Storieta
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Dieses Buch dankt sein Entstehen der schöpferischen und sehnsüchtigen Phantasie, auf künstlerischem und erotischem Gebiet. »Die Stimme« ist die innerste Seelengewalt eines Menschen, die nach Ausdruck ringt und ihre Melodie zu finden sucht. Ich habe sie symbolisch als Gesangstimme erfaßt.

Die erste Ausgabe des Buches erschien 1907 Berlin. Nach zwölf Jahren hat es, mitten in Kriegsgetöse und Papiernot, seine Auferstehung erlebt. Die Neuauflage ist verbessert und gekürzt.

Berlin-Friedenau, Oktober 1918.

G. M.-H.

Inhalt.

I. Teil: Präludium.

Kindheit.

Rudi, Yussuf, Dimitri.

Probleme.

II. Teil: Motiv.

Johannes.

Ekstatica.

Melancholica.

Anima.

Erster Teil.

Sollt mir nicht das Lachen schelten, Und das Weinen, laßt es gelten! Was mir wollte trüb erscheinen, Mußt ich mir herunterweinen. Was mich wollte tanzen machen, Mußt ich mir herunterlachen. Lachen, mit den nassen Augen, Solches Lachen, laßt es taugen! Weinen, mit dem frohen Mund, Wer es kann, weint sich gesund. Drum das Lachen wie das Weinen Mußt ich in der Stimme einen, Und die wollt es nimmer halten, Stärker waren die Gewalten: Aus der Stimme wollte springen Hell ein Lied, -- ich ließ es klingen!

Das Leben ist keine Geschichte, mit Anfang, Mitte, Schluß, Vorbedacht und Absicht. Das Leben ist -- ja was ist es?

Der Tag hält das Individuum. Und so wie es Tage gibt, die uns hoch emporheben, über unser Menschenmaß zuweilen, so gibt es andere, die uns schleifen.

Und die Tage machen das Schicksal. Wie einzelne Buchblätter fallen sie aufeinander, zerfliegen und zerstieben oder -- werden zusammengefaßt, von einer stärkeren Macht. Der Wille baut aus den Tagen ein Schicksal, wie eine greifende, kräftige Hand aus wirbelnden Blättern ein Buch.

»Geschichten« mit Vorsatz und Absicht verfälschen das Leben. Blätter sind es, aus denen ein Schicksal wird.

Lange, lange habe ich die Melodie gesucht, das Motiv dieses Vielklangs. Nun aber ist mir, als höre ich aus der Musik, die mir von dir kommt, immer wieder einen einzigen Grundton, diesen Grundton, der nicht nur der deiner Musik, sondern der deiner selbst ist, und in mich hineindringt, zwingend und doch milde, mit jener sanften Gewalt, die mir in deiner ganzen Person verkörpert erscheint.

Und dieser Grundton ist wie die Dominante auf alle meine eigenen Töne, das Einzelne, das Verstreute, das Mannigfaltige wird mir durch ihn in Akkorde gebracht, und ich höre Harmonie. Dissonanzen entwirren sich mir, das Motiv wird mir deutlich, dunkle Stimmen sinken mir in die Tiefe, wie Baßbegleitung zur Melodie, und die Paraphrasen und Variationen meines Themas scheinen mir nicht mehr sinnlos, sondern notwendig. Das hast du getan, du guter Musiker! Die Stimme, die Singstimme, die sich mir aus der Kehle verloren hatte, hast du mir wiedergeholt, sie herausgerufen mit deiner Musik von da, wo sie sich verborgen hielt. Wo war es denn? Und jene -- andere Stimme, mit der ich mich rufen soll, in diesen Blättern, sie kommt mir vielleicht mit ihr. Stimme, Hauch und Seele: die Alten hatten dafür nur ein Wort: ~anima~.

Und »Entfremdung des innersten Wesens« und »Versagen der melodischen Kraft«, es ist ein und dasselbe!

Habe Dank du, der du die Erstickte mir wieder belebtest!

Und mit dieser Stimme, dieser einen Stimme, denn es ist ja nur eine, mit dieser Stimme, die du so gerne singen hörst, die du so zärtlich heil gepflegt hast, da sie mir in meiner Kehle rauh geworden und zersprungen war, mit ihr will ich dir erzählen alle meine Schicksale, die zugleich die ihren sind.

Du weißt ja schon alles. Aber mich soll ich erlösen davon, so willst du, und sie damit ganz befreien. Niedergelegt soll es sein, geopfert.

Geopfert -- wem? Den Göttern? Werden sie gnädigst als Opferdampf in die Höhe entführen, was aus diesen irdischen, allzu irdischen Flammen emporsteigt?

Aber diese irdischen Flammen selbst, stammen sie denn nicht von ihrem eigenen Herd?

Wenn das möglich ist. Möglich aber ist es, so will mir scheinen, nur dann, wenn es notwendig ist. Wenn es nicht anders geschehen konnte, denn eben so. Wenn der Stoff sich unter den Händen von selbst auflöste in lauter -- Stimme. Also ein Buch der Stimme, ein Stimmungsbuch. Stimmung, die der »Handlung« nicht entbehrt, sie aber in sich aufgenommen und aufgelöst hat. Gewöhnlich ist's umgekehrt: Stimmung ist eingewoben in Handlung. Dies Buch, von dem Flaubert träumt, müßte seinen materiellen Stoff aufgelöst haben in sich zu lauter Stimme, Seele, Hauch, -- ~anima~.

Solche Bücher aber werden nicht vorsätzlich geschrieben. Sie werden diktiert. Von irgendwoher. Und wie von selbst entstehen sie unter diesen wie zu Medien gewordenen Händen. Eine Melodie klingt auf und nimmt ihren Weg. »Wem gehört sie an -- dem Vogel? Oder wer leiht sie ihm nur?« Und welch ein Zustand, der sie ausklingen und entströmen macht?

Dieser Zustand -- nicht selbst schon Stoff? Stoff, nicht vom Staube geboren und zum Staube gehend: Aus dem Geiste geboren und zum Geiste gehend. Und der Staubgeborene, über den er kommt, dieser Zustand, ist dann außer dem Staube, außer sich, -- ekstatisch.

Wie es über mich kommt, will ich schreiben. In kurzen oder langen Zusammenhängen, in wehenden wirbelnden Blättern oder in treulich geführter Chronik. Wie es über mich kommt. Wie es mir -- diktiert wird. Vorsatzlos will ich bleiben.

Kindheit -- Sehnsucht danach? Was ist dies? Ausgeliefert an alles und alle, unwissend und doch schon ahnend, wieviel es zu wissen gäbe, wieviel erfahren werden müsse, bevor das Chaos Welt seine Gestalt offenbare. O diese verzweifelte Sehnsucht im kleinen Kinderherzen nach dem Trauten, dem Ähnlichen, und dabei nicht wissend, ob es dieses Ähnliche gäbe, oder ob nicht dieses eigene kleine Ich (das da zu reflektieren beginnt) ein großer Irrtum sei, der sich nach dem andern, dem Umgebenden, korrigieren müsse!

Ach, was ist das für ein Grauen, wenn ein kleines Mädchen einsam ist.

Ich erinnere mich, daß ich im Prater war, beim Riesen Wilkins. Mutterseelenallein machte ich Ausflüge, mit zehn Jahren (Giorgio, mein Bruder, war im Pensionat). Und ich -- allein, allein. Denn mir war irgendwie nicht wohl, mit den allermeisten Leuten.

Meine Mädchenjahre -- studieren, singen, tanzen -- ohne Ahnung, was daraus werden sollte. Der Tag regulierte mein Leben. Ich tat, was ich tun konnte.

Eines Tages sagte mir Rudi Neudorfer: »Sie müßten mit Ihrem Temperament zum Theater gehen. Auch haben Sie Stimme.«

Zum Theater? Ja, manchmal riß es mich hin, das Theater. Tanzen, singen, springen, lachen, weinen, jubeln -- das konnte man ja auf jenen Brettern.

Rudi Neudorfer war Sohn seines Papas und Literat dazu. Sein Papa gab ihm Essen, Wohnung und Taschengeld, und Rudi schrieb Feuilletons »leichteren Genres« für Wiener Tagesblätter. Die meiste Zeit verbrachte er im Café. Dort kam er in Stimmung. Ein junger Herr war er, den ich in Gesellschaft kennen gelernt hatte. Er machte mir den Hof. Aber nicht auf so gewöhnliche Art wie andere Leute. Er sagte mir »Wahrheiten« über mich selbst. Oft waren es Grobheiten. Trotzdem deutete er mir an, daß er mich liebe.

Rudi Neudorfer hatte hübsche, schwarze Augen. Sein bartloses Gesicht war nicht uninteressant. Eine gewisse schwermütige Müdigkeit war in der leicht vornüber gebeugten Haltung seiner elastischen Figur. Er pflegte sich mit einer einzigen zurückschnellenden Bewegung aufzurichten, daß seine schwarzen Locken, die ihm über die Stirn hingen, zurückflogen, und dann schien er plötzlich um einen viertel Kopf größer.

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