem Strande, Und hielt aus Leid die Hand mir vor’s Gesicht. Die Sonne ruht schon auf dem höchsten Rande Der Zacken des Gebirges: wie ein Mohr Gezeugt in diesem afrikanschen Lande. Ein tiefgefärbter, unterthän’ger Mohr Eilet herab zu mir sein finstrer Schatten. Ich sitze schaudernd: wage kaum empor Zu schaun und dränge fest mich an den Gatten. — So war von Tod und Schatten ich umringt; Doch als die Dunkel sich zerstreuet hatten, Lös’ ich die Hand, die ihn noch fest umschlingt, Vom Steuergriff, und glaubet ihr’s, ich lade, Wenn tausendmal auch in die Knie sinkt Mein schwanker Leib, den Todten auf und bade Ihn in den Armen durch den feuchten Sand. — Und laß ihn nieder landwärts vom Gestade, Wo eine halb verdorrte Tanne stand. Es war gluthheiß, ich sinke hin daneben, Und mein Bewußtsein bald im Schlummer schwand. Da träumte mir wie nimmer noch im Leben! Die Sonne stand im glühenden Zenith: Und nach ihr sah den rothen Mond ich schweben, Die schönste Blum’ in ihrem Strahl verglüht; Der Stengel wurzelt in dem Meeresgrunde So lang und schwank; da trat zu mir Saïd: Einen Löwen führt er an dem Turbanbunde, Dem blutbesprützten: sah mich liebreich an, Und sprach zu mir aus seinem schönen Munde: “Mein Bruder und mein Rächer!” drauf begann La stella grande meinem Blick zu zeigen Die wüsten Formen: o und was ersann Mein Traum! vielfältiglich sah ich den Löwen steigen Auf jeden Thurm, am Hals das Tuch, ein Drehn, Ein Tanz begann, ein ungestümer Reigen; Als wie ein Wetterhahn im Sturmeswehn Umhergeworfen, und mein Vater nickte, Am Fenster stehnd den Takt in das Gedröhn. Darauf erwach ich: als ich um mich blickte Da kauert sich ein Löwe bei der Leiche, Wie der im Traum: ich seh das unverrückte Gluthaug’ geheftet auf mich starre, bleiche; Und aus dem Hals hing ihm die Flammenzunge. Ich fasse Muth, und als ich ihn erreiche, Mit einem wild verzweiflungsvollen Sprunge Schling um den Hals ich ihm die beiden Hände, — Und seufze tief aus schwer beengter Lunge: Mein Trost! Mein Traum! Der du für mich elende Von ihm gesandt zum Rächer bist: verlasse Mich arme nicht: gnadenvoll dich wende! Hier trink aus meinem Mund von meinem Hasse! — — So sprach ich zu dem königlichen Thier, Und jammervoll geberdet’ ich die Glieder. Mit solch inbrünstig lodernder Begier Nach der Erhörung sank noch niemand nieder. Und auch kein Büßer den Triumph errang, Daß solche Gnad’ ihm dafür wurde wieder. — Als ihn mein Arm so eng und fest umschlang, Schloß er das Aug’ in schweigendem Gefallen, Und reckte sich und machte sich so lang, Ich ließ nicht nach: an niemand wohl von Allen Verschwendet’ ich belohnter meine Zier. Ich sehe noch die hohe Mähne wallen. Und wie auf Knien den hehren Fürst vor mir. — — Drauf dacht ich, daß wohl Zeit es zu bestatten Meinen Saïd in dem Vaterlande hier; Und nähert’ also trauernd mich dem Gatten, Und hob ihn auf und will ihn mühsam fort Landeinwärtts tragen, aber meine matten Glieder gehorchen nicht: und als ich dort Zu Boden sink’, und mir die Hände beben Und ich zu Gott mich wend’ der Gläubigen Hort: Steht wiederum der Löwe dicht daneben, Und beugt den schlanken Leib, als wenn er sagt; Mir kannst Du ja die Leich’ zu tragen geben Ich heb sie nun und wo die Mähne ragt, Da, bind ich fest den Kopf des theuren Mauren: Mit seinem Turbantuch: als wenn es tagt, So hell war’s in den Oeden: um uns kauern Sich tausend Schatten: doch bedächtig geht Der wüste Leichenzug: erblaßt von Schauern Gedenk’ ich sein: ich geh’ voran, im Winde weht Mein aufgelöstes Haar: die Schatten alle Der dürren Bäume neben mir: als steht Ein Chor von Nonnen um mich aus der Halle Des finstern Domes, und es folgt zuletzt Der Löwe mit dem theueren Gemahle. — Graut Euch vor diesem Zug: wie er gesetzt Voll Majestät im stillen Mondenscheine Dahin gewallet: sehet vor uns jetzt Höhlt sichs in einem dunklen Felsensteine Als wie zur Nisch’: ich winke und im Nu Steht still der Löw, ich löse die Gebeine Und bring sie sorglich in dem Stein zur Ruh. Nach Osten blickt das Angesicht des Mohren, Wo seine Kaaba steigt dem Himmel zu: Die Schatten schwanden; und vor meinen Ohren Lispelt der Wind, der dürres Laub durchregt: Der Löwe starrt als in sich selbst verloren, Und an die Dün’ die lange Woge schlägt — — — Monde verstrichen, und ich lebte dort Genährt von Muscheln und von Vogeleiern: Des Löwen Treu währt unverändert fort, Und einsam so gedenkend an den theuren Gemahl am Strand in düstrer Abendstunde Web ich den Rachetraum den ungeheu’ren, Zur Seit’ den Löwen, in dem Herzensgrunde. Wie hab’ ich oft in’s wilde Meer gesprochen Bald gellend laut und bald mit leisem Munde! — Kein Ungewitter war seit jenen Wochen Wo ich mit Saïds Leiche hier gelandet Ob Libyas dürren Oeden ausgebrochen, Es war mein Kahn mir unzerschellt gestrandet. — Einst steh’ ich auf in stiller Mitternacht, Als über mir ihr Sterne flammend standet! Ich seh’ mich um: des Kahnes Segel flaggt, Ein weiß Gespenst, erregt von einem Winde, Der sich im lauen Süden aufgemacht. — Nun tret ich in die Barke; und geschwinde Folgt mir der Löw’: mit einer Ruderstange Lös’ ich den Kiel vom Sand’ dreh’ an der Winde Des Seegeltau’s, daß sich der Zug mir fange. Fort rauscht der Kahn, ich schau zum weißen Strande, Und in das flammende Geleise, lange Verschwand er schon; ich streichle mit der Hand Den Löwen der zu meiner Seite stand. — Und wieder ist es Abend und ich sitze Mit meinem Freund, dem väterlichen Schlosse Zur Rechten, auf der hohen Felsenspitze. Drin war kein Licht und nur im Erdgeschosse Des mächtigsten aus dieser Thürme Runde, Der dastand wie ein König in dem Trosse Des Vaters Schlafgemach, brennt Licht um diese Stunde. — Ich flechte rasch’ an meinen wirren Haaren Und schmücke mich mit Saïds Türkenbunde. Wie Kinder thun, die in der Fremde waren, Und nun eh’ sie den letzten Weg durcheilen, Zu seiner Zier die lichten Locken schaaren. Und drauf verlass’ den Felsen ich den steilen. Der Löwe wandelt stumm; doch mit dem Schwanze Schlägt er gar wunderlichen Ring; und Pfeilen Gleich ich den Blick: jetzt sind wir in dem Glanze, Der hellen Scheib’: jetzt an der hohen Thür Und jetzt o Gott! — — — in einem lichten Kranze Von goldnen Leuchtern steht in heil’ger Zier Ein offner schwarz umflorter Sarg: und drinnen Da liegt mein Vater — — o Saïd! — — ich wink dem Thier Fast unwillkührlich, und wie ohne Sinnen. — Es stürzt drauf hin! Die matte, schlaffe Leiche Packt’s in die Kehl: — — ich seh’ es und von hinnen Stürz’ ich, und flieh, und flieh von wo der bleiche Vater im Sarge liegt, sein starres Blut Den Löwen netzt! Wie ich den Strand erreiche, Werf’ ich hinab mich in die Meeres Fluth. — Doch da ich wieder zu mir selbst gekommen, Lieg’ ich auf einem Lager, warm und gut, Ein kreuzend Schiff hatt’ mich an Bord genommen. Wie konnt’ ich, Herr, noch wider’s Schicksal streiten Ich war entnervt, geschwächt bis in den Tod: Für meinen Gram mußt ich mir Ruh’ bereiten, Und in Florenz ergriff ich was sich bot! Ihr find’t mich hier als wie bei Anverwandten, Im Schmerzenstraum von schwerer Sorg’ befreit, Ich denke nur an Saïd den galanten, Obgleich auch Ihr mir gar willkommen seid! Ihr habt mir so aufrichtig zugehört, Ich las es wohl in euren offnen Mienen; Wißt denn daß meine Gunst euch ganz gehöret, Ihr seid ein lieber — lieber Fremdling mir erschienen. — Sie schwieg verschämt: in loderndem Entzücken Greift Faust nach ihrer marmorweißen Hand, Er darf sie, wie er mag, mit Feuer drücken: Auch einem Kuß findt er nicht Widerstand, Auf ihrem holden, himmlisch süßen Munde — — Und eine lange selige Minute Ward diesem armen Träumer nun zu Gute — Er schwatzte schwärmend von dem stolzen Leu’n Der tief im Herzen heiße Liebeswunde Gedienet so gehorsam und so rein. Er leb’ der starke Wächter dieser Holden. Wo ist das Kloster, das den Nimbuskranz Um’s stolze Haupt ihm flechte rein und golden Und schmücke seiner Mähnen dunkeln Glanz! Die Heiligsprechnung, die Apotheose Verlang ich fürs das wundersame Thier, Das diese welke, schmachtend weiße — Rose Mit Treu bewahrt ein frommer Diener ihr; Ja dieses Aug’ so glimmt es in Kastilien. Ein Flammenmeer, aus dem der reine Sinn, Des Mädchenthumes aphroditengleich Empor sich schwingt: der Busen wie die Lilien, Die auf der marmornen Balkone Zinn’ In milder Nacht erblühen himmlisch bleich! Also der Doktor in extat’schem Courtoisiren Bis fast die Nacht verdampfet, und es stand Der Mond schon in des Westens dunkeln Thüren. In schwarzer Nebel flatterndem Gewand. Da steht Dolores von den seidnen Pfühlen Führt zu dem Fenster den entzückten Mann Den Vorhang, drin die lauen Lüfte spielen, Zieht sie nach rechts und links zu sich heran. Und zu dem Mond sie mit dem Finger zeiget: “O Schwärmerin,” spricht Faustus: “ja sie schwebt, Die weiße Taub’ an deiner Hand und neiget Sich wie der zarte Faden, der erbebt!” Mephisto plötzlich neben ihm sagt leise: “O Thor, das ist hier nicht die rechte Weise Du kämest auf der Mimik Deutung nie! Ich lehr’ dich andere Astronomie. Die Dein’ge der Sennora nicht entspricht. Jetzt gilt der Mond ihr nur einen Dukaten, Und ähnelt, sag’, das Nebelangesicht Nicht ganz dem Brustbild eines Potentaten, Wenn auch schon abgegriffen das Gepräge? Sieb du dein Gold und gehn wir unserer Wege!” Lucretia Später Abend. Faust und Mephisto am Fenster einer Klosterkirche. Faust O sieh Mephisto, sieh dort wandelt sie, Lucretia Frangimani, Und traurig ist sie: Wesen hochgeliebt Sag’ mir; wer hat so tödtlich dich betrübt? Vor jedem Heil’gen kniet sie betend nieder, Und lispelt reuig die latein’schen Lieder. Lucretia! höre! Dein Geliebter sieht, Wie du dich Gott zu sühnen bist bemüht! Jetzt nimmt die trauernde das heilige Mahl! Den langen Schatten, der sich zu mir stahl, Möcht’ ich an meinen heißen Busen legen, Gleicht er auch einem häßlichen Phantom, Verzerrt und schwarz; erhörte milder Seegen Das fromme Kind im düstern Klosterdom! Mephisto Du phantasirst. Doch ich als echter Teufel Ich hasse diese Magd mit ihrem Zweifel. — Was hat sie dir gar Großes denn gewährt, Daß sie also nach reu’ger Sühne lechzet, Die eklen feuchten Keller spät durchstört So jämmerlich geberdet sich, und krächzet? Faust Schweig höhn’scher Spötter! Diese Büßerin Ist schön! Mir rauscht es wild durch Herz und Sinn! O ich bereu! — mich faßt ein fiebernd Sehnen Nach ihren reinen göttergleichen Thränen! O eine jed’ ist ein Strom der Himmelsgnade Näßt ich doch meine Lippen in dem Bade! Lucretia, ich habe dich gekränkt, mein Leben, Mein ist die Schuld! dir ist schon lang’ vergeben! Mephisto Du armer Schwärmer! — sie gleicht einem Kind, Das wurd’s nur ein klein wenig kastigirt, Erbärmlich schreit und heult und toll und blind Unsinnig jämmerlichen Lärm vollführet. Dann spricht der Vater: hör! du ringst danach, Ich geb dir was zu weinen Schlag auf Schlag! Um das, was du ihr thatst, solche Lamente Ein Kuß ein Blick; sie braucht wohl noch die Sakramente. Faust Weh! Weh! Jetzt langt sie das Flagell hervor, Nein, dies ertrag ich nicht! Mephisto So geh’ zu ihr Dort hinten an dem kleinen Gitter Chor Steht halb geöffnet der Sakristei Thür. — Mephisto sagt’s; Faust folgt dem guten Rath, Eilt in den Dom, kniet vor Lukretien nieder, Und spricht: vergieb, daß ich so zu Dir trat, Doch nimmer treff die Geißel deine Glieder! Lucretia Ich soll nicht sühnen, was ich schwer gefehlt, Mir hast du’s bös im Sinn, in stiller Stunde Stört weltlich mich das Wort aus deinem Munde! Laß mich, bis ich zur Tugend mich gestählt, Und rein mich ring in meiner Schwestern Bunde, Die sich mit mir dem Himmelsfürst vermählt. — Faust Hier öffne meiner Adern glüh’nde Rinnen, Laß mich zu Tode bluten: dich verschone Dir, Dir gebührt die Himmelskrone! Und dich zu geißeln — schreckliches Beginnen! Hier meine Hand und hier mein bloßer Arm! Hier lösche sich dein wilder, heißer Harm! — — So redet dieser, und noch immer sieht Mephistos häßlich Antlitz durch die Scheiben Er höhnt und lacht, wie sich das ziert und zieht, Und trotz dem allerliebsten, närrschen Sträuben Spielt in dem Aug’ der roth: Wiederglanz Der Luft, die in des Herzens Gründen sprüht! Hier meine Hand — hier mein entblößter Arm — Ja! hättst du nicht ein Herzchen roth und warm! Er sagt’s und reibet sich die gelben Hände, Ich kenn’ den Anfang und ich kenn’ das Ende. — Die bleiche Büßerin hält Faustens Hand, “Nein geh!” spricht sie und lasse mich alleine Ich liebte dich und hab’ es dir bekannt. Doch jetzt — doch jetzt, bin ich nur noch die Seine! Faust Ich geh’, gehorch dir: doch dies eine Mußt du gewähren, heil’ge, himmlisch reine! Gieb mir das Lämpchen dort: und laß mich gehn, Und jene Laub’ im Klostergarten sehn, In der ich dich erblickte und dich liebte, Und dir die ernste Himmelsandacht trübte! Ich seh den stillen, wundersüßen Ort, Häng’ drin das Lämpchen an, und schleich mich fort. Lucretia Dein frommes, kindlich reines Resigniren Hat mich gar tief gerührt, nein laß mich mit Dir gehen, Ich will dich zu der stillen Laube führen, In der du mich zum ersten Mal gesehn. Ich fühl mich stark! was kann mir dann geschehn? Sie langt das Lämpchen von der Säulenblende, Nimmt Faustum an die Hand; in ernster Majestät Durchwandelt sie die Gänge die ohn’ Ende, Und in einander wunderlich gedreht. Wie war sie schön im dunklen Kleid der Nonne: So bleich: doch diese klare Blässe glich, Des Todten nicht, und auch nicht der Madonna, Der Schmerzensmutter, als der Sohn verblichen Nicht Marmors Blaß: es war erblaßte Gluth, Zu streng gefacht vom rothen Herzens-Flügel. Und ihrer Augen aufgeregte Fluth, Durchflimmerte ein Wolkenheer ohn’ Zügel, Der wilde Zug der wogenden Gedanken. Der Schwärmer Faustus schreitet still daher; In der Ergebung fromm bescheidnen Schranken Nun dreht die Thür sich auf der Angel schwer. — Bald decket sie der Laube dunkles Dach. Aus des Jasmines schwanenweißer Blüthe Strömt dumpfig süßer Hauch in das Gemach. Erbauet war die lieblich stille Hütte, Aus dieser Blume, die im Ost gezeuget Im weichen Orient, und seltner Bau! Von ihr umranket, ernst und düster steiget Die trauernde Cypress’ ins nächt’ge Grau. An einen Zweig hängt sie die düstre Leuchte: So traulich schwebt am finstern Grün ihr Schein! Sie schweigen, matter Zug des Nachtwinds scheuchte Die Blätter, Faust fährt auf: “hier warst Du mein! Ich danke dir, ich habe sie gesehen, Die Laube meiner selig stillen Träume. Leb’ wohl! ich geh! jetzt will und muß ich gehn, Lebt wohl, ihr heil’gen vielgeliebten Bäume! — Ich fliehe: sinkt der Tag in deiner Zelle, Gedenk in dämmerlicher Einsamkeit Des düstern Freund’s: er irrt auf finstrer Welle Des öden Schicksals: unbegrenztes Leid Verschleiert seiner Phantasie Gestalten: Du lebe fort in deinem keuschen Walten! Bet’ nie für mich: Bet’ nie für mich; es schreit, Und krächzt ein Höhner das Gebet für mich. Leb’ wohl! Leb wohl! ich denk gar oft an Dich. Lucretia deckt die Augen mit der Hand, Von ihren Fingern fließen heiße Zähren. Faust wollte gehn; schon hat er sich gewandt: Sie sagt nicht: bleib! möcht doch zu gehn ihm wehren. “Nicht Lebewohl! Ich hab’ dich so geliebt. Ohn’ Lebewohl soll ich verlassner scheiden! Lucretie! Was hab’ ich denn verübt? — Sie schweigt in übermäßgem, stummen Leiden Seufzt tief; Faust greift nach ihren Händen. Sie spricht nicht, wankt nicht; als mit wilden Küssen Er sie bedeckt in flammendem Genießen. Sie ächzt, und ihre Thränen woll’n nicht enden, Doch spricht sie nicht; sie weint: und wanket nicht, Tritt nicht zurück, und eilt zum Kloster nicht. Als er sie wie unbändig an sich ziehet, Weint sie: Doch tritt sie nicht zurück und schweigt, — Als Kuß auf Kuß auf ihre Lippen glühet, Weint sie, doch wankt sie nicht; flieht nicht und schweigt. Plötzlich vergeht am Zweig die kleine Leuchte, Gelöscht mit einem pfeifend scharfen Hauch; Kein Fünkchen mehr, daß es gebrannt, bezeugte; Auf einmal todt, und schwarz ohn’ Dampf und Rauch. Die Zweige schütteln duftig schaudernd sich; Indeß am Tannen-Busch einfältiglich Die Arm’ auf seiner dürren Brust verschränket Geht still vergnügt Mephisto ein und aus, Lächelt behaglich für sich hin und denket: Er ist der Herrgott bei dem Apfelschmauß. ——— Faust und Mephisto auf einer Hochebene. Morgendämmerung. Mephisto Siehst du, ich habs gesagt! Sie ringt danach, Nun hat sie was zu weinen Schlag auf Schlag! Faust O nicht doch! wiß! mir ist es eine Schmach Und ärgert mich und dauert mich herzinnig: Dar arme Kind so schön, so zart, so sinnig! O wo mag jetzo sie alleinsam weilen Und beten, jammern und verzweifelt heulen. Mephisto! hör! Ich fürcht’ es gar zu sehr: Das überlebt sie nun und nimmermehr. Noch tönt der grasse Schrei zu meinen Ohren, Als sie zu spät sich meinem Arm entwand: Weh’ mir! ich bin auf immerdar verloren, Es bleibt nur Tod, so sagt sie und verschwand. — Mephisto Es kömmt anders als du denkst — doch weißt du wohl Bei Wasser ist leicht zu verzagen: So nun, daß dich kein Vorwurf treffen soll, Rath ich dir diesen Krug ihr hinzutragen. Der Wein ist schön, und es wird mir gar schwer Daß ich ihn geb’! alt ist er wie das Feuer Und stammt mit jenem von der Schöpfung her: Doch weißt du ja: Du bist mir gar zu theuer! Ein Trunk: sie ist gerettet, ist befreit: Das Blut mit lohem Flügel durch die Ader Gehetzt, erfrischt der Seel’ Lebendigkeit, Von Nerv’ zu Hirn mit üpp’ger Kraft; der Hader Verdampft: und reuemüthige Moral Setzt nimmermehr auf’s warme Herz den Stahl. Faust Ich bring’s ihr gern: wie komm ich jetzt hinein? Mephisto An ihrem Fenster baumelt eine Leiter: Sie harrt auf dich, und hält sich ganz allein; Doch sei auch du zum Morgengruße heiter, Und schau nicht gar so kummervoll darein Nun geh! sei klug und laß dich Niemand sehn, Sonst ist es um das arme Ding geschehn. Faust geht und nimmt den Krug im Arm in Acht, Rings um ihn liegt noch tiefe Dämmernacht. Jetzt steigt empor aus düstrem Nebelgrunde Bleich und gigantisch, seltsam anzuschaun, Der Klosterbau, die leuchtende Rotunde. Laut tönt sein Schritt durch’s nächt’ge Graun. Im nahen Garten rauscht belebter Zug Des Dämmerwindes — sonst ist tiefe Stille. Schwarz sind die Fenster all’, und keinen Flug Von Schatten bringt die Nacht: denn düstre Hülle Umflatterte des Himmels Lichtgestalten. Hier hängt das Seil: Faust stieget keck hinan, Sein Fuß ist sicher und die Schnüre halten. Jetzt langt er dem Fenster oben an. Es ist geöffnet, doch kein Licht erhellt Den dunklen Raum: Faust ruft Lucretia! Lucretia um Alles in der Welt Erwach! dein armer Freund ist wieder da, Lucretia schweigt, als wenn sie ruhig schliefe. Faust bebet vor dem hohl erklungnen Laut Des eignen Rufs, und vor der dumpfen Tiefe Der bodenlosen Nacht ihm schrecklich graut. Da seufzt’ es vor ihm: schrecklich seufzt es da, Wie fährt er auf, als stäch ihn eine Natter Tief in sein Herz; vernichtend seufzt es da, Noch einmal und noch einmal todtenmatter; Ihm schweigt der Puls, und eh’ er sichs versah, Ist ihm der schwere Krug hinabgeschossen, Zerspringt am Stein, und eine Flamme schnellt Sich gelb empor: ersteigt die schwanken Sprossen Der Leiter und die Zelle wird erhellt. Er sieht Lucretian auf den nackten Dielen Dicht an dem Fenster, rothe Tropfen stocken Am Busentuch, die weißen Hände wühlen Unmerklich noch in ihren braunen Locken. Es nagt blitzschnell die Flamm von Sproß zu Sprosse Und leckt an seinen Sohlen, er erbebt, Ruft Hülfe, daß es klingt durch die Geschosse Des stummen Hauses, Glockenruf belebt Die öde Nacht herab vom Wächterthurm. Bald läuten näh und ferne Glocken Sturm. Faust sieht ringsum — er fühlt sich ohn’ Besinnen — Halbnacktes Volk, mit klagender Gebehrde, — Gewalt’ge Ströme Wassers rinnen Aus Haar und Bart ihm und er fällt zur Erde. ——— In eines Kerkers dumpfigen Gemäuer, Liegt einsam Faust in stiller Mondesnacht; Er sieht verstört und blaß, ein Ungeheuer Von Traum umschwebt ihn, und er weint und lacht. — Im Hof vollendet sich ein großer Bau, Ein dürrer Scheiterhaufen ist errichtet, Die Hölzer sind gezimmert, und genau Und kunstgemäß ist Alles aufgeschichtet. Nicht in der Mitte fehlt der lange Pfahl. Der Mond, der volle, seltsam aufgeregte, Blickt in des Fensters längliches Oval, Und wie sich der Gefangene bewegte, Im Traum die Arme senket und erhebt, Ein tiefgefärbter Schatten macht’s ihm nach, Und jeder Laut, den seine Stimme belebt, Sich vielfach an dem Kreuzgewölbe brach. Oft seufzt er schwer und ruft “Lucretia, Du vielgeliebte! bleibe nur da! Komm nicht zu mir, ich werd dich künftig brauchen, Bleib still, bleib still und spar dein süßes Blut, Und wenn ich in der Hölle werde rauchen, Koch mir davon ein Tränklein kühl und gut! Siehst du den hagern Greis mit dürrem Arm, Der harrt auf mich und wird schon ungeduldig, Leb woht! leb wohl! du meine Lust, mein Harm, Faustus muß fort, er ist’s dem Alten schuldig! Hu! wie du blaß wirst, und dein Lockenhaar Lucretia! Ist eine Wolkenschaar!” — So faselt Faust, da klopft es an die Thür, Mit streng gebieterischem Ungestüm Ernst und gesetzt mit sittsammer Manier Tritt Freund Mephisto ein, in dem Kostüm Welches die Herrn Großinquisitoren tragen, Es fehlt ihm nichts zu dem vollkommnen Staat, Auch nicht ein Fältchen und nicht Knopf nicht Kragen, Und die Perück’ vollendet den Ornat. Faust läßt nicht ab vom wilden Deliriren, Und spricht so rasch und so veränderlich, Wie eine Flamme sich im Sturme dreht, “O Doktor höret auf zu phantasiren”! Beginnet der: wär nicht Mephisto ich, Ich selber würd’ von diesem Zeug verdreht! Du armer Knab’ sitzst erst zehn Tag gefangen, Dein Bart ist armlang wie mein Pferdeschweif, Läss’st immer du sobald die Flügel hangen, Bist du zur Hölle lang noch nicht reif!” Faust schlägt die trüben Augen auf, erblickt Die seltsame possierliche Figur, Die große Kraus’ in Falten fein geknickt Und der Perücke ungeheure Schur. Ihm schwand zum andern Mal der schwache Sinn. Und wieder spricht er wilde Phantasie’n; Mephisto zupft ihn bei dem welken Kinn; “Nun, steh nur auf, ich bin ja nur der Teufel, Nimm hier dies Kleid, drin kannst du leicht entfliehn, Und überlaß mir alle fern’ren Zweifel!” Faust seufzet sich besinnend, steht vom Lager, Und ziehet aus das arme Sünderkleid, “Verdammt! speicht der, “wie bist du schon so hager; Wie ruinirt dich noch die Traurigkeit! Also verwechseln ihre Kleider beide, Mephisto soll den armen Sünder machen, Faust sieht sich an, trotz allem seinem Leide, Muß er als Inquisitor sich belachen. Und in dem braunen, här’nen Büßerkleide Des Teufels niederträchtiges Gesicht. “Nun geh’ spricht der, du ausgedorrter Wicht, Erwart du auf dein Hügel mich da drüben, Da kannst du ruhig schlafen nach Belieben! So geht dir Jedermann gern aus dem Wege Du hübscher Kerl von der Justizpflege!” Faust schleicht davon mit frohem Angesicht: Im schaurig stummen, dumpfen Frohngelaß, Spaziert Mephisto ruhig hin und wieder. Am Fenster steht er in dem Mondenlicht, Sieht zu dem dürren Scheiterhaufen nieder, Und schwatzt und lacht und treibet tausend Spaß. Die Spindelmütz von weißer Leinewand, Zieht grüßend er, als nickten ihm Bekannte, Er wirft Kußhände mit der langen Hand, Als recommandirt’ er sich ‘ner alten Tante.

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