Storieta
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Nach einem dunklen Klumpen Ewigkeit rötet sich abermals die Zeit an den gewölbten Lidern. Ein Niederpressen, und wieder ist der ganze Kopf voller Sterne da; geschlängelte Goldfäden dazwischen und Wirbel bunter Atome.

Doch bananenfarbne Glorie lockt und lockt in die sanfte Geburt des Erwachens. Etwas steigt auf -- stößt durch letzte Schimmerschichten -- ist ein Ich und ruht in einem wunderguten Eck; jedes Glied zum Besten und ganz still, ja nicht zu stören, was der Muskelgeist im Unbewußten prächtig geordnet. -- Wonne läuft von einem zum andern. Dort um das Ohr besonders, wo das Kissen eiderdaunig am Hals zergeht, staut sich ein kleines Privatparadies animalischer Seligkeit. Das Linnen ist eine laue Wolke über den Beinen und schwebt. -- Unter ihm schwelen noch alle Wunder der Nacht: der Ichverlöscherin.

Aus lichten Gebärden und dunklen Trieben wirkt sie das Zwiegespinst allen Erdenglücks: verküßte Glieder jenseits von Ich und Du. Die Grenzen der Körper zergangen, Blütenweiches ineinandergegossen, Muskelwellen und Täler sich rhythmisch streifend; Duft -- Hauch -- Haar zu einem Frühling gemischt.

Allmählich aber in den Reigen blinder Sinne mengt es sich scheu, heiß, sehnsüchtig auch, wie ein Kind, das andere nicht mitspielen lassen: Das Schauen will sein Teil:

Horus hat die goldenen Knabenaugen aufgeschlagen. Das Ich und Du fällt auseinander. Unerbittlich nah, wie es nur Wesen in der Liebe sind, sieht er das holde Gespiel gleich einem Schleier leicht auf sich ruhen. Geisterhaft fein gebaut, vorweiblich edel in der Vollkommenheit ihrer dreizehn Jahre. --

Und er erschauerte ihrer Schöne.

Weise menschliche Bräuche des Tropenlandes, in denen der Knabe aufwuchs, hatten sie an den Grenzen der Kindheit zueinander gelegt. So blühten sie mit dem allmählichen Zentrieren der Sinne in die Ehe hinein; nach wonnig-langem Aneinanderhinbeben noch herbverschlossener Lust. Ohne Eheeinbruch: roh und frech. Horus Elcho löste sich tierweich von dem Liebesgespiel, hauchte hinknieend die Silberhalme der Schenkel hinauf zur noch verschlossenen Quelle des Lebens unter dem glatten jungen Frühlingshügel. Sie duftete nach den zartesten Harzen der Welt. Ein Falter aus atmendem Brokat, angelockt, ließ sich nieder mit gebreiteten Farben. Entrollte umständlich eine brünette, haardünne Spirale und begann starren Auges zu saugen aus diesem ganz unbegreiflichen Kelch. Dann stieg er lautlos auf in seinen einzigen, großen Lichttag.

Des Knaben Hände sehnten sich, das schlafende Kindergesicht wie einen Kelch zum Mund zu führen, mit den Lippen die befiederten Wimpern zu heben: dann schnitten sie flügelhaft weit in die Schläfen, und man sah lebendige Kerne in wunderbar wagrechten Schalen voll flüssiger Magie. Oder es waren klare Bergseen in der Form eines Fisches, leicht gebogen ruhend, wo aus bläulichem Tal der durchsichtige Nasenfelsen unbegreiflich edel steigt. Und auf einmal warf man alle Bilder weg, um nur »Auge« zu fühlen -- nichts als: Auge. Man sah auch, daß der Schwung der Braue verströmte und eigentlich etwas Unendliches war ... man sah ... man sah; der Segen des Sehens an diesem jungen Liebeskörper war ohne Ende.

Doch feine Hemmung hielt: nie einen Schlaf zerbrechen -- nie einen Traum ermorden und Jene vielleicht, die drüben in ihm sind.

Er berührt einen Hebel an der Brüstung aus rosigem Granit, die das Halbrund der offenen Schlafterrasse umläuft. Lautlos dreht sich eine Metallkuppel -- wie der Sektor einer Sternwarte -- schließt den Raum, auf daß die Sonne, der gelbe Tageslöwe, nicht ihren Schlaf bespringe, ruhiges Ausschwingen des Unbewußten in der Elfenschale störe.

Dann steigt er hinab zu den Bäderhallen. Nur an der Schwelle hat sich der Knabe noch einmal sanft zurückgewandt über seine Schulter, die hart ist und geschwungen wie eines Falken Fittich.

Torflügel aus lichtem Erz glitten in mächtigen Angeln zurück, und zum Ausgehen bereit, schritt Horus die Terrasse des südlichen Parks hinab. Es war noch früh. Mit schleppenden Schleiern kam zarter Tag herauf, doch in den Palmen hingen noch streitlustige Sterne: Falmahaud, Sirra, Antares: der Gegenmars.

Es war die Frühe vor den Morgennebeln und alles blasser Kristall. Da kamen durch die reine Weite her drei Wesen herangeflogen: Wettläufer. Strahlengrade Glieder, sprunggestreckt, schienen den Raum nach rückwärts zu treiben; Wehen war um sie, Gefunkel von Spiel und Frühe. Hellfarbig die Sarongs, bloß ihr Haar, das um der Mittleren Haupt als silbriger Schleierhelm stand.

»Agai -- Sigiria«. -- Doch sie flogen winkend weiter. Nur die Läuferin mit dem silbrigen Helm bog ab, Horus entgegen, der sie an der Treppe auffing. Es war seine Mutter. Er verbeugte sich. Küßte ihre Hände; erst deren Rücken, dann die Innengeburt jedes Fingers. Linde liefen seine Lippen die azurnen Aderfäden hinauf zum Ellenbogen. Dann ließ er ehrerbietig los -- trat zurück -- Licht im Blick, verneigte sich ein zweites Mal. Ganz tief.

Stets war es ein kleines Fest, Lady Elcho am Morgen zu treffen, oft blieb sie bis Mittag unsichtbar: nach späten Stunden in Laboratorium und Bibliothek, klaren Nächten auf der Sternwarte oder vor der großen Orgel allein. Erschien sie aber, gehörten alle Stunden ihm, bis der Mittagdämon mit bleierner Rüstung jedes Lebendige in den Schatten niederdrückt. Dann schweiften beide über die Tropeninsel, nach Laune den Träger der Bewegung wählend: vom Rolls-Royce bis zu Rama-Krishna, dem alten Reitelefanten. War es sehr früh, die Straßen blank, schien es dem Knaben Lust am Volant -- als Herr des Raumes -- Kokosplantagen an sich vorbei zu peitschen, Blöcke blauer Lichtungen: alles, was Zäune hat, Grenze ist, und, sein Schicksal zwischen den Fingerspitzen, vorzustürzen ins herzzersprengende Nichts. -- Oder sie ritten auf Pferden durch alle Farben; übergrellt vom phantastischen Grün der Reisfelder: dem zitternden Smaragd -- durch Kakaopflanzungen, Dörfer. Und hier war es gerade, daß Begrenztes wieder, Enges, Einzelnes unermeßlich werden konnte: der Brunnenrand, ein lichtes Tier, Paradiesesaugen brauner Kinder.

Stand aber die Sonne hoch, trug Rama-Krishna sie auf schlingernden Pneumatiksäulen in den Dämmer der Wildernis: Ceylons Reservat. Hoher Urwald, Freistatt aller Tiere; an Ausmaß einem deutschen Bundesstaate gleich und dem Fußgänger undurchdringlich wie haushoher Filz.

Flach auf des Elefanten Rücken liegend, um von den Luftwurzeln nicht herabgefegt zu werden, getürmten Pflanzenozean über sich, erzählten sie einander ihre Träume, und das leiseste Tier, mächtigster Beschützer zugleich, drang immer tiefer in das dumpfdunkle Abenteuer -- den lautlosen Tumult -- berstend vor Leben und duftend nach Brunst und Tod.

War es gar Frühling nach den Monsunen, dann brach wohl Rama-Krishna nach solchem Ritt aus dem Dschungl hervor, anzuschauen wie einer jener Elefantenfürsten des Hitopadéça: »dahinstürmend gleich einer Wetterwolke, schwefelgelb vom Staub der Banjanblüten, mit honigfarbnen Stoßzähnen, und um den Duft des Brunstsaftes, der ihm aus den Schläfenhöhlen quoll, kreiste ein Schwarm wilder Bienen.«

An diesem Morgen aber begab es sich anders. Der Sinn stand ihnen nach Weite und Maß zugleich, nach beweglichem, mancherlei Möglichkeiten umspannendem Tun. So flirrten sie auf Rädern in die schönste Tropenstunde hinein, jene, die beide polare Klarheiten scheidet. Aus weißer Seide war die Welt. Mit hängenden Flatterschlägen strebten Schwärme fliegender Hunde -- schwer wie Hammel -- den Dickichten zu, um in höchsten Wipfeln zu zackichten Säcken gefaltet, an einer Kralle aufgehängt, schlafend im Winde zu wehen.

Wallen und Brauen war es einer noch wolkig-flüssigen Welt. Wie wenn aus Gischt und Licht das Lebendige sich eben zeugte. Noch unbegrenzt. Unverloren. Früh, sanft und ungeheuer. Aus verdunsteten Opalen gebären sich haarige Schäfte. Aus dem Nirgends kommen Luftwurzeln gehangen, saftgetränkt: Gelegenheitsorgane des Nichts. Durch niedre Regenbogen fahren beschweifte Vögel, leuchten auf -- vergehen. Nebelgroß treibt ein Büffelhaupt aus schwarzen Nüstern seine Sonderwolken in den goldnen Dunst.

Und durch alles hindurch, über alles hinweg: Wissen um die Sonne. Daß sie wirkt, teilt, ordnet, die Luft dünn und schließlich fein werden muß wie Geist, und daß der letzte Rest des Chaos nur mehr als Tau-Franse in den Wimpern hängen wird.

Sie gleiten hügelab durch steigerndes Licht in weichgewelltes Land. Ein Streifen Löwenozean zergeht am Horizont. Vom unbändigen Grün bis an den Straßenrand gespült, klammern sich dort braune Dörfer an dem leblosen Strich fest; verteidigen sich mit Äxten und Spaten gegen den immer wieder anschwellenden Wald. Zahme Arbeitselefanten stehen als runzlige Ballons überall herum, lassen uralte Stämme unter gespannten Rüsseln knacken, schichten sie dann säuberlich lotrecht und wagrecht, ganz allein, mit weisem Wiegen des Hauptes und vielem Flappen der Ohren. Dann tritt man hinter sich, prüft das Werk und reibt unterdes mit lieben kleinen Verlegenheitsbewegungen ein Hinterbein am andern, wo zwischendurch das pauvre Schweineschwänzchen töricht hängt. Man ist auch sonst genau: Schlag zwölf die Mittagspause -- und jeder der großen Professionisten läßt aus schon erhobnem Rüssel sein Stück Holz wieder fallen, alles liegen und stehen läßt er, geht einfach weg zum Lunch aus Reis und Zuckerrohr.

Die Straße herauf wandeln neben großäugigen Tieren Männer aus dem Blut der Sonne, schmale Frauenakte dazwischen -- in einen einzigen farbigleuchtenden Schleier geschlagen. Kommen näher -- sind Greisinnen; das Antlitz verfurcht, eingewelkt die winzigen, weitgespannten Kinderbrüstchen, so zart aber blieben die Lineamente -- oder sind es Glied gewordene Gebärden? --, daß im wechselnden Sonnenstand der Lebensalter auch letzter, schräger Strahl reinen Kontur zeichnet, das Wunder geschieht und eine Greisin lieblich ist. Über nackten Männerschultern schwanken an Stangen Messingeimer oder Bananenbüschel, grellgelb und schwer. Wagschalen an diesem höchst edlen Menschenmaß. Es scheint das Maß zu sein »dieser ganzen in Namen und Gestalten auseinandergetretenen Welt, die der Brahman als Zauberer aus sich heraussetzt, wie der Träumer den Traum«.

An einer Stelle der Straße biegt der Wandelzug von Mensch und Tier in eine Kurve aus: Büffelgespanne, Reitelefanten, Rikshaw-kulis, Bananenträger, alles dämpft den Tritt. Es bildet sich eine stehende Welle von Rücksicht. Mitten im Weg liegt ein schlafender Hund.

Auf der feuchten Erde schweben viele Geisterspuren bloßer Füße; Zehenfächer mit leichter Ferse, vom unsichtbaren Bogen überspannt. Da und dort ein Blumenring, den Frauenfesseln abgestreift.

Unbeirrbar flirren die Räder hindurch.

Weiße Zebus: Gazellenrinder. Sie springen ab und hin, die helle Tierstirn in die Arme zu nehmen, den haarigen Stern mit seinen zottigen Radien zu streicheln -- wie ein lauer Champignon fühlt sich der sanfte Schnüffel an -- sie versinken in herrliche Geschöpfaugen. Dann führen Seitenpfade wieder leicht bergauf; grasbewachsene Dämme geleiten zwischen Wasserspiegeln der Reisfelder in das Überhangene der Haine.

Quer über Damm liegt ein alter schwarzer Wasserbüffel. Mit ihm verhandeln ist nicht leicht. Von Argumenten hält er wenig in seinem ungeheuren Schädel voll Wut. Doch volle zwanzig Sekunden braucht es, bevor er selber weiß, wie bös er ist. Die beiden ducken sich zu schnellster Fahrt. Knapp hintereinander sausen sie über den basaltnen Rücken weg.

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